Denk-Aufgabe 705 vom 22.6.2007

 

Frau und Macht

Vorbemerkung

Das Missverständnis ist in der Kommunikation die Regel und basiert darauf, dass die Beteiligten nie genau dasselbe unter einem verwendeten Begriff verstehen, dass Sprache zutiefst polysem, mehrdeutig ist und dass die para- und nonverbalen Kommunikationsformen stark kulturgeprägt sind bis zu regionalen, lokalen, ja gar familiären Unterschieden in der Bedeutung. In der Alltagskommunikation reicht das oberflächliche Sich-Verstehen jedoch meist aus, um die Botschaft eines Senders einigermassen 'richtig' zu decodieren. Dabei hilft die Einstellung, die man als 'positive Verstehensvermutung' bezeichnet: Der Rezipient geht in jeder Kommunikationssituation zuerst einmal davon aus, dass der Sender irgendetwas Sinnvolles übermitteln will. Wenn es dem Sender ein Anliegen ist oder es die Situation erfordert, dass mehr als nur oberflächliches Verständnis stattfindet, hilft eine genauere Definition der wichtigsten verwendeten Begriff. Ja nach dem Kontext des kommunikativen Geschehens kann sich der Definitionsaufwand auf eine einmalige Klarstellung für einen einzigen Begriff beschränken oder bis zu einem ganzen Modell von Begriffen und Begriffs-Hierarchien, ja zu einer ganzen Fachsprache führen. Jeder Beruf verfügt über ein mehr oder minder ausgebautes und auch schriftlich festgehaltenes Begriffs-Instrumentarium, das nicht absolute Gültigkeit beansprucht, sondern primär die funktionale Aufgabe hat, die Missverständnisquote innerhalb einer bestimmten Gruppe von Kommunikationsteilnehmern über ein abgrenzbares Feld von Themen zu reduzieren. Beispiel für solche meist differenziert ausgestaltete sprachliche Modelle sind die juristischen Fachsprachen mit einer Unzahl definierter Begriffe, die klar nur innerhalb einer bestimmten Rechtsordnung gelten - dort aber mit einer starken Stringenz, um möglichst grosse Rechtssicherheit zu erzeugen.

Im philosophischen Diskurs ist es meines Erachtens ähnlich wichtig wie in der Jurisprudenz, zumindest die wichtigsten verwendeten Begriffe eines vorgestellten Modells so einzugrenzen, dass die gröbsten Missverständnisse vermieden werden können. Dies möchte ich im Folgenden mit den Titelbegriffen 'Frau' und 'Macht' tun.

Zum Begriff 'Frau' im folgenden Text

Wenn ich in dieser Denk-Aufgabe von 'Frau' spreche, meine ich ein Abstraktum, das weibliche Prinzip, das, was C.G.Jung mit 'Anima' bezeichnet. Gemeint ist also nicht das konkrete korporale Wesen, das sich zumindest äusserlich klar unterscheiden lässt vom 'Mann', auch nicht die 'Frau' im Unterschied zum 'Mädchen' oder zum 'Kind'. Es geht um eine für das Nachdenken über das Machtthema vielleicht hilfreiche, aber fiktionale, konstruierte Unterteilung des Erkenntnis-Objekts 'Mensch' in einen 'weiblichen' und einen 'männlichen' Teil, in 'Anima' und 'Animus'. Ich bin mir bewusst, dass Dichotomien, Zweiteilungen immer nur Einstiegshilfen sind, Konzepte, Deutungshilfen, die wir unseren Wahrnehmungen überstülpen. Sobald wir irgendwo genauer hinsehen, entdecken wir hinter der simplen Zweiheit unendliche Vielheit. Und wenn wir nicht nur mit den rational-analytischen, sondern auch mit den suprarational-vereinigenden Erkenntnisinstrumenten die Wahrnehmungen zu erfassen versuchen, entdecken wir die Vernetzung der Vielheit, die Zusammengehörigkeit des rational Aufgespaltenen. Wenn wir synchron alle Wahrnehmungskanäle öffnen, ahnen wir sogar die Einheit hinter der Vielheit. Das Erlebnis ist vergleichbar mit dem optischen Trick, wenn wir ein Tele-Objektiv bewusst auf unscharf stellen, sodass die vorher klar differenzierbaren Bildausschnitte verschwimmen und irgendwann zu einem Einheitspixelbrei werden. Wir können diesen Effekt auch simulieren, indem wir auf ein viele farb- und formähnliche Objekte umfassendes Bild schauen - z.B. eine Wiese, ein Ährenfeld, einen Wald - und die Augen so zukneifen, dass die Kontraste minimiert oder gar aufgelöst werden. Dieser 'Einheitsbrei' wird dann eher als positiv empfunden, wenn ein einzelnes bzw. ein Teil der Objekte als störend auffiel, solange die Sicht 'scharf' war. Gefiel uns aber eines oder einige der unterschiedenen Objekte ausnehmend gut, so empfinden wir das Verschwimmen als eher unangenehm. Damit will ich nur zeigen, dass es nicht nötig ist, mit einer vorgefassten Meinung, mit einem Vorurteil an die - ebenfalls konstruierte - Dichotomie 'Vielheit' / 'Einheit' heranzugehen, die sich letztlich auch auf meist stark wertungsbelastete Gegensätze wie 'Leben' / 'Totsein' übertragen lässt.

