Denk-Aufgabe 708 vom 2.10.2007

 

"Freund oder Feind?"

Diese alte und so hübsch naive Frage, die am ehesten irgendwo zwischen Kinderspiel, Pfadilager und Rekrutenschule herumwabert und klären soll, wer da in finsterer Nacht Zugang zu einem Spielbereich, zum Zeltlager, zur biwakierenden Einheit begehre, kommt zu neuen Ehren. Nicht in der Praxis, denn dort versagt sie regelmässig kläglich – denn welcher Feind wird so schnuckelig sein und sich selbst als solchen bezeichnen und damit zum Abschuss freigeben? – aber in der Theorie. Genauer gesagt: in meiner Theorie, die ich hier gleich der Welt kundtun werde – naja: vorerst mal meiner Welt. Und mit diesen Einschränkungen ist natürlich das ganze Pathos mit dem herrlich absolut-objektiv-wissenschaftlich-fundamentalistischen Wahrheitsanspruch bereits wieder flöten gegangen. Denn nur das Produkt, das (zumindest) angepriesen wird als das 'EINZIG WAHRE FÜR ALLE', hat in der heutigen, so viel bejammerten kommunikativen Überreizung auch nur die Chance, wenigstens von einigen der Durchschnitts-5-Sekunden-Zapper oder von der im Vergleich geradezu als intellektuelle Elite zu bezeichnenden Schar der '20-Minuten-Leser' wahrgenommen zu werden. Wer im wahrsten Sinne des Wortes durchschlagenden Erfolg anstrebt mit seiner Botschaft an die Welt oder – noch besser – ein kernig fokussiertes Zielpublikum, der verknüpft seine 'message' mit einer Bombendrohung. Das pflegt dem absoluten Wahrheitsanspruch oft Flügel zu verleihen. Noch netter als ein simples Bömbelchen ist der modisch-einfühlsame Hinweis: "Wenn es irgendwer hier unten nicht glauben sollte, fliegen wir euer nächstgrösstes prall gefülltes Flugi – zum Glück macht ihr immer grössere – in euer höchstes Türmchen (ausser es sei ein Minarettlein, da würden wir ein Böglein fliegen, wir können das nämlich)!" – Tja, wer so kommuniziert, wird sogar vom Verfassungsschutz, von der hohen Politik wahrgenommen, steht in allen Zeitungen und manch einer fragt sich im guten utilitaristischen Sinne, ob es nicht ratsam sei, so zu tun, als glaubte man den Chabis, den die da erzählen – und dafür nicht Airbus-Inhaltsreste im Gemüsegarten zusammenlesen zu müssen. Gut die Schnecken hülfen da ja schon mit bei den Leichenteilen, aber all das Blech und dann die vielen Ordnungshüter, die den Garten nach dieser ominösen 'schwarzen Schachtel' umpflügen, dieser Negerbox oder wie das heisst. – Nein, dann doch lieber gute Miene statt Mine, viel Schlimmeres erzählen die ja auch nicht als weiland der gute alte Adolf und den haben wir ja auch überlebt, zumindest die, die sich anpassten und durchlavierten. Mit etwas Geschick konnte man da im Nachhinein als ehemaliger Flak-Bubi ja sogar noch Papst werden. Ist doch was. Der hat einen Dienstwagen, davon träumen die Top-Manager nur, der würde noch manch anderen Papa mobil machen – und er wird jeden Morgen von Lakaien angezogen – mit höchst origineller Dienstkleidung, Farbe zum Sonntag passend. Und dann ist der nicht nur Oberhirte eines Millionenvolkes, sondern auch noch Staatschef und Bankpräsident in Personalunion und wissen Sie, was