Denk-Aufgabe 813 vom 14.10.2008

 

Dümmste Sätze II

(ein Dauerbrenner, siehe auch DA 608)

Kaum ein Angebot des Weltmarktes ist reichhaltiger als das dummer Sätze - wobei die Bewertung natürlich immer eine subjektive bleibt und die jeweiligen Sprecher sich auch beim grössten Stuss für schlau halten dürfen. Die also weiserweise in Anführungszeichen zu setzenden 'dummen Sätze' haben selbstverständlich eine wichtige Funktion als Häppchen auf dem Weg des Denkens mit Herz und Hirn. Es geht mir bei der Begegnung mit diesen herrlichen Konzentraten von geistiger bzw. emotionaler Blind- oder Blödheit also nicht darum, mich angewidert abzuwenden oder mir den Tag verderben zu lassen - im Gegenteil: man kann sie sogar jagen, sammeln, im doppelten Sinne 'pressen' oder mit feinen Nadeln in Schaukästen spiessen und als Lern- und Lehrobjekte verwenden. Die aktuellste Trouvaille ist:

"Solange irgendwo auf der Welt ein Kind leidet, interessiert mich das Leiden der Tiere nicht."

Wer den Kopf ganz leicht schräg hält, damit die Hirnflüssigkeit zusammenläuft, sich auf die linke Brusthälfte klopft, um die verschiedenen Schrittmacher oder das sonstwie verstockte Herz wach zu klopfen, kann leicht von selbst auf die naheliegende Schlussfolgerung kommen, dass der Sprecher dieses Satzes sich überhaupt nicht, nie für das Leiden der Tiere interessiert, denn die Chance, dass es in der Geschichte der Menschheit je einen Moment gab oder geben wird, in dem kein einziges kleines Menschlein auch nicht über das geringste Bauchgrimmen zu jammern hätte, dürfte doch unwesentlich über Null liegen. Der Sprecher dieses Satzes geht also an allfällig leidenden Kreaturen in seinem direkten Umfeld ungerührt vorbei, solange in der Zeitung steht, dass in der fernen Mongolei ein Kind am kleinen Fingerli Boboli oder sonst Wehwehli hat.
Wer noch ein wenig genauer hinhört, entdeckt in dem Satz die Fokussierung des Kriteriums des Leidens, der Leidensfähigkeit und die implizite Ansicht, dass erstens nur für den Menschen erkennbar leidensfähige Wesen überhaupt Interesse verdienen und zweitens, dass Leid von Kindern unter allen Umständen zu vermeiden sei. Beides zeugt meines Erachtens wenn nicht von Dummheit, so doch von riesiger Entfernung von dem Entwicklungsstand, den man 'weise' nennen könnte. Leid gehört zum Leben wie Freude, ja, 'des einen Freud, des andern Leid', weiss der Volksmund, und wenn wir in unserer eigenen Biographie forsten, entdecken wir, dass auch die eigene Bewertung eigenen Erlebens nicht konsistent ist, sich wandelt. Dinge, die wir ursprünglich als 'Leid' einstuften und negativ bewerteten, gewinnen in der Retrospektive an Sinn, an Bedeutung, werden zum Nährboden der Fähigkeit, Freude, Positives überhaupt wahrzunehmen und als solches zu erleben. Damit erfährt auch die Leidvermeiderei eine Relativierung. Nicht nur wächst die Einsicht, dass es nicht möglich ist, Leid als wesentlichen Bestandteil der conditio humana zu vermeiden, sondern es dämmert auch die Erkenntnis, dass es gar nicht sinnvoll ist, seine ganze Kraft in die Leidvermeiderei zu stecken, dass es viel mehr darum geht, zu lernen, mit Leid umzugehen, Leid anzunehmen und zu versuchen, es zu wandeln. Nicht, indem wir die Welt ändern und auf alle schiessen, die unseres Erachtens Leid generieren, sondern indem wir uns ändern, unsere Sichtweise, unsere Bewertung, unsere Vorurteile, unsere Pauschalisierungen, unsere Absolutsetzungen, unsere unhinterfragten Ideologeme.

