Denk-Aufgabe 904 vom 1.3.2009

 

Die Agonie des Wohlfahrts-Staates

Beim Sterben zuschauen ist nicht unbedingt vergnüglich - vor allem dann nicht, wenn man selbst ein Teil dessen ist, was da in den letzten Zuckungen liegt. Und doch fasziniert das Sterben in Romanen und Wirklichkeiten, der Untergang von Schiffen, Kulturen, Völkern, Nationen, aber auch von Inseln und ganzen Kontinenten, von Sternen und Galaxien uns immer wieder. Wie paralysiert schauen wir dem unaufhaltbaren Zyklus des Werdens und Vergehens zu, wissend, dass auch wir selbst in unserer Körperlichkeit uns dieser unerbittlichen, aber letztlich segensreichen Sinuskurve nicht entziehen können.

Zurzeit können wir dem Untergang des westlichen Sozialstaats oder Wohlfahrtsstaats, dem 'nanny state' zuschauen. Die einen mit Grausen und Schrecken, da sie die eigenen Windeln und Duvets, die Fudi-Puder und Geh-Hilfen, die tausend Kässeli für alle, die gerade keine Lust haben, etwas zu tun, entschwinden sehen wie eine Fata Morgana, weil sie mit Entsetzen dem Tag entgegen sehen, an dem sie ihre bequem gewordenen Fettärsche wieder für mehr heben müssen als für den Gang zum Arzt, zum Apotheker und zur Sozialhilfe. Die andern völlig wehmutsfrei, sogar mit einem Schmunzeln auf den Stockzähnen, gespannt darauf, wie sich die Spreu der Opfer, der Unmündigen, der Fremdbestimmten, der Weicheier, der am Tropf Hängenden vom Weizen der Freiheit, Verantwortung und Autonomie Erstrebenden und auch Aushaltenden trennen wird bei dem ständig zulegenden Wind. Man kann durchaus auch Genugtuung empfinden, wenn der aufgeplusterte, bankrotte Mammi-Staat gesundschrumpft, diese schlecht verkappte Werte-Diktatur, in der linke Vordenkermammis mit ihrem elitär geteilten Menschenbild sich selbst das Recht herausnehmen, zu wissen, was für die Menge der unmündigen Babys gut ist, und mit dem Geld der andern ein lebensfeindliches Hochsicherheitsgefängnis basteln und als 'Paradies' verkaufen.

Die einen schreien "Was, schon aus mit dem totalen Fürsorgestaat?", die andern staunen, wie lange es gedauert hat, bis die gleichmacherische Furzidee der französischen Revolution - als reaktionäre Bewegung durchaus nachvollziehbar im historischen Zusammenhang - endlich auf ihren Kollaps zusteuert. Natürlich steckt eine geniale Idee dahinter: Wer kann sich schon der Verlockung entziehen, mit geliehener Macht das Geld anderer zu verschleudern - und dabei Anerkennung, Bewunderung, ja Verehrung einzuheimsen von all denen, die unter den Sprühregen unserer Giesskanne kommen? Genau das machen die Politiker unserer Wohlfahrtsstaaten im grossen Stil - und die Millionen von Staatsangestellten im Kleinen. Es ist die einfachste, günstigste und anstrengungsloseste Aufblähung des eigenen Egos. Wer sich dasselbe, also Macht, Geld und Ansehen über Eigenleistung, über eigene Kompetenz erwerben will, muss da schon etwas länger die Schulbank drücken, mehr Phantasie und Unternehmergeist entwickeln, sich etwas einfallen lassen, vielleicht auch eine Zeitlang auf Vieles verzichten, auf Bequemlichkeit, Gemütlichkeit und Vollgefressenheit. So gesehen ist es nicht vewunderlich, dass die Staatsangestelltenquote in allen Sozialstaaten exponentiell nach oben weist und im diesbezüglich schlimmsten Beispiel Frankreich schon unaufhaltsam auf die 50%-Grenze zuschnellt. Lassen Sie sich das auf der Zunge zergehen, bevor Sie angewidert ausspucken: Bald die Hälfte der überhaupt noch irgend etwas werkelnden französischen Bevölkerung sitzt am 'Schermen' bei Väterchen - oder besser: Mütterchen? - Staat, und nur die Vergewaltigung der Putzfrau bzw. des Portiers brächte sie da wieder weg. Und das kommt nun bestimmt keinem Staatsangestellten in den Sinn, wo ihnen doch auch sonst nicht allzuviel in den Sinn kommt...

