Denk-Aufgabe 804 vom 18.1.2008

 

Freundestreue

Ein grosses Wort, die Freundestreue - und eine grossartige Sache, wenn man sie erleben darf, aktiv und passiv, als einer, der die Treue eines Freundes erlebt und einer, der die Treue zu einem Freund lebt. Und es ist nie zu spät dafür, auch auf dem Sterbebett nicht. Solange man über beide Ohren verliebt ist in jemanden oder etwas, glaubt man vielleicht, diese Art der Zuwendung und Beziehung sei die höchste, wichtigste. Wenn der Triebsturm abgeflaut, die Begierde befriedigt ist - oder sich als nicht befriedigbar erwies, ahnt man vielleicht etwas vom unschätzbaren Wert der Freundschaft. Das kann durchaus auch in der Partnerschaft gelingen: dass ein Liebespaar ganz langsam zum Freundespaar mutiert.

Sprachmissbrauch
Die These, die ich hier aufstellen möchte, ist, dass Freundestreue etwas vom Höchsten ist, zu dem Wesen überhaupt fähig sind. Es ist etwas völlig anderes, als die aus durchsichtigen Machtmotiven von religiösen oder staatlichen Institutionen propagierte sexuelle Treue. Echte Freundestreue ist frei von Machtgelüsten, Begehrlichkeit und Berechnung. Personenverbindungen, bei denen es um Geld, Macht oder andere Triebbefriedigung geht, als Freundschaften zu bezeichnen, ist inflationärer Sprachgebrauch und höhlt den wundervollen Begriff des Freundes aus.

Genau so ist es mit der Treue: wenn das Wort missbraucht wird, um - oft mit drohendem Unterton - ein Verhalten des Angesprochenen zu erzwingen, das dem dem von 'Treue' Faselnden dient, hat das nichts mit echter Treue zu tun. Treue ist etwas ganz und gar freiwilliges, ist eine Haltung, die auf einem Entschluss des Treue-Willigen beruht und zu einem Verhalten führt, das im Idealfall völlig unabhängig ist von äusseren Geschehnissen. Die Treue kann einem Wert, einer Überzeugung, einem Wesen gelten, ohne von einer Reaktion oder gar einer Gegenleistung abhängig zu sein. Echte Treue ist völlig frei vom 'do,ut des', vom Urprinzip des Handels, des Gegengeschäfts: "Ich gebe, damit du gibst" bzw. "Ich gebe, weil du gegeben hast".

Natürlich gibt es Mischformen, wo sich ökonomisches Denken, Dankbarkeit und Treuegefühle mischen, wie z.B. bei der 'Kundentreue' oder der 'Parteitreue'. Aber mit der Freundestreue meine ich eine von all dem Ballast entschlackte Treue, die einem Wesen gilt, das sich auch gegen uns wenden kann. Das klassische Beispiel ist die Freundestreue der Eltern zu ihrem Kind, die auch dann nicht abreisst, wenn das Kind in der Pubertät oder aus sonstigem Anlass sich gegen die Eltern stellt, ihnen vielleicht sogar materiellen und/oder immateriellen Schaden zufügt. Ich behaupte aufgrund meiner Erfahrung, dass dies Müttern meist besser gelingt als Vätern, vielleicht weil die Verbindung der Mutter mit ihrem Kind während doch recht langer Zeit eine symbiotisch enge ist und die Mutter intuitiv weiss, dass sie eins war - und irgendwo immer noch ist - mit dem Kind. Umgekehrt kenne ich mehr tiefe und echte Freundschaften unter Männern als unter Frauen, vielleicht gerade weil wir immer noch in einer patriarchalischen Gesellschaft leben, in der die Frauen mehr als nötig zur Konkurrenz gezwungen werden. Aber es geht hier in keiner Weise um das Aufzeigen von möglichen Geschlechterdifferenzen, sondern vielmehr um eine Annäherung an das Hochwertwort 'Freundestreue'.

Auf dem Prüfstand steht eine Freundschaft ja immer erst in Not, in Gefahr, dann, wenn das Bekennen und Handeln als Freund Schaden, ja den Tod für uns bedeuten kann. Deshalb gibt es in der Geschichte und der Erzählkunst - sei es Literatur, Hörspiel, Film - soviele Beispiele von Freundestreue aus Kriegen und Notzeiten, wo Tod, Verwüstung, Terror, Diktatur, Zensur, Rassismus und vieles mehr sich den Freunden in den Weg stellt.