mir am besten gefällt? Wenn der so auf sein Katheder steigt, sich in Positur schmeisst, die richtigen Klamotten trägt und der richtige Rauch aufsteigt – und dann was sagt, dann ist das eben ex cathedra und das meint ganz bescheiden: die absolute und unanfechtbare, nicht bezweifel- oder hinterfragbare Wahrheit. – Auf die Idee muss man erst mal kommen. Gut die Idee hatten andere auch schon von Cäsar über De Gaulle bis Berlusconi. Aber die Idee dann auch durchsetzen so ein paar Jahrhundertchen, das ist was! Und der Papamobilist mobilisiert damit seine Schäfchen, gibt ihnen – im doppelten Sinne – Halt; die glauben ihm das – naja, auch nicht alle, aber dann beginnt das Spiel wieder von vorne mit der Anpassung: "Entweder ihr glaubt das, oder ihr werdet exkommuniziert, mit dem Bann belegt, kommt nicht in den Himmel, schmort ein tausendjähriges Reich lang im Fegefeuer – und, falls das irgendeins der schwarzen Schafe nicht beeindrucken sollte, wird nicht lange gefuckelt, entschuldigung, gefackelt, sondern nachgestossen mit den liebenswürdigen Drohungen, die im Netz meist am Schluss besinnlicher Kettenbriefe folgen: "Ihr habt statt schöne homoerotische Zirkel hundert Jahre schlechten oder gar keinen Sex mehr, auch nicht mit Ministranten, jawoll." – Naja und dann fährt man doch wieder bedeutend besser, wenn man das Ex-Cathedra-Gesabber akzeptiert, still nickt und sich denkt "Wenn du meinst, dann wird's wohl so sein." So wichtig ist es ja für den Alltag dann meist doch wieder nicht, ob nun der saure Clevner im Messbecher wirklich Blut und die salzlosen Chips-Oblaten wahrhaftig Leib Christi seien – wenn ja, wären wir ja Menschenfresser? Er war doch Mensch, zumindest vorübergehend (wir sind's ja in der Regel auch nur vorübergehend, oder nicht?) und es ist doch schon eine bemerkenswerte Logik, wenn wir den einzigen Gottessohn in Menschengestalt (zumindest wenn wir die griechische Mythologie mal grosszügig beiseite lassen) aufessen und austrinken dürfen (einfach sehr fein geschnitten bzw. verdünnt), und dasselbe bei den gewöhnlicheren Menschen in Menschengestalt als höchst unfein gilt – oder ob das beim Abendmahl (das kurioserweise meist am Morgen gereicht wird) Dargebotene doch eher und appetitlicherweise nur Surrogat, Symbol – oder letzten Endes sogar nur Clevner und Chips sei. Wahrscheinlich ist es wie mit jeder (nicht nur) kultischen Handlung: sie hat für jeden genau die Bedeutung, die der Betreffende ihr zuschreibt. – Und damit hätten wir mit Glück nochmals den Ausweg aus der ganz leicht polemischen Schlaufe gefunden. Man verstehe mich nicht miss (Miss?): Ich respektiere die politische, ökonomische und generell machtstrategische Leistung der una ecclesia zutiefst, ziehe den Hut vor soviel manipulativem Können über Jahrhunderte – sogar über die so genannte 'Aufklärung' – hinweg. Und es wäre geradezu dümmlich, wenn ich die Kirche zum 'Feind' erklären würde, wo ich doch gerade zu meiner Hauptthese vorstossen will, die da lautet:


Wir sind für die Etikettierung von Wahrnehmungen mit der Aufschrift 'Freund' bzw. 'Feind' selbst verantwortlich.