Die Chance besteht, dass diese Quote jetzt sogar noch ansteigt. In Krisenzeiten zieht es die Kinderchen an den Rockzipfel Muttis und ans Portemonnaie Papis - und erst wenn auch der Papi hops gegangen und Mutti rocklos dasteht, steht der kleine Rocker erschrocken da und kann kaum ohne Spitex Teewasser kochen. Aber seid getrost, früher oder später stirbt zumindest der Vorderteil des so lange gehegten Wörtchens Wohlfahrts-Staat eines leisen Tödchens - schlicht mangels Wohlfaht. Wohl fahren noch einige mit wohlfeilen Fahrzeugen herum, aber der Porsche gehört sogar in der autonomen Auto-Nation Deutschland schon bäldiglich nicht mehr zum Existenzminimum. Eigentlich fies. Da gibts doch tatsächlich eine automobile Zweiklassengesellschaft! Was heisst da zwei? Ein aus unzähligen Kasten bestehende Hubraumklassengesellschaft - der gute alte Marx würde sich im Grabe drehen, wenn er das sähe. "Allen das gleich Auto, zurück zum Trabi!" scheppert es aus dem Osten. Zu spät, es reicht nicht einmal mehr für einen Unser-aller-Trabi, traben tun nur noch die Pferde, denn der Trabi braucht Öl und das haben die letzten Hartzisten oder helvetischen Sozialhilfeempfänger bestenfalls am Hut. Öl ist alle - statt 'Öl für alle'. Mit letzter Verzweiflung presst Papi Muttis Nähmschinenöl in den guten alten Benz - dann schwant ihm, dass es gerade noch bis zum Schwanen reicht.

Deftige Zukunfts-Szenarien
Und dann - o herrliche Aussichten - hat's an jeder Ecke wieder ein Pferdl stehen, der Aktionsradius im Ausgang wird vielleicht etwas kleiner, aber auch der Gestank, der Lärm, der Stress nehmen ab - der Spass bestimmt nicht. Der Staat schrumpft wieder zum urliberalen Nachtwächterstaat, der nur mit dem Zweck aktiv wir, die Freiheit der ihn ausmachenden Bürger zu vergrössern, die FREIHEIT, nicht die von einer selbsternannten Gruppe bestimmte Sicherheit, nicht die von einem ebenso selbsternannten Kreis von Besserwissern definierte 'Wohlfahrt', nein, die Freiheit, die Autonomie - was, zur Erinnerung, Selbstbestimmung meint, die Fähigkeit, sich selbst den nomos, das Gesetz für sein Leben zugeben - diese Freiheit wird wieder spürbar mit Verantwortung gekoppelt, mit der Bereitschaft, nicht nur für sein Tun, sondern auch für sein Denken und Fühlen, ja bereits für jeden Wahrnehmungs- Interpretations- und Bewertungsakt Verantwortung zu übernehmen...

...oder auch nicht, zugegeben, es ist genau so gut möglich, dass jüngere, noch nicht so abgeschlaffte, verweichlichte Völker den verfetteten Westen überrollen, überspülen, die Wohlfahrtsstaaten zu schleifen mitsamt ihren Insassen, ihren dementen, verfaulten, bequemen und wehrlosen Öpferlein, die es gewohnt waren, den Schoppen ans Mäulchen gesetzt zu bekommen. - Vielleicht ist es ja gut, dass wir nicht wissen, welches Szenario auf uns zukommt. Wenn wir versuchen, uns vom aktuellen Geschehen zu distanzieren und einen möglichst nüchternen Beobachtungsstandort einzunehmen, den historischen Horizont zu weiten, so findet sich die Sinuskurve von Aufstieg und Niedergang, von Werden und Vergehen sowohl bei jeder einzelnen Entität wie auch bei allen Kollektiven. Wieso soll es sich mit den dekadenten Wohlfahrtsstaaten anders verhalten? Und - Hand auf's Herz - die Zeichen deuten doch alle eher auf die zweite Variante. Die knackigen, kriegstauglichen Jungs sind doch längst bei 'Pro Specie Rara' weil akut vom Aussterben bedroht. Wir haben sie gezielt weggezüchtet mit unserem Nanny-State. Die einzige Hoffnung liegt meines Erachtens bei den Frauen, die schon Einiges an brach herumliegender Verantwortung aufgegabelt haben. Aber ob das für mehr reicht als für ein Hinauszögern des 'decadere', des Hinunterstürzens in Dürrenmatts 'Tunnel', nicht ins endlos Leere, nur gerade bis zur 'kata-strophê', zum Umkehrpunkt, zur Talsohle der Sinuskurve, von der aus es wieder aufwärts geht, wenn auch höchstwahrscheinlich in anderer Besetzung, aber trotzdem irgendwie tröstlich, oder nicht?