Denk-Aufgabe 901 vom 2.1.2009

 

Bastelnachmittag

Seit über 2500 Jahren wird darüber gestritten, ob sich Götter Menschen oder Menschen Götter schaffen. Wer ist Bastler, wer Gebasteltes?

Xenophanes von Kolophon (ca. 570 - 480 v. Chr.) verteilte die Rollen ziemlich klar und relativierte auch gleich den Gültigkeitsbereich der jeweiligen Bastelerzeugnisse. Hervorhebenswert für mich als unrettbaren Tierli-Freund auch, dass er beim Räsonieren über die Bastelkompetenzen keineswegs nur den Menschen als potenziellen Bastler ins Auge fasst:

Die Äthiopier behaupten, ihre Götter seien stumpfnasig und schwarz, die Thraker, blauäugig und blond. Aber die Menschen nehmen an, die Götter seien geboren, sie trügen Kleider, hätten Stimme und Körper - wie sie selbst. Wenn aber die Rinder und Pferde und Löwen Hände hätten und mit diesen Händen malen könnten und Bildwerke schaffen wie Menschen, so würden die Pferde die Götter abbilden und malen in der Gestalt von Pferden, die Rinder in der von Rindern, und sie würden solche Statuen meißeln, ihrer eigenen Körpergestalt entsprechend.

In der von Homer und Hesiod geschilderten Götterwelt Griechenlands ging es allerdings bedeutend humorvoller zu als in späteren Jahrhunderten im Abend- und im Morgenland. Deshalb liess es sich auch vergleichsweise locker darüber debattieren. Wer Spass an einer Szene im Olymp hat, kann sich vielleicht am modernen Märchen von Promethea verlustieren.

Heute hingegen, wo die Kausalität das Mantra der Wissenschaft ist und die Welt fundamentalistischer denn je, riskiert man Kopf und Kragen damit. Noch scheint sich nicht herumgesprochen zu haben, dass die Zuweisung der Rollen in der Kausalverknüpfung eine oft höchst willkürliche, standpunktabhängige Sache ist. Aber wehe jemand wagt es, die gebetsmühlenartig wiederholte Behauptung, Gott sei Causa, Urheber für die Wirkung, das Produkt 'Mensch', umzudrehen. Wehe er schaut versuchsweise, ob es nicht vielleicht am Ende doch ein klitzeklein wenig plausibler wäre, anzunehmen, dass der Mensch sich immer wieder eine optimierte Variante seiner Selbst ausdenkt und die dann ganz konkret über sich, an die Wand, an die Hausfassade, in sein Tempelchen und schliesslich in den Himmel stellt, mit dem Riesenvorteil, dass er diese Vision nie realisieren muss, sie mithin auch jederzeit und zeitverzugslos änderbar ist. Gut, die Christen haben sich da die Aufgabe etwas schwieriger gemacht mit ihrer Idee, Gott einen Sohn zuzugesellen, der sich dann inkarnierte und damit eben doch zur Realisierung einer Vision wurde. Aber die zentrale Botschaft des Christentums ist vom Nachweis der historischen Existenz dieses Gottessohnes nicht abhängig. Wie alle Mythen bezieht auch die Jesus-Geschichte ihre Kraft nicht von ihrer Qualität als Tatachenbericht, sondern von ihrem symbolischen Gehalt. Wenn man sich von der Überbewertung historischer Faktizität und der Geringschätzung des Mythischen, der Legende befreien kann, verliert die Zuweisung der Rollen im Kausalitätsspiel auch ihre Wertung. Nur solange man an der Faktizität eines Gottes klebt, ist es wichtig, dass er der Bastler, der Schöpfer, die Causa ist. Löst man sich von dieser Vorstellung, geht es plötzlich nicht mehr um die Frage, welcher Mythos, welcher Gott nun der einzig richtige, der wahre, der absolute, der legitime, der mit dem berechtigten Absolutheitsanspruch, der universal gültige sei, sondern nur noch darum, welche Verpackung welcher Botschaft uns gemäss ist. Was können wir mit unserem kulturellen Hintergrund, mit unserer Interpretationsfähigkeit decodieren? Und wenn wir einmal einen Zipfel einer Botschaft erkannt zu haben glauben, wird es ungemein bereichernd, andere kulturelle Kontexte, andere Metaphern, andere Mythen kennen zu lernen. Die Frage, ob der Mythos uns geschaffen habe oder wir bzw. unsere Vorfahren ihn, wird völlig irrelevant.

