Denk-Aufgabe 814 vom 3.11.2008

 

Und sie bewegt sich doch...

Gemeint ist diesmal nicht - zumindest nicht nur - die geniale Tänzerin Andrea Herdeg, sondern unser lieber blauer Globus, der sich trotz globaler Finanzkrise und anderen Schreckensszenarien wie Klimakatastrophe, Überschwemmungen, Erdbeben, Terrorismus und Krieg der Religionen munter weiter dreht. Könnte es sein, dass die Erde sich wie ein grosser Bär ab und zu etwas schüttelt, um die Läuse loszuwerden, die sich in lästig grosser Zahl auf seinem Pelz festgekrallt haben und meinen, SIE seien das Wichtigste, Grösste, das Ziel der Evolution? Wie lange dauert es wohl noch, bis der sich so grossartig wähnende Homo sapiens sapiens erkennt, dass es mit seiner Sapientia gar nicht so weit her ist? Dass seine vertikale Hierarchie, an deren Spitze er sich eitel gleich selbst hinsetzt, ein willkürliches, selbst gebasteltes Modell ist, das den Zweck hat, seine auf reiner Gewalt beruhende Dominanz zu legitimieren? Dass alles, was er an Eigenschaften zur Rechtfertigung dieser hierarchischen Spitzenposition aufführt, was er so gern als spezifisch 'menschlich' aufführt, einer näheren Überprüfung gar nicht standhält? Seit die Molekularbiologie gezeigt hat, dass einzelne Zellen, ja sogar einzelne Moleküle sich flexibel, adaptiv verhalten, miteinander kommunizieren, auf Umweltveränderungen reagieren - alles Verhaltensweisen, die wir, wenn sie beim Menschen vorkommen, als 'intelligent' bezeichnen - ist das Lieblingsargument menschlicher Hybris am Zerbröseln. Es braucht aber wahrscheinlich noch viele Kataströphlein - das griechische Wort 'katastrophe' bezeichnete ursprünglich schlicht den Umkehrpunkt am Ende einer Zeile - bis das vertikale Weltbild so morsch ist, dass es in die Horizontale kippt. Das allerdings könnte dann erfreuliche, dammbruchartige Folgen haben: Wenn der Mensch sich nicht mehr als Herrscher, sondern als Teil eines Kollektivs miteinander verbundener Entitäten versteht, sich von der Fixierung auf Materialität und Kausalität löst, erkennt, dass die quantenphysikalische Behauptung, der Urbaustein des Universums sei Information, durchaus Lebensqualität beinhaltet, dass auch die Entdeckung und Anerkennung all der anderen Verknüpfungsmöglichkeiten zwischen Entitäten neben der kausalen - so die analoge, dialog, polyloge, die zuwendend-achtsame Verbindung zu einem gewaltigen Schub von Lebensfreude und Erfüllung führen können. - Ansätze dazu waren bei grossen Geistern schon immer da und sind seit über hundert Jahren auch in der Spitzenforschung, vor allem in der Physik, vorhanden. Aber der Mensch klammert sich verzweifelt an die Vorstellung seiner Sonderstellung, an diese billige, vermeintlich 'altbewährte' Legitimation all seines gedankenlosen Tuns, das vielmehr dem einer Krebszelle ähnelt und zu dem unbarmherzigen Ausspruch des Psychotherapeuten Thorwald Dethlefsen führte: "Der Mensch hat nicht Krebs, er ist Krebs". Gemeint ist das kurzsichtige Verhalten der Krebszelle, die sich auf Kosten des Wirts vermehrt, ihn dadurch tötet und mit ihm stirbt. Ähnlich kurzsichtig ist das Verhalten des Menschen auf dem Planeten - und das Bild wird in dem Augenblick plastisch und stimmig, wo man der Erde Entitätsqualität zuspricht, sie nicht nur als toten Materieklumpen, sondern als höchst lebendiges, von Information - dem Urbaustein - nur so strotzendes Wesen anschaut.

