Denk-Aufgabe 711 vom 3.12.2007

 

Schule als Spiegel der Gemeinschaft

 

Wie die Jungfrau zum Kinde kam ich zwischen den Miststöcken Mostindiens zur Moderation zweier Veranstaltungen zum Thema Schule. Die erste Veranstaltung lockte mit dem reisserischen Titel 'Schule zwischen Angst und Zukunft' und versammelte aktive Lehrer und Schulleiter auf dem Podium. Die zweite Auflage richtete sich mit dem provokaiven Titel 'Schule - (k-)ein Thema für die Politik?' an die regionalen Politiker, gab aber auch einer intiativen Kämpferin für die freie Schulwahl ein Forum. Hier die beiden Eingangsreferate als Denk-Aufgabe. Ich bin überzeugt, dass auch Sie sich schon vertieft mit diesem so grundlegenden Spiegelthema unserer Gesellschaft befasst haben - nicht nur aufgrund der letzten Pisa-Studienresultate.

 

"Schule zwischen Angst und Zukunft"

Schule zwischen Angst und Zukunft – der Titel dieser Veranstaltung lässt viele Möglichkeiten offen. Wir könnten lamentieren darüber, was denn alles so angstvoll, grauslich und schröcklich sei und ein Pingpong-Spiel veranstalten, wer warum an welchem Teil des Horror-Zustandes wie viel Schuld trage. Schuldprojektion ist eines der beliebtesten Spiele der Menschen auf allen Kontinenten und ich gebe zu, es kann herrlich Spass machen, vor allem in angetrunkenem Zustand. Aber nach dem Spass und dem Rausch kommt der Kater oder – auch die Katzen emanzipieren sich sprachlich – der Katzenjammer und wir sind kein Schrittlein weiter, das Elend nimmt seinen Lauf, weil all die am Stammtisch Angeschuldigten nicht im Traum daran denken, von ihrem von uns als lasterhaft erkannten Treiben abzulassen.
Ich empfehle also, auf diesen amüsanten Zeitvertreib zu verzichten oder ihn zumindest auf später - in der Beiz - zu verschieben.

Wir könnten auch eine fürchterlich intellektuelle theoretisch-analytische Begriffs-Debatte führen über die Definition der Begriffe 'Schule' – wo fängt sie an, wo hört sie auf, was gehört zwingend, was nicht mehr zum Begriff. Dasselbe für die Angst mit der Abgrenzung zu Furcht, Grausen, Horror, Schrecken – und dann auch noch über Zukunft – ganz heikel, wenn wir an Einstein und die Quantenphysik denken, die uns die gute alte Linearität der Zeitachse verdorben haben und es bald so aussieht, dass wir nur genug lange in die Vergangenheit sausen müssen um in der Zukunft anzukommen und umgekehrt. Daran hätte ich sogar noch mehr Spass als an der ersten Variante, aber ich empfehle trotzdem ein anderes Vorgehen, damit wir wirklich zur Sache kommen. Ziel der Debatte ist es, verschiedenste Ansätze zusammenzutragen, um die wichtigsten Probleme anzupacken, die wir rund um Schule, Elternschaft, Erziehung erkennen. Oder – anders gesagt – Ansätze, die helfen, das Spannungsfeld zwischen Eltern, Schule, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auszubalancieren. Damit ist bereits angetönt, dass wir nicht auf die Verkündung der absoluten, einzigen, allein richtigen, für alle Schüler und alle Zeiten ewig wahren Lösung hoffen, sondern wissen, dass es unzählige gute Ansätze gibt, die alle ihre Vor- und Nachteile haben und die sich für den einen Fall eignen, für den andern weniger. Ziel ist das Erkennen einiger dieser unzähligen Dilemma-Situationen und die Erhöhung unserer Kompetenz, mit all diesen Dilemmata umzugehen.

Das klingt jetzt etwas abgehoben, aber eigentlich geht es um etwas ganz Simples, das wir alle kennen. Ein klassischer Fall ist das Kühlschrank-Bikini-Dilemma. Wir stehen vor dem Kühlschrank oder dem Kasten mit den Süssigkeiten und träumen vom Schlemmen – haben aber gleichzeitig – oder oft erst auch nach dem gierigen Genuss – ein klares inneres Bild von unserer Figur. Nun gibt es unzählige Möglichkeiten, mit diesem Dilemma umzugehen – und wahrscheinlich haben viele von uns schon viele ausprobiert. Wem es gelingt, sich weder zu Tode zu quälen mit Totalverzicht noch an Verfettung einzugehen, der verfügt über Dilemmakompetenz in diesem speziellen Fall.