Aber wenn nun einer nicht davon loskommt und darauf beharrt, dass es einen absoluten und einzigen Over-all-Schöpfer gebe, so ist ihm immerhin entgegenzuhalten, dass es sich doch um ein recht krude anmutendes Konstrukt handelt bei der Vorstellung, dass ein allmächtig gedachter Gott eine doch eher schäbige Variante seiner Selbst nicht nur konzipiert, sondern massenweise produziert und diesem Galgenvogel gleich noch einen ganzen Planeten mit wundervollen Tieren, Pflanzen, Bergen, Seen und Meeren zur Verfügung stellt, den er mit allem drum und dran in Stücke hauen darf?

Meines Erachtens widerspricht die Variante mit Gott als Causa nicht nur jedem gesunden Menschenverstand, sondern auch jeder Form von emotionaler und sozialer Intelligenz. Wenn ein Wesen über Schöpfungsmöglichkeiten verfügt, wieso soll es sie nutzen dafür, ein derart untaugliches Geschöpf wie den Menschen herzustellen? Jeder Erfinder, jeder Unternehmer würde mit Schimpf und Schande zum Teufel gejagt – aber sicher nicht zum Gott erhoben für eine so schwache Leistung. Vor allem aber würde die Produktion eines solchen Ausreissers sofort eingestellt. Wenn es also irgendwo ausserhalb der Schöpfung, abgetrennt von den Geschöpfen so etwas geben sollte wie einen kreierenden Gott, so müsste der tief beleidigt sein, wenn man ihn bezichtigte, dieses zweifelhafte Produkt 'Mensch' geschaffen zu haben. Falls er ihn aber tatsächlich geschaffen haben sollte, müsste man ihm dringend die 'license to create' entziehen und einen Abgang ohne Boni und Entschädigung verlangen.

Doch wie gesagt, all diese Gedanken sind in unserer sich so schrecklich aufgeklärt wähnenden Zeit nicht opportun und kriegen minimal das Etikett 'politically uncorrect' zu sein - denn Fundis aller Länder und jedweder Couleur könnten sich beleidigt fühlen.

"Es ist egal, mit welcher Religion du offen und tolerant bist"
Bereits dieser Satz ist zuviel des Guten für einen rechten Fundi. Der Treffer stammt - wen wundert's - nicht von einem Philosophen, denn die sind meist zu sehr mit sich beschäftigt um so kluge Einsichten zu tätigen, sondern fand sich in der Werbebroschüre eines gepflegten Bekleidungshauses.

Und wer es nur schon wagt – wie der grosse Kulturhistoriker und Ägyptologe Jan Assmann –, die Einführung eines Einzelgottes mit Absolutheitsanspruch mit fundamentalistischem Denken und Handeln in Zusammenhang zu bringen, der wird bereits als Antisemit verschrien. Dabei sind die Juden bekanntlich nicht die Einzigen, die ihren privaten Nationalgott zum alleinigen erklärten. Wenn schon – und darum bitte ich in meinem Fall geradezu – möchte ich auch von sämtlichen Islamisten mit dem Bann belegt und von allen christlichen Glaubensrichtungen als Häretiker gegeisselt werden. Und es finden sich bestimmt noch ein paar tausend andere Religionen, Sekten, Gruppierungen, Ideologien, Weltanschauungen und Wissenschaftszweige, die wichtig und eitel ihren Absolutheitsanspruch vor sich her tragen, um ihren Götzen - und hiesse er analytische Vernunft - herumtanzen und von allen dasselbe verlangen.

