Denk-Aufgabe 808 vom 1.4.2008

 

Lob der Dummheit

Lob der Raffgier – Lob der Machtgeilheit – Lob des Krieges – Lob der Krankheit – Lob des Todes – Lob des Fundamentalismus – Lob der Lüge – Lob des Vergessens – Lob der Prostitution – Lob des Ungehorsams – Lob...

I. Summary for quick-readers

Für die Schnellleser, die mich daran erinnern, dass ich 'Lob der Oberflächlichkeit, Lob der Eitelkeit, Lob der Hetzerei und Lob der Wichtigtuerei' vergessen habe im Titel, sei der komplexe Gedankengang auf einen einzigen simplen, aber zugegeben etwas langen Satz reduziert – ja: Lob der Simplizität, Lob des Reduktionismus:

Stellen Sie sich das Leben einmal ganz kurz ohne all die erwähnten und mit Lob versehenen Phänomene vor, eine Welt voller Neunmalkluge, in der Sie sich nicht mehr profilieren könnten als Superhirsch, voller bescheidener, genügsamer, schmallippiger, nichts begehrender Biederbürger, eine stinklangweilige, streitlose Welt voll Friede-Freude-Eierkuchen, wo alle dauernd ekelhaft gesund wären, die Alten nie stürben, ewig den noch nicht ganz so Alten ins Handwerk pfuschten und es nichts zu erben gäbe, wo alle vor lauter Einsicht in die Relativität der Gültigkeit ihrer Wahrnehmungsinterpretationen die Hände in den Schoss legten, einander ständig ihre 'Wahrheit' erzählten, keine einzige gerissene, abenteuerliche Lüge, kein krummdenkender Odysseus... ja, ganze Berufsstände wären ausgestorben: Was wäre mit unseren lieben Politikern, die ein Leben lang fast nichts anderes tun als Dummsein, Kriege anzetteln, lügen und gleichzeitig fundamentalistisch die absolute Wahrheit für sich beanspruchen, was wäre mit den Generälen und den Anwälten, mit den Unternehmern – macht es denn Spass, in einem Markt brav und bieder sein Nischchen zu finden, ohne Tricks und Lügen und Krieglein und ohne die Dummheit der andern auszunutzen – ja was ist mit der Werbung, der institutionalisierten Kunst der Lüge? – und was mit den Medien, die auf so vielfältige und doch auch lustige Weise täglich vor Lügen, Dummheit und Kriegsberichten strotzen – gäbe es überhaupt noch den Markt, das heiligste Heiligtum der westlichen und bald auch östlichen Welt, gäbe es diesen Altar des Materialismus ohne Raffgier, die doch meist so herrlich gekoppelt ist mit überbordender Dummheit, mit dem kurzatmigen 'mehr, grösser, länger, schneller' – ja, was würden SIE, lieber Schnellleser denn noch tun, woher nähmen Sie die Motivation, so herum zu eilen, sich wichtig und bedeutsam zu fühlen, wenn Sie nicht mehr Grund hätten zu meinen, kluger, schlauer, durchtriebener, effizienter im Krieg der Marktteilnehmer zu sein als die andern, von deren Raffgier und Dummheit Sie leben?

Ich hoffe, dieses 'summary' genügt Ihnen, lieber Hopphopper, mein Lob all der auf den ersten Blick negativ bewerteten Wörter als zwar durchaus richtig, aber finanziell irrelevant zu taxieren und sich deshalb wieder voll und ganz Ihrer bedeutenden Tätigkeit zu widmen. Vielleicht ist es ja auch besser, Sie vergessen das gelesene Gefrotzel gleich wieder, es könnte das Aushecken der nächsten Tricks verzögern: Wollten Sie der Menschheit nicht ein neues Handy mit eingebautem Closomat schenken, das automatisch den Hintern abwischt, damit der Träger desselben schneller beim nächsten Geschäft sitzt? Ein todsicheres Business, denn sterben tun die immer länger nicht, aber das mit der Darmentleerung – da kann man sich vorläufig noch drauf verlassen!

 

II. Ode an die letzten lebenden 'Mehr-als-20-Minuten-Leser'

Lieber vom Aussterben bedrohter Längerleser! Ich hoffe, Sie haben das 'summary' mit einem leichten Schmunzeln hinter sich gebracht. Lassen Sie uns zusammen die These etwas genauer betrachten. Es ist ja ganz offensichtlich eine nicht abschliessende Aufzählung und das Gemeinsame an allem, was ich da zu loben empfehle ist, dass all die erwähnten Begriffe im heute gerade noch herrschenden Zeitparadigma der westlich-abendländischen 'Kultur' eher negativ besetzt sind. Die Aufforderung geht also dahin, sich mit dem kollektiv oder - noch lieber - mit dem individuell negativ Besetzten auseinander zu setzen – übrigens eine herrliche, längst lexikalisierte Metapher: sich mit jemandem oder etwas auseinander setzen; da wird die Distanz zwischen minimal zwei Entitäten oder Phänomenen betont, aber auch eine gewisse Nähe impliziert, denn man muss sich minimal zuwenden, um sich mit jmd./etwas auseinander setzen zu können, andererseits darf man sich nicht auf das Objekt der Zuwendung draufsetzen, wie das die lieben Männlein meistens wollen, denn dann fehlt ja eben das Distanz anzeigende 'aus' von 'auseinander setzen' – die klassische Distanz zwischen Beobachtendem und Beobachtetem, die erforderlich ist, dass Auseinandersetzung überhaupt möglich ist. Genau um dieses Paradoxon der Polarität und der Balance geht es in dieser Denk-Aufgabe.

1. Polarität, Reduktion auf Zweiheit als Einstieg ins Komplexe
'Polarität' ist ein simplifizierendes Bild, das nur gerade zwei Pole suggeriert. Bei genauerem Hinsehen, Hinhören, Hinriechen, Hintasten, Hinschmecken, Hindenken, Hinfühlen, Hinspüren sind es nie nur zwei, sondern immer eine ganze Vielzahl von Dingen, die es auszubalancieren gilt. Aber ich rede ja auch dem Lob des Einfachen, der Simplifizierung und des Reduktionismus das Wort: als Einstieg taugt die Reduktion der Vielfalt auf Zweiheit durchaus, schade wäre nur, darin stecken zu bleiben. Man sieht den Prozess wunderschön bei der Entwicklung der Demokratie: Es ist bereits ein Riesenschritt, wenn aus der Einparteien-Diktatur ein Zweiparteiensystem wird, immerhin schon der Kindergarten der Demokratie. Dann gibt es unechte Mehrparteiensysteme, wo Dritt- und Viertparteien nur so marginale Zipperlein sind, die sich für die Rollen als Spielverderberlis, Zünglein an der Waage eignen in Zweiparteiensystemen mit zwei fast gleich starken Kräften. Und ganz selten gibt es die echten Mehrparteiensysteme, wo wirklich eine Mehrzahl eigenständiger Konzepte mit einer gewissen Potenz um die Gunst des Stimmbürgers buhlen. Wer Lust hat, sich vertieft mit der Thematik der Zweimachung auseinander zu setzen, sei freundlichst per Link zu meinem Versuch der Untersuchung der Zweimacherei geführt: Binarität.

2. Analyse und Bebilderung der These

2.1. Verdichtung
Ihres provokativen Mäntelchens beraubt und auf paradoxe Kürze reduziert lautet die Titel-These: 'Positivwertung des Negativen'. Damit ist gleichzeitig die Werterei wie die Umsetzung der Wertung in Sprache, in 'Hochwert-' und 'Nicht-Hochwert-' bzw. 'Tiefwertwörter' relativiert und in Frage gestellt. Denn die Aufforderung, das Negative positiv zu werten, kann man auch verstehen als Aufforderung, das Werten überhaupt aufzugeben und damit auch die Einteilung der Wörter in solche mit 'Hochwert' und andere mit 'Tiefwert'. Das mag ein Fernziel sein. So kurz vor dem Verlassen des Körpers scheint es mir eine hilfreiche Sache zu sein, sich von der Wertung und der wertenden Sprache zu lösen. Dies würde einem Teil des Ent-Schöpfungs-Prozesses entsprechen, der die Schöpfungsparameter 'Ich', 'Zeit', 'Raum', 'Kausalität' auflösen hülfe (mehr dazu in Denk-Aufgabe_805). Aber hier und heute möchte ich die These weniger unter dem Aspekt der Sterbe-, als unter dem der Lebenshilfe betrachten und schauen, ob man allenfalls mit Welt besser umspringen kann, wenn man die These praktisch umzusetzen versucht. Zu diesem Zweck möchte ich der jetzt etwas gar nüchtern daherkommenden Behauptung wieder etwas mehr Farbe und Fassbarkeit verleihen, zuerst mit allen Pinseln gleichzeitig, was einen etwas opulenten Satz ergibt, dann hübsch nach Farbklecksen geordnet:

2.2. Die These fett und farbig ausformuliert:
Wenn es uns gelingt, Wertung ganz agil stets modellbezogen, kontextbezogen, situativ, lagekonform, gemäss unserem erreichten Entwicklungsstand und unserem nächsten Entwicklungsziel vorzunehmen, uns stets bewusst zu sein, dass es sich um einen subjektiven und damit von uns änderbaren Entscheid in einem bestimmten Zeitpunkt unter bestimmten Umständen handelt und dass es immer uns überlassen ist, von aussen suggerierte Wertungen, Trends, Moden zu hinterfragen und genau so viel zu übernehmen oder abzulehnen, wie uns im Zeitpunkt der Entscheidung gerade richtig scheint, dann ist uns auch die Relativität jeglicher Wertung jederzeit bewusst und wir haben gute Voraussetzungen, die Interdependenz, die Zusammengehörigkeit, die Berechtigung der Existenz unterschiedlicher Wertungen zu akzeptieren und mit Wertungen zu spielen, zuerst in der geschützten Werkstätte unseres Denkens, dann immer mehr auch im nach aussen sichtbaren Handeln, im Reden, Schreiben und Tun. Und irgendwann gelingt uns auch das synchrone Zusammendenken der Gegensätze, ihre Vereinigung zum Oberbegriff, zu zwei Facetten von ein und demselben.

2.3. Agil werten?
"Ja um Gottes Willen wo kämen wir da hin, wenn wir die ganze Zeit 'agil werten' würden? Jegliche Stabilität wäre dahin, man könnte sich ja nicht einmal mehr auf sich selbst verlassen, wenn man dasselbe, was man heute positiv wertet, morgen schon negativ und übermorgen womöglich als gleichgültig betrachtete. 'Agil', das klingt so nach schlangenhafter Beweglichkeit, nach zapplig-glitschiger Entschlüpferei – das mag beim Turnen und Tanzen recht sein, aber doch nicht bei so was Ehernem wie unseren Werten? Was soll denn das? Das Gegenteil ist doch zeitgemäss, jedenfalls für anständige Intellektuelle, nämlich das Gejammer über den Verlust, über den Ausverkauf der Werte, über die Destabilisierung all der so lange gültigen Wertvorstellungen, Wert-Hierarchien. Ist nicht genau hier das Unglück zu suchen, dass die Wertegemeinschaft am Zerfallen ist, ja dass man kaum mehr verlässliche Kollektive mit gemeinsamen Werten findet? Wo kommt denn der Zusammenhalt, der Konsens, das Vertrauen in einer Gruppe hin, wenn nicht wenigstens minimale gemeinsame Werte da sind, auf deren Hochhaltung man sich verlassen kann? – Und jetzt kommt da einer und will in der Zeit, wo sowieso schon alles relativiert und dekonstruiert wird, uns auch noch den letzten Anker, das letzte Gerüst vermiesen, die gemeinsamen Werte..." – so oder ähnlich könnte es klingen aus den Bürgerstuben und Dozentenzimmern.
Wer allerdings nicht schon nach dem Wort 'agil' agil auf die Barrikaden stürmt, sondern geruhsam genauer hinhört, sieht, dass ich nicht der völligen Werte-Willkür das Wort rede, sondern vorschlage, modellbezogen, kontextbezogen, situativ, lagekonform, gemäss unserem erreichten Entwicklungsstand und unserem nächsten Entwicklungsziel zu werten. Innerhalb von Modellen wie Schachspiel, Blues, Rechtsordnung, Börse, Kaderselektion für Ihr Unternehmen, Sport, aber auch innerhalb von Diskursen wie dem medizinischen, dem politischen oder dem in Ihrem Freundeskreis üblichen Diskurs gibt es selbstverständlich nach wie vor gemeinsame Wertungen, auf die durchaus Verlass ist. Ob Sie mit einem Inuit oder einem Kenianer musizieren, das Blues-Schema ist immer gleich; wer auch immer ihr Schach- oder Golfpartner ist, mit der Aufnahme des Spiels werden die Spielregeln anerkannt. Als witziges Beispiel für die Agilität, die es durchaus auch bei Spielregeln gibt, sind die teils regionalen, teils im doppelten Sinne 'lokalen' Regeln beim schweizerischen Jassen, wenn in einem Wirtshaus-Lokal an der Wand steht, ob hier "Stöck, Wys, Stich" gelte oder eine andere Reihenfolge für den Fall, dass es im letzten Spiel bei der Zählerei knapp wird.

Der Trumpf, den ich hier ausspielen möchte, ist zu zeigen, dass wir einen völlig vertrauten Umgang haben mit der örtlichen, zeitlichen und auf einen beteiligten Personenkreis beschränkten Gültigkeit von Wertungen. Stellen Sie sich vor, die Wertehierarchie 'Stöck, Wys, Stich' stünde im Behandlungszimmer eines Zahnarztes oder im Befragungsraum eines Gefängnisses oder im Inserat einer Immobilienfirma.

2.4. Gemässheit von Diskursen
Zur Plausibilisierung der situativen Gültigkeit von Diskurselementen hilft vielleicht das Beispiel der klassischen Arztfrage: "Was fehlt Ihnen?" – bzw. in der moderneren, aber keineswegs klugeren Version "Was haben Sie?" Stellen Sie sich kurz vor, wie Sie reagieren würden, wenn ein Unbekannter in einem Warenhaus oder einem öffentlichen Verkehrsmittel diese Frage an Sie richtete. Sie würden dies mit grosser Wahrscheinlichkeit stark negativ bewerten, als 'beleidigend', 'daneben', 'geht doch den nichts an', 'was erlaubt sich der überhaupt' etc. Und nun stellen Sie sich vor, Sie sitzen zur Konsultation bei Ihrem Hausarzt und er würde diese Frage nicht stellen. Es ist wohl nicht abwegig zu vermuten, dass Sie das Nicht-Stellen der Frage als 'daneben', ja 'verletzend' oder zumindest 'unprofessionell' bewerten würden. Zwischen den beiden Situationen könnte ohne weiteres sowohl zeitlich wie örtlich nur ein ganz kleiner Abstand bestehen – und doch würden Sie dieselbe Fragestellung höchst unterschiedlich bewerten. Wir können es noch zuspitzen und uns vorstellen, Sie träfen Ihren Hausarzt im überfüllten Zug an und er würde dieselbe Frage in diesem Umfeld lauthals stellen. Wäre das nicht ziemlich 'daneben'? Wir können sogar noch weiter gehen und eine völlig banal-alltägliche Situation nehmen, wo die gleichen Personen im gleichen Raum den gleichen Satz sagen, aber zu einem anderen Zeitpunkt. Und das eine Mal ist der Satz völlig gemäss, passend, wird von beiden positiv bewertet, das zweite Mal ist er komplett daneben und kann dazu führen, dass sich der Rezipient überlegt, ob er den Sender der Botschaft nicht schonend in die Psychiatrie einweisen solle, was doch auf eine heftige Negativbewertung des Satzes bzw. von dessen Äusserung schliessen lässt:
Ein Paar sitzt am Tisch und überlegt sich, was sie zusammen kochen könnten. Er sagt: "Ich habe Riesenlust auf Spaghetti". Sie teilt dieses Begehren, bewertet den Satz positiv und hilft beim Kochen. Eine Stunde später haben sie sich vollgestopft mit einer grossen Portion Spaghetti, legen die Servietten beiseite und er sagt in vollem Ernst denselben Satz noch einmal. Wenn er das weder als Witz noch im Stil des absurden Theaters bringt und auch nicht sturzbetrunken ist, sondern diese Aussage wirklich nüchtern-ernsthaft vorbringt, so nimmt sie dies vielleicht mit Schrecken als ein Zeichen hochgradiger Demenz auf und bewertet die Äusserung entsprechend negativ.

Wenn so wenig Änderung in der Situation zu einer diametral entgegengesetzten Wertung führen kann, so ist meine Behauptung doch gar nicht so schief, es gelte agil und situationsgemäss zu werten und sich stets der Relativität der Wertung und der Beschränktheit ihres Gültigkeitsanspruchs bewusst zu bleiben, oder nicht?