Klingt auf den ersten 'Hör' bzw. 'Les' gar nicht so absurd, oder? Etwas moralinsauer-meimeifingrig-liberalpädagogisch vielleicht, aber nicht wirklich schlimm? – Schauen wir etwas genauer hin: Wer diese These bejaht, müsste doch eigentlich auch bejahen, dass es keine 'absoluten' Feinde oder Freunde gibt, also Wahrnehmungen, über die ein Konsens herrscht (oder zu erzwingen wäre?), dass sie für alle immer und überall 'feindlich' oder eben 'freundlich' seien? – Auch das lässt sich doch relativ leicht plausibilisieren mit ein paar netten Beispielen. Nehmen wir doch das meist stark einseitig bewertete (seit immer schon verheiratete und ewig treue) Begriffspärchen 'Tod und Leben'. Für viele – auch für so abstrakte Wesen wie 'Rechtsordnungen' – das summum bonum, das höchste Gut; zumindest das eigene Leben bzw. das der Menschen – naja sagen wir mal der Menschen gleicher Hautfarbe oder noch besser: gleicher Nation; Sie wissen schon: "Togo den Togolesen!" (oder 'Togoanern', 'Togos', 'Toggis'?) – und mit ebenso viel Pathos: "Kleingurmels den Kleingurmlern!" (oder 'Kleingurmelitern', 'Kleingurmelianern', 'Kleingurmands'?). Und (nicht nur) in der TV-Klinik wird weltweit für dieses höchste Gut gekämpft. Gleich daneben gibt es zurzeit wie Pilze aus dem Boden schiessende Institutionen wie 'Ausgang' und 'Würde' und 'Lebensmüde – wir helfen' (nicht dem Leben, sondern der Müdigkeit) – die tun das Gegenteil: Sie helfen denen, die von der Spitzenmedizin zum fast ewigen Leben verdammt sind, endlich den Bergpass Richtung Acheron zu finden, sie stellen den Pass aus zum Abstellen aller 'bypasses'. Hier ist der erlösende Tod das angestrebte bonum. Und sobald wir die Rasse der haarlosen Affen verlassen, wird es noch verflixter: In den Versuchslabors werden Millionen von Tieren zu Tode gequält, damit neue Produkte evaluiert werden können, die helfen, dass ein paar demente Tattergreise noch ein Heim-Jährchen dazu vegetieren dürfen, um dann – haben sie es nicht in vordementer Zeit verpasst – gnädig mit dem Exit-Pass nebenan den Schierlingsbecher zu erhalten – auch der wahrscheinlich ein Resultat Tausender von Tierleichen. – Und schon haben wir den Salat. Ist jetzt das Leben oder der Tod ein Freund – oder ein Feind – oder ist beides beides?

Meine Frühprägung als Juristlein drängt ans Licht und bietet die klassischste Ausrede aller Rechtsgelahrten an, die nie falsch ist, und mit der man immer Zeit gewinnt: "Es kommt darauf an." Es kommt auf den einzelnen Fall an, die einzelne Situation, in der sich der Wahrnehmende befindet. – Na, was sag ich denn anderes? Eben: Es ist jeder selbst dafür verantwortlich, ob und wann und wie klar er sein oder das Leben anderer, seinen Tod oder den Tod anderer, als 'Freund' oder als 'Feind' bewertet. Und – Achtung jetzt kommt eine Analogie, und die fürchten die Logiker wie der Teufel das Weihwasser – was für Tod und Leben gilt, sollte nicht für alle anderen potenziellen 'Freunde' oder 'Feinde' gelten?

