Denk-Aufgabe 907 vom 16.7.2009

 

Der ewige Wandel im Jetzt

Klingt paradox - und das soll es auch. Für unser Alltagserleben ist JETZT so etwas wie ein Foto, ein Standbild, ein 'still' aus einem Film, ein festgehaltener, festgenagelter Augenblick, ein indirektes Austricksen der unerbittlich fliessenden Zeit, das selbstverständlich scheitert, da wir zum Anschauen des sich nicht wandelnden Bildes Fliess-Zeit benötigen, während der bereits wieder Wandel stattfindet im Innen und Aussen. Die Jetzt-Bilder sind menschlich hilflose Versuche, Bleibendes zu schaffen, die Vergänglichkeit wenigstens ein klein wenig auszuschalten, ja man könnte diesen Drang zum Jetzt als den Versuch deuten, Ewigkeit zu schaffen, Gott zu spielen.

Wandel hingegen ist zuerst einmal das Gegenteil dieses stillstehenden Jetzt-Fotos, Wandel ist Bewegung, sein Markenzeichen ist Vergänglichkeit, Vorüberziehen. Wenn im Jetzt-Bild suggeriert wird 'Alles bleibt genau so, wie es ist', so erzeugt 'Wandel' das entgegenstehende Gefühl: 'Alles ändert sich. Nichts bleibt, wie es ist. Ewigkeit ist eine Illusion.'

Und nun kommt da einer und will diese beiden gegenläufigen Vorstellungen unter einen Hut bringen. Originalitätssucht eines Klugscheissers? Oder ist dem Paradoxon vielleicht doch etwas abzugewinnen?

Schauen Sie sich einen Wasserfall an. Es kann auch ein ganz kleiner sein, wie wir ihn fast vor unserer Haustür an der Töss haben:

Auf dem Foto ist er fixiert, ein Jetzt-Bild ohne Wandel. In Wirklichkeit haben wir aber unterschiedliche Möglichkeiten, den Wasserfall zu betrachten. Wir können uns an einen fallenden Punkt heften und mit dem Punkt mitgehen, nach der Landung weiter mitfliessen. Wir erleben so die Bewegung, den Wandel, erkennen die Fliessgeschwindigkeit. Wenn wir das Wesen des Flusses erfassen wollen, sollten wir versuchen, zwischen diesen beiden Betrachtungsweisen hin und her zu hüpfen: Der Wasserfall, der ganze Fluss ist immer da, wenn wir die Augen etwas zukneifen, wirkt er sogar unveränderlich, still, immer gleich. Wir können den Wasserfall, ja den ganzen Fluss, aber auch als etwas Dynamisches, in Bewegung Befindliches, stetig Fliessendes wahrnehmen - ja er eignet sich geradezu als Symbol für das Verrinnen - von Zeit und Wasser, als konkretes Beispiel für den permanenten Wandel. Wenn wir nun immer wieder zwischen den beiden Betrachtungsoptionen wechseln wie bei einem Vexierbild, so bereiten wir damit den Boden für die Einsicht, dass beides gleichzeitig da ist und es nicht am Wahrgenommenen, sondern nur an unserer Wahrnehmung liegt, wenn wir es nicht schaffen, beides gleichzeitg sinnlich wahrzunehmen.


Bekanntes Vexierbild, bei dem wir abwechselnd die helle oder die dunkle Fläche als Vordergrund betrachten können. Je nachdem sehen wir eine Vase oder zwei Gesichter.