2.5. Gemäss dem Entwicklungsstand?
"Was hat die Werterei denn mit dem Entwicklungsstand zu tun? Und was für eine Entwicklung ist gemeint? Die körperliche vom Säugling zum Greis? Die geistige vom tapsigen Analphabeten zum Nobelpreisträger? Die seelische vom egozentrischen Rohling zum achtsamen Altruisten? Die spirituelle von der völlig abgetrennten Isolation zum 'Mit-allem-Einssein'?" – Nun, bereits in der Wahl der Entwicklungsschiene und der Bezeichnung ihrer Ausgangs- und Endpunkte liegen haufenweise Wertungen, die ihrerseits wiederum auf die aktuelle Wertehierarchie dessen schliessen lassen, der sie vornimmt. Wählen Sie also fröhlich den Ihnen heute wichtigen Bereich oder auch gleich mehrere, die Sie überblicken, und suchen Sie herauszufinden, ob sich Ihre Wertungen im Verlaufe der gerade fokussierten Entwicklung geändert haben? Natürlich gibt es Männer, denen das Saugen an (Mutter-) Brüsten und ihren Surrogaten zeitlebens ein hoher bis höchster Wert bleibt, deren Entwicklung also kaum merklich vonstatten geht, genau so wie es weibliche Wesen gibt, denen die täuschende Gestaltung ihres Äusseren von der Wiege bis zur Bahre prädominantes Thema ist, aber es gibt ja genügend andere Entwicklungsbereiche, die man sich in solchen Ausnahmefällen als Untersuchungsgegenstand auswählen kann.

2.6. Wertung: subjektiv und änderbar?

2.6.1. Opfer oder Täter?
"Es gibt doch vorgegebene Grundwerte in einer Gesellschaft, die man mit der Muttermilch einsaugt, deren Verletzung mit Sanktionen bedroht sind, nicht nur rechtlichen, sondern auch wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, religiösen, familiären? Wir finden doch ein Wertegefüge vor, dem wir uns notgedrungen anpassen müssen? Das ist doch alles Gelabber mit der Freiheit und dem freien Willen! Die nie geäusserten Träumlein vielleicht, die sind frei, aber schon was wir sagen und schreiben und erst recht, was wir tun, unterliegt doch einem Wertekodex, auf den wir nicht den geringsten Einfluss haben?!"

So oder ähnlich könnten sich Opfertheoretiker, Existenzialisten, Schuldprojektions-spezialisten oder Epigonen Foucaults äussern, die bei der Frage nach dem Welt- und Menschenbild völlig andere Wertungen vornehmen, als ich sie hier gerade empfehle; bei denen der Mensch primär Opfer von Machtstrukturen ist, bei denen auch und gerade der Macht Ausübende nicht in Eigenverantwortung handelt, sondern als durch wieder andere äussere Mächte und Strukturen zum Machtmissbrauchenden gewordenes Opfer eines wie auch immer vorgestellten abstrakten Staats- oder Gesellschafts- oder Schicksals-Molochs. – Selbstverständlich darf man die Welt, die Menschen, sich selbst so sehen und es ist auch seit ein paar hundert Jahren zunehmend Mode, die Dinge so zu sehen. Ich wage nur, an der Glücksrelevanz und der Entwicklungseffizienz zu zweifeln. Denn der Opfer-Status ist regelmässig 'Ende des Locheisens': tiefer hinunter geht's nicht mehr. Ein Opfer kann - zumindest gemäss allgemeinem Sprachgebrauch - per definitionem nichts ändern an seinem Zustand. Sobald es dies tut, kollert es aus dem Begriffs-Gefässlein heraus und wird Täter, denn nur Täter tun, Opfer erdulden, erleiden. Bereits das Jammern des Opfers ist ein Tun und damit nicht mehr 'opfer-gemäss'. Das Gejammer kann ja bereits ein vielleicht hilfloser, aber immerhin doch ein Versuch sein, eine Änderung herbei zu führen, indem das Opfer auf sich aufmerksam macht und Hilfe herbei fleht. Nur: Wenn alle Opfer sind, wer soll dann helfen?

2.6.2. Wertungen im Test
Wir haben in unserem ewigen hermeneutischen Zirkel bislang gar nicht festgelegt, was unseres Erachtens mit 'Wertung' gemeint sei und weshalb dies so sei. Nun, ich behaupte, jeder innere oder äussere Akt einer Entität beinhalte eine Wertung. Keine Entität habe je nur eine einzige Möglichkeit der Wahrnehmung, sondern immer eine unendliche Fülle von Möglichkeiten. Damit wäre jede Fokussierung eines Objekts eine wertende Wahl, die anderes marginalisiert oder ganz ausklammert. So wird auch jede Art der Wahrnehmungsverarbeitung, der Interpretation zu einem wertenden Akt. Dies beginnt im Innern bei der Fokussierung und Interpretation eigener Gedanken, also zum Beispiel den Gedanken über einen Gedanken, den Gefühlen, die ein Gedanke auslöst oder den Gedanken, die ein Gefühl auslöst und umfasst sämtliche Arten der Äusserung von Gedanken, also auch die ganze Palette nonverbaler bzw. multimodaler Kommunikation (zum Entsetzen einiger lieber Lesematter habe ich es auch bei diesem Thema nicht geschafft, nichts dazu zu sagen: 'Multimodale Kommunikation'). Diese weite Fassung des Begriffs 'Wertung' gibt der These eine entsprechende Tragweite.

Von Affenhirnen...
Ich meine, dass es sich durchaus lohnt, sich zumindest probehalber einmal auf das Modell einzulassen, das statuiert, Wertung sei subjektiv und änderbar. Tun Sie's doch einmal ganz spielerisch bei den nächsten 7 Wertungen, die Sie vornehmen. Zugegeben, so wirklich hübsch und anregend wird es erst, wenn Sie so leicht nach 'absolutem Gültigkeitsanspruch' riechende Wertungen testen wie "Affenhirn esse ich NIE!" oder eine Pauschalwertung, wie ich sie in meiner Sturm- und Drangzeit lauthals auch den Betroffenen unter die Nase rieb: "Alle Beamten sind phantasielos". Solche apodiktischen Werturteile machen die Subjektivität und Änderbarkeit stärker erlebbar als solche, in denen bereits relativierende Partikel wie 'eher', 'wohl', 'etwas' vorkommen oder die bewusste Subjektivität schon in der Wahl der einleitenden Wendung angezeigt ist: 'Ich finde...', 'Meines Erachtens...'. – Nehmen Sie also die deftigen, heftigen, verallgemeinernden Wertungen, die Ihnen locker auf die Zunge kommen, zur näheren Begutachtung auf Änderbarkeit. Sprachliche Anzeichen sind 'nur', 'immer', 'nie' und natürlich 'absolut', aber auch 'notwendigerweise', 'zwingend', 'unbestreitbar; sehr beliebt auch 'logischerweise' oder 'absurd' und 'widersinnig'.

Methodisch empfehle ich, zuerst nach entgegengesetzten oder zumindest markant anderen Wertungen zu suchen, im Beispiel also nach bekennenden Affenhirn-Essern oder Menschen – höchstwahrscheinlich ebenfalls Beamten –, die ihren eigenen Berufsstand der Phantasie bezichtigen. Das Finden solcher markant anderer Wertungen entpuppt sich regelmässig als erstaunlich einfach. Ich habe zumindest noch keine einzige wertende Äusserung gehört, zu der sich keine profiliert andere fände, die auch vertreten wird. Sogar so banale vermeintliche 'Fakten', bei deren Äusserung der sie Vornehmende sich keiner Wertung bewusst ist wie z. B. die nach dem Blick auf den Kalender getätigte Feststellung "Heute ist Montag, der 3. März 2014" findet locker zuerst einmal die Korrektur des Aussagentyps, indem entgegengehalten wird, dies sei nicht eine Feststellung, sondern eine wertende Behauptung, die die Allgemeingültigkeit des gregorianischen Kalenders suggeriere, ein Anspruch, der – je nach Charakter des Protestierenden – mehr oder weniger vehement und bombengestützt abgelehnt werden könne unter Verweis auf die jüdische, die mohammedanische, die bolschewistische, die mussolinische, die hitlersche und weitere Zeitrechnungen. Zudem sei – sogar wenn man den greogiranischen Kalender und die christliche Zeitrechung als Grundlage nehme, je nach Tageszeit längst nicht überall auf der Welt der 3., sondern andernorts eben noch der 2.März bzw. bereits der 4. März. Nicht anders ergeht es uns beim Affenhirn, das in asiatischen Ländern eine Delikatesse sein soll und bei dem sich auch die Frage stellt, ob denn die Grenze so klar gezogen sei, was wir denn damit meinten, wenn wir von 'Affen' sprächen und weshalb wir uns so sicher sein könnten, dass wir eben genau das damit meinten – immerhin die beiden wichtigsten Fragen der nach wie vor modischen Sekte der 'Analytischen Philosophie':
Die Analyse könnte ergeben, es handle sich dabei um eine häufige Bezeichnung, die sich Menschen gegenseitig an den Kopf würfen und es gebe Menschen, die sich wie Affen benähmen und wieder andere, die wie Affen aussähen und dritte, die sowohl so aussähen und sich so benähmen und dazu noch Präsident einer Supermacht seien; dergestalt erhielte die Frage politische Tragweite, ob der nie Affenhirn Essende nicht doch eine Ausnahme machen würde, wenn es sich bei dem vorgesetzten kleinen Häppchen auf dem Teller um das Hirnlein von Tschortsch Tubelju handeln würde...