Denn ich behaupte ja immerhin Gröberes als der geradezu zurückhaltende Herr Assmann: nicht nur, dass der Monotheismus mit Absolutheitsanspruch eine reichlich humorlose und popelige Sache sei, sondern dass jegliche Absolutsetzung von irgendwas erstens ein willkürliches Konstrukt und damit zweitens lächerlich und drittens zu verspotten und viertens nicht zu beachten sei. In derselben Sekunde wo irgendein Aufgeblasener behauptet – sei er nun Papst oder Taliban oder Politiker oder Wissenschaftler – irgendetwas sei absolut und überall und für alle und in allen Welten gültig, ist Lachen angesagt, Spott, Häme, vielleicht eine Prise Mitleid, wenn der Absolutist offensichtlich geistig behindert oder unter 3-jährig ist. Im besten Fall, wenn wir ihn halt aus Agape-Liebe zu allem, was ist, aus dem Wissen, dass er ja auch mit uns verbunden, auch zur grossen Einheit gehörig ist und wir ihn eben doch noch ein klitzeklein wenig lieb haben, kriegt er ein Ticket für den geistigen Kindergarten. – So gesehen wird es auch im neuen Jahr bestimmt viel zu lachen geben. Am witzigsten - zumindest für die andern - ist es, wenn wir den Absolutheitsanspruch bei uns selbst entdecken, wie in dem obigen Satz zum Lachzwang über alles Fundihafte. Das ist nur gerade mein Rezept. Selbstverständlich darf man sich und alle andern weiterhin todernst nehmen in seinen fundamentalistischen Überzeugungen, man darf auch sich und alle andern weiterhin totschiessen dafür, sollte dabei allerdings die Reihenfolge beachten, damit das gelingt. Aber ich würde in die eigene Falle der Fundihaftigkeit fallen, würde ich das Lachen über alle Absolutsetzer absolut setzen. Das wäre echt zum Lachen...

Für absolutistisch getrimmte oder gestimmte oder sonst vielleicht aus irgendwelchen Gründen unsogfältige LeserInnen sei nachgedoppelt: Ich verlache nicht die Gläubigen, ich verlache niemanden, der für sich irgendeiner Ideologie huldigt, der eine Weltanschauung für sich als richtig, als gültig bezeichnet - aber ich nehme mir die Frechheit heraus, ungehemmt über diejenigen zu schmunzeln, die irgendeine subjektive Einsicht für allgemeingültig erklären und absolut setzen. Mir gefällt die Till Eulenspiegel-Rolle: lauthals und lachend zu sagen, dass zumindest aus unserer Sicht der Kaiser keine Kleider anhabe. Auch ich renne auf einer Spielwiese herum, schaue durch eine Brille, aber ich bin mir dessen bewusst und erhebe auch nicht den Anspruch, dass irgendjemand meine Sicht teile. Man kann seine Sichtweise kommunizieren, anbieten, sich austauschen mit andern und dabei lernen, sich zu weiten und seine Sicht weiter zu entwickeln.

Genau dies tat ich in den letzten Jahrzehnten. Stand des heutigen Irrtums in Sachen 'Gott' ist in Kurzform der folgende:

In meinem Modell ist 'Gott' nicht irgendetwas ausserhalb der Entitäten, sondern in jeder drin, es ist das Prinzip, das wir auch Seele, Leben, Dasein, Energie, Information, Mitte, Jetzt nennen könnten. Alles Wahrnehmbare, völlig unabhängig davon, ob es Mensch, Tier, Pflanze oder Ding ist, hat Anteil daran, ist Teil davon, ja alles Vereinzelte ist letztlich Fiktion, Selbst-Projektion der Einheit nach aussen, in die Materie, vergleichbar den einzelnen Farben, die entstehen, wenn Licht durch ein Prisma fällt.

Mit diesem Modell lösen sich die ganzen Toleranzfragen wundervoll auf. Der angestrengte 'Duldensaspekt', der im lateinischen Verb 'tolerare' steckt, verflüchtigt sich. Es bedeutet gar nicht mehr mühselige Anstrengung, eine andere religiöse Vorstellung, eine andere Weltanschauung zu tolerieren, sondern es wäre im Gegenteil merkwürdig, wenn viele oder gar alle dieselben Farben sähen. Die Verschiedenheit ist beruhigend, bestätigend, bereichernd. Genauso wie jeder seine eigene Mitte hat, wie jeder etwas anderes meint, wenn er 'Ich' und wenn er 'Du' sagt, so hat in meiner Vorstellung jeder seine eigene Sicht des Göttlichen, des Flow, des Nirwana, des Tao oder wie immer er es nennen will. Und auch diejenigen, die mit letzter Überzeugung an die Nichtexistenz von irgendetwas Göttlichem glauben, haben Platz und selbstverständlich auch alle, welche die Vernunft vergöttern, oder die Materie, das Genom für das Höchste, für die letzte Entschlüsselung halten - alles hat seine Berechtigung, solange es nicht Gültigkeit für alle und alles beansprucht, solange es Angebot und nicht Zwang, nicht Befehl, nicht staatlich oder durch sonst ein Kollektiv verordnete Religion oder Ideologie ist, solange Mitmachen freiwillig ist und auch jederzeit wieder beendet werden kann.