Zu diesen Ideologemen gehört aber auch der Anthropomorphismus der Einteilung des Wahrgenommen in 'leidensfähige' und 'nicht leidensfähige' Entitäten. Wenn ein Objekt, ein Gegenüber nicht menschenähnlich und simpel sicht- oder hörbar auf Lieblosigkeit, oder physische Gewalt reagiert, wird es als 'nicht leidensfähig' eingestuft. Sokrates würde wohl sagen: "Wir haben keine Ahnung, wir wissen schlicht nicht, ob ein Gegenüber, eine wahrgenommene Entität selbst wahrnimmt und - wenn ja - was und wie sie das tut. Der Dumme aber stützt sich auf irgendwelche wissenschaftliche Studien, die hieb- und stichfest belegen, dass bereits die Flora mangels Augen, Ohren und Mündern - naja, mal abgesehen von den komischen fleischfressenden Pflanzen - aus dem erlauchten Kreis der Leidensfähigen rausfallen. Und wer nicht in unserem Sinn weinen, heulen, foltern kann, sich und andere ermorden, Amoklaufen, Kriege anzetteln und was der hochentwickelten Tätigkeiten mehr sind, auf den muss man auch nicht speziell Rücksicht nehmen. - Ist es denn so schwer, einen Schrit zurück zu treten und das uralte Muster auch in der Anthropozentrizität der Wissenschaft zu entdecken? Dass jedes Wesen sich und seine Art der Weltwahrnehmung an erste Stelle stellt, sich einen Gott nach seinem Bilde schafft, eine Hierarchie bastelt, in der er und seine Gattung selbstverständlich zuoberst rangiert? Das Muster lässt sich von der Menschheit als Ganzer bis ins winzigste Kollektiv, ja bis ins Individuum immer wieder erkennen: Ich, meine Familie, unser Quartier, Dorf, Kanton, Land, Kontinent, Gattung, Planet...

Der für uns Menschen äusserlich, sinnlich wahrnehmbare Ausdruck von Leiden fährt verständlicherweise mehr ein als der nur vermutete bei anderen Entitäten und es ist nachvollziehbar, dass wir spontan darauf reagieren. Aber müssen wir unser subjektives Empfinden deswegen gleich absolut setzen und uns zu so gewaltig dummen Sätzen hinreissen lassen? Wie wär's denn, wenn es anders wäre? Angenommen, alles wäre mit allem vernetzt, verbunden? Angenommen, die einzelnen materiellen Formen wären nur Puzzleteile des grossen Bildes, das es zusammen zu setzen gälte? Würden da nicht all die Gräben und Einteilungen und Absolutsetzungen plötzlich unwesentlich? Und wäre es dann nicht naheliegend, sich dem Naheliegenden zu widmen? Dem Kind, dem Tier, der Pflanze, dem Stein, dem Wasser, der Luft, dem Boden, dem Ding ganz unmittelbar in unserer allernächsten Nähe?

Der 'Hohen Schule' dieses Erkenntnisprozesses, dieses Entwicklungsweges entspricht aus meiner Sicht, wenn es uns gelingt, die volle Verantwortung zu übernehmen für restlos alles, was wir wahrnehmen. Als Bild für diese Weltsicht taugt die Metapher von der 'Welt als Spiegel' oder die konstruktivistische Vorstellung, dass Wahrgenommenes Aussenprojektion des Inneren des Wahrnehmenden ist, dass alles Wahrgenommene also letztlich nach aussen projiziertes Inneres ist. Dann fällt das im Aussen als Leiden anderer wahrgenommene und wieder anderen als Verantwortlichen in die Schuhe geschobene Leiden aber wie ein Boomerang auf uns zurück: Wir sind sowohl die Leidenden wie die das Leid Verursachenden. Das anzunehmen ist allerdings ein starkes Stück - aber ich sagte ja 'Hohe Schule' - und fliegende Wechsel a tempi sind schliesslich auch ein starkes Stück. Auch für mich als 'Dumme-Sätze-Sammler' wartet eine eher ungemütliche Einsicht am Ende dieses Denk-Spaziergangs: Es sind alles meine Sätze! Nach aussen projizierte Innereien, noch Abgelehntes, noch nicht Integriertes, das ich noch anderen in den Mund lege. Es ist offenbar noch ein rechtes Stück Wegs zu gehen - wobei es an mir liegt, auch die Erkenntnis, noch weit vom Ziel entfernt zu sein,nicht unbedingt einseitig als 'Leid', sondern mit genau so viel Berechtigung als 'Freud' wahrzunehmen.