...und phantasieüberquellenden Beamten
Noch einfacher zu kontern ist meine jugendlich-überdrehte Pauschalverurteilung der Beamtenschaft, immerhin ein – wie die Gruppe der Dementen – stetig wachsender, ja vielleicht sogar bereits der grösste Teil der Menschheit. Wenn man nur schon an die überbordende Phantasie denkt, mit der Beamte neue Beamtenstellen oder – mit geradezu genialischer Kreativität – neue Abgaben und Gebühren erfinden, so liegt doch die Subjektivität, die Einseitigkeit, Beschränktheit und Standpunktbezogenheit des Urteils auf der Hand. Nur weil ich mich z.B. als Grenzgänger mit Pferden im Gepäck betroffen fühlte von gewissen Ausbildungsmängeln, dem geruhsamen Arbeitsrhythmus und der oft etwas hilflos wirkenden Anwendung der gerade geltenden Bestimmung durch die Sub-Spezies der Zollbeamten, plusterte ich meinen Unmut zum Pauschalurteil auf. Die Ironie des Schicksals präsentierte mir nicht nur einen phantasievollen Bruder, der Staatsbeamter wurde, sondern auch die Begegnung mit fast schon attraktiven, kreativen Zöllnerinnen, sodass mir die Änderung meines als subjektiv und einseitig erkannten Vorurteils vergleichsweise leicht fiel.

Dickere Post
Aber das sind alles 'peanuts' gegen Wertungen der Marke "Allah (oder Jahwe, Christus, Zeus, Thor) ist der einzige Gott. Wer ihn nicht anerkennt, ist mit Feuer und Schwert dazu zu zwingen oder auszurotten blablabla..." oder "Rationale Vernunft ist die einzige Methode, mit der allgemein gültige Aussagen über die Welt gemacht werden können blablabla..." oder "Der Mensch ist die Krone der Schöpfung. Er ist legitimiert, sich die Welt zu unterwerfen und sie für sich zu nutzen, wie ihm beliebt blablabla..."
Der welthistorisch und auch aktuell betrachtet doch eher ungemütlichen Dimension solcher Wertungen kann man sich – so meine These – am besten entziehen, indem man sie nicht als eherne Wahr- oder Falschheiten, als von fernen Mächten in Stein gemeisselte Unantastbarkeiten anschaut, sondern als ganz klar von einzelnen Entitäten an Kollektive verkaufte Behauptungen, die von jedem einzelnen mit ihnen konfrontierten Wesen akzeptiert oder verändert bzw. abgelehnt werden können. Das heisst nicht, dass sie mit der Ablehnung durch eine einzelne Entität aus der Welt wären. McDonald bleibt für andere die Nummer 1 der Welt im Fastfood, auch wenn wir diese Wertung nicht teilen, sei es, dass wir Zahlenmaterial aufbereitet haben, das ganz toll beweist, dass die wahre Nummer 1 eben Burger King oder eine Pizzakette oder eine Asian-Food-Bude sei, sei es, dass wir gar nicht einen quantitativen sondern einen qualitativen Bewertungsmassstab benützen und zum messerscharfen Schluss kommen, dem original getrockneten Bü-Bü-Bündnerfleisch gebühre der Spitzenplatz. Genau so ist es mit den eingangs erwähnten religiösen Behauptungen. Sobald wir sie als subjektive, änderbare Wertungen anschauen, verlieren sie ihre eklig-missionarische Belästigungskomponente. Wenn der Indianer Roter Bär in seinem Pueblo einen Totempfahl aufstellt und den als seine Mitte der Welt verehrt ohne den hirnrissigen Anspruch, der Pfahl sei für das ganze Universum die 'Mitte der Welt', so gibt es doch nicht die geringsten Probleme, wenn der Eskimo Weisser Wolf den dicksten Eiszapfen Grönlands zu seiner Mitte der Welt erklärt und sein Ritual darum herum vollzieht, den kleinen Eskimölis seine Mythen dazu erzählt.

So entspannt könnte es zugehen, wenn man – nur so versuchsweise und von mir aus befristet – das auch hinter der religiösen Toleranz des Buddhismus stehende Modell der Subjektivität, Relativität und damit Änderbarkeit jeglicher Wertungen ausprobierte.

2.7. Die Macht der Modelle
"Als satter Schweizer hinter den Bergen eine grosse Klappe haben und von der Freiheit des Wertens, der Subjektivität und Änderbarkeit schwafeln, ist keine grosse Kunst. Mach das doch mal in Bagdad, Teheran oder Islamabad!"
So oder auch etwas moderater könnten Einwände gegen das Behauptete lauten. – Nun, innerhalb von Modellen, von Kontexten können Wertungen natürlich sehr stringent und spürbar Gültigkeit beanspruchen. Am simpelsten ist es bei Rechtsordnungen: Wenn der Gesetzgeber für den Gültigkeitsbereich einer Rechtsordnung das absichtliche Umbringen eines Menschen mit der Sanktion der Todesstrafe und das absichtliche Umbringen eines Tieres mit einer Fleischproduktionsförderungssubvention oder – für den Fall, dass das Tier im Eigentum eines andern Menschen stand – mit der Sanktion 'Schadenersatz wegen Sachbeschädigung' belegt, so entfaltet diese Wertung durchaus Gültigkeit innerhalb des betreffenden Modells und dem gegen die Rechtsordnung verstossen Habenden hilft es nichts, die im Modell gültige Wertung als inkohärent, subjektiv und änderbar zu qualifizieren. Natürlich ist sie dies, aber auch für die Änderung bestehen in einer Rechtsordnung, die diesen Namen verdient, festgehaltene Wertungen, wie sie zu erfolgen habe. Das Problem ist, dass man mit dem Eintritt in ein Spiel, in einen Kontext, in ein Modell, aber auch mit dem Hineingeborenwerden in eine Rechtsordnung die Spielregeln akzeptiert. Erst wenn das Kind zu eigenen Entscheiden fähig ist und sich eine minimale Bewegungsautonomie erworben hat, kann es z.B. das Modell der Rechtsordnung verlassen, in das es hinein geboren wurde. Auch wenn in dieser Zeit des Aufwachsens in der Regel relativ wenige brisante Verstösse gegen die nicht freiwillig gewählte Rechtsordnung vorkommen, so ist dies doch ein nicht wegzuwischendes Problem, das zwar nicht an der Plausibilität, aber an der konkreten Umsetzung meiner These zu nagen scheint. Auch für ein Kleinkind gilt grundsätzlich und theoretisch, dass Wertungen subjektiv und änderbar sind, aber praktisch muss es zumindest zuerst den Entwicklungsstand erreichen, dass es überhaupt bewusst eigene Wertungen vornehmen kann. Nur: Woher wissen wir denn, wann dieser Moment eintritt? Die rationale und verbalsprachlich geäusserte Wertung ist doch nicht die einzige Möglichkeit, Wertungen zum Ausdruck zu bringen. Das Schreien des Säuglings, die Ablehnung von Nahrung, die unterschiedliche Reaktion auf Menschen, Kleidung, Temperaturen, Räume und vieles mehr sind doch alles implizite Wertungen, die sich in konkludentem Verhalten äussern?
Die Macht der Modelle ist – genau wie die Spielregeln eines Spiels – stringent und unerbittlich, solange wir im Modell, im Spiel sind. Der König im Schach ist – zur Freude aller emanzipierten Frauen – geradezu lächerlich eingeschränkt in seiner Bewegungsfreiheit im Vergleich zur Königin, die alles kann und darf – ausser der Hüpfbewegung des Pferdes. Ausserhalb des Schachspiels werden alle diese Regeln absurd: Türme bewegen sich eher selten, Läufer nicht nur schräg, Bauern können sehr schnell sehr weit – zumindest bis nach Bern – sausen, solange dort die Subventions-Giesskannen aufgestellt werden, Könige sind, auch wenn sie sich (v.a. geistig!) nicht mehr bewegen können, noch lange nicht matt, und dass ein Bauer im Modell menschlicher Gesellschaft zur Königin mutiert, wenn er die Spielfeldgrenze erreicht, klingt nach eher ferner gentechnologischer Zukunft.

