Denk-Aufgabe 912 vom 31.12.2009

 

Vom Christentum und anderen Mythen

Der US-amerikanische Schriftsteller Chris Kuzneski lanciert in seinem amüsant geschriebenen Thriller 'Arcanum' die Idee, dass die Kreuzigung Jesu lediglich eine strategische Täuschung und Inszenierung des römischen Kaisers Tiberius war, der damit potenzielle Gegner und Revolutionäre berechen- und lenkbar machen wollte. Etwas melodramatisch dann der Schluss, den er seine Protagonisten aus der Entdeckung dieses gut gehüteten Geheimnisses ziehen lässt: Wenn diese Fakten bewiesen und publik gemacht werden könnten, würde dies dem Christentum die Grundlage entziehen, die christliche Religion zerstören.

Auch wenn es sich beim Ganzen um Fiktion und nicht um die als solche deklarierte Ansicht des Autors handelt, so unterstreicht dieser Schluss doch zwei wesentliche Axiome unseres noch geltenden Zeitparadigmas: Es sind zwei Vorstellungen, denen nach wie vor von der Mehrheit der Zeitgenossen unhinterfragt gehuldigt wird, an die der Durchschnittsbürger ohne jede Skepsis glaubt, da sie von der Wissenschaft, dem Gott der Aufklärung, verkündet, von den Bildungsstätten eingetrichtert und von den Medien gebetsmühlenartig wiederholt werden:

Es ist einerseits die Vorstellung des Primats der Materie über den Geist, andererseits die Meinung, es gebe hinter den vielen Sichtweisen und Meinungen jeweils eine absolute, eine objektive, eine unerschütterliche Wahrheit, die es nur zu finden gelte - etwas, was man am ehesten den Materie messenden und zählenden Wissenschaften zutraut, die sich durch ihre Messerei das edle Prädikat 'exakte' Wissenschaften ergattert und sich so eine unverrückbare Vormachtstellung erobert haben gegenüber den Geisteswissenschaften, die sich - wie der Name sagt - mit so unfassbar, nicht dingfest, beobacht- und messbar zu machendem ätherischen Zeugs wie dem 'Geist' befassen, dem doch in keiner Weise zu trauen ist. Dass die sogenannten exakten Wissenschaften sich selbst natürlich ebenfalls mithilfe dieses glitschigen 'Geistes' betreiben, und dass ein kluger Kopf namens Popper als Kriterium für die Wissenschaftlichkeit einer Behauptung ihre Falsifizierbarkeit postulierte, ficht die lieben Herren von der Zunft der Messer, Zähler und Statistiker nicht an, da es sich dabei bereits um geisteswissenschaftliche Aussagen handelt.

Anstatt dass sich nun die Geisteswissenschaften überlegen schmunzelnd angesichts dieser doch recht offensichtlich lächerlichen Verdrehung der Prioritäten darum bemüht hätten, die Dinge wieder ins Lot zu bringen nach der verständlichen Überreaktion auf Jahrhunderte der Unterdrückung jeglicher 'exakter Wisenschaft', taten sie in den letzten 300 Jahren das Gegenteil. Sie versuchten und versuchen immer noch mit kindlicher Verzweiflung, auch 'messbar' zu werden. Die Psychologen machen Befragungen und Statistiken, die Historiker werfen mit Zahlen und 'Fakten' um sich, die Sprachwissenschafter zählen die Kommata bei Goethe und die Philosophen sind zu Sprach-Kindergärtnern geworden, die den gar nicht hinhörenden Kids erklären wollen, was X ganz bestimmt meinen musste, als er Y sagte, da ja von A bis W die meisten auch das meinen, wenn sie Y sagen.

