Denk-Aufgabe 809 vom 10.5.2008

 

Der Trauma-Trend

Vor hundert Jahren waren die Altvorderen noch sauer, wütend, zornig, enttäuscht, begeistert, verknallt, missmutig, niedergeschlagen - halt so ganz gewöhnliche Gefühle hatte man da, die jeder mehr oder minder gut kannte, und für die sich auch jeder mehr oder minder selbst verantwortlich fühlte. Natürlich ballte man die Faust gegen irgend einen Auslöser, gegen ein konkretes Lebewesen, die Natur, die 'Oberen', Gott bzw. fast noch lieber im Plural: die Götter, oder etwas noch ein klein wenig Abstrakteres wie das Schicksal; aber wenn die Aufwallung abebbte, die Wut verrauchte, die Verblendung wieder einem nüchterneren Blick wich, merkten doch die meisten, dass sie sich die Suppe selber gebraut hatten, bei deren Löffelung sie beinahe ebendiesen Löffel geschmissen hätten.

Dann kam der Sozialstaat und das Neulateinische von Übersee - und man war ausgepowert, slightly down, war fucking mad drauf, sah nur noch shit and pieces - oder aber man war voll im flow, liess sich von meditativem Sound und allenfalls noch etwas materielleren Substanzen ins High transzendieren um sich dann nach einem bad trip wieder down to earth vorzufinden.

Immer mehr kam - von linken Denkern aufmunitioniert - die Opferbefindlichkeit auf. Das älteste und liebste Spiel des haararmen Affen - vielleicht ja sogar das, was ihn tatsächlich von den anderen Tieren unterscheidet - wurde wieder so richtig trendy: die Schuldprojektion. Verständlicherweise, denn erstens macht dieses Spiel riesigen Spass, zweitens legitimiert es zum Bezug von Leistungen des Sozialstaats und drittens ernährt es eine exponentiell wachsende Branche, mehr noch: gewaltige, hoch vital und dynamisch miteinander vernetzte Industrien, nämlich im weitesten Sinne den Heilermarkt mit Schul- und Alternativmedizin, Psychiatrie, Psychotherapie, damit natürlich die Pharma-Industrie, grosse Teile des Beratermarktes, der Beraterliteratur, aber auch das Geschäft mit dem Tod.

Welt der Spiele - Spielwelt

All dies lebt und stirbt bzw. stürbe, wenn das Spiel hinterfragt oder gar weggelegt würde. Deshalb gibt es nichts Unanständigeres, Verpönteres in den westlichen Sozialstaaten als das Kratzen und Schaben an diesem heiligsten aller Axiome, das da heisst: § 1. Schuld sind die andern - und § 2. Sollten wir einmal selbst schuld sein an irgendetwas, tritt sofort § 1 in Kraft. Das mag jetzt etwas simpel klingen, aber in unseren Gesellschaften wird dieses Spiel derart ausgefeilt und differenziert gespielt, dass der Fokus eigentlich immer auf dem 'WER oder WAS ist in WELCHEM MASSE WORAN schuld?' liegt - und dabei die Frage, OB überhaupt jemand oder etwas Anderes als der sich Beklagende die Verantwortung zu tragen habe, gar nicht mehr gestellt wird. Ein Grund dafür mag in den Rechtsordnungen und den Spielregeln anderer Spiele - insbesondere den Sport-Regeln - liegen. Dabei wird der entscheidende Unterschied gern übersehen: Keine Rechtsordnung, die diesen Namen verdient, hält ihre Regeln für sakrosankt und unhinterfragbar, im Gegenteil: In einer funktionierenden Rechtsordnung ist es gerade die Aufgabe der Rechtsgemeinschaft, die Spielregeln zu hinterfragen und - wiederum gemäss spezieller Spielregeln - zu ändern. Bei Sport und Spiel hingegen steht die Freiwilligkeit des Mitmachens im Vordergrund: Auch hier sind die Regeln nicht absolut, aber vor allem steht es jedem frei, ein Spiel mitzuspielen, einen Sport zu betreiben und damit die dort geltenden Regeln zu akzeptieren. Die Regeln des Schuldprojektionsspiel stehen hingegen - zumindest im okzidentalen und nahöstlichen Kulturkreis - nicht zur Debatte und auch die Freiwilligkeit des Mitmachens ist kaum je ein Thema. Immer früher beginnt die Prägungsphase mit der Regel Nummer eins: 'Du kannst höchstens verantwortlich gemacht werden von den Andern, von der Gemeinschaft, dem Staat, den Häschern - wirklich verantwortlich bist du nie. Es finden sich immer Schuldige ausserhalb von dir: deine Eltern, Lehrer, Ausbilder, Chefs, die Medien, vor allem das Internet, der Staat, der Markt, die Mächtigen, die Männer - zumindest wenn die Protagonistin eine Frau ist, diese oder jene Ideologie, Religion, Theorie, das System - oder, wenn alles nichts hilft, ist die 'condition humaine' schuld, das 'Hineingeworfensein als armes Öpferlein in eine sinnlose Welt'.