Das Umkippen der 'grossen' Hierarchie 'Mensch oben - Welt unten', etabliert und gestützt durch religiös verbrämte Trottelsätze wie 'Machet euch die Erde untertan', wird verzweifelt verhindert und alles, was darauf hinweist, dass es sich früher oder später nicht mehr umgehen lässt, wird gezielt verdrängt, was bis zu grotesken Situationen führt, wo Spitzenforscher für genau dieselben Erkenntnisse den Nobelpreis kriegen, die - von anderen geäussert - als Eso-Kitsch, als alternatives, spirituelles Geplapper verunglimpft werden. All dies ist verständlich, denn mit dem Kippen der 'grossen', allgemeinen Hierarchie, die sich in unzähligen vertikalen Modellen spiegelt, käme das Prinzip der Hierarchie selbst in Gefahr, hinterfragt und letztlich vielleicht sogar als veraltetes Modell auf den Haufen überflüssiger, ausgedienter Theorien geworfen zu werden. Und das kann natürlich nicht im Sinne derer sein, die sich dank dem Glauben an Vertikalität irgendwo über dem 'Bodensatz' der 'Normalos' positionieren und von dieser Stellung materiell und immateriell profitieren. Es geht um den ganzen Nimbus von höher und tiefer, von Chefs im Sinne von 'sich auf der vertikalen Hierarchie oberhalb anderer Befindlicher'. Schliessen Sie mal kurz die Augen und stellen Sie sich vor, nicht nur Sie, sondern ein grösseres Kollektiv würde die Vertikalität nicht mehr als irgendwie gottgegebene Realität oder unumgängliche Faktizität, sondern nur noch als Modell anschauen, das in ganz spezifischen Kontexten durchaus benutzt werden kann, aber völlig befreit von der heute noch immanenten Bewertung von 'oben' = 'besser' und damit im ausgehenden materialistischen Paradigma auch 'besser verdienend', 'besser gestelt', 'angesehener' etc.. Diesen lockeren Umgang mit Vertikalität kennen wir längst aus Bereichen wie dem Wohnen: 'oben' wohnen kann - je nach Wohnlage - den Vorteil einer tolleren Aussicht haben, genau so kann es den Nachteil der Gartenferne und des mühsamen Treppensteigens haben. 'Oben wohnen' enthält also nicht zwingend bereits eine Wertung, die sich z.B. direkt und zwingend im Preis ausdrücken würde: die Dachmansarde ist eher günstiger, die toll ausgebaute Attikawohnung teurer. Also könnte man sich von der Wertungs-Suggestion des räumlichen 'oben-unten' lösen und nur noch die Verschiedenheiten fokussieren - mit dem gleichen Resultat. Genau so könnte man nun mit allen anderen 'Oben-unten-Verhältnissen' umgehen, sie in die entspannte Horizontale der Verschiedenheiten holen. Man kann das durchaus auch jetzt schon tun, indem man sich aus der Masse der Vertikal-Gläubigen ausklinkt und alle Hierarchien kippt. Man erregt dabei bestimmt immer wieder Anstoss, aber man muss es ja nicht allzulaut hinaus posaunen, dass einem z.B. Tiere, Pflanzen, Seen, Berge, ja der Planet als Ganzer genau so am Herzen liegen wie die Menschheit. Dass man nicht mitmacht bei der Einteilung in 'oben- unten' im Sinne von 'besser-schlechter', 'wertvoller-wertloser'. Hitler war ein konsequenter Verfechter des Vertikalen und er entschied, was Kraut und was Unkraut, was lebenswert und was der Vernichtung zuzuführen sei. Sind wir denn heute so viel weiter? Ist unser Umgang mit der Natur denn so viel anders der Hitlersche? Ich bin mir der Provokation dieses Vergleichs bewusst und mache ihn ganz absichtlich, um bei völlig erkalteten Rationalisten vielleicht eine klitzekleine emotionale Reaktion hervorzurufen.

Die Denk-Aufgabe bestünde darin, bei sich selbst und im eigenen Lebensumfeld nach Vertikalität zu suchen, nach zementierten Hierarchievorstellungen - und sich dann vielleicht da und dort mal als SprengmeisterIn zu betätigen, Denk-Axiome wie Sockel von Denkmälern in die Luft zu jagen und dann amüsiert zu kucken, wie man das Herunterregnende horizontal, neben- und miteinander anordnen könnte.