In dieses aus einer gewissen Beobachtungsdistanz doch recht lustiges zeitgeistiges Umfeld fällt nun also der einleitend skizzierte Schluss der Protagonisten des Kreuzes-Krimis, das Christentum stehe und falle mit der Faktenwahrheit des Mythos, mit der Beweisbarkeit der Legende vom Leben eines bestimmten Menschen namens Jesus von Nazareth, der durch die Kreuzigung zum 'Erlöser der Menschheit' wurde. Wer so mit Mythen umspringt, verpasst Einiges. Ich denke, wenn wir von Mythen lernen wollen, braucht es eine ganz ähnliche Einstellung wie beim Umgang mit Kunst. Am deutlichsten wird meine These vielleicht bei der Musik. Haben Sie sich schon je gefragt, ob Musik 'absolut wahr', ob sie 'objektiv', ob sie 'beweisbar' sei? Und falls Sie ein ganz klein wenig musikalisch sind: Haben Sie nicht auch schon erlebt, dass die 'faktische', äussere, reale Rezeption von Musik aus irgendwelchen banalen Gründen unterbrochen wurde, und Sie dennoch die Fortsetzung des Ihnen vertrauten Stücks innerlich (im 'Geiste'!) fortsetzen konnten. War das dann nichts mehr, weil keine Schallwellen mehr aus dem Abspielgerät drangen? Oder war es nur etwas, wenn Sie die Fortstzung gesungen oder gepfiffen und damit eigene, 'Ersatz-Schallwellen' erzeugt haben? Oder war es auch etwas, wenn Sie sich den Fortgang vorstellten, vielleicht sich rhythmisch dazu weiter bewegten? Oder, falls Sie mit Musik nichts, mit Büchern oder visuell gestaltenden bzw. darstellenden Künsten dafür umso mehr am Hut haben: Kam es nicht schon vor, dass ein Text, ein Film, ein Theaterstück, ein Bild, eine Skulptur Sie tief beeindruckt, Sie beeinflusst, Sie vielleicht sogar verändert, mitgeprägt haben? Und wenn ja, würden Sie diese Wirkung auf die fass- und messbare Materie , die Wirkung des Buches auf den Karton, den Leim und die Druckerschwärze, die Wirkung des Bildes auf die Chemie der Farben, die Wirkung des Films auf das Celluloid des Films und das Metall der Filmrolle oder auf die digitalen Bites des im Computer Gesehenen zurückführen? - Wohl kaum. Materie ist doch - da sind sich im Kunstbereich sogar sonstige Materie-Anbeter einig - Transportmittel für das Wesentliche, Träger für den Inhalt, die Botschaft der Kunst. Denn wenn wir tausend Bücher ins Labor geben und bis aufs letzte Molekül analysieren, so kommt immer wieder dasselbe raus, mit kleinen quantitativen und qualitativen Unterschieden, die uns aber nicht das Geringste vom Unterschied zwischen den Inhalten der Bücher erzählen.

Zurück zur Faktizität von Mythen. Ich behaupte, sie ist völlig nebensächlich für die Auseinandersetzung mit den Inhalten. Natürlich mag es einem Archäologen wie Schliemann Spass gemacht haben, an der richtigen Stelle zu buddeln und Reste des antiken Troja auszugraben, aber für die Bedeutung der Ilias und der Odyssee ist es völlig unerheblich. Es ist, so meine ich, nicht einmal wichtig, ob es je einen einzelnen lebenden Menschen namens Homer gegeben hat, und ob er, wenn es ihn denn gegeben hat, er tatsächlich diese beiden Grundwerke des Abendlandes allein verfasst hat. So wenig wie es wichtig ist, ob Shakespeare wirklich all die genialen Werke selbst geschrieben hat, ob Jeanne 'Arc, Wilhelm Tell, ob Moses, Buddha, Mohammed - oder eben dieser Jesus historische Persönlichkeiten waren. Das gebannte Starren auf die Historizität, auf das Materielle, auf de Botschaftsträger verstellt den Blick für die Botschaft, für den Inhalt, für das Geistige, das Wesentliche.