Ein Dilemma im Schulbereich könnte die Wahl der Schule sein: öffentliche, staatlich unterstützte und damit kostengünstige Schule mit allen Vorteilen der sozialen Durchmischung, mit dem guten Gefühl für die Kids, keine Extrawurst zu haben, irgendwie den 'normalen' Weg zu gehen, niemandem etwas erklären zu müssen, warum man eben in die XY-Schule gehe - aber vielleicht mit dem von vielen Eltern als Nachteil empfundenen grösseren Risiko, schon früh mit Drogen und vielleicht mit Pausenplatz-Gewalt konfrontiert zu werden, nicht genügend individuell gefördert zu werden, zu wenig spezifische Werte vermittelt zu bekommen usw.? Oder doch eher eine Privatschule, bei der sich die erwähnten Vor- und Nachteile eher umkehren?
Dieses Dilemma könnte ein Thema unserer Debatte sein.

Oder das Dilemma, in dem wohl jede Lehrperson immer wieder befangen ist: Wie kann ich den so unterschiedlichen Einzelnen und der Klasse als Ganzes gerecht werden mit dem Mass an Forderung und Förderung. Was mache ich, wenn das, was den einen überfordert, andere bereits langweilt? Wie bringe ich das Bedürfnis nach körperlicher Aktivität und praktischer Betätigung in Einklang mit der wachsenden Menge an theoretischem Wissensstoff? Und wie kann ich neben den Köpfen auch die Herzen, die Seelen der Kinder erreichen, wenn ich so viel einpauken muss? Wie weit liegt es an den äusseren Rahmenbedingungen, an der Philosophie der Schule, an den Personen in der Schulleitung, am Engagement der Eltern? Was kann ich selbst ändern, um der eigenen Vision von gutem Unterricht näher zu kommen?
Was gilt es eigentlich für Werte zu vermitteln? Gibt es überhaupt noch Werte in unserem Land, über deren Vermittlung Einigkeit herrscht? Könnte 'Achtsamkeit' ein solcher Wert sein? Oder 'Liebesfähigkeit'? Oder 'Teamfähigkeit'? Oder eher 'Durchsetzungsvermögen', 'Überlegenheit', 'Hartnäckigkeit', 'Siegwille'? – Auch das könnten Dinge sein, über die wir uns unterhalten.