Es geht also im Folgenden um den Versuch, das weibliche Prinzip, die Anima in Bezug zum Begriff der 'Macht' zu setzen.

Zum Begriff der 'Macht' im folgenden Text:

Im Unterschied zu den meisten Benutzern des Wortes 'Macht' in der Alltagssprache, aber auch auf weiten Strecken im wissenschaftlichen Diskurs, möchte ich den Begriff völlig wertfrei halten und der 'Macht' nicht immer gleich ihren Missbrauch unterschieben. 'Macht' ist im folgenden Text schlicht das Nomen zum Verb 'machen'. Jeder Handelnde übt also mit jeder Handlung Macht aus. Damit wird aber auch die Korrelation zum Begriff 'Freiheit' verständlich, die schon der französische Denker Michel Foucault in seinem (späten) Text 'Subjekt und Macht' vornimmt. Macht erfordert laut Foucault eine gewisse Widerspenstigkeit des Machtobjekts. Es muss sich in irgend einer Weise zur Wehr setzen können gegen die Entität, die Macht ausüben will. Und dieses Sich-zur-Wehr-Setzen bedingt ein Mindestmass an Freiheit. Im Unterschied zu Foucault billige ich aber mit meinem weiten Machtbegriff (jede Entität, die etwas 'macht' übt 'Macht' aus) und dem ebenso weiten Entitäts-Begriff (alles Eingrenzbare, Wahrnehmbare hat auch Entitäts-Qualität, also auch Fiktionen, Gedanken, Konstrukte, menschengemachte Dinge, [vermeintlich] unbelebte Natur etc.) allem und jedem auch Freiheit zu. Ich knüpfe Freiheit nicht an ein von uns als solches erkanntes so genanntes 'Bewusstsein'. So gesehen entstehen ständig Kreuzveknüpfungen zwischen Entitäten, die je gegenseitig Macht ausüben und gleichzeitig aber auch über die Freiheit verfügen, sich zur Wehr zu setzen. Jede Entität ist also im hier vorgestellten Modell sowohl Machtausüber wie Freiheitseigner. Man muss sich allerdings zuerst etwas von den antropomorphen Ausdrücken und Vorstellungen lösen, um diesen Macht- und Freiheitsbegriff zu internalisieren. Am leichtesten gelingt dies vielleicht mit ein paar extremen Beispielen:

1) Stellen Sie sich ein munteres Bächlein vor, das durch ein steiniges Bachbett talabwärts sprudelt. Wasser, das durch seine Bewegung den Stein über Jahrhunderte aushöhlt, übt Macht aus gegenüber dem Stein, verfügt aber gleichzeitig über die Freiheit, sich gegen die Lenkung durch den Stein und die Gravitation zur Wehr zu setzen. Umgekehrt übt der Stein als Lenker des Wasserlaufs Macht aus, verfügt aber durch seine Konsistenz auch über Macht, sich gegen das Ausgehöhlt- und Umspültwerden zur Wehr zu setzen. Auch für den Stein kann als Tertium im Spiel die Gravitation ein Machtfaktor werden: zusammen mit der Unterspülung oder Aushöhlung durch das Wasser kann sich die Stabilität der Lage des Steins so verändern, dass er in Bewegung gerät. Als nächste Mitspieler - Machtausüber und Freiheitseigner - könnten wir die Sonne nehmen, die das Bächlein austrocknet, Moose, die den Stein überwuchern, glitschig machen, aber auch Ritzen verdichten - und so weiter bis sich in unserer Vorstellung ein unendlich komplexes Netz von Verknüpfungen und Vernetztheit ergibt, in dem alle Protagonisten sowohl Machtausüber wie Freiheitseigner sind.