Mut
Freundestreue ist deshalb untrennbar mit Mut verbunden. Zu jemandem stehen, der gerade auf der Erfolgswelle reitet, ist keine Kunst. Aber für jemanden einstehen, der gestrauchelt ist, der vielleicht sogar geächtet, verfemt, verachtet wird, sei es, dass er etwas getan hat, was das ihn umgebende Kollektiv oder die Herrschenden missbilligen, sei es, dass er zu einer Rasse, Ethnie oder Religion gehört, die zurzeit und vorort gerade unterdrückt, verfolgt oder gar ausgelöscht wird - das erfordert Mut, oftmals einen viel grösseren Mut, als sich in eine Schlacht zu stürzen fürs hehre Vaterland. Ich will nicht Kriegszeiten beschönigen, nur weil sie Gelegenheit schaffen, Freundestreue zu leben und zu erfahren, aber wir können diese Ausnahmezustände, diese Not-Szenarien im Hinterkopf behalten, wenn wir uns daran machen, unsere eigene Freundschaftsfähigkeit zu prüfen.

Die Absenz von Gründen
Wir können das intuitiv und emotional machen - meistens wissen wir ohne langes Nachdenken, was wir für wen unter welchen Umständen alles tun würden. Wir können aber auch versuchen, ein rationales, überprüfbares Kriterium zu suchen, um der Qualität unserer Freundschaften auf die Spur zu kommen. Brauchbar scheint mir das Mass an 'Weil'-Verknüpfungen zu sein, die wir für eine Beziehung formulieren können. Philosophisch branchenkonform könnte das Kriterium lauten:

Das Mass an Kausalverknüpfungen ist indirekt proportional zur Qualität der Freundschaft.

Dabei ist explizit nicht nur die Wirkursache oder causa efficiens, bei der die Ursache auf einer als linear angenommenen Zeitachse zwingend vor der Wirkung liegt, sondern auch die Zweckursache oder causa finalis gemeint, bei der die Ursache – oder im täglichen Sprachgebrauch eher 'der Beweggrund', 'das Motiv' für das Freund-Sein oder 'der Zweck', 'das Ziel', das mit der Freundschaft anvisiert wird – in der Zukunft liegt.

Statt philosophisch kann man die These auch von der Sprachstruktur her fassen: Je mehr Nebensätze (zum Hauptsatz: "Ich bin befreundet mit XY") wir formulieren können, die mit 'weil' oder mit 'um zu' oder 'damit' beginnen, je mehr Argumente, Beweggründe oder Zwecke wir nennen können, warum wir mit jemandem eine Freundschaft zu haben glauben, warum wir jemandem Freundestreue zu halten gewillt sind, desto verdächtiger, desto eher sind Zweifel an der Qualität dieser 'Freundschaft' angebracht.

Am verständlichsten ist vielleicht die psychologische Variante: Je mehr wir glauben, suprarationale Phänomene wie Liebe, Freundschaft, Zuwendung mit rationalen Argumenten legitimieren zu müssen und dies auch tun, desto schwächer und instabiler ist unser Vertrauen in die Tragfähigkeit unserer Emotionen und Intuitionen.

Auf rationale Argumente reduzierte Freundschaft sprengt aber den Begriff, dafür gibt es haufenweise andere Wörter, vor allem aus der Rechtssprache wie 'Übereinkunft', 'Vertrag', 'Geschäft' (im Sinne von 'deal'), 'Seilschaft', 'Bündnis', 'Korporation', 'Handelsgesellschaft', 'Verein', 'Stiftung' etc. – viele dieser Ausdrücke sind klar definiert und sogar mit vorgegebenen Argumenten bestückt: Wenn drei Partner eine GmbH gründen, so finden sich Gründe in der Struktur dieser Rechtsform; der hervorstechendste Grund gibt ihr sogar den Namen: die Haftungsbegrenzung. Wenn die drei daneben auch durch eine Freundschaft verbunden sind, ist das wunderbar, braucht aber keine Begründung.