Dann die Gretchenfrage, was denn eigentlich das Ziel der Ausbildung und Erziehung sei – zuhause und in der Schule? Und wenn es mehrere Ziele sind, was steht zuoberst? Wollen wir Kinder, die möglichst schnell materiell gut gestellt sind, die möglichst erfolgreich 'ihren Weg machen'? Sollen sie vor allem anerkannte Glieder der Gemeinschaft sein, die irgendetwas Nützliches tun? Oder ist es das ganz persönliche, ganz individuelle Glück der Kinder, das wir als oberstes Ziel anstreben? Und wenn ja, wissen wir, wie denn das Glück unserer Kinder genau beschaffen ist? Ist die Gemeinschaft für das Kind da oder das Kind für die Gemeinschaft? Oder lässt sich das verbinden? Wollen wir vor allem konkurrenzfähige junge Menschen heranbilden, die sich auf dem Markt und in der Gesellschaft durchsetzen? Profilierte, markante Persönlichkeiten mit klaren Werten, was gut, was schlecht, was richtig und was falsch sei? – Oder halten wir es mit Khalil Ghibran, der sagte, wir Eltern seien nur Gäste in der Welt unserer Kinder, wir hätten nicht das Recht, ihnen unsere Werte aufzuzwingen, wir könnten sie nur liebend begleiten und dann loslassen? Und wie auch immer wir unsere Ziele formulieren – mit welchen Mitteln wollen wir sie anstreben? Mit wie viel Strenge, wie viel Milde wollen wir einwirken? In Watte einwickeln oder abhärten? Oder lässt sich auch das verbinden? Gibt es überhaupt ein Rezept oder müssen wir in jeder Situation immer wieder neu eine Balance finden? – Auch diese Themen möchte ich ansprechen.
Wir wollen also nach praktischen Lösungsansätzen suchen. Der Blick geht zuerst in uns hinein und dann vorwärts Richtung Zukunft, die gleich unmittelbar heute beginnt. Deshalb betreiben wir heute auch nicht schwergewichtig Ursachenforschung. Denn diese ganzen Ursachenketten gehen zurück in die Vergangenheit und landen bei konsequenter Anwendung beim Urknall oder bei einem Schöpfungs-Mythos. Und die Gefahr ist immer, dass wir monokausal argumentieren, also etwas aus der unendlichen Vielfalt möglicher Gründe hervorheben und als einzige Ursache hinstellen. Und die noch viel grössere Gefahr ist, dass wir einfach irgendwo auf der Ursachenkette Halt machen und der von uns gefundenen Ursache die Schuld am Schlamassel zuschreiben. Dann sind wir wieder beim eingangs beschriebenen Lieblingsspiel. Seien wir also vorsichtig mit den Ursachen. Natürlich kann man Verknüpfungen herstellen, um eine Entwicklung besser verstehen zu können. Aber es müssen gar nicht immer kausale Verknüpfungen sein. Sehr oft eröffnen sich neue Verständniswelten, wenn wir analog verknüpfen, z.B. wenn wir sagen, die Schule sei ein Spiegel, ein analoges Abbild der Gesellschaft, der Gemeinschaft. Oder wenn wir das Verhalten von Schülern und Lehrern als Analogie-Verhältnis betrachten: wie vorne am Lehrerpult, so hinten in den Schulbänken – und umgekehrt. Wie oben – so unten, heisst einer der berühmtesten Lehrsätze des Philosophen Hermes Trismegistos und ganz ähnlich heisst es in der Bibel: Wie im Himmel, so auch auf Erden. Das alles sind analoge Verknüpfungen und die haben den riesigen Vorteil, dass sie umkehrbar sind, dass nicht der eine der Schuldige, der Verursacher ist und der andere das Opfer, der die Wirkung erfährt.

Aus dieser Vorwärtsgewandtheit und Lösungsorientiertheit ergeben sich ein paar einfache Spielregeln für das Gespräch:

1. Die positive Verstehens-Vermutung
Versuchen wir, alles, was gesagt wird, zuerst einmal so aufzunehmen, dass wir davon ausgehen, dass niemand etwas völlig Sinnloses oder Idiotisches sagen will. Wenn sich jemand ungeschickt ausdrückt, sich verwählt in den Worten oder im Tonfall – lasst uns versuchen, den positiven Kerngehalt aus der vielleicht für uns wenig attraktiven Worthülle heraus zu schälen. Wir dürfen davon ausgehen, dass alle etwas Positives beitragen wollen zum Thema.

2. Zurückhaltung im Wahrheitsanspruch
Wer die absolute und einzige Wahrheit verkündet, will gar nicht in einen Dialog treten. Im Militär nannten wir das 'einseitige Übermittlung'. Nun geht es aber um Dialog, deshalb bitte ich alle, sich mit dem Wahrheitsanspruch ihrer Aussagen zurückzuhalten. Was Menschen sagen oder schreiben ist Interpretation, Deutung eigener Wahrnehmung bzw. Erfahrung, auch wenn es andere geben mag, die unsere Deutung teilen, die irgend etwas gleich sehen wie wir – dann sind es einfach mehrere Standpunkte, die nahe beieinander liegen – um absolute Wahrheit handelt es sich deswegen noch lange nicht. Ein kluger indischer Philosoph sagte einmal: "Zu jeder guten Geschichte gibt es eine ebenso gute andere Geschichte." – Bevor wir also die Geschichten und Ideen der andern verurteilen, sollten wir schauen, ob sie nicht in irgendeiner Form nebeneinander Platz hätten.