Nehmen wir doch ein weiteres Beispiel – gerne würde ich Sie wählen lassen, aber – Hélas – bei dieser Kommunikationsform ist das so eine Sache. Nehmen wir doch ein richtig deftiges Begriffspaar, bei dem schon lauthalsiges Protestgeheul aufkommen könnte, weil es für die meisten gar kein Paar ist, weil man es zumindest nicht gewohnt ist, die Begriffe nebeneinander gestellt vorgesetzt zu kriegen, geschweige denn, dass sie als 'polare Gegensätze' verkauft werden: 'Dekadenz und Fundamentalismus'. Ich finde, beide eignen sich herrlich für die Untersuchung meiner These, ob denn wirklich jeder Wahrnehmende selbst verantwortlich sei für das Feind-Etikett auf einer Wahrnehmung. Denn den Freund können wir uns wohl sparen in diesem Falle, oder nicht? Fundamentalismus ist ja wohl das Elendeste, was vor allem unsere Zeit zu bieten hat – und Dekadenz, naja, die ist wohl unausweichlich, aber es ist doch auch etwas zutiefst Verabscheuungswürdiges, zu Vermeidendes, oder etwa nicht? – Und wenn ich nun behaupte, die beiden in der Alltagssprache meist negativ konnotierten Begriffe stünden nur für die entferntesten Endpunkte einer Skala, auf der sich jede bewusste Entität zwingend hin und her bewege, immer auf der mehr oder weniger erfolgreichen Suche nach einem subjektiv gerade als stimmig empfundenen Gleichgewicht? Dass es sich bei Dekadenz wie bei Fundamentalismus also um archetypische Neigungen, gegenläufige Tendenzen handle, die jedes bewusste Wesen in sich trage und zwischen denen es mit rationalen und suprarationalen Hilfsmitteln durchlaviere? – Dagegen wehrt sich nun fast alles in einem stärker fundamentalistisch geprägten Wesen – und fast nichts in einer eher dekadenten Entität. Denn zur dekadenten Neigung passt die Offenheit für einen neuen Gedanken, mag er noch so schräg sein. Auch eine gewisse Gleichgültigkeit gehört dazu, die ja selbst sowohl die positiver konnotierende 'gleiche Gültigkeit', eine höhere Form der Toleranz, wie auch die negativere Gleichgültigkeit im Sinne der 'Wurstigkeit' mitschwingen lässt. Ja es ist geradezu ein Kriterium für die Intensität, das Mass der dekadenten Neigung, wenn jemand sofort bejaht, selbstverständlich auch etwas Fundamentalistisches an sich zu haben, denn Grenzverwischung, Grenzauflösung – auch und gerade des Ich-Profils eines Einzelnen oder eines Kollektivs – gehört genuin zur Dekadenzneigung.
Die Entität hingegen, bei der die fundamentalische Neigung in der Dominanz ist, wird die These weit von sich weisen, denn sie selbst – dessen ist sich die Entität ganz fundamental sicher, hat weder etwas Fundamentalistisches noch etwas Dekadentes an sich. Beides liegt für sie im Aussen, nicht im Innen – und damit hätten wir ein erstes Kriterium für das Mass der Dominanz der fundamentalistischen Neigung: die Schuldprojektion nach aussen. Alles, was eine zu Fundamentalismus neigende Entität negativ bewertet, ist im Aussen zu suchen – oder umgekehrt: nur was im Aussen ist, kann negativ sein. Hier leuchtet auch bereits ein in vielen Fällen positiv bewerteter, therapeutisch relevanter Punkt auf bei der fundamentalistischen Neigung: Die Kompetenz zur Abgrenzung, zu Distanz, Klarheit, Profil. Ich wage zu behaupten, dass die Empfehlung, sich besser und klarer abzugrenzen, zu den häufigst erteilten gehört in heutigen Psychotherapie-Praxen. Und genau das leistet die fundamentalistische Neigung: sie schafft Distanz, zieht klare, scharfe Grenzen, ordnet sich dem einen Wert, der einen Gruppe, dem einen Ziel klar zu, nimmt vom anderen Wert, der anderen Gruppe, dem anderen Ziel klar Abstand. Die fundamentalistische Tendenz promoviert am meisten das 'Nur', das Ausschliessliche, einzig Richtige, manchmal noch das Entweder-Oder, wobei auch dies meist ein verkapptes 'Nur' ist, denn bei der binären Aufspaltung in ein' Entweder-Oder' ist in der Regel der eine Pol extrem positiv bewertet (und damit der einzig richtige), der andere entsprechend negativ. Eine typische Fundi-Frage ist: "Es gibt nur zwei Wege, den Weg Jesu und den Weg des Teufels. Auf welchem bist Du?" – Aber wenn wir von der Mitte ausgehen, von der Balance zwischen Dekadenz- und Fundamentalismus-Neigung, so wird nachvollziehbar, dass der Orientierungslose, Haltlose, Hin- und Hergerissene, Unschlüssige, Entscheidungsschwache eine Prise Fundamentalismus braucht, nämlich eine Werteskala, an der er sich orientieren kann, die nicht beim kleinsten Einwand aufgegeben, umgestülpt wird. Wird das Gift in homöopathischen Dosen abgegeben, bringt es den dominant Dekadenten in Richtung Balance. Wie gross diese Dosis sein mag, damit sie zumindest zu momentanem sich besser Fühlen führt, mag immer wieder erstaunen. So sollen laut einer Umfrage 21% der ehemaligen Ostdeutschen die 'Mauer' zurückwünschen. Jeder fünfte Ossi möchte also das, was für Wessis der Inbegriff von fundamentalistischer Grenzziehung ist, wieder haben. 74% der Ossis fühlen sich immer noch benachteiligt gegenüber den Wessis - und diese skurrilen Zahlen habe ich nicht aus irgendeinem Revolverblatt, sondern aus der seriösen NZZ (vom 1.10.07; Seite2). Dass Mauern generell etwas Beliebtes sind, kann angesichts schweizerischer freundnachbarlicher Hauptbautätigkeit keinen Eidgenossen verwundern, aber dass auch die Berliner-Mauer soviele Fans hat, mag doch da und dort zu erstauntem augenreiben führen..