2.8. Innere und äussere Autonomie
Aber nichts hindert uns, zumindest gedanklich das Modell zu verlassen. Wir dürfen die faktische Gewalt von Modellen nicht mit dem Wertungsmonopol verwechseln. Eine Rechtsordnung kann uns zwar mit einer Sanktion bedrohen oder eine Belohnung aussprechen für ein Tun, aber die Bewertung nehmen wir immer selbst vor, subjektiv und änderbar. In Deutschland gab es vor nicht allzu langer Zeit sogenannte Stutenkiller, die bei Nacht und Nebel weidende Stuten verletzten oder sogar töteten. Hätte ich einen in flagranti ertappt, so bin ich überzeugt, dass ich ihn umgebracht hätte, wenn ich über die nötigen Mittel verfügt hätte. Dafür wäre ich von der Rechtsordnung als Mörder negativ bewertet und entsprechend bestraft worden. Meine eigene Wertung wäre eine diametral andere, positive, eben eine subjektive gewesen: ich hätte das Gefühl gehabt, richtig gehandelt zu haben, weitere Tiere von einem ähnlichen Schicksal bewahrt zu haben. Dahinter steckt eine weitere subjektive Wertung, dass bei mir Menschen nicht zwingend und in jedem Fall ein höheres Existenzrecht beanspruchen können als Tiere. Auch dies eine Wertung, die kaum jemand in der Gesellschaft, von der ich angeblich 'geprägt' wurde, teilt. Weder die Familie noch die Rechtsordnung noch die abendländische Kultur teilen meine Hochwertung der Tiere. Sie ist subjektiv – und selbstverständlich änderbar. Gut möglich, dass ich nach Jahren im Gefängnis den Mord bereut, den Umgebrachten als bemitleidenswerten Geisteskranken rehabilitiert hätte. Denkbar und möglich.

Ich behaupte also nicht die faktisch jederzeit überall im Aussen durchsetzbare Autonomie der eigenen Wertung, sondern nur grundsätzliche, innere Wertungs-Autonomie. Aber der Unterschied zwischen all den seit Jahrzehnten bis zum Abwinken wiederholten Bildern des machtlosen Ausgeliefertseins des Einzelnen in einer von mächtigen Kollektiven, Institutionen oder auch von mit grosser materieller Macht ausgestatteten Einzelnen beherrschten Welt und meinem Modell der autonomen Wertung, die sich mit mehr oder weniger grossen äusseren Umsetzungshindernissen konfrontiert sieht, ist gewaltig. Die Denk-Aufgabe bestünde nicht zuletzt darin, dies auszutesten mit brisanten eigenen Wertungen.

3. Lob der/des...

Soweit die theoretische Herleitung für die provokative These, Negativwertungen versuchsweise positiv zu betrachten. Nun möchte ich doch noch ein paar Streiflichter auf die konkreten gröbsten Behauptungen werfen, um etwas konkreter für die Plausibilität der Lobhudelei zu werben. Eine ausführliche rationale Argumentation für die einzelnen Subthesen würde den bereits gesprengten Rahmen einer Denk-Aufgabe hier noch pulverisieren, kann aber jederzeit nachgeliefert werden (jaja, dieses Angebot kann auch als Drohung aufgefasst werden, Lob der Länge – oder der Kürze, ganz nach Gusto und Kontext; beim Handy und beim Gespräch mit der Schwiegermutter Kürze, beim kleinen Helferlein und beim Urlaub Länge...).

3.1. Lob der Dummheit
Dummheit ist vielleicht ein Ärgernis, aber wer darüber hinaus schielt, entdeckt, wie segensreich, wie notwendig die Dummheit ist. Nehmen wir den Markt, unser aller Ernährer und Einkleider. Basiert das immer wieder gebetsmühlenartig beschworene zwingende Wachstum des Konsums und damit auch aller Anbieter nicht ganz zwingend auf grandioser Dummheit? Wie könnte der Markt zum Beispiel den Bedarf suggerieren für Luxusgüter, für die heiligen Marken-Artikel, für Zweit- und Drittwagen und -wohnungen, für all den kurzlebigen Gerümpel unserer Wegwerfgesellschaft, wenn er nicht mit der hochprozentigen Dummheit der Konsumenten rechnen könnte? Wie könnten all die auf Wachstum gerichteten Fusionen, die nachweislich zum überwiegenden Teil scheitern, immer noch so hoch in Mode sein, wenn nicht dank der herrlichen Dummheit sowohl derer, die sie vornehmen und sich damit einen Platz in den Annalen der Wirtschaftsgeschichte zu sichern wähnen, wie derer, die sie zulassen, obwohl sie sie verhindern könnten. - Das meine ich in keiner Weise zynisch, sondern durchaus ernst. Dummheit ist ein Segen erster Güte für den Fortbestand der Menschheit, denn Weisheit zweifelte wohl bereits an der Berechtigung dieses exponentiell ausufernden 'Fortbestands'.

Dummheit ist auch im Beziehungsalltag wichtig, denn sie ist z.B. Basis jeder Eifersucht – und Eifersucht ist nicht nur im Markt, sondern vor allem auch in den Beziehungsmodellen des Okzidents (jaja, auch des Nahen Orients) ein zentraler, treibender und stabilisierender Faktor. Politik schliesslich ist ohne Dummheit kaum vorstellbar, weder hüben bei den Politikern noch drüben bei denen, die auf sie hereinfallen. Mode, kommerzielle Musik, Fernsehen – gäbe es all das überhaupt ohne den Segen geistiger Einfachheit? Dann aber auch die bereichsspezifische Dummheit – in einer arbeitsteiligen Gesellschaft nicht entbehrbar. Die handwerkliche Dummheit vieler Intellektueller ist das Brot aller Geschickten, praktisch Begabten. Und wovon lebte ich als Schreiberling, wenn es nicht gottlob Menschen gäbe, die (noch mehr) Mühe bekundeten mit dem Buchstabensalat? Nein, ich stehe zum Lob der Dummheit, auch zu meiner eigenen: jeder Hirschkäfer ist ein Hirsch im Vergleich zu mir, wenn es um Orientierung im Aussen, am liebsten in einer Grossstadt geht. Bereits nach wenigen Metern finde ich mein Auto nicht mehr, dafür ist mir im selben Augenblick ein Argument für den Unterschied zwischen Sein und Tun eingefallen...

Auch bei der Dummheit empfehle ich, sie kontextbezogen zu bewerten und nie zu vergessen, wie subjektiv, relativ und änderbar die Qualifikation 'dumm' ist, auch und gerade wenn wir damit uns selbst qualifizieren.

3.2. Lob des Vergessens
Eine herrliche und segensreiche Sache, das Vergessen. Man könnte das Vergessen sogar als vergangenheistorientierte Schwester der Dummheit bezeichnen. Dummheit ist Nichtwissen, Nichtfühlen oder Nichtkönnen in Bezug auf in der Gegenwart oder in naher zukunft Anstehendes, Vergessen ist Nicht-(mehr)-abrufen-können vergangenen Wissens, Fühlens oder Könnens. Stellen wir uns einmal vor, wir könnten uns genau und intensiv und präzis an jeden Schmerz erinnern, sei es ein körperlicher oder ein seelischer. Und ist nicht das Vergeben, mit dem sich manch einer mit grosser Geste brüstet, vor allem ein Vergessen? Wir verzeihen, weil wir uns eben gar nicht mehr so genau an die Verletzung erinnern können, weil Zeit vergangen, Gras drüber gewachsen ist. Auch das Vergessen von Einladungen, Abmachungen, Einkaufslisten, Hochzeitstagen, Stammtischbesäufnissen und Arztterminen kann sich höchst positiv auswirken. Gewonnene Musse – vielleicht auch mal Busse – gewonnene Klarheit und kantige Wahrheit, die sich auch wieder vergessen lässt, bevor sie allzu lästig wird. Ich wage zu behaupten, dass Nicht-Vergessen-Können eine der grausamsten Qualen wäre, die einem Wesen widerfahren könnte.

3.3. Lob der Krankheit
Lesen Sie Dahlke: Krankheit als Weg, als Symbol, als Sprache der Seele und so weiter. Wenn Sie dann immer noch finden, Krankheit sei eine sinn- und zwecklose lästige Störung, die so rasch und rabiat zu beheben sei wie irgend möglich; Krankheit sei ein blödsinniges, völlig zufällig aus heiterem Himmel den einen treffendes, den andern verschonendes Geschehen, das als Hindernis so schnell wie möglich wegzuhaben, wegzukriegen sei, dann sind Sie zwar in guter Gesellschaft in unserer materialistischen Gesellschaft, die das Axiom: "körperliche Symptomfreiheit und Überleben über alles" nicht hinterfragt, aber Sie verpassen auch eines der genialsten Entwicklungskonzepte, die es gibt. Wenn Sie Krankheit, Unfall, Schicksal als Spiegel Ihres Innern, als nach aussen projizierte Innenwelt betrachten, haben Sie jederzeit und ohne fremde Hilfe die Leitplanken für Ihren eigenen Entwicklungsweg gratis vor der Nase. Nur: in den Spiegel schauen braucht Mut, nicht nur nach einer durchzechten Nacht.