3. Angst gilt nicht als Argument gegen irgend etwas
Das ist jetzt etwas starker Tobak, wo wir doch die Angst im Titel der Veranstaltung drin haben. Aber die Meinung ist, dass sich die Schule von der Angst weg in Richtung Zukunft bewegen sollte. Ich will also mit dieser Spielregel nicht so tun, als gäbe es rund um die Schule keine Ängste, ich möchte nur das Geschäft mit der Angst als Argument eindämmen. Sie kennen es aus der Politik und aus dem Alltag: aus Angst vor dem Terrorismus werden in den USA die Bürgerrechte massiv eingeschränkt, aus Angst vor irgendwelchen Unannehmlichkeiten ist der Schweizer überversichert bis über die Ohren. Aus Angst vor weiss nicht was für Bedrohungen halten sich fast alle Nationen tolle Armeen. Aus Angst vor Einbrechern schliessen die Europäer alles ab, was man irgendwie abschliessen kann. Aus Angst davor, seelisch verletzt zu werden, verriegeln viele Menschen ihre Herzen usw. – Angst ist allgegenwärtig und so gesehen höchst normal. Und sie ist in vielen Fällen ein höchst gewinnbringendes Verkaufsargument, da sie willkürlich auf alles und jedes ausgedehnt werden kann. Es gibt ja rein gar nichts, vor dem nicht irgendjemand Angst hätte – und umgekehrt gibt es aber auch nichts, vor dem alle Wesen Angst hätten. Am witzigsten ist das bei Asterix und Obelix, die ja dank ihrem Zaubertrank eigentlich vor nichts Angst zu haben brauchen. Aber weil völlige Angstfreiheit den Geschichte-Erfindern doch etwas zu unmenschlich schien, erfanden sie die letzte Rest-Angst der Gallier, nämlich "que le ciel leur tombe sur la tête". Dies zeigt so schön die Hausgemachtheit und Freiwilligkeit aller Ängste. Das ist weiter nicht schlimm, solange die Stossrichtung klar bleibt: nämlich angstfreier zu werden. Wenn ein Kind Angst vor Schnecken hat, werden wir es deswegen nicht beschimpfen oder verurteilen, aber wir werden auch nicht die ganze Schneckenpopulation unserer Region vernichten, sondern das Kind behutsam mit Schnecken vertraut machen, ihm helfen seine Angst zu überwinden. Ganz ähnlich kann man mit den Ängsten vor Ausländern, vor Schulversagen, vor Drogen auf dem Pausenplatz und den tausend anderen Ängsten umzugehen versuchen.

Wenn also jemand mit der Angst-Thematik operiert, dann bitte nicht als Argument für einen Lösungsansatz, der die Angst als gegeben und unveränderlich hinnimmt und das, was sie angeblich auslöst, repressiv bekämpfen will. Also nicht 'WEIL die Bevölkerung Angst hat vor den vielen Fremden, müssen wir sie alle rauswerfen oder isolieren in eigenen Schulen'. Aber als Beobachtung, als Schilderung eigener oder fremder Besorgnis hat die Angst durchaus Platz. Wir verstehen jemanden besser, wenn wir seine Ängste kennen, aber es darf uns nicht dazu verführen, nur an den vermeintlichen Angstauslösern, anstatt an den Ängsten selbst herum zu schrauben.

 

"Schule - (K)ein Thema für die Politik?"

Selbstverständlich ist die Schule ein Thema für die Politik. Gerade kurz vor den Wahlen sind die gewählt werden Wollenden gerne bereit, so häppchenweise unverfängliche Sätzchen zu jedem Thema abzugeben, ähnlich unseren vierbeinigen Freunden, die auch im ganzen Revier mit ein paar Tröpfchen an jeder Ecke Präsenz markieren. Aber so richtig klar Position beziehen, die Position begründen und zu ihr stehen, auch wenn es ein paar unentschlossene Wähler vergraulen könnte, das trauen sich nur wenige. Dabei darf man in unserem Land gut und gerne verschiedene Meinungen vertreten – gerade das sollte doch unser Markenzeichen sein. Demokratie ist – so meine ich – zu allererst einmal gelebter Meinungspluralismus und das hartnäckige Verteidigen einer möglichst grossen Freiheit und Selbstbestimmung auf allen Ebenen: als einzelner Bürger, als Familie, Sippe, Quartier, Weiler oder Wacht, als Gemeinde, Stadt, als Kanton. Dass wir hier – nicht nur, aber auch im Bildungswesen – eher auf einer gegenläufigen Schiene fahren Richtung Zentralisierung und Kompetenzverschiebung von den Kantonen zum Bund, von den Gemeinden zum Kanton, von den Eltern zur Schule mag die einen freuen, deren einziges Ziel Effizienz ist. Allen urdemokratisch Gesinnten ist jegliche Abkehr vom Föderalismus – auch die so euphemistisch 'Harmonisierung' genannten Vereinheitlichungstendenzen im Schulwesen – hingegen ein Dorn im Auge.