2) Imaginieren Sie einen Traum oder eine fiktive Geschichte. Darin könnten Wesen vorkommen, die es in Ihrer Realität nicht gibt. Sowohl Sie selbst wie solche fiktiven Wesen könnten in dieser Phantasiewelt über Eigenschaften verfügen, die es in Ihrer Wirklichkeit ebenfalls nicht gibt. Nun lassen Sie sowohl die Wesen wie die Eigenschaften, aber auch Ideen, Gedanken, Phantasmen interagieren miteinander und versuchen dann, das Macht- und Freiheitsgefüge zwischen allem, was vorkommt, zu beschreiben. Sie kommen auf ein vergleichbares Netz, eine ähnliche Interdependenz und Interaktion wie vorhin bei dem Beispiel aus der Natur. Der Entitätscharakter ist also in meinem Modell völlig unabhängig vom Mass der Realität oder Fiktionalität des Geschehens.

3) Aufgrund von 1 und 2 sind nun auch alle Mischformen denkbar. So kann etwas in Ihrer Beurteilung rein Fiktionales in intensivster gegenseitiger Macht-Freiheit-Relation mit Wesen oder Dinge stehen, die Ihres Erachtens höchst real sind. Die geträumte oder sonst imaginierte Vision Ihres Hauses kann interagieren mit ganz fassbaren Dingen wie Grundstück-Daten, Aushubmaschinen, Werkstoffen, am Bau beteiligten Personen etc. Überall sind gegenseitige Macht-Freiheits-Verknüpfungen denkbar: Der Boden, auf den Sie Ihr Haus stellen wollen, erweist sich vielleicht als widerspenstig, nimmt sich die Freiheit heraus, sich der Macht Ihrer Vision zu entziehen, ein Haus auf filigranen Säulen zu bauen. Umgekehrt nehmen Sie sich die Freiheit und üben Macht aus gegenüber diesem widerspenstigen Boden und verstärken ihn so aufwändig, dass Sie Ihr Traumhaus doch noch - vielleicht etwas bescheidener - bauen können, wären da nicht die Baubehörden, die ihre Macht möglicherweise dazu benutzen, die imaginierte Freiheit zukünftiger Retros zu schützen, die nicht mitten in einer Region mit 60-er-Jahr Betonbunkern plötzlich sowas Fremdes wie einen griechisch anmutenden Säulenbau sehen wollen - und so weiter ad libitum.

 

Die Relationen zwischen Macht und Freiheit

Aufgrund der theoretischen Überlegungen und der praktischen Beispiele können wir einige Aussagen zum Verhältnis von Macht und Freiheit machen:

a) Macht und Freiheit stehen in direkter Proportionalität zueinander. Ein Anwachsen des einen Elements führt automatisch zu einem Anwachsen des andern Elements. Diese Relation gilt aber immer nur im betreffenden Bereich. Sobald wir ein anderes Kriterium wählen, kann sich die Proportionalität sogar umkehren. Am banalen Beispiel finanzieller Macht leuchtet es ein, dass die Freiheit, sich geldwerte Güter anzueignen, proportional mit der Finanzmacht wächst. Aber die Sorge um den Erhalt der Macht kann zu einer indirekt proportional anwachsenden emotionalen Unfreiheit führen.

b) Macht und Freiheit bedingen sich gegenseitig: ohne Macht keine Freiheit, ohne Freiheit keine Macht. Macht und Freiheit können als Gegensätze aufgefasst werden, als sprachliche Konstrukte, die zwei Seiten derselben Medaille zeigen. Es handelt sich um relationale Begriffe, die also erst sinnvolle Funktionen übernehmen können, wenn Relationen, Bezüge zwischen unterscheidbaren Wahrnehmungen getroffen werden können. Sie entspringen somit beide direkt der Spaltung einer vorzustellenden Einheit in minimal zwei Entitäten (aus der Sicht einer einzelnen Entität die so genannte Subjekt-Objekt-Spaltung). In der Einheit ist weder Macht noch Freiheit nötig bzw. denkbar, da mangels Unterscheidbarem keine Relationen vorhanden sind.

