Denk-Aufgabe 905 vom 4.3.2009

 

Die Mogelpackung
Die eheliche oder ehe-ähnliche Zweierkiste ist in den meisten Fällen eine Mogelpackung und schon als solche konzipiert worden: "Wenn du X vernaschen willst, musst du sie/ihn lebenslänglich ertragen. Und weil das voraussehbar öd und frustrierend wird, steht dir die Kirche bei. In ihrem Schoss darfst du zwar nicht fummeln, aber beten und Maria verehren bis zur Ekstase - ähem innerlich-geistig-spirituell natürlich. Du darfst dich auch hingeben - in der von der Kirche vorgezeichneten Form. So ist es deinem Seelenheil sogar förderlich, wenn du allen materiellen Besitz hingibst. Die Kirche erleichtert dich von dieser Last, denn bekanntlich schlüpft eher ein Kamel durch ein Nadelöhr als dass ein mit materiellen Gütern Gesegneter Einlass kriegt an der Himmelspforte.
Wobei das mit dem Kamel ja eine reine Proportionsfrage ist:

Wie all die goldumhängten vollgefressenen Päpste und Kardinäle der letzten zweitausend Jahre dann doch schlüpfriger waren als die Wüstenschiffe, gehört zu den Rätseln der Kirchengeschichte - und Rätsel, das habe ich selbst mal gesagt, sind viel schöner, wenn sie Rätsel bleiben, oder etwa nicht?

Doch der krichliche Beistand zum Überstehen der so umständlich anständigen Zweierkiste geht weiter: Wenn du dich doch einmal an dir selbst oder einem ausserhalb der Kiste entdeckten Wesen unkeusch vergreifen solltest - auch dann wirst du nicht verstossen. Die Scheiterhaufen sind schon so viel länger erloschen als die Öfen der Nazis, dass es auch entsprechend mehr gibt, die sich partout nicht mehr daran erinnern wollen. Und überhaupt, wer tätige Reue zeigte im Beichtstuhl und im Zahlungsverhalten, durfte schon immer mit der Gnade der Herren rechnen - über die Gnade des Herrn hinaus, der ja eigentlich - ein echter Liberaler eben - auch die Sünder in den Himmel einlud. Ein Umstand, der irgendwie kurzfristig für tausend Jährchen in Vergessenheit geriet. Es ist ja das alte Lied: Die Gurus sind meist ok, abgesehen von der meist etwas pathetisch übersteigerten Selbstinszenierung erzählen die in der Regel ganz sympathische Dinge, die erst von ihren Hinterherläufern zu dogmatischem Quatsch zerbröselt werden.
Aber etwas muss man der Kirche lassen: Von Marktwirtschaft verstand und versteht sie bis heute mehr als all die lächerlichen Grossbanken und globalisierten Superkonzerne miteinander. Wenn Sie je etwas darüber lernen wollen, wie man ein Produkt verkauft, das eigentlich niemandem schmeckt, das sündhaft teuer ist, nicht den geringsten Spass macht und von dem man trotzdem nur mit Höllenqualen je wieder loskommt - der Traum jedes Produzenten! - dann schaut euch die echt katholische, d.h. nicht scheidbare Ehe an. Und wenn ihr wissen wollt, was Kundenbindung heisst, dann könnt ihr gleich nochmals nach Rom pilgern. Die wussten und wissen bis heute, wie der Marketingmix aussehen muss, damit die Kunden bei der Stange bleiben, auch wenn man Widerwärtiges von ihnen verlangt: Etwas für's Auge, etwas für's Ohr, etwas für die Nase, etwas für die Zunge, etwas für's Gemüt - und ganz dosiert ein klitzeklein wenig was für den Geist, so eine Prise Zusammengehörigkeitsgefühl vermitteln - nicht so abstrakt wie der Migros-Genossenschaftsbund, nicht so simpel materiell wie Supercard und Cumulus...

