Denk-Aufgabe 910 vom 26.10.2009

Anerkennung

Letztlich lässt sich alles menschliche Tun, sowohl das geistig-innere wie das physisch-äussere, auf das Urstreben nach Anerkennung des eigenen Ichs durch die Welt zurückführen. Vordergründige Psychotherapie läuft darauf hinaus, das Ich des Einzelnen so zu stärken, dass dieses Anerkennungsstreben in ein für den Einzelnen kontrollierbares, für dessen Umfeld erträgliches Mass zurückgeführt werden kann. Meist mit wenig nachhaltigem Erfolg. Wie die Symptomverschiebungen in der Schulmedizin sucht sich die Anerkennungssucht einfach neue Aktionsfelder. Nachhaltige Heilung kann sich der Einzelne dadurch verschaffen, dass er - aufhört ein Einzelner, ein Ich zu sein. Denn damit wird die Anerkennung durch die Anderen überflüssig - da auch die Anderen Illusion, Konstruktion sind. Wer die Illusion des Ichs, des Abgetrenntseins erkennt und anerkennt, kann lachend die völlige Vernetzung von allem mit allem erfahren und erleben. Das Ich ist in dem Augenblick geheilt, wo es erkennt, dass es nicht real ist, dass es eine zwar lustige, ab und zu sogar lustvolle, abenteuerliche, aber auch schmerzhafte Erfindung, eine originelle Täuschung ist, dass die Welt eine selbst gebastelte Bühne und das einzelne Ego eine selbst gewählte Rolle ist, die sich laufend ihren Text neu schreibt, ihr Bühnenbild malt, die Requisiten umstellt, die Scheinwerfer richtet - und dass auch der Schlussvorhang eben nichts weiter als - ein Vorhang ist. Nur: Wer glaubt, Theater sei ja NUR Theater, Illusion tue nicht weh, denn sie sei ja NUR Illusion, der ist noch immer im Glauben an die Macht der Materie gefangen; der meint noch immer, der äussere Schlag sei schlimmer als der innere, äussere Fülle bedeutsamer als innere etc..

Zweimal wider den Zeitgeist: Achtsamkeit und Sinnhypothese
Wie also das als Illusion erkannte Leben bewältigen? Wie umgehen mit der Erkenntnis, dass Trennung, Sonderung, Differenz (sowohl 'différence' wie Derridas 'différance') Spiel, Modell, Theater ist? Ich empfehle aus dem grossen Bauchladen der philosophischen Haltungen eine völlig unzeitgemässe, nämlich diejenige der Achtsamkeit. Achtsamkeit, wie ich sie hier fasse, ist die Grundhaltung der wertfreien Anerkennung dessen, was in unsere Wahrnehmung tritt. Und Anerkennung meint mehr als nur das maschinelle Registrieren von Anwesendem, Seiendem, von Entitäten. Anerkennung impliziert die Legitimität der Anwesenheit, des Daseins des Wahrgenommenen und damit auch dessen Sinnhaftigkeit. Denn wenn etwas legitimiert ist, in unsere Wahrnehmung zu treten, dann ist es auch mit irgendeinem decodierbaren - ich gehe einen Schritt weiter: mit einem zu decodierenden Sinn versehen.