c) Der Machende, der Agierende nennt das Freiheit, was der von der Aktion des seine Freiheit-Ausübenden sich eingeschränkt Wähnende als Macht empfindet. Dieselbe actio ist für den Agierenden, Wirkung Entfaltenden Freiheit, für den von der actio Betroffenen, die Wirkung Erduldenden Macht. Dies führt - zumindest im Bereich menschlicher Wertungssysteme, zur regelmässig positiven Wertung des Begriffs Freiheit und der ebenso regelmässig negativen Bewertung des Begriffs Macht. Wenn wir den Blick weiten und alle Entitäten als potenziell Agierende und von Aktionen Betroffene ins Modell integrieren, können wir versuchsweise die Wertung weglassen. Dann unterscheiden sich Freiheit und Macht nur noch durch den Standpunkt, von dem aus ein 'Machen' (im weitesten Sinne) wahrgenommen wird: Freiheit ist das Wort für die Sicht des Machenden, Macht das Wort, das die Sicht des vom Machen eines anderen Betroffenen adäquat wiedergibt.

d) Das Verfügen über Macht ist conditio sine qua non um Freiheit zu empfinden und umgekehrt ist das Verfügen über Freiheit conditio sine qua non um an Macht zu gelangen.

e) Freiheit ist das Versprechen von Macht, die Potenzialität von Macht. Freiheit ist somit ein primär geistiger, abstrakter Faktor, etwas Vorgestelltes, Ideelles, wogegen die aus der Freiheit resultierende Macht etwas Konkreteres, näher bei der Realisierung, der materiellen Sichtbarwerdung Liegendes ist. Auch Macht kann in der Potenzialität bleiben, aber es ist eine Potenzialität, die nur noch an einem Faden über der Umsetzung schwebt. Das über dem Gefesselten baumelnde Damoklesschwert ist Ausdruck der Macht, wogegen die grundsätzliche Freiheit, eine solche Situation zu denken, eben erst mit 'Freiheit' und nicht mit 'Macht' adäquat beschrieben wird.

 

Die Relationen zwischen Anima und Animus

Dem Anima-Prinzip entspricht die Macht der Hingabe, der Öffnung und des Verströmens, dem Animus-Prinzip die Macht der Attacke, der Grenzziehung und des Beherrschens. Alle diese Machtformen sind grundsätzlich wertfrei und – in Balance – notwendige Voraussetzungen für eine archetypische Entwicklung von der Einheit in die Abtrennung und zurück in die Einheit. In Dysbalance, in einseitiger Ausprägung kann jede Machtform kontraproduktiv, entwicklungshemmend wirken.

 

Damit glaube ich das titelgebende Thema 'Frau und Macht' so vorbereitet zu haben, dass meine Thesen wenn nicht einleuchtend, so doch zumindest verständlich sein sollten:

1. Das Spiel um Macht und Freiheit gewinnt zuerst, vordergründig, oberflächlich und kurzfristig das männliche Prinzip, der Animus. Das Ping-Pong um Freiheitsgewinn und Machtausübung ist ein archetypisch männliches, dem Animus entsprechendes Spiel.

2. Die 'Anima' als das Prinzip des Aufnehmenden, des die Wirkung Zulassenden, nicht Re-Agierenden lässt sich gar nicht wirklich ein auf dieses etwas binär-simple Macht-Freiheits-Spiel, eignet sich aber gerade deshalb als Projektionsfläche für den Animus, der alles unternimmt, um Re-Aktion zu erzwingen.

3. Erst in der zweiten (Existenz-)Phase, hintergründig, in der Tiefe und langfristig und in letzter Konsequenz auch endgültig dominiert das weibliche Prinzip, die 'Anima'. Aber auf diesem höheren, transzendierten Niveau geht es nicht mehr um die Freiheit ZUR Machtausübung, sondern vielmehr um das Freiwerden VON dem Bedürfnis nach Machtausübung, was erst die Entwicklung über Wettbewerbs- und Trennungsdenken hinaus zur coniunctio oppositorum, zur bedingungslosen Agape-Liebe ermöglicht.

 

Über Rückmeldungen von Frauen und Mächtigen, von Animus-Lastigen oder Anima-Starken zum vorgestellten Modell, aber wie immer auch von Entitäten, die über das rein analytische Denken hinaus gelangten und gelangen, freut sich info@marpa.ch.