3.4. Lob des Krieges
"Polemos panton pater" – "Der Krieg ist der Vater aller Dinge", sagte Heraklit, "und aller Dinge König". – War der einfach von allen guten Geistern verlassen, wie das auch heute – vor allem heute – bei Philosophen oft der Fall ist? Nicht geistlos, nur von den 'guten' verlassen? Oder könnte dahinter, darunter doch irgend eines dieser legendären Körnchen Wahrheit versteckt sein? Darunter, unter dem dicken Klärschlamm, der sich heute auf das Wort 'Krieg' gelegt hat. Krieg ist heute ein fast weltweites 'Tiefwertwort', bezeichnet etwas, das von der Mehrheit als 'nur schlecht' bewertet wird. Dies war nicht immer so und es könnte ja sein, dass diese einmütige Ablehnung vor allem Heuchelei wäre. Denn wenn Krieg ein Überbegriff für alle mit Härte und Einsatz des Lebens geführten Konflikte ist, dann ist fast überall Krieg, wo Menschen aufeinander treffen. Auch wo Menschen auf Tiere, Pflanzen, Natur, auf Dinge treffen, eigentlich überall, wo ein Mensch auftritt, ist Krieg. 'Krieg' wird aber im allgemeinen Sprachgebrauch meist enger gefasst und meint: mit militärischen Mitteln betriebene Politik. Die meisten assoziieren mit 'Krieg' Panzer, Flugzeuge, Bomben, Artilleriefeuer, Soldaten im Häuserkampf etc., nicht etwa, weil sie diese Art des Krieges, den wir der Einfachheit halber mal 'Killerkrieg' nennen könnten, selbst erlebt hätten, sondern weil sie ihn aus den Medien, aus unzähligen Filmen, Büchern, Hörspielen kennen, weil 'war sells' noch eine banalere und träfere Wahrheit des Marktes ist als 'sex sells'; noch treffender wäre vielleicht 'tabou sells'. Je abwesender der Killerkrieg in einer Gesellschaft, einer Kultur ist, desto grösser der Bedarf nach Killerkrieg-Surrogaten. Eine Parallel-Einsicht zu derjenigen, die dasselbe für den Sex-Markt belegt: je verklemmter, verkorkster, heuchlerischer und verlogener eine Gesellschaft, desto toller für den Sex-Anbieter. In einer Gesellschaft, die weder ihre Libido noch ihre Aggression verleugnet, sondern im Rahmen des Möglichen lebt und diese Freiheiten genau so optimiert wie die übrigen Freiheiten demokratischer Rechtsstaaten, das heisst auch genau so enden lässt dort, wo sie die Freiheiten anderer unzumutbar tangieren, könnte man zwar herrliche neue Freiräume geniessen, aber der Markt für 'sex and crime' würde zusammenbrechen. Der Markt ist immer dort am erfolgreichsten, wo er die Schattenbereiche einer möglichst grossen Anzahl der potenziellen Kunden anspricht, spiegelt, wo er Surrogate, Ersatzbefriedigungen anbietet für Dinge, die unterdrückt, nicht gestattet, von der Gesellschaft mit Tabu belegt sind. Nach aussen heuchelte wohl keine Gesellschaft grössere Friedfertigkeit, einmütigere Ablehnung des 'Killerkrieges' als unsere westlich dekadenten Sozialfürsorgestaaten, die den unmündigen Opferbürger promovieren, anstatt die gesunde Aggression des Einzelnen so zu wecken, dass er Eigenverantwortung übernimmt und innerhalb der breit gesteckten Leitplanken der Rechtsordnung durchaus aggressiv auf dem Markt für sich und die Seinen sorgt. Wenn er dabei auch die Grenzen der Aggression, den Boomerang-Effekt übertriebener Aggressivität und die Wohltat von Rücksichtnahme und Achtsamkeit über das gesetzlich geforderte Mass hinaus kennenlernt, umso besser. Aber Aggression zu verteufeln, nur weil sie zum 'Killerkrieg' pervertieren kann, scheint mir doch etwas einfach zu sein (aber wir loben ja auch die Einfachheit...).

3.5. Lob der Prostitution
Lösen wir den Begriff einmal von der Assoziation des Sex-Gewerbes und versuchen wir, den Kern heraus zu schälen, das Muster, das dahinter steckt, zu erkennen. Das lateinische Verb prostituere bedeutet wörtlich 'sich oder jemand anders draußen auf die Straße stellen' und im übertragenen Sinne 'zum Verkehr anbieten'. Wenn wir die Einengung auf das 'Anbieten des weiblichen oder männlichen Körpers zur sexuellen Nutzung' aufgeben und das viel allgemeinere Muster 'öffentlich angebotene Hingabe von irgendetwas, worüber wir verfügen, gegen Geld' anschauen, so wird doch plötzlich alles Prostitution, was im weitesten Sinne unter den Begriff des Handels fällt? Unser hochheiliger Markt, Hauptschlagader allen menschlichen Tuns, wäre so gesehen nichts als Prostitution – oder umgekehrt, Prostitution im engeren Sinne wäre nur deshalb negativ besetzt, weil es sich beim Angebot um die Benutzung des Körpers für sexuelle Befriedigung handelt. Denn den Körper bieten ja alle, die ihre Arbeitskraft zu Markte tragen, genau so an wie der sich sexuell Prostituierende.. Auch der allerschlauste Superdenker kann seine Dienstleisung nur anbieten, solange sein cleveres Geistlein in einem Körper haust. So gesehen ist 'öffentliche angebotene Hingabe des Körpers gegen Geld' das Normalste und Akzeptierteste der Welt. Liegt also alles nur an der kleinen feinen differentia specifica der 'Nutzung für die sexuelle Befriedigung'? Dies hält genauerer Betrachtung nicht stand. Denn wenn einer der wenigen heterosexuellen Mönche des Mittelalters sich Maria vorstellte beim Masturbieren, so wurde Maria damit nicht zur Prostituierten. Sie ermöglichte zwar die sexuelle Befriedigung und konnte – zumindest als Statue und Bildnis – durchaus als 'öffentliches Angebot' bezeichnet werden, aber es fehlte die physische Verfügbarkeit in Fleisch und Blut und die Einforderung der Gegenleistung in Form von Geld. Auch die eheliche Prostitution – die Hingabe des Körpers gegen (Haushalts-) Geld ist nicht in gleicher Weise negativ besetzt, weil das Element des öffentlichen Anbietens fehlt. Wir sehen also, dass alle Elemente der Definition einzeln bzw. in einem anderen Kontext durchaus akzeptiert und damit auch nicht negativ, ja teilweise sogar hoch positiv besetzt sind. Nur wenn alle Elemente zusammentreffen, wenn das Angebot öffentlich gemacht wird, die Hingabe des Körpers beinhaltet und der sexuellen Befriedigung des Benutzers dient, taucht die negative Wertung auf. Diese Einsicht könnte zumindest helfen, die scharfen Konturen der Wertung aufzulösen, unsere Wertung zu relativieren und zu überdenken: Wo geben wir welche Teile von uns hin gegen Geld? Wie 'öffentlich' machen wir unser Angebot mit Werbung und PR? Haben wir vielleicht wie Faust unsere Seele längst dem Teufel verkauft, damit wir uns unsere materiellen bzw. körperlichen Wünsche erfüllen können? Sind wir vielleicht geistige Prostituierte und reden Leuten nach dem Mund, die uns etwas nützen, geben unsere wahren Anschauungen hin gegen Geld und andere Vorteile? Was wären denn mögliche Gegensätze zu Prostitution, wenn wir den Begriff weit fassen, aus der Beschränktheit des Sex-Gewerbes lösen? Anstatt 'Sex innerhalb von Ehe bzw. alternativer Zweierkisten' könnte der Gegensatz von Prostitution 'Authentizität' sein? Echtheit? Autonomie? Zivilcourage? Sich nicht prostituieren könnte doch heissen, sich nicht von eigenen Wertungen, Überzeugungen trennen, seinen Geist, seine Seele und auch seinen Körper nicht für Dinge zur Verfügung stellen, die man eigentlich ablehnt, für die man sich aber trotzdem hingibt wegen des Geldes, wegen der Macht oder anderer damit verbundener Vorteile? – Wird unter diesem Aspekt der käufliche Sex, wo der Begriff der Prostitution herkommt, nicht plötzlich zu einer vergleichsweise ehrlichen, authentischen Form der Selbsthingabe? Ist nicht zumindest die freiwillige Prostitution im Sexgewerbe eine durchaus autonome Form der Marktteilnahme? Wenn jemand seinen Körper zur sexuellen Nutzung vermietet, dazu steht und damit umgehen kann, auch und gerade mit der Negativwertung durch die Gesellschaft – wieso soll das verwerflicher sein als all die unzähligen Menschen, die sich im weiteren oder eben metaphorischen Sinne prostituieren, ihren Geist, ihre Seele, ihren Körper gegen Geld hingeben und nicht dazu stehen, womöglich sich selbst darüber belügen? – Soweit ein paar Anreize, die einseitige Wertung des Begriffs 'Prostitution' zu relativieren. Nun aber noch ein Streiflicht auf die positive Seite der 'öffentlich angebotene Hingabe von irgendetwas, worüber wir verfügen, gegen Geld'. Wenn wir dilemmakompetent sind und dazu stehen, dass wir irgend etwas gegen Geld anbieten, über das wir verfügen, so ist doch dagegen nicht viel einzuwenden, solange wir uns im Rahmen der Legalität, im Rahmen der Rechtsordnung bewegen, in der wir unser Angebot machen. Gesetze sind änderbar, und auch die Schweiz hat – wenn auch sehr spät – zum Beispiel das Konkubinatsverbot aufgehoben und damit die scharfe Grenzziehung zwischen Strassenprostitution, Gelegenheitsprostitution, ehebrecherischem Konkubinat, partnerschaftlichem Konkubinat und prostitutiver Bürgerrechtsehe zumindest verwischt. Ist es nicht sogar begrüssenswert, wenn offensichtliche Bedürfnisse innerhalb des legalen Rahmens durch den Markt abgedeckt werden können? Und ist es denn Aufgabe des Staates, die Bürger zu bevormunden und ihnen zu sagen, welche Bedürfnisse sie haben bzw. durch ihr Angebot befriedigen dürfen und welche nicht, solange Anbieter und Nutzer freiwillig zusammen finden? Ist es nicht grandiose Heuchelei und Selbstüberschätzung, vorzugeben, man wisse für andere, wann sie sich als Opfer, als Geschädigte vorzukommen hätten? Ist es nicht letztlich an jedem selbst zu entscheiden, welches Mass welcher Art von Hingabe welchen Teils seiner Möglichkeiten, über die er verfügt, er öffentlich gegen Geld anbieten wolle? Immer im Rahmen der gerade geltenden Rechtsordnung? Ich wage zu behaupten, dass die Fähigkeit und der Wille zur Prostitution – sowohl im engen wie im weiten Sinne – auch als Glücksfall betrachtet werden kann, als Markenzeichen eigenverantwortlicher, nach Autonomie strebender Marktteilnehmer, die sich noch nicht aufgegeben haben, die auch bereit sind, Risiken einzugehen, einen Schuh voll herauszuziehen, wenn sie ihre Fähigkeit, sich hinzugeben, überschätzt haben, die sich wieder aufrappeln und die Balance zwischen Hingabe und Zurückhaltung neu zu finden suchen, Menschen, die sich noch selbst aus dem Schlamm ziehen wollen, die Erwachsensein, Täterstatus beanspruchen und noch nicht als jammervolle Waschlappen, als ohnmächtige Sumpfopfer am Tropf des Sozialstaat hängen.