Fun from Dubel-you-Bush-Land

Wer wirklich lustige Beispiele dafür sucht, wie weit dieses Schuld- bzw. Verantwortungsprojektionsspiel auch schon in Rechtsordnungen eingedrungen ist, orientiere sich am US-amerikanischen Haftpflichtrecht - solange man davon nicht selbst betroffen ist, kann man die 'Fälle' als bescheidene Unterhaltung geniessen. Dass diese auf den ersten Blick angenehme Position als 'Für-nichts-Verantwortlicher' gleich bedeutend ist mit einer völligen Entmündigung, scheint nur Wenigen aufzufallen. Das amerikanische Haftpflichtrecht zumindest geht von einem nahezu idiotischen, unmündigen, kaum zurechnungsfähigen Bürger-Deppen aus.

Unbehagen in der Unschuld

Nun gibt es aber- behaupte ich mal kühn - tief in den meisten Menschen ein archetypisches Verantwortungs- und Gerechtigkeitsgefühl. Natürlich kann es durch gezielte Beeinflussung und langjährige Prägung geschwächt, eingeschläfert, marginalisiert werden - aber ganz ausrotten lässt es sich selten. Auch dies kann man aber - wie alles - ökonomisch nutzen: Die Therapie-Branche und in ihrem Schlepptau die Pharmaindustrie verdienen Milliarden an genau diesem Umstand, dass sich Unzählige eben doch irgendwie wenigstens mitverantwortlich fühlen - nicht nur für das, wofür sie auch von der Rechtsordnung belangt werden, sondern auch für viele andere Dinge, die sich in ihrem Leben 'ereignen'. Und mit diesem 'Unbehagen in der Unschuld' drängen die Massen in die Therapie und an den Tropf der Chemie, hoffend, das Gefühl. doch für irgendwas verantwortlich zu sein, trüge und werde weggenebelt, mit welchen Mitteln ist sekundär, solange die Krankenkasse bezahlt.

Vom Stress....

Wer nun denkt, diese herrliche Ausgangslage für die oben erwähnten Branchen sei nicht mehr zu toppen, täuscht sich. Der Markt braucht immer wieder neue Anregung, und das heisst auch neue Begriffe, neue Trends. Lange war der Stress 'in'. Wen auch immer man antraf, er war im Stress oder sogar voll im Stress. Es gehörte zum guten Ton im Stress zu sein, denn wer es nicht war, war nicht wichtig, war nicht gefragt und damit unbedeutend. Aber Stress roch doch noch leicht nach 'selber schuld' und damit nach änderbar. Stress kitzelt irgendwo noch den Täter in uns: wir könnten ja unser Leben anders gestalten, schauen, dass wir Eustress und nicht Dysstress erleben und so weiter. Die Opferbefindlichkeit ist noch lange nicht ausgereizt mit dem Stress..

...über Burnout...