Natürlich ist im gelebten Föderalismus und Meinungspluralismus der Konflikt im Aufeinanderprallen der verschiedenen Autonomie-Bestrebungen programmiert. Und genau hier setzen politische Utopien konfliktfeindlicher Wesen an. Man möchte Friede, Freude, Eierkuchen, alle halten sich am Händchen und sind gleicher Meinung, aller Dissens ist unter den Teppich gekehrt, man präsentiert nach aussen eine geglättete, pseudo-harmonisierte Fassade. Hier, in diesem Bestreben, die der Demokratie systemimmanente Auseinandersetzung, diesen natürlichen und auch fruchtbaren Konflikt wegzukriegen, zu tilgen oder doch wenigstens zu verdrängen, orte ich den grössten Stolperstein der Polit-Geschichte, auch in der Schweiz. Anstatt Konflikt zuzulassen und sich um Konflikt-KULTUR zu bemühen, also um einen Grundrespekt dem Andersdenkenden gegenüber, steht jeder Einzelne und jedes Kollektiv, das über Macht verfügt, immer wieder vor der Versuchung, die Macht zu nutzen, um Konsens zu erzwingen, Einigkeit zu befehlen. Die Mittel, die dazu angewendet werden, sind genau dieselben, die in einem offenen, gelebten Konflikt als kulturlos gebrandmarkt und in einer Demokratie verpönt sind: Zwang und Gewalt. Weltweit wird mit kriegerischen Mitteln für den Frieden gekämpft, sprachlich herrlich eingefangen in dem Bonmot: "Den Frieden Kriegen wir schon hin!" – Hier beisst sich die Schlange in den Schwanz. Hier werden all die heuchlerischen Friedensbemühungen als versteckter Imperialismus entlarvt – auch in der Schweiz, auch beim Thema Schule. Natürlich braucht es in einer gelebten Konfliktkultur Regeln, damit das Kollektiv funktionsfähig bleibt – in der Demokratie ist es das Mehrheitsprinzip. Aber in einer stark föderalen Struktur reicht eben die Mehrheit immer gerade des Kollektivs, das auch betroffen ist. Wenn eine Gemeinde finanziell gut steht und den Willen dazu hat, kann sie sich kleine Klassen leisten. Wenn die Kompetenz aber plötzlich beim Kanton ist und dort wie in meinem Heimatkanton eine ultralinke Dame sitzt, dann bestimmt plötzlich Zürich auf die Kommastelle genau, wie gross jede Schulklasse im ganzen Kanton zu sein hat.

Die Frage ist, was wirklich und zwingend einheitlich geregelt sein muss in einem Staat – wie z.B. die Strassenseite, auf der man fährt – und wo man mit Meinungspluralismus und auch Handlungspluralismus, mit vielfarbiger Komplexität leben kann.

Ich möchte kurz das Spannungsfeld abzustecken versuchen, in dem wir uns bewegen. Dazu hilft es, wenn man die beiden am weitesten auseinander liegenden Extrempositionen skizziert, wie sie im Polit-Alltag selten vertreten werden – wie gesagt, es wollen ja alle gewählt werden. Man ist versucht diese Extrempositionen mit den gängigen, aber stark simplifizierenden Bezeichnungen 'links' und 'rechts' zu etikettieren, aber der heute aktuelle Sprachgebrauch der Bezeichnung 'rechtsextrem' spricht dagegen. Man versteht darunter v.a. stark nationalistische, fremdenfeindliche, oft auch offen oder vesteckt der Nazi-Ideologie verpflichtete Gruppierungen, die in ihrem Hang zur staatlichen Allmacht den ultralinken Visionen sehr nahe sind. Deshalb verwende ich den Begriff 'ultraliberal' als Gegenpol zu 'ultralinks'. Doch wie gesagt – es geht um den Inhalt, nicht um die Beschriftung der Flaschen.

