Denk-Aufgabe 811 vom 25.9.2008

Die Legende vom wilden Baum

Es war einmal ein wilder Baum,
der wuchs ganz trotzig vor sich hin;
sich hoch zu recken war sein Traum.
Er spürte Kräfte in sich drin,
die andern all' zu überragen,
die höchste Krone zu erlangen,
die Äste weit und frei zu tragen,
vor Wind und Wetter nicht zu bangen.

Er liess den Kräften freien Lauf
und wuchs stolz himmelwärts hinauf.
Er konnte fast die Wolken kitzeln
und über Kleingebliebne witzeln.
Er war der Höchste – unbestritten
Sein Machtanspruch galt unbeschnitten
und weitherum im grossen Wald.

Da gönnte er sich alsobald
ein klitzekleines Ruhe-Päuschen,
vertrieb nicht gleich das winzge Mäuschen,
das knabberte am Wurzelstamm;
nahm auch nicht ernst das weisse Lamm,
das sich am Stamm nun ständig scheuert
dabei die Unschuld stets beteuert.
Es kuckt empor, ganz leicht belämmert
hinauf zum Specht, der wütend hämmert
und Wunden schlägt im Stamm, die harzen
- ein Schicksalszeichen von den Parzen?

Der wilde Baum zeigt doppelt Grösse
bleibt huldvoll, gibt sich keine Blösse
und lässt den Kleinen ihren Spass
- solang der Spass ein Spiel mit Mass.

Ganz langsam wird der Schlanke breiter
und streckt die schweren Äste weiter
hinaus, trägt Früchte und gibt Schatten
und Schutz Ermüdeten und Matten
Verliebte ritzen seine Rinde,
sie lieben sich im linden Winde
vertrauend seinem Blätterdach
und liegen liebend lange wach.

Der Baum steht im Zenith des Lebens
Jenseits des ständig Weiterstrebens
Beglückt dass er hier einst gesetzt
Ruht er in sich im Hier und Jetzt.

Nach langer Fülle wird es Abend;
die milde Sonne wirkt erlabend,
der Baum spürt friedvoll Müdigkeit.
Es schwindet auch die Lust auf Streit
mit Sturmwind und Naturgewalten;
er will verbinden, nicht mehr spalten,
will willig beugen seine Krone
vor Donnrer Zeus auf seinem Throne.

Und lächelnd sieht er junge wilde,
von Ich-Kraft strotzende Gebilde
sich nahe neben ihm erheben,
voll Wuchslust, Drang nach reichem Leben;
nimmt sich zurück, macht Platz, gibt Raum,
lässt andre leben ihren Traum.

Es fliessen stiller seine Säfte,
er spart sich die verbliebnen Kräfte
es schwinden Blatt- und Früchte-Fülle
verletzlich wird die Rindenhülle.
Behutsam neigt er sich zum Boden,
vereinigt schliesslich Antipoden:
Der Recke lernt das Unten loben
und gleichzusetzen mit dem Oben,
der Starke lernt das Schwache lieben,
das Ruhende vor allen Trieben,
anstatt des Harten nun das Weiche,
nach strotzend Grünem auch das Bleiche,
ganz sanft verblassen die Konturen
und es verwischen sich die Spuren
des einst so scharf markanten Baums
im Dunst der Zeiten und des Raums,
die alle auch Markanz einbüssen
und schmunzelnd aus der Ferne grüssen
und fragen – tief vom Grund des Seins:
Ist denn nicht letztlich alles eins?