 

4. Strickmuster der Versöhnung

4.1. Positive Wertung des Negativbesetzten erfahren
Der erste Schritt der Versöhnung besteht darin, Tiefwertwörter im eigenen und im Wahrnehmungsraum anderer positiv besetzt zu erleben. Eines der besten Hilfsmittel für diesen ersten Schritt ist das Gedankenspiel mit der Spiegelfunktion der Welt. Nehmen Sie 'Welt' im Sinne von all dem, was Sie wahrnehmen, probeweise einmal als Spiegel zur Hand und trauen Sie dieser Ihrer Welt – ebenfalls probeweise – Funktionalität zu statt der gerade modischen Überzeugung, sie für sinnlos, unberechenbar, kontingent, willkürlich zu halten. Treiben Sie die Analogie zum physikalischen Spiegel weiter, indem sie dessen Funktionalität auf den psychischen Bereich zu übertragen versuchen. Im physikalischen Spiegel schaut man bzw. frau sich vor allem die Bereiche des Körpers an, die nicht oder nur sehr schwer direkt betrachtet werden könnten: die eigenen Augen, überhaupt das Gesicht, den Hinterkopf, den Rücken etc. Übertragen würde das heissen, dass das Funktionale am Spiegel 'Meine Welt' also die Bereiche wären, die ich aus irgendwelchen Gründen nicht oder nur schwer 'direkt betrachten' kann – oder will. C.G. Jung nennt diese Bereiche den Schatten einer Person, das was 'schwarz', undifferenziert, schemenhaft bleibt und uns doch auf Schritt und Tritt verfolgt. In diesem Spiegelspiel ginge es nun darum, diesen Schatten, dieses 'nicht direkt oder nur schwer Betrachtbare' im Spiegel seiner Welt anzuschauen. Natürlich können wir im (physikalischen) Spiegel auch unsere Hände betrachten, aber es macht wenig Sinn, ist nicht funktional, da wir sie ja direkt anschauen können. Genauso können wir im (psychischen) Spiegel unserer Welt auch all die Dinge betrachten, die wir bewusst als zu uns gehörig qualifizieren – das mag uns eine gewisse Bestätigung geben, aber hochfunktional und richtig spannend wird es bei den Dingen, die wir 'nicht oder nur schwer' betrachten können oder eben wollen, bei den abgelehnten Themen und Eigenschaften, bei all dem, was in der Begrifflichkeit Jungs 'im Schatten' liegt. Der Vorteil dieses Spiegel-Modells liegt nicht zuletzt darin, dass sich so die verschiedene Welt-Wahrnehmung durch verschiedene Wahrnehmende leichter erklären lässt. So wenig, wie wir alle dieselbe Rücken- oder Hinterseite haben, so wenig haben wir alle dieselben Schattenseiten, Schattenthemen. Es erklärt aber auch, dass Menschen doch einen erstaunlich, wenn auch nur oberflächlichen Konsens über ansehnliche Teile ihrer Weltwahrnehmung haben, denn genau so, wie die Augen, die Hinterköpfe, die Rücken der Menschen sich untereinander doch stark ähnlich sind in ihrem Grund-Design, so sind es auch die Schätten in der Psyche. Auch hier stimmen die Grundmuster weitgehend überein: Distanz-Nähe-Probleme, Identitäts-, Beziehungs-, Akzeptanzprobleme etc. finden sich fast bei allen Menschen irgendwo unbewältigt, unbetrachtet, nicht durchleuchtet im Schattenbereich. Aber im Einzelnen sind sie selbstverständlich alle ganz unterschiedlich ausgeprägt.

Dieser erste Schritt der Versöhnung führt bestenfalls zum Geltenlassen beider Gegensätze, zur Akzeptanz, dass beide ihre Existenzberechtigung haben. Aber es ist erst ein Nebeneinander, erst das Ja dazu, dass zwei auf den ersten Blick widersprüchliche Phänomene je nach Kontext legitim sind, aber nicht miteinander gleichzeitig im selben Kontext, sondern neben- bzw. nacheinander bzw. in verschiedenen Kontexten.

4.2. Erkenntnis der Konstruiertheit der Gegensätze und Erkenntnis ihrer Abstufungen
Der zweite Schritt besteht in der Erkenntnis, dass bei näherem Hinschauen alle Gegensatzkonstrukte eine Palette unendlich feiner Abstufungen enthalten, dass es letztlich kontradiktorische Gegensätze nur als willkürliche Setzungen, zum Beispiel als Spielregeln gibt. So statuieren die Schach-Spielregeln, dass es nur zwei Spieler gibt mit den Farben schwarz und weiss - tertium non datur, ein Drittes gibt es nicht. Es gibt weder die Möglichkeit, mehr Spieler einzubeziehen noch Grautöne zwischen Schwarz und Weiss, noch andere Farben. Solange solche Gegensätze klar als funktionale Konstrukte mit beschränktem Gültigkeitsbereich deklariert werden, sind sie harmlos und in Ordnung. Aber auch die Erkenntnis, dass alles immer weiter differenziert werden kann, wenn man nicht aus funktionalen Gründen Halt macht mit dem analytischen Prozess, dass sich alles vordergründig Binäre als reiche Palette entpuppt, ist erst der zweite Schritt der Versöhnung der Gegensätze. Es ist die Einsicht, dass es sich bei Gegensätzen letztlich immer um viel mehr als nur um Zweiheiten oder Polaritäten handelt, dass die Welt der Erscheinungen immer komplexer, reicher, vielfältiger, vielfarbiger ist und damit auch die simple Schwarz-Weiss-Wertung immer nur eine vorläufige sein kann.