Umgekehrt ist dem dominant Fundamentalistischen, der sich selbst einbetoniert in seinem – meist von anderen übernommenen – unverrückbaren Wertsystem, seiner kantigen Skala von Axiomen, von Prinzipien, Richtlinien und Leitplanken, mit einer Dosis grenzauflösendem Dekadenz-Spray zu helfen, der ihm das Pathos, den Fanatismus, die ideologische Verbrämung, das Überengagement dämpft, ihn toleranter, konfliktfähiger, pluralistischer macht und ebenfalls Richtung Mitte, Richtung Balance schiebt. – Und nun? Sind Dekadenz und Fundamentalismus nun 'Feinde', 'Freunde' oder beide beides zugleich? Oder zwar beides, aber hintereinander bzw. je nach individueller Situation, kulturellem Kontext, Lebensphase? Könnte es also vielleicht sogar sein, dass die Balance zwischen dem Ausleben der Fundi-Neigung und dem Zulassen der Dekadenz-Neigung bei derselben Entität eine andere ist, je nachdem, in welcher Lebensphase sie sich befindet, was für Ziele sie gerade anstrebt? Kann man denn z.B. Spitzensport betreiben, eine Dagobert Duck – Karriere als 'Financier' machen und Ähnliches, ohne eine gehörige Portion fundamentalistischer Grundsätze, Prinzipien, ohne eine Werteskala, in der z.B. 'Disziplin', 'Erfolg' oder 'Geld' ganz weit oben rangieren? – Umgekehrt: kann man ein wirklich liebevoller Partner, Elternteil oder gar ein allseits geliebter Grossvater, eine Grossmutter sein, bei der die Enkel ihr Herz ausschütten, ohne eine gute Dosis prinzipienauflösender Dekadenz, ohne diese in sich ruhende und nicht immer gleich wertende, sondern meist schmunzelnde Beobachterhaltung, die auch mal Fünfe gerade sein lässt? So könnten doch die mit fundamentalistischer Überzeugung vertretenen Werte der Disziplin, der Hartnäckigkeit und der Dynamik, die mit zum Weltmeistertitel im Seifenkistenfliegen führten, 40 Jahre später an Bedeutung verloren haben und einer locker-beschaulichen Toleranz, einer Weichherzigkeit und einer gelassenen Weltbeobachterhaltung gewichen sein? Was anfänglich 'Feind' war, wurde mit den Jahrzehnten zum 'Freund'?