Ja, ihr lieben MBA-Inhaber: Wenn ihr mal 2000 Jahre auf dem Markt seid, gelingt euch vielleicht auch ein bisserl mehr. Wobei der wichtigste Erfolgsfaktor, der Kern der Kirchen-Strategie natürlich von keinem kopiert werden kann, der Produkte im Hier und Jetzt verkauft. Er lautet: "Setze alles daran, dass die Produkte-Eigenschaften, die in Aussicht gestellte Qualität, ja am besten die Existenz des Produkts nicht überprüft werden kann. Mach Mängelrügen unmöglich - am besten, indem du verhinderst, dass einer nach dem Konsum deines Produktes -bzw. der Konfrontation mit desen Nicht-Existenz - überhaupt wieder zurückkehrt." Die Tourismusbranche versucht es manchmal, aber spätestens wenn die mit verlockenden Versprechungen Bezirzten am Ort der (Alb-)Träume ankommen, droht die Mängelrüge - im Zeitalter der Mobiltelefonie retten nur noch Funklöcher oder - nachhaltiger - Flugzeugabstürze den Veranstalter vor der ewig gleichen Leier, weder Himmel noch Meer seien so blau wie im Prospekt, nur der Gemahl - und der war ja gar nicht drin. Dieses Problem hat die Kirche nicht. Zumindest bis dato kam keiner zurück und behauptete, der in Aussicht gestellte Fensterplatz im Himmel sei besetzt gewesen und er hätte doch mit einem 'aisle-seat' vorlieb nehmen müssen. Oder, noch schlimmer, er habe trotz GPS weder Himmel noch Herrgott gefunden, nur schwarze Löcher und Weltraumschrott. Verstehen Sie nun, warum schliesslich - nach vielen 'Vorarbeiten' aufgrund nicht ganz so christlich-brüderlicher Machtkonflikte - im zweiten Konzil von Konstantinopel 553 die Heilige Schrift definitiv von jeglichen Anspielungen auf die 'Präexistenz der Seele' und damit der Reinkarnationsmöglichkeit gesäubert wurde. Da waren neben eher kurzsichtig-egoistischen Machtgeilen bestimmt auch weitsichtige Finanzstrategen am Werk, denen Übles schwante beim Gedanken, irgendwelche Schäflein könnten sich als reinkarnierte Betrogene bei ihnen an den Schalter stellen und ihr Geld zurück verlangen.

Tja und nach diesem Exkürslein sind wir dann auch wieder bei der Hingabe an die kirchlich gesegnete Zweierkiste. Ein genialer Schachzug ist auch, das Gefängnis der Ehe als paradiesischen Freilaufstall, als mehrgängiges Gourmet-Menu hinzustellen, indem man es mit der eigentlich einzig wahren Zweierbeziehung vergleicht, die von der diesbezüglichen Elite, den Mönchen, Nonnen und geistlichen Würdenträgern vorgelebt wird. Plötzlich ist der Fokus nicht mehr auf der Öde des lebenslänglich gleichen Menus, sondern auf dem Luxus, überhaupt etwas zwischen die Zähne bzw. die Beine zu kriegen. Dass nichts mit guten Gründen dem immer und ewig Gleichen vorgezogen werden könnte und dass sich die Lage für die vielenvielen gleichgeschlechtlich Orientierten im Schosse von Mutter Kirche durchaus nicht so asketisch-trocken präsentierte, dass auch die Surrogatslage in den Klöstern, Abteien und schon gar in der heiligen Stadt nicht ganz so übel war, wo man mit dem Geld der Gläubigen sich neben dem Gebet doch auch dem Weinanbau, der Kochkunst, der Pferdezucht und vielen anderen herrlich luxuriösen Sinnlichkeiten hingeben konnte, stand natürlich nie im Prospekt.

Ein ganz zentrales Element des kirchlichen Zweierkisten-Konzepts war und ist heute noch das Spiel mit der Angst, mit dem schlechten Gewissen. Machtstrategisch geradezu genial diesbezüglich die Formulierung des 9. und 10. Gebots, wo ausdrücklich das verboten wird, was alle ständig tun und was die Basis der ganzen Marktwirtschaft ist: die Frau (wenn sie sexy ist), das Haus (zumindest das Ferienhaus), den Besitz (den Ferrari!) des Nachbarn begehren.

Wir wären wohl immer noch dort, wo wir dank Finanzkrise vielleicht bald wieder sind - im seligen Tauschhandel der wenigen lebensnotwendigen Güter, wenn dieses Begehren nicht tatkräftig geschürt und auf alle erdenklichen Weisen befriedigt würde in unserer Konsumgesellschaft, wo ein TV-Gerät zum Existenzminimum gehört. Schon der Marketingleiter der alttestamentlichen Juden wusste natürlich, dass alle, die nicht schwul sind, das Weib des Nachbarn nur nicht begehren, wenn sie fett und hässlich ist, dass es aber nur ein kleiner Teil der Gesamkundschaft ist, der auch wirklich Schritte unternimmt, das schöne Nachbarsweib auf's Kreuz zu legen. Also reichte es eben nicht, das Bumsen ausserhalb der Zweierkiste mit Höllenstrafen zu belegen, was ja im 6. Gebot bereits abgehakt war, sondern man musste, wollte man möglichst 100% des Zielpublikums erreichen, schon das Begehren unter Strafe stellen. Damit war das einzig funktionierende 'Perpetuum Mobile' geschaffen: ein Produkt, das sich selbst in Bewegung hält, ohne dass von aussen Energie zugeführt werden muss. Denn solange sich auf Erden noch ein einziges weibliches Hinterteil bewegt, solange noch ein einziges Brüstepaar in einem Décolleté wackelt, eine einzige Zunge lasziv über prall geschwungene Lippen streicht (jaja, das Basler Büro für Gleichstellungsfragen wird umgehend darauf beharren, dass es doch umgekehrt auch den ebenso schwierig zu parierenden Sex-Appeal all der James Bonde, den Blick Sean Connerys, den Body Hugh Jackmans, das Sixpack Brad Pitts gebe) - und solange diese lebenserhaltenden Phänomene, die wohl wichtiger waren für die Entstehung des Universums als jeder noch so laute Urknall, auch nur auf die Retina eines einzigen Mannes (jaja einer Frau, wobei die in der Regel etwas weniger hilflos sind) treffen, der/die von diesem Verbot in irgendeinerweise kontaminiert ist, erzeugt sich immer wieder neu das schlechte Gewissen, eine ganz besonders miese Form des wichtigsten Machtinstruments, der Angst.