Noch unzeitgemässer: wertfreie Wahrnehmung und Kausalitätskritik
Darin liegt das Unzeitgemässe der Achtsamkeit, dass sie nicht mit der Schablone von Gut und Böse, von wertvoll und verabscheuungswürdig, von willkommener und zum Verschwinden zu bringender Wahrnehmung auf die Welt losgeht, sondern als allererstes immer anerkennt, dass das Wahrgenommene da ist, dass es nicht willkürlich und sinnlos da ist, sondern eine von mir für mich zu findende Bedeutung hat. Wer mit dieser Haltung auf Welt zusteuert, sowohl auf die äussere materielle Welt der Wesen und Dinge, wie auf die innere Welt der Gedanken, Gefühle und Intuitionen, wendet sich minimal interessiert, maximal liebevoll der Wahrnehmung zu. Er geht ja davon aus, dass das, was er wahrnimmt, einen Sinn für ihn bereithält, den es zu finden gilt. Der Versuch der wertfreien Wahrnehmung ist also in keiner Weise mit Langeweile oder Gleichgültigkeit gleichzusetzen. Achtsame Wahrnehmung ist immer ein Abenteuer. Es ist auch nicht so, dass sich eine stringente Kausalkette von causae efficientes auf einer linearen Zeitachse konstruieren liesse im Stile von "Weil wertfrei, darum achtsam, und weil achtsam, darum sinnhaltig, und weil sinnhaltig, darum beglückend, und weil beglückend, darum hier empfohlen". Eine derartige Simplifizierung wird dem interdependenten Ganzen nicht gerecht. Wir können uns dem Erlebnis achtsamer Wahrnehmung bereits annähern, wenn wir die causae finales hinzunehmen, also z.B. 'um die von der Vorstellung des Abgetrenntseins alimentierte Anerkennungssucht überwinden zu können, nehmen wir achtsam war, und um achtsam zu sein beim Wahrnehmen, versuchen wir wertfrei wahrzunehmen, nicht als ethische Superleistung, sondern weil wir ja vor dem Deutungsvorgang gar noch nicht wissen, was für eine Botschaft in der Wahrnehmung für uns verpackt ist.

Synchronizität und Ich-Relativierung
Leichter fällt das Erleben achtsamer Wahrnehmung, wenn wir uns völlig von der kausalen Verknüpfung lösen und versuchen, in die Synchronizität einzutauchen, die allerdings in der an die Zeitachse gebundenen Sprache etwas schwierig zu fassen ist: Wertfreiheit und achtsame Grundhaltung als sinnvolle Korrelate zu einer Wahrnehmung, die Sinn finden will und damit eigentlich den Begriff der Wertfreiheit gleichzeitig durchlöchert. Denn Sinn finden ist immer sinnvoll, lehrreich, der Entwicklung förderlich (der Ent-Wicklung aus den Ich-Identifikationen), mithin ein Wert. Die achtsame Haltung, die allem Seienden Anerkennung zollt, alles Wahrgenommene als Sinnträger anerkennt, führt insofern eben doch zu einer Werthaltung, aber einer, die nicht im bekannten Sinne be-wertet, in gut und schlecht, wünschenswert und ablehnungswürdig unterteilt, sondern eine Werthaltung, die allem Wahrgenommenen grundsätzlich denselben Wert zugesteht, den man fassen könnte als "Du bist Sinnträger, es gilt, dich zu entschlüsseln, zeige dich mir". In der Synchronizität entfällt der alte und letztlich auch langweilige, hinderliche Streit um die öde Frage, die nur Männer stellen können: Wer ist die - bessere, weil männlichere, aktivere, dominantere - Ursache, wer ist die - schlechtere, weil weiblichere, passivere, hingebungsvollere - Wirkung. Synchronizität ist auch mehr als Interdependenz, Polykausalität oder Bikonditionalität. In der Synchronizität wird die Zeitachse aufgehoben, alles ist im Jetzt, eben gleichzeitig mit allem vernetzt, verbunden, verhängt, untrennbar verknüpft, in unserem Fall die Achtsamkeit mit der Anerkennung, der Wertfreiheit, der Sinnvermutung, der Decodierung oder Interpretation und der Sinnfindung. Nichts ist vorher und wichtiger oder nachher und bedeutender; es ist aber auch nichts oben und nichts unten, nichts links und nichts rechts, sondern alles gleichzeitig im Jetzt - und eben auch im Hier. Und damit haben wir bereits drei der vier Schöpfungsparameter dekonstruiert, nämlich Kausalität, Zeit und Raum. Und wenn wir uns jetzt an den Anfang zurück besinnen, geht uns vielleicht ein Licht auf: es ging doch darum, die Anerkennungssucht zu überlisten, indem wir das Ich als Illusion durchschauen. Damit haben wir den vierten Schöpfungsparameter, die vierte 'condition humaine', das abgetrennte Ego, ausgetrickst - zumindest sind wir dank achtsamer, anerkennender und wertfreier, sinnsuchender Wahrnehmung auf dem besten Weg, uns mit allem Wahrgenommenen auf die gleiche Ebene zu stellen und unserem Ego gehörig Luft abzulassen.