Falls das noch nicht reicht, spielen Sie selbst weiter. Nehmen Sie extreme Hochwertwörter wie z.B. 'Liebe' oder 'Erfolg', die auf den ersten Blick für alle nur 'Freunde' und nie 'Feinde' sein sollten. Und dann erinnern Sie sich an eigene Erlebnisse oder – etwas einfacher – an in nahem Umfeld Erlebtes. Z.B. an Typen, die völlig von der Rolle waren im Zustand der Verliebtheit, krank, eifersüchtig, kindisch, eitel, selbstzerstörerisch, nahe der Verblödung – und wie sie wieder brauchbar, wieder angenehm, ja geradezu erholt, genesen waren, als der ganze Spuk vorbei war. Oder nehmen Sie Leute, meist Männer, die sich für erfolgreich und nur erfolgreich halten – verbringen Sie einen Abend an einem Tisch mit so jemandem. Und wenn Sie das schaffen ohne dass Sie sich mehrfach übergeben müssen im 'Restroom' des edlen Etablissements, in dem Sie tatsächlich gerne 'resten' würden, statt sich von dem aufgeblasen dümmlichen Egomanen beim Resten essen den Rest geben zu lassen, dann sind Sie vielleicht soweit, auch Erfolg nicht mehr als reinen 'Freund' anzusehen. Gibt es etwas Anödenderes, Langweiligeres, Unsympathischeres, Unreiferes und – man verzeihe mir den Elitarismus und die Arroganz – Dümmeres als 'Erfolgstypen'? Zumindest hilft Dummheit ungemein, Kurzsichtigkeit, ja geistige Blindheit, wenn man sich selbst als rundum 'erfolgreich' sehen möchte. Eine gewisse Versuchung mag in der Bestätigung von aussen liegen, die in einem simpel gestrickten Kollektiv natürlich verführerisch sein kann. Wer als 'Mann des Monats' oder gar '...des Jahres' in einem Hochglanzmedium abgefeiert wird, kann - eben vorausgesetzt, dass er genügend doof ist - tatsächlich meinen, das Geseife habe länger Bestand als die schillernden Blasen, die Kinder aus Seifenwasser kreieren. Spätestens wenn ihn die gleichen Boulevardmedien, die ihn hochjubelten, mit Hochgenuss am Boden zertreten, dämmert es vielleicht auch dem grössten Dussel, dass sein vermeintlicher 'Erfolg' nur Mittel zum Zweck - z.B. des Auflagen-'Erfolgs' - war, und dass zu diesem Zweck sein Niedergang nicht nur mindestens so geeignet, sondern zwingend nötig war, denn das Brot-und-Spiele-Volk und die Medien, die es bedienen, leben vom kurzfristigen Wechsel, vom Reiz des Gaffens. Nichts macht der Pöbel lieber, als den Affen zuschauen, wie sie hochsteigen und wieder runterkommen. - Und da die letzte Passage doch reichlich arrogant daherkam, könnten wir als nächsten Untersuchungsgegenstand gleich selbigen, viel geschmähten Charakterzug hernehmen.

'Arroganz' und 'Elitarismus' sind meist negativ konnotierte Begriffe. Nur Feind? – Tja, das kommt darauf an. Für mich – wen wundert's – bestimmt nicht. Ich liebe z.B. die Arroganz der NZZ, mit (fast) keinen Bildern auszukommen, nach wie vor die in der restlichen boulevardesken Medienszene so verfemten 'Bleiwüsten' auf der Titelseite der Wochenendausgabe zu präsentieren, ein Feuilleton zu bieten, das kaum einer wirklich versteht, der nicht minimal Dr. phil., Musikwissenschafter und Kunsthistoriker in Personalunion ist. Ich liebe es überall, wo der Knicks vor der breiten Masse nicht gemacht wird, wo Auflagen, Einschaltquoten und Verkaufszahlen nicht das Mass aller Dinge sind – ja, wo es für gewisse Inhalte sogar als beleidigend empfunden wird, wenn etwas zum 'Bestseller' degeneriert, weil es dann ja ein Massenprodukt und nichts Apartes mehr ist. Ich liebe auch das, was ursprünglich mit dem Begriff 'Esoterik' gemeint war: Man ging vom weisen, aber vielleicht für Sozialistenohren arrogant wirkenden, weil das Gleichheits-Axiom verletzenden und massenfeindlichen Gedanken aus, dass nur ganz Wenige, der so genannte 'innere (Kreis)' – dies die ursprüngliche Bedeutung des altgriechischen Terms esoteros, im Gegensatz zu exoteros, dem äusseren Kreis, dem Exoterischen – überhaupt fähig seien, hochkomplexe spirituelle Techniken zu erlernen, anzuwenden und sich nicht darin zu verfangen. Aus dieser Sicht ist es herrlich paradox, in seiner Verkehrtheit bereits wieder amüsant, dass die Esoterik populär, boulevardesk, eben exoterisch geworden ist.