Dann kam der umsatzträchtige Begriff des Burnout - eine geniale Bezeichnung, da ihr etwas Heldenhaftes anhaftet. Wer einen Burnout hat, ausgebrannt ist, hat zumindest vorher gebrannt, hat sich aufgeopfert, ist beim Einsatz 'verbrannt' - die ganze Metaphorik des Kriegseinsatzes fürs Vater- oder Mutterland schwingt da mit. Ein 'Burnout'-Patient ist einem Kriegsveteranen vergleichbar, ist zwar Opfer, war aber zuvor heldenhafter Täter. Burnout trägt man wie eine Kriegsnarbe, einen Schrapnellsplitter, wie den Schmiss aus der Zeit der schlagenden Studenten, wie eine Sportverletzung - Burnout zeugt von zumindest ehemaligem Engagement, von Einsatz, von Tun und Täterschaft. Der mit dem Kriegsverdienstkreuz des Burnout Ausgezeichnete kann zumindest von früher berichten, er hat ein 'Leben vor dem Burnout'. Gesucht ist aber die totale Schuldlosigkeit, der sozusagen jungfräuliche Sturz in die Verantwortungsfreiheit des Nur-Opfers. Kein Leben davor, kein 'in' vor dem 'out', kein Relaxen zwischen den Stressphasen, sondern ab der Abnabelung, nein lieber noch ab der Zeugung Opfer sein, Spielball böser Mächte. Und wie man bei vielen Menschen mit dem Fischli am Auto beim Überholen und Rüberkucken denkt "Da kann wirklich nur Jesus noch helfen...", so muss nun auch bei diesem hohen Anspruch ans Opfer-Sein ein neues, mehr versprechendes Wort her:

...zum Trauma

Trauma ist ein traumhafter Begriff. Direkt und unverschandelt aus dem griechischen τράυμα, das allerdings noch recht banal eine Wunde bezeichnete. Aber es klingt gescheit und meint im heutigen Gebrauch eine von aussen zugefügte Verletzung physischer oder psychischer Art. Wichtig ist dabei: 'von aussen', also völlig frei von irgendeiner Verantwortung oder gar 'Schuld' des Verletzten. Hier versagt endlich auch jeder Versuch bösartiger liberaler Eigenverantwortungs-Prediger, üble Kausalzusammenhänge herstellen zu wollen zwischen irgendeinem Tun des Traumatisierten und seinem Zustand, denn der Traumatisierte tut gar nichts, er tat nie etwas, er war und bleibt immer nur Opfer. Auch der nach Objektivität und Quantifizierbarkeit Gierende läuft ins Leere, denn es gibt keine Nachprüfbarkeitskriterien für die Wirkung des Traumas, nicht einmal im physischen Bereich. Selbstverständlich lässt sich die causa efficiens - die Wirkursache - für ein physisches Trauma meist finden: Schlag mit der Keule - Trauma am Kopf. Aber spannend wird es erst bei der behaupteten Langzeitwirkung dieser Beule. Hier beginnt die fiktionale Freiheit und die Nichtnachprüfbarkeit. Und wenn verzweifelte Versicherer oder sonstige Schlaumeier empirisch Merkmale aufzulisten beginnen, die typischerweise bei Traumatisierten auftreten, so hilft das auch nicht weiter, denn solche Merkmale kann man lernen und behaupten, wenn man sich zum Stand der Traumatisierten hingezogen fühlt. Und Schmerz ist, das müssen sogar die grössten Feinde der konstruktivistischen Weltsicht und die existenzialistischen Freunde des Zufalls eingestehen, nach wie vor etwas höchst Subjektives und niemand kann mit Zahlen, Daten, Fakten jemandem beweisen, dass er keine Schmerzen hat, keine haben darf, nur weil andere in vergleichbarer Lage keine haben. Schmerz ist - eine delikate Behauptung, ich weiss - letztlich nicht objektiv dingfest zu machen, entzieht sich immer wieder der Quantifizierung. Natürlich gibt es Annäherungen und erfahrene Kriegs-Chirurgen wissen mit der Zeit recht gut, welche Verletzungen ungefähr wo auf der Schmerz-Skala anzusiedeln sind. Aber es gibt immer wieder derart erstaunliche Ausreisser, dass auch diese empirischen Skalen mit Vorsicht zu geniessen sind. Banales Beispiel aus dem Alltag ist der Zahnarzt: meine Mutter lachte nur, als man ihr für eine Wurzelbehandlung eine Spritze machen wollte: "Ich habe sechs Kinder geboren, da werde ich das bisschen Schmerz wohl auch überstehen". Daneben kenne ich stämmige Mannsbilder, die lieber alles verfaulen lassen im Mund als sich auf den vermeintlichen Folterstuhl zu setzen. Es ist nicht einmal der Schmerz, sondern die Vorstellung davon, die Angst davor, die aus Helden Weicheier macht. Der Konnex zwischen Angst (von lat. 'angustus' = eng!) und Schmerz wäre eine eigene Denk-Aufgabe, bleiben wir beim Trauma und seiner Schlüpfrigkeit, mit der es sich der mess- und standardisiergeilen Schulmedizin entwindet.

