Denk-Aufgabe 807 vom 22.3.2008

 

Was denkt ein Bär?

Warum das Denken nur den Menschen adelt und andere glockenklare Weisheiten

Was denkt ein Bär, wenn er bei Nacht im tiefen dunkeln Tannenwald einen anderen Bären antrifft? – Er denkt mit grosser Wahrscheinlichkeit, aber bestimmt nicht in der regionalen menschlichen Verbalsprache, sondern eben bärisch: "Hmm, ein Bär" – Und was denkt ein Mensch, wenn er bei Nacht im tiefen dunkeln Tannenwald einen anderen Menschen antrifft? – Er denkt mit grosser Wahrscheinlichkeit in seiner menschlichen Verbalsprache: "Hilfe, ein Mörder!" – Ausser das Ganze finde im Grossraum Zürich statt und er sei selbst der Mörder, der gerade Hafturlaub habe, dann denkt er mit grosser Wahrscheinlichkeit: "Geil, ein Opfer!"

Dieses Beispiel zeigt - so finden zumindest diverse schwindsüchtige Theoretiker von der Sekte der analytischen Philosophie - , dass Bären selbstverständlich gar nicht denken können - und wenn, dann natürlich nichts Bedeutsames, weil sie ja keinen Begriff vom Begriff des begrifflichen Denkens haben, weil es dazu ja die so alleinseligmachende und ethisch unbedingt immer wertvolle Gabe der Verbalsprache bräuchte - man bedenke, dass die erbarmungswürdigen Tiere nicht einmal 'fuck' sagen können, immerhin das weltweit unter Hominiden am häufigsten verwendete 'for-letter-word'. Und weil die Verbalsprache so wichtig, so bedeutsam und so würdevoll ist, haben sich vor bald hundert Jahren ein paar Gläubige zusammen getan und die Kongregation der Sprachphilosophen gegründet. Wie so oft bei Sekten sahen sie bald nicht mehr über ihr selbst gebrautes Süpplein hinaus und hielten ihre Sprachspielereien für die Welt. Der Denkfehler ist winzig - sie hielten ihre Welt für die Welt - aber doch folgenschwer.

Nun, wenn man viele solcher Beispiele sammelt wie das obige vom Bären und sie gockelstolz an die grosse Glocke hängt, dann kann man mit etwas Glock - äh Glück sogar Professor der Philosophie werden, zum Beispiel in Zürich. Und da wir das ja alle auch möchten, sammeln wir doch noch ein paar Beispiele, die dem Unterschied zwischen Mensch und Tier wieder einmal zu etwas mehr Dramatik verhelfen sollen. Auch ganz theoretisch, ohne sich in die Finger beissen zu lassen oder gar in den Würgegriff zu geraten von einem so begriffsstutzigen Greifvogel - man macht sich ja gar keinen Begriff wie angriffig die mit ihren Greifern sein können. Also los:

Was denkt ein Keiler, wenn er eine brünstige Bache trifft? – Er denkt mit grosser Wahrscheinlichkeit: "Fein, hier kann ich helfen" oder sowas Ähnliches. – Und was denkt die Bache? – Sie denkt mit grosser Wahrscheinlichkeit: "Na endlich!" oder sowas Ähnliches. Und dann treiben sie's mit grösstem Vergnügen. Und gerade deshalb, wegen des unkomplizierten Vergnügens, nennt der Mensch das 'Instinkt' und nicht Denken. – Nun, was denkt ein Mensch-Männchen, das auf ein hüfteschwingendes, bauchfreies, bauchnabelgepierctes, minijupiges, busenwackelndes, auffällig geschminktes und lasziv blickendes Mensch-Weibchen trifft im Dschungel der Disco? "Die sollte man dringend auf's Kreuz legen" oder sowas Ähnliches. Was aber denkt das beschriebene Mensch-Weibchen? "Die Sau will mich nur bumsen – hmm, ob er wohl Kohle hat? Und sie auch rausrückt für mich? Mal testen, was er mir zu trinken offeriert" – oder sowas Ähnliches. Und sie gibt ihm zu Verstehen, dass sie für einen Drink zu haben ist und er zahlt ihr einen, will sie anbaggern, tanzt mit ihr, giert in ihr Décolleté, sieht den Wonderbra und dass fast alles unecht ist, sie merkt, dass er ein Secondo ist und sich vor allem für Spoiler interessiert, er will ihr an die Wäsche, sie knallt ihm eine, er zahlt ihr noch einen Drink, will sie abschleppen, sie sms-t ihre Freundin herbei, der zahlt er auch einen, will beide abschleppen, denn die trägt oben echt, da kommt eine ganze Horde Balkanis und will dem Secondo die Beute abjagen, der bleibt cool, tut so, als ob er die beiden Girls schon ewig kenne, verwandt sei mit ihnen, sagt 'Come on sisters, wir verlassen diese trübe Spelunke' – die beiden sind beeindruckt, gehen mit raus, er spielt mit dem Autoschlüssel, hat aber gar keins. Draussen ist es kalt, der 13-er kommt, die Girls hauen ab, der Secondo schwingt sich fluchend auf sein Fahrrad, da fallen die Balkanis über ihn her, hauen ihn windelweich, klauen sein Fahrrad, werfen es in die Limmat – und Zürich hat einen Sozialhilfebezüger mehr.
So missvergnüglich-kompliziert oder ähnlich ist es, wenn Mensch-Männchen auf Mensch-Weibchen trifft. Und deshalb nennt man das, was zwischen ihnen abgeht 'Denken' und nicht etwa 'Instinkt'. Und wer das weiss, ist schon fast Professor (siehe oben). Denn das ist der Unterschied zwischen Professoren und gewöhnlichen Sterblichen: Normalos nehmen an, vermuten, spüren, ahnen, glauben - Professoren aber wissen. Wissen ist ganz etwas anderes, es ist - wie wenn der Papst ex cathedra etwas sagt - zwingend wahr, richtig und gültig. Zumindest bis es von einem neuen Wissen abgelöst wird. Aber in der Zwischenzeit ist es eben absolut und objektiv und duldet keine Widerrede, es hat einen viel höheren Stellenwert als wenn Frau Huber annimmt, der Pöstler sei schon da gewesen, weil sie Fussspuren im Schnee sieht, die zum Briefkasten und wieder von ihm weg führen. Wissen ist würdevoller. Nur Intellektuelle 'wissen'. Das muss mit der Praxis rein gar nichts zu tun haben, im Gegenteil. Nichtsdestotrotz wollen wir's jetzt etwas genauer wissen und denken nochmals etwas praktisch nach:

Was denkt wohl ein Hund, wenn er eine Platte voll feinstem Fleisch vor die Nase kriegt – 'saignant'? Er denkt mit grosser Wahrscheinlichkeit: "Das hau ich jetzt gleich rein" – und haut es rein. Was denkt hingegen ein Mensch, wenn er eine Platte voll feinstem Fleisch vor die Nase kriegt – 'saignant'? Er denkt – falls er ein Er ist – mit grosser Wahrscheinlichkeit: "Bestimmt wieder so fad wie das letzte Mal. Schade um das schöne Stück" und stochert missmutig im Teller herum. Sie denkt mit grosser Wahrscheinlichkeit: "Wahrscheinlich wieder total versalzen, wie das letzte Mal. Schade um das teure Fleisch" und stochert missmutig im Teller herum. Falls die Szene nicht zuhause, sondern in einer Beiz spielt, denkt er mit grosser Wahrscheinlichkeit: "Da kriegt man womöglich Salmonellen oder sonstwas. Man weiss in dieser Knelle ja nicht einmal woher das Zeugs kommt. Das erfahren bestenfalls die Hinterbliebenen. Magen auspumpen, auch nicht unbedingt der ultimative Kick am Samstagabend" oder ähnlich. Sie denkt: "Mit der Kräuterbutter schmeckt es viel besser, aber das sind wieder mindestens 596 kCal zuviel. Und dann der Mundgeruch. Man weiss ja nie wie der Abend endet, falls er nachher noch weggeht" oder ähnlich.