4.3. coniunctio oppositorum – Vereinigung der Gegensätze
Der ganz grosse und entsprechend anspruchsvolle Versöhnungsschritt ist der dritte, der die Erkenntnis birgt, dass sowohl die Unterteilung in Zweiheiten wie diejenige in Vielheiten auch nur ein Konstrukt, ein funktionales Hilfsmittel des Erkenntnisprozesses ist und – nach getaner, gehabter Erkenntnis – überschritten, überwunden werden kann, dass Erkenntnis der Unterschiede gar nicht das letzte Ziel sein muss, dass jenseits davon, darüber hinaus, dahinter, meta physei das Einswerden als mögliches Ziel auftaucht, die Vereinigung mit allem, was ist, die Wiedergewinnung des Paradieses – und dass dieses 'Nirwana', 'Tao', dieser 'Himmel', dieses 'jenseitige Glück', das so missverständlich auch in die Metapher 'Gott' oder 'Götter' gekleidet wurde – jenseits der Differenzierung liegt, in der Aufhebung der Gegensätze, der coniunctio oppositorum. Diese Einsicht mag dem Abendland vielleicht etwas fremder sein als fernöstlichen Denksystemen, gänzlich unvertraut ist sie uns aber nicht. Die kühle Logik zeigt aus einem schlichten Ordnungsbedürfnis heraus den Weg zu diesem entscheidenden Entwicklungsschritt, wenn auch nur im Bereich der Verbalsprache; aber immerhin lässt sich die instrumentale Funktion der Gegensatzbildung anhand des Konzepts des Oberbegriffs schön illustrieren. Wenn die Unterscheidung zwischen 'kalt' und 'heiss' zum Oberbegriff der 'Temperatur' führt, so sind doch die Unterbegriffe in diesem Oberbegriff vereinigt. Beide haben Platz drin, nebeneinander, miteinander, ja sie verschmelzen im Oberbegriff. 'Temperatur' meint beides, 'kalt' und 'heiss'. Und je nach Kontext verwenden wir den Oberbegriff oder die beiden Unterbegriffe oder – noch differenzierter – die ganze Palette von Abstufungen zwischen den Unterbegriffen. Noch deutlicher wird die Funktionalität bei einem Gegensatzpaar, das im nicht metaphorischen Alltagssprachgebrauch meist nur kontradiktorisch verwendet wird: lebendig – tot. Hier ist die spontane Assoziation ein 'Entweder-Oder', eine dritte Möglichkeit erscheint zuerst undenkbar. Erst im metaphorischen Gebrauch, wenn wir z.B. das Adjektiv 'lebendig' nicht zur Beschreibung eines körperlichen Zustandes, sondern zur Illustration eines Musik- oder Tanzvortrages verwenden, benutzen wir auch Steigerungsformen und bejahen damit implizit, dass es mehr gibt als nur das binäre Entweder-Oder. Wir sagen z.B., der Vortrag von X sei lebendiger gewesen als der von Y und am lebendigsten sei das Spiel von Z gewesen. Genauso – wenn auch seltener im Gebrauch – können wir von einem Bild, einer Oberfläche, einem Spiegel A sagen, er sei tot, noch 'toter' in der Wirkung sei aber Bild, Oberfläche, Spiegel B. Auch in Fachsprachen, zum Beispiel derjenigen der Mediziner, kann differenzierter abgestuft werden zwischen 'Leben' und 'Tod', indem Herztod und Hirntod unterschieden werden. Ein Hirntoter muss nicht herztot sein, ist also 'weniger tot' bzw. 'lebendiger' als der Herztote, der so gesehen 'toter' ist als der Hirntote.
All diese Sprachspiele dienen nur der Erkenntnis, dass Sprache nie absolute Wahrheit ausdrückt, diesen Anspruch auch nicht zu stellen braucht. Sprache ist ein wunderbares Hilfsmittel auf dem Erkenntnisweg, ein Instrument wie ein Schraubenschlüssel, der uns hilft, eine Maschine in ihre Einzelteile zu zerlegen, damit wir ihre Funktion verstehen und – im doppelten Sinne – begreifen. Der Vorgang des Zerlegens bzw. der Erkenntnis kann hochinteressant, lehrreich, für unsere Entwicklung unerlässlich sein; aber das Ziel ist wohl kaum die zerlegte Maschine, kaum die bis zum Genom zerlegte, mit Verbalsprache beschriebene 'Welt'. Mithilfe desselben Schraubenschlüssels setzen wir die Maschine wieder zusammen. Wir drehen dabei einfach in die andere Richtung. Übersetzt würde das heissen, zusammen zu fügen, wo wir vorher differenziert, analysiert und getrennt haben. Sprachlich ist es die Lyrik, aber auch alle Formen nonverbaler, multimodaler Kommunikation, mithilfe derer wir versuchen können, in die 'andere Richtung zu drehen'. Es gilt, zusammengehörende Paare von Schrauben und Muttern, von Gegensätzen zusammen zu fügen, zu vereinigen, auf dass das Teil wieder stabil, wieder funktional werde. Erst wenn wir alle Teile zusammen gesetzt haben, alle Gegensätze vereinigt haben, sind wir am Ziel, kann die Maschine ihre Funktion wieder erfüllen, kann unsere Welt als komplexes Ganzes wieder funktionieren. Der Unterschied zu vorher ist, dass derjenige, der sie auseinander genommen und wieder zusammen gesetzt hat, jetzt weiss, wie sie funktioniert. In norddeutschen Dialekten kann man für das Reparieren von Maschinen oder Dingen auch sagen 'heile machen'. Damit ist sprachlich der Bezug gemacht zu einem Heilsein, Ganzsein, das - vielleicht nicht bewusst, aber zumindest etymologisch - über die reine Funktionalität hinausweist. Der, der seine Maschine 'heile gemacht' hat, schaut sie anders an, wenn sie wieder läuft. Er hat sie durchschaut und sieht seine Vernetzung mit der Maschine. Er könnte jetzt am andern Ende der Welt eine vergleichbare Maschine bauen, andern Menschen sowohl das Auseinandernehmen wie das Zusammenfügen beibringen. Angenommen, er sei der einzige, der über dieses Know-how verfügt, ist er untrennbar mit dieser Maschine verbunden. Es gibt sie nur zusammen mit seinem Wissen um sie und ihre Funktionalität. Und angenommen, er verfüge nur über das Know-how zu dieser Maschine und sonst über nichts, dann ist auch er untrennbar mit dieser Maschine verbunden. Es gibt ihn nur als 'denjenigen mit dem Know-how über diese Maschine'. Und jetzt setzen wir überall für 'Maschine' wieder die Analogie 'meine Welt' ein. Wir wären also untrennbar mit 'unserer Welt' verbunden und es machte einen grossen Unterschied, ob wir uns als 'hineingeworfen in etwas Fremdes, Unbekanntes, Undurchschaubares' vorkommen wie ein Laie vor einer komplexen Maschine, oder ob wir uns nach dem Prozess des Auseinandernehmens und wieder Zusammenfügens unserer Welt als diejenigen wahrnehmen, die um ihre Struktur und Funktion wissen. Das Abenteuer 'vom Laien zum Maschineningenieur', vom 'aus der Symbiose mit der Mutter frisch Abgenabelten zum Weisen', der seine Welt als funktionale Projektion erkannt, differenziert, analysiert und über die Konfrontation mit seinen Schattenbereichen Schritt um Schritt überflüssig gemacht hat und sie deshalb gelassen wieder zusammenfügen, den Gegensätzen gleiche Gültigkeit und dann Einssein zubilligen kann – dieses Abenteuer wäre im hier vorgestellten Modell das 'Leben'.

Dass es aus dieser Warte nicht darum gehen kann, der Klugste, Asketischste, Ohnmächtigste, Friedfertigste, Gesundeste, Langlebigste, Ehrlichste etc. zu sein, liegt auf der Hand. Denn alles, was wir in extremis sind, was wir unbedingt sein wollen, positioniert uns ja immer weiter weg von der Mitte, der Balance zwischen den Extremen. Damit wird der entlegenste Teil der Skala entsprechend lichtärmer, dunkler, schattiger, was bedeutet, dass die Schatten-Bearbeitung umso anstrengender und schwieriger wird, der Weg zur Weisheit umso länger und steiler. Aber auch hier gibt es keine platte 'besser-schlechter' und schon gar keine 'richtig-falsch' Wertung. Denn wir lernen und entwickeln uns zum Glück nicht alle gleich. Der eine braucht schärfere Gewürze, um ihren Unterschied zu erkennen, mehr Hitze um die Kälte zu ersehnen. Und kam im christlichen Mythos nicht das Licht in die tiefste Dunkelheit der längsten Nacht?

Die Denk-Aufgabe bestünde im Ausprobieren des Dreisprungs auf dem skizzierten Versöhnungsweg. Ich würde mich freuen, von gelungenen Sprüngen, aber auch von Stolperern, Stürzen, Aufrappeln unter Absingen wüster Lieder und neuen Anläufen zu hören: info@marpa.ch