Rückspiegelung der Anerkennung
Der Trick besteht also letztlich darin, die Anerkennungssucht, bei der es ja nur darum geht, Anerkennung für sich selbst, für das eigene, jämmerliche Ego zu suchen, zu sammeln, zu fordern, zu erzwingen, weil wir ja ständig ahnen, dass es gar nicht so klar konturiert ist, weil wir permanent an unserer Identität zweifeln, zumindest an der Bedeutsamkeit dieser Identität und weil wir deshalb so unsicher sind, ob und wie prägnant es uns überhaupt gibt, diese Anerkennungssucht loszuwerden, indem wir genau diese Anerkennung, die wir so unbedingt und in so gigantischem Ausmass für uns selbst reklamieren, allen anderen, allem anderen gewähren. Das Phänomen der Rückspiegelung ist eine Binsenwahrheit, die auch in der Volksweisheit 'Wie man in den Wald ruft, so klingt es zurück' zum Ausdruck kommt. Wieso sollte es nicht mit der Anerkennung klappen, die wie in den Wald hinein rufen, die wir dem Wald und allen seinen Bewohnern gewähren. Nicht aus einer superpharisäerhaften 'Ach-schaut-doch-wie -weit-ich-schon-fortgeschritten-bin'-Haltung heraus, sondern aus dem legitimen Interesse jedes Egos, über sich hinauszuwachsen - oder, umgekehrt betrachtet, aber denselben Vorgang beschreibend -, sich zum Verschwinden zu bringen. Wenn unsere Abgrenzung zu allem Wahrgenommenen Illusion ist und wir ja sowieso mit allem verbunden sind, so giesst sich doch auch ein Teil der Anerkennung, die unser sich noch abgetrennt wähnendes Ego dem Wald gewährt, wieder auf eben dieses Ego als Teil des Waldes? - Oder grösser gedacht: Wenn wir allem Wahrgenommenen ohn' Unterschied Anerkennung zollen, so fällt ja das Licht dieser achtsamen Zuwendung auf uns zurück oder besser: es beleuchtet das, was wir vorläufig noch als 'Aussenwahrnehmung', als 'das Andere', 'die Andere' oder 'den Anderen' bezeichnen.

"Tatwam asi"
Aber eben nur vorläufig, denn der Wahrnehmungsvorgang selbst kann ja zur Integration führen, zum Hinzufügen zu unserem Bewusstsein, zu dem, was wir als 'zu uns gehörig', als 'auch Ich' bezeichnen. Bei Ideen, Gedanken, Intuitionen, Gefühlen gelingt uns das vielleicht leichter als bei anderen Menschen, Tieren, Pflanzen, Dingen, Planeten. Wenn uns eine Idee durchzuckt wie ein Blitz, so sind wir vielleicht im ersten Augenblick noch so perplex, dass wir sie als etwas von aussen herein Gekommenes, uns ereilt Habendes betrachten. Aber meist sind wir sehr schnell mit der Adoption, ja der Usurpierung dieser Idee als die unsrige - zumindest wenn es eine erfolgreiche war.Genauso könnten wir mit allen Wahrnehmungen umgehen. Wir können sie achtsam, wertfrei anerkennen als uns Sinn Bringende, als ihre Aufgabe genau damit Erfüllende. Nach der Aufgabenerfüllung können sie sich in Luft auflösen, sich in uns auflösen - oder uns dabei helfen, uns selbst aufzulösen, oder wenigstens unsere Grenzen zu relativieren - ganz behutsam natürlich. Achtsam eben.

Von Ihren Erfahrungen mit Anerkennungssucht, mit wertfreier Wahrnehmung, mit der schon sattsam bekannten achtsamen Grundhaltung, mit der Auflösung der Ego-Grenzen und - wenn wir denn schon gerade beim Auflösen sind - mit der Auflösung der Schöpfungsparameter Ego, Zeit, Raum und Kausalität und - vor allem - von Ihren Erlebnissen mit der Synchronizität zu hören freut sich wie immer: info@marpa.ch