Das Anbieten und Austauschen von Vorstellungen halte ich allerdings in mehrfacher Hinsicht für sinnvoll. Es ist zuerst einmal bereichernd, auch und gerade wenn es sich um entlegene, weit von der eigenen Sicht entfernte Vorstellungen handelt. Dann hält der Austausch, die Debatte über verschiedene religiöse und weltanschauliche Vorstellungen das Wissen um die Pluralität und Relativität aufrecht. Die Wahrscheinlichkeit, in die sozial in hohem Masse unverträgliche, konfliktschürende Absolutsetzung, ins Fundamentalistische abzugleiten, nimmt direkt proportional ab mit dem Mass offenen Dialogs. Dann hat aber auch die Kollektivierung gewisser Sichten, die ja immer eine Gefahr der Absolutsetzung beinhaltet, durchaus ihre postiven Seiten. Denn in der Gemeinschaft können sich gerade suprarationale Erlebnisse - und zu denen zählen emotionale, intuitive, spirituelle Erfahrungen ganz besonders - so verstärken, dass auch ängstlichere, steifere, verklemmtere Naturen sich Energien öffnen können, die sie nicht unter ständiger rationaler Kontrolle haben. Die meisten kennen dies aus Begegnungen mit Musik oder aus in der Gemeinschaft erlebten Naturerfahrungen - und last but not least natürlich aus guten erotischen Erlebnissen. Als Kriterien und Orientierungshilfen bieten sich in meinem Modell des offenen Austausch das Glück dessen an, der seine Sicht darstellt und die Gemässheit einer Form für uns. So kann es sein, dass wir einen überglücklichen afrikanischen Menschen treffen, der in der Musik, im Tanz um ein Symbol, einen Totempfahl oder was auch immer seine Erfüllung findet, dass diese Form aber uns nicht gemäss ist, sei es aus mangelnder Musikalität oder tänzerischer Begabung, sei es wegen irgendwelcher kultureller Gräben, die zu überwinden wir uns nicht in der Lage fühlen.

Nochmals verdeutlicht für allfällige Flüchtigleser: Ich rede nicht einer völligen Privatisierung und Vereinzelung jeglicher religiöser bzw. weltanschaulicher Sichtweisen das Wort. Ich habe schon oft erleben dürfen, wie viel Energie aus gemeinsam gestalteten Ritualen, aus dem kollektiv Kultischen erwachsen kann. Aber diese Energien können sich immer auch zerstörerisch gegen Aussenstehende richten und deshalb ist mir das Glücks-Kriterium so wichtig zur Beurteilung einer Sichtweise. Denn wer wirklich glücklich ist in seiner Religion, seiner Weltanschauung, braucht auch nicht zerstörerisch auf andere einzuwirken, hat keinen Anlass, Zwang und Gewalt auszuüben. Er wirkt allein schon durch seine Ausstrahlung auf andere anziehend. Und wenn sich andere für die 'theoria' hinter seiner Praxis zu interessieren beginnen, bleibt er vorsichtig in seinem Anbieten von Lehre oder gar Rezepten, denn er weiss, dass nicht jedem dasselbe zum Glück gereicht. Er wehrt sogar ab, wenn andere ihn in blindem Eifer imitieren wollen. Das Ziel des tief Glücklichen ist nie, dass alle anderen so werden wie er, sondern nur, dass andere auch ihren Weg zu ihrem Glück finden. Hierin liegt meines Erachtens ein grosser Irrtum allen gleichmacherischen Denkens und Handelns. Denn das Kollektiv funktioniert, so meine ich, dank der Verschiedenheit miteinander Verbundener, nicht dank der erzwungenen Gleichstellung Getrennter.

Und gerade deshalb, weil es meines Erachtens die Verschiedenheit der miteinander Verbundenen braucht, damit alle und alles zur Einheit zurückfindet, scheint es mir so wohltuend und wichtig, über alles Absolutistische, Fundamentalistische, Allgemeingültigkeit Beanspruchende herzhaft zu lachen - vor allem, wenn wir es in uns selbst entdecken - und sei es nur bei der felsenfesten Überzeugung, wie man absolut und einzig richtig die Zähne putzt...

Auf den Bannstrahl, die Exkommunikation, das Lehrverbot, aber auch auf Ihre Berichte über entdeckte Fundi-Elemente im eigenen Denken und über Ihre bereichernd andersfarbigen religiösen oder weltanschaulichen Sichtweisen freut sich: info@marpa.ch