 

Die ultralinke Vision

Was ist der ultralinkeste Traum von der Schule? Plakativ gesagt: Maximierung der Gleichheit. Das unhinterfragte Axiom, der unbezweifelt Glaubenssatz des Ultralinken ist, dass eigentlich alle Menschen gleich sind und dass alle Unterschiede nur aufgrund schlechter Umstände eintreten und deshalb so gut wie möglich zu vermeiden oder wenigstens auszugleichen, rückgängig zu machen sind. Ein wahrer Linker möchte, dass alle zu jeder Zeit an jedem Ort in jeder Situation gleiche Bedingungen antreffen, damit am Schluss auch alle möglichst gleich sind, gleich handeln, gleich denken. Wenn er könnte, würde er nicht nur die Portemonnaies, sondern auch gleich die Hirne aller Menschen jeden Abend wieder auf Gleichstand setzen. Wer mehr verdient und mehr gelernt hat, gibt das Mehr zurück an die Zentrale, die es gleich wieder neu verteilt an alle die, die weniger verdient und weniger gelernt haben. Es ist die Vision der allmächtigen Mutter Staat, die gütig und weise für alle ihre völlig hilflosen unmündigen Kinderchen schaut.

Das Menschenbild des Ultralinken ist ein Opfer, dem geholfen werden muss, ein Dummerchen, das weder weiss, was für ihn gut ist, noch – wenn er es denn wüsste – Mittel und Wege kennt, dieses Wissen in die Tat, ins Leben umzusetzen. Und weil sowieso alle unbedarft, arm, hilflos und schutzwürdig sind, ist es auch vertretbar, findet der Ultralinke, dass man sie gleichschaltet, wo sie doch im Grunde schon gleich sind. Er versteht das Kappen aller ungleichen Sprosse, allen individualisierenden Wildwuchses deshalb als legitim, weil es ja gut gemeint ist, das Wohl des Einzelnen als gleiches Glied einer aus Gleichen bestehenden Gemeinschaft im Auge hat. Dabei wird geflissentlich unter den Tisch gekehrt, dass diese allmächtige Mutter Staat ja nicht ein abstrakter Moloch, eine selbständige höhere Intelligenz ist, sondern auch wieder aus Menschlein besteht, die aber merkwürdigerweise im Unterschied zu denen, die sie bemuttern, über grenzenlose Weisheit und immenses Datenmaterial verfügen und deshalb genau wissen, was den armen unbedarften unmündigen Öpferlein frommt. Dies ist nur möglich, weil sie davon ausgehen, dass ja alle im Tiefsten gleich sind und deshalb auch die Werte teilen, die ihnen von der allversorgenden Mutter Staat in ihrer Allgüte als die richtigen und wichtigen in die Windeln gelegt werden. Z.B. Futter, Sicherheit und ein bis ins Detail geregeltes, voraussehbares Leben und Sterben. Dass es nach ein paar Jahrzehnten Entmündigung, Betreuung und Staatsgängelei tatsächlich wimmelt von Softies, die an den Zitzen der grossen Sozialwerkkuh lutschen, bestätigt den Ultralinken in seinem Menschenbild und er gibt nicht etwa Gegensteuer, sondern intensiviert seine Bemühungen, die hilflosen armen Öpferlein zu Topf und Tropf zu führen.

Die Schule ist für den Ultralinken DER Ort, wo die für ihn nötige Gleichschaltung geschehen kann und muss. Der Einfluss von Allmutter Staat über die Eltern ist beschränkt, sie entziehen sich in einer pluralistischen Gesellschaft meist sehr erfolgreich der Gehirnwäsche. Aber wer die Macht über die Lehrmittel und Lehrpersonen hat, der kann diese noch modellierbaren Kinder formen, ihnen unhinterfragte Werte einflössen, eben z.B. die Wichtigkeit von Futter, Sicherheit und Planbarkeit des Lebens. Wenn sich Vereinzelte gegen diese Gleichschaltung zur Wehr setzen und das in Übermass vorhandene Futter verweigern, auf die Sicherheit pfeifen, weil sie Abenteuer bestehen wollen und weil ein Abenteuer nun mal genau dort beginnt, wo die totale Sicherheit und Planbarkeit aufhört, reagiert der Ultralinke wiederum mit noch mehr Gleichschaltung, greift zu noch rüderen Mitteln um seine Werte zu erzwingen. Die in dieses Fress- und Sicherheitskonzept Gezwängten reagieren auf unmässigen Druck mit unmässigem Gegendruck: Gewalt, organisierte Revolte, Gangs – Abenteuer und Risiko pur. Die Spirale dreht sich, bis entweder jegliches Aufmuckertum, alle Freude an Unsicherheit, Risiko und Abenteuer mit Gewalt ausradiert sind und die Schweiz eine Gemeinschaft gleichgeschalteter Verwaltungsbeamter ist und ganz leise und fast unbemerkt zu Humus wird – oder bis zu dem Tan, an dem die Ultralinken aussterben.

