Denk-Aufgabe 706 vom 21.8.2007

 

Dilemmakompetenz

Über Dilemmakompetenz verfügt, wer damit umgehen kann, dass man dauernd auch etwas anderes denken, sagen, fühlen, tun könnte als das, was man gerade denkt, sagt, fühlt, tut - und dass man ständig wählen muss zwischen unzähligen Möglichkeiten. Dilemmakompetenz meint, die berühmte 'Qual der Wahl' als Chance zu sehen und die Entscheidungen vor dem Hintergrund der Erkenntnis zu fällen, dass es in keinem Fall eine absolut richtige Entscheidung gibt, sondern nur relative Annäherungen innerhalb von Modellen und Kontexten. Die Erkenntnis des Dilemmas als archetypische Struktur der Schöpfung ist Voraussetzung für die Erarbeitung der Fähigkeit, im dauernden Entscheidungsprozess kompetent mit diesen Dilemmata umzugehen. Wer im Glauben herumwurstelt, es gebe absolut richtige Entscheidungen, bringt also nicht einmal die Voraussetzung mit für Dilemmakompetenz. Wer dazu noch glaubt, er kenne diese absolut richtigen Entscheidungen, bringt das perfekte Profil mit für eine Karriere als Fundamentalist, Fanatiker, Ideologe, Pharisäer, Beamter, Präsident der USA oder - heute besonders 'in' - als Terrorist. All diese liebenswerten Zeitgenossen sind deshalb besonders wichtig für unsere Überlegungen, weil sie die maximale Entfernung von Dilemmakompetenz markieren.

Die nächste Falle sind die pathetischen Helden des Entweder-Oder, die zwar Dilemmas erkennen, aber die Welt der Einfachheit halber in kontradiktorische Gegensätze einteilen, in Pärchen, die sich ausschliessen und die - so postulieren sie - keine weitere Möglichkeit, kein 'Drittes' zulassen. Sie kennen diese simplen Erdenbürger aus Sprüchen wie 'Wer nicht für mich ist, ist gegen mich', die von der geistigen Einfachheit dessen, der sie macht, beredtes Zeugnis ablegen und deshalb vor allem zum rhetorischen Arsenal von Politikern gehören. Die Reduktion auf bloss zwei Entscheidungsoptionen, das 'Entweder-Oder', ist vergleichbar mit den kleinen Stützrädern für Zweijährige, die Radfahren lernen und die Balance noch nicht haben. Wer in der Entweder-Oder-Welt hängen bleibt, ist unreif, nicht erwachsen, ein Kindskopf.

Genug der Kritik, jetzt kommt das für jedermann anwendbare Rezept, wie man sich Dilemmakompetenz zubereitet. (Bestsellerautor und Glücksbuchvorwortschreiber Rüdiger Dahlke ermahnte mich: "Die Menschen wollen nicht hochdifferenzierte Untersuchungen, sondern REZEPTE!") - Seis drum, hier die Backanleitung: Man kann die Dilemmakompetenz zwar nicht essen, obwohl sie leicht nach Schlemmerfilet und Appetenz (die Schwester von Appetit?) klingt, aber sie erleichtert die Wahl des Menus ausserordentlich - und verhilft sogar zur Fähigkeit, auch mal ohne Futter auszukommen:

1) Der erste Schritt zur Dilemmakompetenz ist, einzusehen, dass man sich um die Entscheiderei nicht drücken kann. Denn auch wer sich unter die Bettdecke verkriecht und nichts tut, hat sich entschieden: für's Nichtstun. Er hat damit selektioniert aus den unendlich vielen Dingen, die er hätte tun können.

2) Der zweite Schritt ist, hinter diesem Entscheidungszwang die Freiheit zu entdecken, die gewaltige Gestaltungsmöglichkeit - und mit dieser Freiheit zu spielen, den abenteuerlichen Spass zu geniessen, dass man tatsächlich seines eigenen Glückes Schmied ist.

3) Der dritte Schritt zur Dilemmakompetenz ist, auch mit den auf eigenen Entscheidungen beruhenden Niederlagen und Rückschlägen umgehen zu lernen und - anstatt zu hadern mit sich und dem Schicksal - die Verantwortung für alles zu übernehmen, was einem bislang widerfuhr und aufgrund der Erfahrung neue Entscheidungen zu treffen.