Dass es auch 300 Jahre nach der Aufklärung immer noch funktioniert, hat wohl mit der Nichtüberprüfbarkeit der angedrohten Strafen zu tun. Von Guantanamo gibt es Videos, Fotos, Zeugenberichte und Gerichtsakten - aber wer sagt denn dem sich noch so aufgeklärt wähnenden jungen Macho, ob es nicht doch eine Hölle oder eine ähnlich abgesagte Disco gebe, in der ihn viel Übleres erwartet als die Inquisition an irdischer Hölle schon mal vordemonstriert hat - nur weil er sich bei jeder gut gekurvten Maid mal ganz kurz vorstellt, wie die denn vielleicht wäre, wenn.... Was wissen denn diese verkorksten Idioten, wie schnell sowas abgeht? Jedenfalls um Lichtjahre schneller als die Abklärung, ob es sich bei dem leckeren Starlet um irgendeines 'Nachbarn Weib' handeln könnte. - Hmm, eben wissen sie es. Das ist ja das teuflich Kluge an dem Gebot.

Gebote sind in den meisten Fällen nicht dazu da, eingehalten zu werden, sondern die Macht derer zu zementieren, die sie aufstellen. Und dazu braucht es natürlich Gebote, die gar nicht eingehalten werden können. Die Leute sollen sich permanent schlecht fühlen, sollen dankbar sein, dass man sie überhaupt am Leben lässt. Nicht bestraft werden soll schon eine Wohltat, eine Gnade sein, die zu ewiger Dankbarkeit verpflichtet, die man wie am besten zeigt? - Richtig, man öffnet den Geldsäckel und bleibt aus Dankbarkeit treuer Kunde. Das ist etwas, was all diese 'Der Kunde ist König'-Marketing-Trottel nicht begriffen haben. Der Kunde muss nicht permanent am Hintern geleckt, sondern im Gegenteil derart malträtiert, seeisch gequält, geängstigt werden, dass er innerlich bricht, dass er sein Hirn auf standby schaltet, dass er hörig wird, sich freiwillig versklavt, sich auf die Galeerenbank setzt und verlangt, dass man ihn ankette. Der erste, der das kapiert hat nach der Kirche und der die katholische Marketing-Strategie in die Moderne übersetzte, war der indische Guru Rajneesh Chandra Mohanin alias Bhagwan alias Osho, der seine Anhänger mit einem geschickten Mix aus östlichen Religionen und westlicher Psychotherapie und dem anfänglich durchaus eingehaltenen Versprechen nie gekannter sexueller Freiheit anlockte und - wenn sie einmal angebissen hatten - bis auf die äussere und innere Unterwäsche dominierte und kontrollierte. Das Modell funktioniert auch heute noch. Ein aktuelles, wenn auch bescheidenes, auf die Kontrolle über das Geld beschränktes Beispiel dafür liefern die aufgeflogenen Tricks vieler Investmentbanker, mit denen sie sonst nüchterne, sich rational wähnende Kunden in den finanziellen Abgrund lotsten.

Die bange Frage lautet nun: Wie hältst du's mit der Zweierkiste? Bist du auf der kontradiktorischen Linie der einfachen Entweder-Oder-Simpels, die 'Tertium non datur' schreien, wenn sich eine Dritte, ein Dritter hinzugesellen will? Bist du auf der immer noch modischen Vor-Einstein- und vor allem Vor-Quantenphysik-Stufe stehen geblieben, in der man die Zeit als einen gleichförmig linear und stets in dieselbe Richtung fortschreitenden Parameter betrachtet und mithin zwar durchaus eine Vielzahl von Beziehungen für möglich und gestattet hält, aber bitteschön immer sauber zeitlich gestaffelt hintereinander, also immer nur eine Zweierkiste auf's Mal, wenn auch mit wechselndem Kisteninhalt? Oder gehörst du zu den wenigen Outlaws, die von der Synchronizität verschränkter Elektronen in messerscharfer Analogie auf die Gleichzeitigkeit mehrfach verschränkter Beziehungsmultiplizität schliessen und sich das Abenteuer des Nebeneinanders vielfältigen Miteinanders gönnen?

Von zwei- und mehrfach Gekistetem zu hören freut sich: info@marpa.ch