 

Die ultraliberale Vision

Was steht dieser natürlich völlig überzeichneten linken Vision auf der ultraliberalen Seite für eine Fiktion gegenüber? In tiefster Seele ist der Ultraliberale ein Anarchist. Er vergöttert die Freiheit als höchstes Gut – und hält sie in jeder Lebenslage für wichtiger als z.B. Sicherheit und Planbarkeit. Ein extrem Liberaler lässt – wie der Name sagt, möglichst allen Kräften freien Lauf, da er alle Menschen für eigenverantwortliche Täter, für Verantwortungsträger hält. Der Staat ist für ihn nichts anderes als die Gemeinschaft dieser Verantwortlichen, die sich in gewissen Bereichen die Arbeit teilen – das Bild des Nachtwächterstaates passt hier gut dazu. Damit nicht alle nachts um ihr Haus herumtigern müssen, organisiert sich die Gemeinschaft und wechselt entweder ab mit der Nachtwächterei oder bestimmt einen, der das tut und bezahlt ihn dafür. Am liebsten hätte er alle diese Nachtwächter aber im Ehrenamt, im Nebenamt oder im Turnus wechselnd, denn Staatsbeamte sind ihm ein Greuel. Wenn er könnte, würde er sie samt und sonders ins Pfefferland schicken. Jeder Steuerfranken, der für so einen aus seiner Sicht nur die Welt verkomplizierenden, entweder stinkfaulen oder – noch schlimmer - in Eigendynamik ständig neue Regeln erfindenden Beamtentrottel ausgegeben wird, reut ihn zutiefst. Dafür ist der Ultraliberale wettbewerbs- und konfliktfreundlich und will möglichst wenig Einschränkung für dieses freie Spiel der Kräfte. Er unterscheidet sich vom bekennenden Anarchisten nur gerade dort, wo er sich z.B. für Regeln einsetzt, die den Fortgang des Meinungspluralismus, des gelebten Wettbewerbs und Konflikts garantieren. Aber er ist grundsätzlich höchst kritisch gegenüber jeder Regelung und klopft sie daraufhin ab, ob sie wirklich unumgänglich nötig sei. Da er ein Menschenbild hat, das den Einzelnen als eigenverantwortlich und mündig betrachtet, braucht es seines Erachtens auch nicht viele Regeln. Er rechnet grundsätzlich mit der Vernunft und Ethik des eigenverantwortlichen Bürgers – und wenn einer sich längerfristig ganz daneben benimmt und eine allgemeingültige Regel fehlt, dann hilft er sich selbst, ruft seine Freunde zusammen und stellt den Querschläger in den Senkel, wenn nötig auch mit unzimperlichen, aber effizienten Methoden. Er geht als Täter gegen einen Täter vor – Opfer gibt es in seinem Weltbild keine.

Auch der Entscheid, Kinder auf die Welt zu stellen und aufzuziehen, ist für ihn primär ein eigenverantwortlicher Entscheid der Erzeuger und nicht ein Unfall, der sofort unzählige staatliche Stützmassnahmen erforderte wie Mutter- und Vaterschaftsurlaub, staatliche Kinderkrippen etc. Schulen sind für ihn ein Angebot wie jedes andere, das dem möglichst freien Wettbewerb unterworfen sein sollte. Staatsschulen sind ihm ein Greuel wie alles Staatliche, was nicht unbedingt zum Überleben nötig ist wie beispielsweise ein Dammbau in Holland oder eine Lawinenverbauung im Val Müstair. Scheitern ist für ihn keine Schande, nur Liegenbleiben. Auch Hilfsangebote für Gescheiterte sind für ihn zuerst einmal eine Sache des freien Marktes. Der Staat – die Gemeinschaft – hat nur gerade dafür zu sorgen, dass niemand verhungert, hat die Solidarität zu zeigen, die in einer gesunden Familie anzutreffen ist: jeder hilft seinem Bruder, der das Bein gebrochen hat – z.B. indem er ihn Arbeiten machen lässt, die er auch mit Gips und Stöcken bewältigen kann. Aber kaum ein Ultraliberaler würde wohl ein Familienmitglied über Jahre durchfüttern, der sich als Faulpelz, Simulant, Drückeberger und Rumhänger entpuppt. Genau gleich hält er es mit Fremden. Der Ultraliberale ist offen für alles Neue und Fremde – aber er fühlt sich nicht als Papa, der die armen Öpferlein zu versorgen hat. Fremde sind ihm willkommen und er hilft ihnen, sich zu orientieren und Arbeit zu finden – genau so wie wenn ein entfernter Verwandter aus einer andern Ecke der Schweiz daherkäme. Aber wenn der Ferienbatzen aufgebraucht ist, sollen sie gefälligst anpacken und sich ihr Brot selbst verdienen – ob es Cousins oder Zulus sind, ist völlig wurst.