Soweit mein Plädoyer für 'Arroganz' und 'Elitarismus', beides Begriffe, die bei mir durchaus auch zu den 'Freunden' zählen. Man könnte unzählige weitere 'besetzte' Begriffe untersuchen, z.B. die im politischen Diskurs gern verwendeten Begriffe 'Chancengleichheit', 'Integration' und 'Ghettoisierung' – doch spielen Sie selbst!

Ich bin gespannt auf Vorschläge, mit denen Sie mir das Gegenteil schmackhaft machen können, Begriffe, die nun wirklich für alle Entitäten 'Freund' oder 'Feind' seien. – An 'Folter' und 'Klitorisbeschneidung' hab ich selbst schon gedacht, bei den vermeintlichen 'Freund'-Wörtern auch an 'Sozialstaat' und 'Gesundheit' – aber es klappte - zumindest bei mir - nicht. Gerade das Geschehen rund um Guantanamo hat gezeigt, wie lustbetont es für gewisse Menschen sein muss, andere zu quälen – und das Foltern von Tieren ist in einer vermeintlich kultivierten Gesellschaft wie der schweizerischen nicht nur legitim, sondern geniesst sogar die hohe Akzeptanz des 'wissenschaftlich Wichtigen'. Und dass es sogar Frauen, sogar Philosophinnen gibt, die sich für die Klitoris-Beschneidung stark machen, verursacht vielleicht Brechreiz, ist aber schwer wegzuleugnen. Und falls irgendjemand auf die verwegene Idee kommt, das Wort 'Sozialstaat' müsse männiglich in den Sprechchor 'Freund!' einfallen lassen, so melde ich mich als erster um die 'feindlichen' Seiten, die negativen Auswirkungen dieser bestimmt gut gemeinten Sache aufzuzeigen. – Oftmals ist eben das Gegenteil von 'gut' nicht 'schlecht', sondern 'gut gemeint'. Und wenn wir nun bei guter Gesundheit in die Zielgerade einbiegen wollen, so haben wir uns eine echte Knacknuss auf den Schluss aufgespart. Wahrscheinlich ist bei kaum einem anderen Wort ein so hoher Anteil an Stimmen zu gewinnen, die einträchtig der Meinung sind, es sei nur und ausschliesslich als 'Freund' zu bewerten, wie beim Zauberwort 'Gesundheit'. – Zumindest im Westen, generell in Kulturen, die (noch) im materialistisch-korporalen Paradigma stecken. Aber sowohl reife Einzelwesen wie entwickeltere Kulturen (auch jede aufmerksame Mutter!) wussten und wissen um den Zusammenhang zwischen Reife und Krankheit, um die kommunikative Bedeutung von Krankheit, Unfall und allen so genannten 'Schicksalsschlägen', lange bevor auch in unserem Kulturraum Bücher erschienen wie 'Schicksal als Chance', 'Krankheit als Weg' und – der neuste Bestseller des Münchner Arztes und Psychotherapeuten Rüdiger Dahlke 'Krankheit als Spiegel der Seele'. Die zeitweilige und partielle Abwesenheit des Hochwertbegriffsinhalts 'Gesundheit' ist – so paradox es klingen mag – dank der Spiegelfunktion ein wundervoller Weg, um zu einer höheren, ganzheitlicheren Stufe von Gesundheit zu gelangen als nur gerade der körperlichen Symptomfreiheit. – Aber dies zu verstehen erfordert bereits ein gewisses Mass dieser – inneren – 'Gesundheit'. – Und nun viel Vergnügen allerseits beim Spiel "Freund oder Feind?"