Einer der hübschesten Fälle aus der Trauma-Praxisder letzten Jahre ist der eines aus der Türkei stammenden Mannes, der in der Schweiz lange Zeit Versicherungsleistungen bezog wegen eines Schleudertraumas, das er sich bei einem kleinen Auffahrunfall zugezogen haben wollte. Dem Versicherungsberater fiel bei einer Begegnung auf, wie durchtrainiert und athletisch der Mann wirkte. Man setzte einen Detektiv auf ihn an und siehe da: er lud morgens um 6 Uhr einen Transporter mit einer Unmenge der grossen schweren Döner-Kebap-Spiesse und verteilte selbige bis abends um 22 Uhr in der ganzen Schweiz. - Der Detektiv und vor allem die Anwältin des ausländischen Gastes trugen bei dieser Erkenntnis waseliwas davon? - Ein Trauma natürlich. Beide legten ihren Beruf nieder und sind in psychiatrischer Behandlung - die Branche floriert. Wir könnten auch noch den Versicherungsmitarbeiter traumatisiert sein lassen und aufgrund dessen seinen Vorgesetzten - aber wir wollen's nun mal nicht übertreiben...

Mit dem Trauma und allem Drumherum ist die Wende geschafft zum absoluten, totalen Hype, zum megatrendigen, ultragigageilsten actual-disease. Natürlich ist der Übergang fliessend und auch ehemalige Helden, die früher nur niedergeschlagen, gestresst oder mit Burnout gesegnet waren, haben eins: Was ein anständiger Kriegsveteran ist, hat ein Trauma - und da ja leider fast nirgends mehr Krieg ist und die Officers nur mehr Chief Executive, Financial und so sind und 'officer' auf englisch leiderleider nicht nur Offizier, sondern auch Bürogummi, Pförtner meint - also weitab vom martialischen Ruch liegt, ist eben auch der Kriegsbezug des Trend-Begriffs Trauma zumindest bei denen, die einmal Täter gewesen sein möchten, höchst erwünscht. Wie bei allen trendigen Begriffen findet eine rasante Verflachung statt und heute braucht es längst keinen unsichtbaren Vietcong mehr, der immer den Dritten jeder Gruppe erschiesst, um ein Trauma zu erzeugen. Man ist bereits vom Wetter traumatisiert, von der Klimaveränderung, von den Zeitungsmeldungen, vom Zuschauen bei Untaten und Unfällen - eigentlich gibt es nichts mehr, das nicht für ein Trauma taugte - auch und gerade solche Texte wie der vorliegende, die sich über Trauma und Traumatisierte lustig machen. Das ist sowas von politically und überhaupt generally uncorrect, dass der diesen Text gelesen Habende im Sozialstaat mit Fug und Recht sich als traumatisiert aus dem Arbeitsprozess und jeglicher sonstigen Verantwortung zurückziehen und es sich von den Wohltaten des Wohlfahrtsstaates wohlergehen lassen kann - bis ans Ende seiner traumhaften Trauma-Tage.

And the winner is: das Sexual-Trauma

Den Spitzenplatz aller Trauma-Auslöser hält aber alles, was mit dem Wenigen zu tun hat, was der Branchenoberguru Freud an Freuden der Liebe entdeckte: mit der Libido. Es wäre ein eigenes Thema, darüber zu lachen, dass der Übervater der Psycho-Branche vom riesigen und die ganze Menschheit, ja den Planeten in Atem haltenden Thema Liebe nur gerade die Rammelgeilheit erkannte, untersuchte und beschrieb, aber lassen wir das für ein ander Mal. Hier geht es um die Trauma-Eignung ebendieses Rammel-Themas fürs einfache Volk, vor allem wenn es das Glück hat, christlich geprägt zu sein. Auch der Zusammenhang zwischen dem Machthunger der katholischen Kirche und der Verteufelung von Sinnlichkeit und Erotik wäre ein eigenes Thema - hier sei nur die Beobachtung kolportiert, dass es sich offenbar bei allen mit dem Christentum infizierten Kulturen um hochgradig sinnenfeindliche, verklemmte Gesellschaften handelt und sich dementsprechend herrlich mit dem schlechten Gewissen der ja gottlob trotzdem dem Eros zugetanen Untertanen spielen liess und lässt.