Auf jeden Fall nennt man unter Menschlein diese geradlinige Art der Wahrnehmungsverarbeitung des Hundes 'Instinkt'; das, was der Mensch macht hingegen 'Denken'. Und da so zwingend das Denken eben nur bei Menschen vorkommt, weil man dieselbe Tätigkeit bei Tieren einfach anders benennt, kann man dann auch munterstens behaupten, das Denken adle den Menschen, gebe ihm seine ganz spezielle Würde. So steht es jedenfalls im Lexikon. Ja, auch ein Lexikon haben die Hunde nicht! Diese unterentwickelten Unterhunde! Sie können zwar Tausende von Düften aufgrund winzigster Mengen auseinanderhalten und sich merken, also mit einer Vorstellung verbinden und auch richtig reagieren, wenn sie einen derart memorierten Duft wieder wahrnehmen. Dasselbe zum Beispiel bei den Schritten aufs Haus zugehender Menschen. Aber das ist alles nur 'Instinkt', will man den Glöcknern glauben. Nur der Mensch denkt, z.B. wenn er denkt: "Shit!" oder je nach Kulturkreis auch "Scheisse!" oder "Merde!" oder "Stronzo!", aber doch weltweit am häufigsten denkt der Mensch "Fuck!" Und dann vielleicht "Wo hab ich denn das verdammte Lexikon hingeknallt beim letzten Umzug?" – Das denkt der Mensch und das adelt ihn. Und deshalb frisst er notfalls auch den Hund, d.h. wenn die Angst vor Salmonellen oder den 596kCal ihn nicht davon abhält. Wenn es ihn aber davon abhält, dann ist das ethisches Denken und das adelt ihn dann noch mehr. Wenn er also angesichts der Fleischplatte denkt "Fuck, den bloody shit fress ich nicht", dann zeigt sich da eben die Würde des Menschen, die ihn - so wird uns immer wieder eingehämmert - über das Tier 'erhebt', also rein geistig natürlich, da es ja bekanntlich Tiere gibt, die grösser sind als er. Aber eine Giraffe - tja, die denkt sich eben nichts dabei, die hat ja noch nicht einmal einen Begriff vom Begriff des Buschs bzw. des Bushs - das haben wir ihr nun definitiv voraus und das adelt uns nun mal mitsamt dem Bush, solange man ihn eben begrifflich nicht als Busch begreift und höchstens buschig wird, weil er Buschis zum Abschuss frei gibt..

Nun, was denkt eine Giraffe, wenn sie in der afrikanischen Steppe einen kleinen Menschen sieht? Sie denkt mit grosser Wahrscheinlichkeit: "Lustiges kleines Tier, zum Glück kann der die Äste nicht fressen, die ich erreiche" oder ähnlich. Und was denkt der Mensch, wenn er eine Giraffe sieht? "Fuck! Zuerst ein paar Bilder, die kann ich bestimmt einem tranigen Privatsender verhökern, dann knall ich das blöde Vieh ab. Aus den Stirnhöckern lässt sich ein Potenzmittel raffeln. Wenn ich das mit helvetischem Kuhhorn strecke, wirft das ein erkleckliches Sümmchen ab. Das Fell ist auch begehrt als Bettvorleger – und die Fleischpreise sind oben! Lass mir noch was einfallen für die Hufe – nette Aschenbecher oder Nippes. Nix wie los!" Sowas denkt der Mensch – und schiesst, zuerst mit dem langen Tele, dann mit der langen Flinte. Und das adelt ihn doch, nicht wahr?

Tja und was denkt ein Eisbär, wenn ihm die Eisschollen am Pol unter dem Po langsam wegschmelzen? Er denkt... – Gut ich schenk's euch. Hauptsache ihr denkt euch was, denn das adelt euch und erhebt euch über das Vieh - tja, da haben vielleicht auch ein paar dümmliche Sätze aus der Bibel mitgewirkt, dass bis heute das Faustrecht gilt in der Natur, dass der Mensch bis heute alles, was er tut, letztlich immer noch nur gerade damit legitimiert, dass er es kann - und diese doch reichlich hölzige Haltung so schlecht und recht camoufliert mit Sätzen wie 'Machet euch die Erde untertan' - oder mit den vielen dümmlichen Philosophentexten über den 'Geist der Tiere', über Menschenwürde, über das Primat der Verbalsprache und so weiter.

Nun - Denk-Aufgabe wäre also, darüber hinaus zu denken, über den immer noch modischen Anthropozentrismus hinaus zu äugen - und statt ständig auf den eigenen Nabel zu schielen, sich mit Respekt und Achtsamkeit den Tieren, Pflanzen, auch den Dingen zuzuwenden, wieder staunen zu lernen über das, was ist und dass es so ist, wie es ist. Vielleicht geriete die menschliche Hybris, die Aufgeblasenheit, die ganze Eitelkeit des haarlosen Äffleins dann für ein paar Augenblicke in den Hintergrund - mich würd's freuen.