Wen wir uns aber auf die Inhalte, auf die Botschaften der Mythen konzentrieren, werden wir reich beschenkt. Und wenn wir es dann noch schaffen, uns nicht einfach stur auf einen einzigen Mythos zu versteifen und ihn als einzig wahren mit Feuer und Schwert in die Welt hinaus zu tragen, dann schaffen wir damit gute Voraussetzungen für unsere geistige oder sprituelle Entwicklung. Denn Mythen sind Verpackungen, Erzählungen, Geschichten von bedeutsamen, C.G. Jung würde sagen von archetypischen Inhalten. Aber, das weiss jeder, der schon mal Kindern eine Gutenachtgeschichte erzählt hat, man kann nicht alles in ein und dieselbe Geschichte hineinpacken. Man muss unzählige Geschichten, Märchen, Mythen erzählen, und man muss dieselbe Botschaft dem Hörer, seinem Alter, seiner Erfahrung, seinem Wissen, seinem kulturellen Hintergrund gemäss immer wieder anders verpacken, anders einkleiden, Bilder, Symbole, Figuren wählen, die seinem Erfahrungsschatz entsprechen, von ihm decodiert werden können. So sind weltweit immer wieder Mythen, Legenden, Geschichten, Märchen und Romane mit ähnlichen Inhalten, aber kulturell unterschiedlichen Einkleidungen entstanden. Banalstes Beispiel ist vielleicht, dass die westliche Rezeption der orientalischen Paradiesgeschichte aus dem dort wachsenden Feigen- einen hier wachsenden Apfelbaum machte.

Und man muss die Geschichten dem Entwicklungsstand des Zielpublikums gemäss auswählen und auch die Reihenfolge der geistigen Reife der Zuhörer anpassen; geschickte Eltern wissen das so gut wie schlaue Autoren. Genau so könnte man auch mit religiösen Mythen umgehen - und plötzlich würde aus dem mörderischen Gegeneinander zuerst ein Nebeneinander, dann vielleicht ein Nacheinander und zu guter Letzt ein harmonisches Miteinander.

Zwei folgenreiche Denkfehler...
Die Entweder-Oder-Haltung, das Tertium-non-datur-Prinzip ist - meines Erachtens - so ungefähr das Dümmste, was wir von der geisigen Hinterlassenschaft des im Übrigen ja weiss Gott klugen Aristoteles mitgeschleppt haben. Die Reduktion vielfältiger Erscheinungsformen auf zwei unvereinbare, sich widersprechende und sich gegenseitig ausschliessende Gegenpole ist ein pädagogischer Kniff, der durchaus seine Berechtigung hat, z.B. dort, wo Anfänger sich an etwas Neues heranwagen, als Einstiegs-Krücke in ein Wissensgebiet, oder als Spielregel, um die Komplexität zu reduzieren, wie beispielsweise beim Schachspiel, das wohl zu kompliziert oder zumindest ein völlig anderes Spiel würde, wenn es mehr als zwei Farben bzw. Mitspieler gäbe. Aber diese Reduktion auf zwei, auf schwarz und weiss ist so willkürlich wie die Wahl eines Bretts mit 64 Feldern und kein Schachspieler würde deswegen die Welt als binär, als schwarz-weiss und aus 64 Feldern bestehend behaupten. Genau diesen Denkfehler begehen aber die meisten Menschen im Umgang mit religiösen Mythen. Ich kenne bei weitem nicht alle religiösen Legenden, aber zurzeit fällt mir als Ausnahme von diesem Entweder-Oder-Denken mit absolutem Wahrheitsanspruch nur der Buddhismus ein, der sich offen gibt und keinen Missionsbefehl kennt, keine als absolut wahr reklamierten heiligen Texte hochhält und schon gar nicht alle Andersgläubigen als Ketzer verfolgt oder à la Islamismus zur Abschlachtung freigibt. All dieser Unsinn basiert auf einem - so meine ich - lächerlichen Denkfehler, nämlich auf der hanebüchenen und unhinterfragten Annahme, Geschichten, Mythen,Legenden unterlägen dem Entweder-Oder-Prinzip, man müsse sich für eine entscheiden und die dann für 'absolut wahr' und alle anderen natürlich für 'absolut falsch' und deren Anhänger mithin für Feinde halten.