Früher wurden Tickets ins Himmelreich verkauft, heute sind es Therapieplätze, die seelische Beschwerdefreiheit anpreisen. Früher brauchte man dafür Begriffsgruppen wie Sünde, Reue, Busse, Gnade Gottes - letztere gab es allerdings nur dank der und durch die Kirche. Heute ist es gerade das Trauma, das die Hitliste der Begriffe anführt im so herrlich reizenden Bereich der Libido. Denn was verboten, tabuisiert oder doch zumindest mit moraltriefenden 'don'ts' versetzt ist, reizt natürlich nicht nur die direkt Betroffenen, sondern auch die Schaulustigen. Kein Bestseller-Roman, der nicht von 'sexuellem Missbrauch' tröffe; das gehört nun heute einfach dazu: irgendeine Traumatisierte, die von ihrem Urgrosspaten väterlicherseits als Baby unzüchtig an der Wange getätschelt wurde und seither waseliwas ist? Traumatisiert natürlich. Und deshalb leiderleider ein Leben lang nicht nur nicht arbeiten kann, sondern auch teure Therapien konsumieren muss, selbstverständlich auf Kosten der Gemeinschaft, die ja insofern schuld ist, als sie diesen Urgrosspaten hervorgebracht hat. Nun, wenn man ganz fest drückt und presst wie bei Obstipation kriegt man ja für diese arme Traumatisierte vielleicht noch ein ganz klein wenig Mitleid heraus (ich meine nicht das bezahlte Mitleid, das in der Psycho-Branche zum package gehört) - und sei es nur mit der Dummheit, die ja immer auch als Strafe empfunden werden kann (jaja, auch als Trauma: 'Alle andern begriffen sofort, dass zwei und zwei vier ist - nur ich nicht; seither zahle ich dafür mit einem Zahlen-Trauma!' - naja, eigentlich zahlen die andern).

Traumata soweit das Auge reicht

Mit der Traumatisierung ist es wie mit einem Stein, den man ins Wasser wirft: er erzeugt kreisförmig auseinanderdriftende Wellen. Man kann nämlich von der Traumatisiertheit anderer traumatisiert sein - und damit ist das Spielchen ad infinitum geöffnet. Wer nun glaubt, das sei eine masslose Übertreibung, der greife zu den Akten: Vor kurzem wurde eine junge Frau in Helvetien Zeugin eines Unglücks, bei dem ein Mensch das Leben verlor und andere verletzt wurden - das waren mal die direkten Traumata. Ihr Anwalt plädierte nun auf lebenslängliche Arbeitsunfähigkeit der Zuschauerin wegen Traumatisierung - und die armen RichterInnen mussten die Verhältnismässigkeit der Traumatisierung durch Zukucken eruieren. Wäre irgendein Verletzter durch den Unfall seiner Kleider beraubt gewesen oder hätte - zurzeit immer noch der Hit in der Traumabranche - irgendwo ein womöglich erigiertes Schwänzlein oder ein Brustwärzelein hervorgelugt - die oder der Traumatisierte hätte die nächsten drei Leben nicht mehr arbeiten brauchen. Nun, wieso soll ich nicht auf lebenslängliche Staatsunterstützung plädieren, weil ich traumatisiert bin, von diesem Fall gelesen zu haben? Und wenn ich Ihnen noch ein Foto dazu liefere, dann haben auch Sie alle Chancen, der schnöden Arbeitswelt in Bälde für immerdar zu entfleuchen.