Ähnlich ist es, wenn wir ein Buch zurhand nehmen, das wir schon oft gelesen, eine CD, die wir schon oft gehört haben, eine Partitur, die wir gesungen, gespielt, dirigiert haben oder vor einem Museum stehen, das wir gut kennen. Es gibt diesen Moment der Gleichzeitigkeit, des ganzheitlichen Erkennens. Wir 'wissen' unmittelbar, in Schweizer Mundart würden wir sagen 'uf ein Chlapf', wir wissen JETZT und ohne einen weiteren Wahrnehmungsprozess, was in dem Buch, in der Partitur steht, was alles auf der CD gespielt wird, was im Museum zu sehen ist. Wir 'wissen' es irgendwie ganzheitlich und zeitverzugslos, eben synchron oder 'im Jetzt'. Und erst, wenn wir es uns vergegenwärtigen oder jemandem kommunizieren wollen, wenn wir dieses Ganze, dieses synchrone Wissen wieder in seine Einzelteile zerlegen müssen, fallen wir zurück in die Gesetze von Zeit und Raum, brauchen Zeit, um zu lesen, zu hören, zu schauen, zu sprechen, brauchen Raum für das Buch, die Partitur, den CD-Player, für unseren Gang durch die Museumsräume.

Es gibt auch Abläufe, Ereignisse, die wir schon oft durchlebt haben, bei denen es zu diesem Phänomen der Synchronizität kommen kann. Auslöser ist oft ein Sinneneindruck, ein Duft, ein Klang, ein Bild, eine Berührung - und schon 'wissen' wir, was sich eigentlich erst linear an die Zeitachse gebunden abspielen wird. Manchmal können wir auch andere Wesen oder Dinge in einem Augenblick - oder eben besser zeitlos,synchron, ganzheitlich, intuitiv erfassen, 'wissen', wie jemand ist, wie er, sie, es bzw. die Begegnung mit dem Wahrgenommenen sich entwickeln wird. Viele misstrauen diesen ganzheitlichen Erkenntnisse, schieben sie wieder beiseite und versuchen, vermeintlich nüchtern, rational, mit kausalen Verknüpfungen zu einer 'besseren', verlässlicheren, weil begründbaren Erkenntnis zu gelangen. Wer seine Intuition, sein ganzheitliches Wahrnehmungsvermögen allerdings nicht völlig verdrängt, unterdrückt und marginalisiert hat, muss aber beim Vergleich der Erkenntnismethoden oft zugeben, dass die synchrone, ganzheitliche die intensivere, deutlichere ist. Vielleicht weniger leicht formulierbar, weniger detailreich, aber praktisch und funktional. Wenn wir sie zulassen, wissen wir meist sofort, was zu tun und was zu lassen ist.

Doch hier geht es nur einmal um das Nebeneinander der beiden Erkenntnisarten ohne sie zu bewerten. Wichtig ist mir, beides zuzulassen, den Wasserfall als ganzheitliches Erlebnis der Zeitlosigkeit mit der Suggestion eines 'ewigen Jetzt' - und den Wasserfall als Inbegriff von Wandel, von Fliessen, von unwiederbringlicher, linear ablaufender, enteilender Zeit, als Symbol für die Vergänglichkeit, für Unumkehrbarkeit dessen, was sich ereignet, für das, was der deutsche Philosoph Martin Heidegger das 'Sein zum Tode hin' nennt. So gegensätzlich diese beiden Sichtweisen sind, wir können sie bei derselben Wahrnehmung - in unserem Beispiel dem Wasserfall - mit unserem Bewusstsein wahrnehmen, wenn nicht völlig gleichzeitig, so doch nahezu synchron.