...oder Machtstrategie?
Es könnte sich bei gewissen Anwendungen des Tertium-non-datur-Prinzips aber auch um eiskalte Machtstrategie handeln, und gar nicht um Denkfehler. Wenn man machtorientiert denkt, ist es in jeder Hinsicht wünschenswert, wenn die Macht-Empfänger, die zu regierende bzw. zu kontrollierende und zu lenkende Masse auf der Stufe des Anfänger-Denkens, des Einsteigers in einen Bereich stehen bleibt. Nicht von ungefähr haben alle Machthaber Angst vor dem Wissen und noch mehr von der selbständigen Denkfähigkeit der Untergebenen. Für die katholische Kirche - eines der brillantesten und nachhaltigsten Machtgebilde der Weltgeschichte - war deshalb der Buchdruck eine Katastrophe. So kam der Pöbel zur Bibel und begann selbst, die heiligen Texte auszulegen. Das grösste Verbrechen Luthers war in den Augen des Vatikans die Bibelübersetzung in die Sprache des Volkes. Meinungspluralismus war so ungefähr das Letzte, was die Kirche in ihrer ureigenen Domäne, der Auslegung der 'Heiligen Schrift', dulden konnte. Die Deutungshoheit war und ist etwas, das sie absolut beansprucht und über den Kniff der behaupteten ex-cathedra-Wahrheit päpstlicher Enzykliken immer schon zu einer Entweder-Oder-Entscheidung hochstilisierte. Es gab und gibt immer nur die Wahrheit des Vatikans, die man annehmen oder ablehnen konnte, tertium non datur, mit den klassischen Folgen der Exkommunikation, des Banns, der Inquisition, der Folter und des Todes. Galilei lässt grüssen. Erstaunlicherweise hat an dieser gezielten Implementierung der Reduktion auf binäre, sich ausschliessende Gegenpole, des so kindlich-anfängerhaften Entweder-Oder-Denkens die Aufklärung wenig Einfluss gehabt. Noch heute ist in christlich geprägten Gesellschaftsordnungen die Liebe vom Tertium-non-datur-Prinzip beherrscht, zumindest wenn sie auch nur einen Anflug von Erotik hat. Die Monogamie ist wohl ursprünglich eine machttaktische Erfindung, da ein sinnenfeindliches Regelwerk die besten Chancen hat, ein Maximum an Übertretungen zu provozieren, was den Machthabern erlaubt, möglichst viele möglichst hart zu bestrafen, was wiederum generalpräventiv wirkt und die Macht stabilisiert. Dass dieser Trick gerade im Bereich der Sinnlichkeit angewendet wurde, scheint mir kein Zufall zu sein, sondern wohl überlegt. Denn die Sinnlichkeit ist eine fast hundert Prozent der zu Gängelnden erfreuende Sache. Also erreicht man auch nahezu alle, wenn man sie als etwas Niedriges darstellt, massiv einschränkt und die Übertretung der Einschränkungen mit fürchterlichsten Strafen bis weit über das irdische Dasein hinaus belegt. Auf diesem Hintergrund ist die Idee der jungfräulichen Empfängnis zu sehen. Was auf den ersten Blick wie eine hirnrissige Furzidee erscheint, die den Glaubenswillen der Schäflein arg strapaziert, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als geniale Idee, das Weibliche in amputierter, vergöttlichter Form in eine völlig patriarchale Machtstruktur einzubinden und gleichzeitig das normal menschlich Weibliche als schlecht, als unerfüllt, als beschämend, als unrein zu brandmarken. Die Konstruktion der Maria-Mutter-Gottes-Figur unter gleichzeitiger Verächtlichmachung aller anderen Frauen, insbesondere von Maria Magdalena, der Geliebten Jesu, war ein kaum zu überbietender machtstrategischer Schachzug, der im christlichen Abendland bis heute nachwirkt. Wie anders wirkt da die in vielen anderen grossen Religionen anzutreffende Verehrung des Weiblichen in all seinen Facetten: das Fruchtbare, das Erotische, das Schöpferische, Leben-Schaffende - der biedere Christ staunt nicht schlecht, wenn er in seiner gewohnten pseudo-andächtig-freudlos-asketisch-miesmacherischen Haltung an einen asiatischen Tempel herantritt, der über und über mit unverwechselbar sinnlichen Szenen verziert ist.