Also nutzen Sie die Gunst der Stunde! Der Anlass für Ihre Traumatisierung ist eigentlich völlig Wurst, aber es gibt doch ein paar Kontexte, die erfolgversprechender sind als andere. Das Schleuder-Trauma - ob von einer Wäsche-, einer Salat- oder einer Stein-Schleuder stammend - ist leicht out, nachdem es etwas gar oft benutzt, ja regelrecht verschleudert wurde. Aber was immer noch und wahrscheinlich noch lange hinhaut ist die angelsächsische Kürzest-Regel sex sells. Suchen Sie einen nach Möglichkeit bereits verblichenen Urgross-Dingsdada oder - auch immer hoch erfolgreich - einen Lehrer, Sporttrainer, noch besser, ja ' hype', einen Pfarrerpriesterbischofmönchkardinalpapstministrantenschändersakristan oder - dann ist Ihnen der internationale Auftritt sicher - einen Sektenguruteufelsaustreiberfanatikergrüsel, der Ihnen irgendwann irgendwie zu nahe gekommen ist. Klar reicht seelisch, aber körperlich ist halt schon toller, denken Sie an die Medien, die das verkaufen müssen. Darum müssen auch Fotos her, am besten eins vom Täter und eins vom Ort: 'Hier, in diesem Schulzimmer war es, als mich Professor Prügelpeitsch so warmherzig ansah, als ich die richtige Antwort gab - der Lustmolch! Heute noch leide ich unter diesem traumatisierenden Blick...' Und glauben Sie nicht, Ihr Trauma sei unbedeutend. Jedes Trauma ist toll, auch das Trauma, das auf einem Trauma eines andern beruht, das selbst wieder auf dem Trauma einer andern beruht. Und warten Sie nicht zu lange, die Branche braucht Patienten, die Medien Opfer, und auch die Anwälte brauchen Brot! Traumatisieren Sie die Branche nicht, indem Sie ihr Ihr Trauma vorenthalten. Was heisst da Trauma - jetzt ist der Moment gekommen, wo Sie sprachlich glänzen können mit dem Plural: mit Traumata. Wer etwas auf sich hält, hält sich eben mehrere dieser Dinger. Seien Sie in, seien Sie dabei, helfen Sie mit, dass wir in einer Welt von Traumatisierten leben können, denn wenn dereinst alle traumatisiert sind, wenn es nur noch Opfer und keine Täter mehr gibt, dann sind wir endlich am Ziel, dann kann niemandem nix mehr passieren, dann ist der Trauma-Traum ausgeträumt und - nein, nur nicht erwachen! Das wäre mit grosser Wahrscheinlichkeit ein höchst traumatisches Erlebnis...

What next?

Was tun, wenn der herrliche Begriff des Traumas dereinst so abgelutscht sein wird wie 'Stress' und bald auch 'Burnout'? - Schon Mephisto tröstet den skeptischen Faust, sich nicht allzu ängstlich zu quälen: 'Denn eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.' Wir könnten uns ja ein wenig prophetisch betätigen und raten, was da kommen könnte? Vielleicht ein arabischer Ausdruck für 'fundamentalistische Unzurechnungsfähigkeit'? Oder doch eher was Englisches, vielleicht eine Verschlüsselung des IQ's, der nicht überschritten werden darf, wenn man Präsident werden will? Machen Sie Vorschläge!

NB. Selbstverständlich lehne ich jede Verantwortung, Haftung, Schuld - oder wie immer Sie das nennen wollen - für diesen sündhaften, traumatisierenden Text ab, denn ich bin es selbst, ich meine: traumatisiert. Ich finde garantiert eine Grosstante, die mich mal zu heiss gebadet hat - das würde alles und noch ein klitzekleines Bisschen mehr erklären: den Hitzkopf, das italienische Temperament, den Sonnenkult, das Aufbrausende, diesen unschweizerischen Unernst - ich kann für alles nichts! - und die Grosstante ist schon viel zu tot um für das Badewasser belangt zu werden: 'Requiescat in pace' und 'De mortuis nil nisi bene!'. Ich ahnte es!

Erzählen Sie von Ihren Traumata, jetzt wo der Plural kein Problem mehr ist. Wie wär's mit: "Ich durfte nicht Altgriechisch lernen! Bei jedem zweiten Fremdwort holt mich dieses Trauma ein!" oder einfacher: "Mein Trauma ist, nicht einmal mit meinen Traumata ernst genommen zu werden!" - Bei mir finden Sie ein offenes Ohr! Lassen Sie uns Susanne Tamaro ("Wegen meinem Grossonkel habe ich abstehende Ohren!") aus den Bestsellerlisten kippen, mit Ihren Traumata - wir finden garantiert etwas - e se non è vero è ben trovato!
Auf Ihre Traumata freut sich: info@marpa.ch