Wenn dem Ultraliberalen ein Sturm einen Baum umbläst, wenn ihm ein Ziegel auf den Kopf fällt, dann flucht er, drückt ein dickbödiges Glas gegen die Beule am Kopf und räumt auf. Es käme ihm nicht einmal im Traum in den Sinn, das zu tun, was jeder Ultralinke tut, bevor der Baum ganz umgefallen ist: nach Mutti schreien, Mutti Staat, die ihm sofort helfen muss, denn er kann ja nichts dafür, ist ja ein armes Opfer.

 

Einheitsschule versus Schulenvielfalt

So weit das beliebig ausbaubare Bild der beiden politischen Extrempositionen, hinter denen sich entsprechend differierende Menschenbilder, ja ganze Welterklärungsmodelle verbergen, Aber was heisst das nun angewendet auf die Schulen in der Schweiz? Wo verorten sich die Anwesenden in diesem skizzierten Spannungsfeld? Wollen Sie eher eine Schule, in der alles von oben befohlen, harmonisiert, gleichgemacht ist, in der nicht nur der Lehrplan, sondern auch die Klassengrösse, die Gebäude, das Mobiliar, die Ausbildung der Lehrer, die Kosten, die Löhne – alles möglichst genormt ist von Mütterchen Staat? Nur dass Sie vielleicht eben zu denen gehören möchten, die sich mit ihren ganz persönlichen Ideen, Wünschen und Vorlieben hinter diesem Mütterchen am Schalthebel befinden und insgeheim eben ihre persönliche Vision allen anderen aufzwingen? Träumen Sie von Verhältnissen wie in Frankreich, dass man im total 'harmoS-isierten' Helvetien dereinst bei einem Umzug quer durchs Land Klein-Anneli am Montag in Disentis bei genau dem Sätzchen im einzigen und zwingenden Lesebuch weiterfährt, bei dem sie am Samstag in Chambésy bei Genf stecken geblieben ist?
Oder soll die Schule dem freien Markt überlassen werden und im Sinne der 'Human Ressources' einfach das an Menschenmaterial produzieren, was die Wirtschaft gerade braucht?
Oder gäbe es Zwischenlösungen? Wollen Sie eine möglichst grosse Vielfalt an Schulen, eine reiche Landschaft verschiedenster Angebote, die immer auch geprägt sind vom Umfeld, von den Gründern und Trägern, vom Quartier, von der Gemeinde, vom Kanton? Freuen Sie sich über Vielfalt, die durchaus extreme Unterschiede beinhaltet: hier ein Bretterverschlag, eine Alphütte mit Sennenkindern, die am ersten Tag gleich lernen, was Lab ist und wie man Käse macht, da ein Wohnwagen mit Zirkuskindern, die gleich auch das ABC des Jonglierens lernen, dort eine Sportschule, in der die Rechenaufgaben während dem Joggen gelöst werden, hier ein musisches Internat, in dem die Kinder genau so gut Noten wie Buchstaben lesen lernen, und so weiter. – Und dahinter ein Staat, der nur gerade die allernötigsten Regeln erlässt und die Eigenverantwortung der Kantone, der Gemeinden, der Eltern und Kinder stärkt, indem z.B. alle Schüler einen Grundschulbatzen erhalten und damit gezwungen sind, selbst zu wählen, sich mit den eigenen Präferenzen und Zielen verantwortlich auseinanderzusetzen?