Auf diesem Hintergrund gelingt vielleicht eine Annäherung an den Titel, der ja eine durchaus provokative und paradox klingende These enthält, dass nämlich ewiger Wandel und ewiges 'Jetzt', permanente Gegenwart UND unerbittlicher Wandel von Zukunft in Vergangenheit sich nicht ausschliessen, sondern zwei Seiten derselben Medaille sind, zwei Sichtweisen auf dasselbe Phänomen 'Wasserfall' oder 'Leben'. Die Konsequenzen dieser Einsicht - so man sie denn zu machen beliebt - ist allerdings viel gewaltiger als man beim ersten Hinsehen vielleicht denkt. Es geht nicht um abstraktes Theoretisieren, philosophisches Geplänkel, beschauliches spirituelles Gelafer oder gar um Eso-Kitsch. Diese für uns alle - na ja, vielleicht sagen wir vorsichtigerweise 'fast alle' - erlebbare Paradoxie von zeit- und raumgebundenem Wandel und zeit- und raumlosem Jetzt relativiert Zeit und Raum. Für die einen zwei der vier grundlegendsten Schöpfungsparameter, für andere zumindest Basis wissenschaftlichen Denkens und Handelns. Wenn Wandel und Jetzt nicht sich ausschliessende kontradiktorische Gegensätze sind (so es solche überhaupt gibt), sondern nur zwei Betrachtungsweisen, die beide ihre Richtigkeit haben - ein Phänomen, das wir aus der Quantenphysik kennen - dann sind auch Zeit und Raum nur Hilfsinstrumente für die eine der beiden Betrachtungsweisen. Und bei genauem Hinsehen könnten wir entdecken, dass auch die beiden andern axiomatischen Grundlagen der Schöpfungsvorstellung wie des wissenschaftlichen Weltbilds - nämlich die Existenz von getrennten Entitäten, Objekten, von 'Ichs' und 'Dingen' und die Vorstellung, dass diese Entitäten alle in irgendeiner Weise kausal verknüpft seien, eiskalt und wirkursächlich - dann kriegen auch diese beiden Vorstellungen einen argen Knicks, da wir beide nur für die eine der beiden Sichtweisen brauchen, für dieselbe, für die wir auch Zeit und Raum brauchen: die Vorstellung des permanenten Wandels. Dies leuchtet durchaus ein, denn sobald wir irgendetwas wahrnehmen wollen als Einzelnes, als Entität, als Unterscheidbares, als Abgetrenntes von Anderem, haben wir bereits Entitäten erfunden, gestiftet und brauchen zu ihrer Wahrnehmung Abstand, also Raum, und wir brauchen Zeit, für die Hintereinander-Wahrnehmung des Unterschiedenen, und wir brauchen eine Theorie, wie diese in Zeit und Raum unterscheidbaren Entitäten miteinander verknüpft sein könnten - da bietet sich als simpelste, aber auch wenig beglückende Verknüpfungsvariante die Kausalität an. Und schon haben wir unser Universum gebastelt. - Dagegen ist nichts einzuwenden, solange wir nicht meinen, wir hätten DAS Universum, das einzig wahrnehmbare, denkbare, das einzig 'richtige' oder gar 'wahre' Universum entdeckt. Wenn wir uns jederzeit und überall die andere Sicht gestatten, die JETZT-Sicht, die man symbolisch auch als die 'quinta essentia' verstehen kann, als den Weg aus der Materie, durch den Schnittpunkt der gekreuzten Balken der Vierheit hinaus in die 'fünfte' Dimension jenseits der Materie, jenseits der Schöpfungsparameter Ich, Zeit, Raum und Kausalität - dann kann man sich arrangieren mit der Sichtweise des permanenten Wandels, die ja durchaus ihre Faszination hat. Aber man trägt ein stilles wissendes Lächeln in sich, erlaubt sich jederzeit in die JETZT-Sicht zu wechseln und nimmt das von vielen als so unerbittlich empfundene Spiel von abgetrennten Entitäten und ihrer so grausam seelenlosen Kausalverknüpfung, aber auch die so ohnmächtig unumkehrbar ablaufende Zeit 'zum Tode hin' und den endlosen trennenden Raum als das, was sie aus dieser doppelten Sicht sind: relative, durchaus brauchbare, aber keineswegs zwingende und ausschliessliche Hilfsinstrumente einer Art, die Welt wahrzunehmen.

Wer den 'ewigen Wandel im Jetzt' in sich trägt, wer ihn nicht nur verstanden hat, sondern ihn lebt, mit ihm spielt - der könnte damit das Rüstzeug für ein gelassenes, ein weises, ein glückliches Leben und Sterben erworben haben.