Denk-Aufgabe 709 vom 11.11.2007

 

11 Versuche,

die Schöpfung

mit der

Ent- Schöpfung

zu versöhnen

 

      1. Schöpfung heisst Grenzen ziehen, Ent-Schöpfung heisst Grenzen auflösen.

      2. Schöpfung heisst Trennung, Spaltung der Einheit in Vielheit. Ent-Schöpfung heisst Zusammenfügen, Vereinigung des Vielen zur Einheit.

      3. Ziel der Schöpfung ist, über sich selbst hinaus zu gelangen, ins Paradies, aus dem sie sich erkennend heraus katapultierte ins Abenteuer der Vielheit. Ziel der Schöpfung ist, durch die Erkenntnis der coniunctio und coincidentia oppositorum, durch die Erkenntnis der Verbundenheit von allem mit allem und mithilfe der Überwindung der rationalen Differenztheorie durch die suprarationale Vereinigungspraxis bis zu dem Punkt zu gelangen, wo Erkenntnis aufgegeben werden kann zugunsten der Hingabe der Existenz als abgetrennte Entität und der Wiedergewinnung der Einheit.

      4. Ent-schöpfen heisst, jeden rationalen Spaltungsschritt durch einen suprarationalen Vereinigungsschritt auszubalancieren.

      5. Schöpfung heisst Spaltung der Einheit in wahrnehmungsfähige Entitäten. Wahrnehmung erfordert Abstand zwischen Wahrnehmendem und Wahrgenommenem, also Raum. Wahrnehmung von Entitäten durch Entitäten im Raum erfordert Zeit. Sobald mehr als eine Wahrnehmung erfolgt ist, besteht das Bedürfnis, die Wahrnehmungen zu ordnen. Dazu operiert die wahrnehmende Entität mit raumzeitlichen Relationen zwischen sich und den übrigen Entitäten wie kausale, analoge, dialoge, polyloge, vereinigende Verknüpfungen. Die Abgetrenntheit an sich, aber auch die Interpretation des Wahrgenommenen, seien es die Entitäten oder die vermuteten Verknüpfungen zwischen ihnen, führen zur Ambivalenz von Anziehung und Abstossung. Auf der rationalen Ebene führt dies zum Freund-Feind- bzw. Nutzen-Schaden-Schema, auf der emotionalen Ebene zum Liebe-Angst bzw. Liebe-Hass-Schema. Feind-Schaden-Angst-Hass sind trennende Relationen, die zum Ego-Aufbau und zum Verharren in der Schöpfung gehören, Freund-Nutzen-Liebe sind vereinigende Relationen, die zum entschöpfenden, die Schöpfungsgrenzen auflösenden Gestus gehören.

      6. Schöpfung bedeutet Verschiedenheit, Formen- und Farbenpracht, aber nicht Wertung: kein Primat, keine Kasten, keine Krone.

      7. Ent-Schöpfung gehört zur Schöpfung wie das Einatmen zum Ausatmen. Schöpfung ist das Ausatmen aus dem Paradies der Ununterschiedenheit in die Unterschiedenheit der Physis, Ent-Schöpfung das Einatmen des Verschiedenen in die Einheit des Paradieses.

      8. Ent-Schöpfung ist das Einatmen Gottes – die ganze Schöpfung ist Teil dieses Atems, Teil Gottes. Aber auch als Schöpfung, als Ausatmen Gottes sind wir Geschöpfe göttlichen Ursprungs – alle ohn' Unterschied entströmen wir dem Paradies ins Abenteuer der Vielfarbigkeit und kehren mit dem Einatmen wieder zurück ins paradiesisch ununterschiedene Hier und Jetzt.

      9. Ent-Schöpfung heisst nicht, die Schöpfung rückgängig zu machen, sondern sie zu vollenden, über sie hinaus wieder ins Paradies zu gelangen.

      10. Ver-schieden sein ist doppeldeutig und doch eindeutig: denn alles, was verschieden ist voneinander, wird verscheiden. Sterblichkeit ist an Verschiedenheit gekoppelt. Schöpfung ist Verschiedenheit und sterblich, Ent-Schöpfung führt in die Ununterschiedenheit der Einheit und damit in die Unsterblichkeit.

      11. Sinn der Schöpfung ist das Abenteuer der Wahrnehmung der Vielfalt der Farben und Formen, der Klänge und Gerüche, der Gefühle und Gedanken –das Abenteuer, mit Macht und Ohnmacht, Brauch und Missbrauch von Talenten umgehen zu lernen, aber auch die Zusammengehörigkeit alles Getrennten zu erkennen, zu erfahren und aktiv deren Vereinigung zu betreiben.