4) Der vierte Schritt ist, die Dilemmata lieben zu lernen, sie zu suchen, anstatt zu versuchen ihnen zu entfliehen, indem man sich in möglichst viele Modelle begibt, die einem das Entscheiden abnehmen oder es zumindest reduzieren, wie z.B. als Beamter, Angestellter in überregelten Unternehmen, in sozialen Strukturen wie stark regulierten Familien, Vereinen etc. Dilemmata lieben heisst entscheidungsfreudig werden, da gehören Abenteuer, Risikofreude, 'Kick', aber auch Sturz, Niederlage, Enttäuschung dazu. Wenn Dilemmata zur Grundstruktur des Lebens gehören, so heisst Dilemmata lieben so viel wie das Leben lieben.

5) Der fünfte Schritt ist, zu erkennen, dass wir vieles zwar nicht gleichzeitig, aber doch zeitlich und räumlich hintereinander denken, sagen, fühlen, tun können - und dass es gar nicht nötig ist, alles selbst zu denken, zu sagen, zu fühlen, zu tun. Dazu müssen wir uns aber von einer übersteigerten Identifikation mit dem Ich lösen, müssen schmunzeln lernen über uns selbst, über unser wildes Herumjagen, Herumhirnen und Herumkläffen. Gelingt dies, werden die Ich-Grenzen etwas durchlässiger. So ist doch die erfolgreiche Jagd, der überragende Ritt, die Musik von Mozart genau so toll, wie wenn wir sie 'selbst' erlebt hätten - denn wir haben doch das alles 'erlebt', sonst könnten wir es gar nicht wahrnehmen. Wer sagt uns denn, dass es das, was wir sehen, überhaupt gibt? All das, worum wir andere vielleicht beneiden, weil wir glauben, sie hätten es geschaffen oder unmittelbar erlebt? Hören Sie mal Ihren Lieblingskomponisten und fragen Sie den Taubstummen, ob er dasselbe erlebt wie Sie. Natürlich nicht. Für ihn gibt es die Musik gar nicht. Und so, wie Sie Ihre Lieblingsmusik erleben, gibt es sie nur für Sie. Also wirken wir doch mit als Wahrnehmende an der Ausgestaltung dessen, was wir wahrnehmen. Wahrnehmung ist immer Interpretation, und Interpretation ist immer eine subjektive Angelegenheit.

6) Der sechste und letzte Schritt zur Dilemmakompetenz ist nun, zu erkennen, dass es auch die Dilemmata nur in unserem Wahrnehmungssystem gibt - und nicht etwa absolut. Das heisst wir können uns entscheiden, ab und zu aus der Dilemma-Welt auszusteigen, wenn wir gerade mal nicht furchtbar wichtige Verantwortung tragen für die Folgen von Entscheidungen, die wir getroffen haben. Wir können sozusagen Ferien machen, Ferien vom Ich, Ferien von der alltäglichen Entscheiderei, Ferien von der manchmal doch etwas langweiligen Kausalität, Ferien von der oft etwas öden Zeitachse - und wenn wir schon 100 Jahre Einstein feiern und wissen, dass Zeit und Raum relative Grössen sind, auch gleich Ferien von den Fesseln des Raums. Das kann dann so Momente geben, wo es nichts mehr zu entscheiden gibt, wo wir einfach sind. Klar faseln die Neurophysiologen dann gleich was von Glückshormon-Ausschüttungen und so - na ja, der Körper zeigt immer eine Entsprechung zum geistig-seelischen Geschehen - aber wichtig ist das Erlebnis, das es durchaus auch mitten im Wald im Galopp geben kann: man vergisst, wer man ist, wo man ist, vergisst die Zeit, ist einfach da, so ziemlich einverstanden mit allem. Wer diese Zustände jenseits der Dilemma-Welt kennt, kann locker lächelnd wieder in sie zurückkehren und sich munter mit den selbst geschaffenen Dilemmata auseinandersetzen. Wer die Relativität und die Wählbarkeit auch dieser beiden Zustände - der Dilemma-Welt und der 'Ferien-vom-Ich'-Welt - durchschaut, bejaht, spielerisch damit umgehen kann, der ist erwachsen, autonom - oder eben: dilemmakompetent. Auf diesem Hintergrund wird die Behauptung verständlich, es gebe relativ wenig erwachsene Menschen.

Protestgeheul, Begeisterungsausbrüche und was der kompetenten Reaktionen mehr sind, erreichen mich unter info@marpa.ch oder Tel. 079 430 57 67 oder per Post oder Live oder Sie behalten alles für sich und nähren Ihr Magengeschwür oder Sie setzen alles gleich um oder das Thema kratzt Sie gar nicht oder? Entscheiden Sie dilemmakompetent - oder auch nicht. Hauptsache Sie tragen die Verantwortung für Ihre Entscheide oder Nicht-Entscheide, die ja immer auch welche sind...