Dies These von der indirekten Proportionalität von Gründen und der Qualität dessen, was diese Gründe plausibilisieren sollen, ist deshalb irritierend, weil wir es in der Wissenschaft gewohnt sind – und diese Gewohnheit meist unhinterfragt in andere Lebensbereiche übernehmen – eine direkte Proportionalität zwischen der Anzahl und dem Gewicht von Gründen und der Qualität von dem, was sie begründen, anzunehmen. Wenn wir haufenweise Gründe für eine Entscheidung haben, werden wir sie in der Regel eher treffen, als wenn wir keinen einzigen Grund dafür haben. Und nun behaupte ich also fröhlich, bei der Freundschaft – bei allen höheren Formen von Liebe – sei es umgekehrt. Das beste Anzeichen für die Echtheit und Qualität einer Freundschaft sei, kein einziges Argument dafür zu haben.

Frisch gewagt...
Nun, das Experiment ist bekanntlich die wissenschaftlich anerkannte Methode zur Plausibilisierung einer Theorie oder einer These. Machen Sie also die Probe aufs Exempel und sammeln Sie einmal Gründe, warum Sie ihren Partner, Ihre Partnerin lieben, warum Sie für Ihre allerbesten Freunde x-was tun, Ihr letztes Hemd geben, alles stehen und liegen lassen würden. Ich hoffe für Sie, dass Sie sehr schnell ziemlich ratlos dastehen und sagen: "Was soll's, ich habe ihn/sie einfach gern". Es würde mich auch freuen, wenn ein gewisses Missbehagen aufkäme bei dieser Gründe-Sammlerei, wenn Sie unwirsch würden und sich irgendwie äusserten wie: "Das ist doch alles Quatsch. Ich muss mich doch nicht rechtfertigen für meine Freunde und schon gar nicht für meinen Partner. Es sind meine Freunde und damit basta."

...und schief gegangen?
Falls der Schuss aber hinten rausgeht und Sie alle Ihre Beziehungen sauber und nachvollziehbar begründen können, angefangen von Ihrem Partner, mit dem Sie zusammen leben, weil er/sie gut aussieht, weil er/sie viel Geld hat, weil er/sie einen tollen Beruf hat, weil er/sie sehr angesehen ist, weil er/sie gut kocht, weil er/sie gut im Bett ist, weil er/sie nie fremd geht, weil er/sie dasselbe Hobby hat, weil... oder eben: ...damit ich nicht ständig auf die Jagd..., damit ich mal nicht allein alt werden, nicht allein die Miete zahlen muss etc. – und dies so weitergeht bei all ihren Freunden, die Sie haben: ...weil sie mit Ihnen Geschäfte treiben, weil sie mit Ihnen golfen, weil sie Ihnen bei Ihrer Karriere nützlich waren oder noch sein könnten, weil es nie schlecht ist, einen Arzt, Anwalt, Schreiner, XY im Freundeskreis zu haben, weil er auch bei mir einkauft... – dann ist das auch völlig in Ordnung.

Sie haben dann einfach keine Beziehung, die die Kriterien erfüllt, die ich an echte Freundschaft stelle, aber was soll's. Offenbar leben Sie gut damit, und solange keine Notzeiten im Anflug sind, der Alterungsprozess nicht allzu schnell vor sich geht... Denn Notzeiten haben es so an sich, dass sehr schnell viele Gründe wegfallen, manche über Nacht. Und dann erst wird's ja – so meine These – richtig spannend bei der Frage nach der Tragfähigkeit einer Freundschaft.

Machen Sie doch noch den Gegentest und nehmen Sie bei jeder Ihrer Beziehungen all die aufgelisteten Gründe einen um den andern weg - und versuchen Sie im Sinne 'vorbehaltener Entschlüsse' bzw. vorgestellter Szenarien zu entscheiden, nach Wegfallen welcher bzw. wie vieler Gründe Sie die Beziehung aufgeben würden. Falls es bei diesem Verfahren irgendeine Beziehung geben sollte, bei der Sie alle Gründe wegstreichen können, ohne dass Sie die Beziehung aufgeben würden, haben Sie eben doch eine echte Freundschaft im von mir postulierten Sinne.

Wie immer freue ich mich auch über Reaktionen, Feedbacks – von Freunden und solchen, die es werden könnten?