Erstaunlich ist allerdings, dass die Monogamie, dieses Relikt aus unmündigster Zeit, immer noch en vogue ist im vermeintlich aufgeklärten Abendland, wenn auch etwas aufgeweicht als immer öfter wechselndes Nacheinander. Während der Ehe oder Partnerschaft ist aber gesellschaftlich immer noch 'tertium-non-datur' gefordert. Wer gleichzeitig mehrere Partner nicht nur schätzt, sondern auch erotisch beachtenswert findet, ist in unserer Gesellschaft immer noch geächtet. Wenn er denn schon mehrere Wesen lieben will in seinem Leben, dann bitte schön hübsch geordnet zeitlich hintereinander, mit klarem Abschluss der einen Lieberei und klarem Beginn der neuen. Denn lieben kann und darf man höchstens jemanden aufs Mal.

Binarität und Absolutheit im Liebesbeziehungsbereich also, denn während einer binären Beziehung hat diese absolut, einzig, wahr und richtig zu sein, und nach dem Wechsel hat dann die neue absolut, einzig, wahr und richtig zu sein. Ist es verwunderlich, wenn in einer Gesellschaft, die mit der sinnlichen Liebe so umgeht, auch der Umgang mit religiöser Liebe, mit der liebevollen Zuwendung zu 'seinem' religiösen Mythos, von Binarität und Absolutheitsanspruch geprägt ist? Wer in einer derartigen inneren und äusseren Enge lebt, wer auch im Bereich der Politik und der Wissenschaft ständig 'absolute Wahrheiten' um die Ohren geschlagen bekommt, kann wohl kaum die Grösse aufbringen, gegenüber religiösen Mythen gelassen, offen, neugierig und tolerant zu sein. Woher sollte er die Weite des Denkens und Fühlens haben, wenn er sie in seiner Kultur kaum antrifft? Es ist also nachvollziehbar, dass der unmündige Hauptharst christlicher Abendländer aller Relativitätstheorie und Quantenphysik zum Trotz verzweifelt am Konzept absoluter Wahrheit(en) klebt.

Die Relativität der Wahrheit
Die Kategorien der 'Wahrheit' oder 'Richtigkeit' gehören in alle möglichen menschengemachten Systeme, Modelle, Theorien, Ordnungen oder eben Spiele, aber sie sind völlig deplatziert, unnötig, irrelevant, ablenkend im Bereich der Mythen, Geschichten, Legenden und Märchen. Natürlich fragt manches Kind die Mutter, ob es denn Rotkäppchen und den bösen Wolf wirklich gegeben habe, ob ein Wolf denn wirklich sechs Geissen aufs Mal im Bauch haben könne (jaja sechs, das siebte Geisslein hat sich doch in der Uhr versteckt, oder?). Oft sind es Knaben, die so fragen, da sie intuitiv und spirituell in der Regel etwas behinderter sind als die Mädchen, die meist mehr Gespür für diese andere Ebene von psychologischer Bedeutung oder eben 'Wahrheit' haben, die in Mythen und Märchen stecken, aber geschickte Mütter bringen auch begriffsstutzigen Jungs bei, dass es dabei um etwas anderes als um Fussballresultate geht.

Wahrheit' ist auch in der Jurisprudenz ein relativer Begriff. So differieren die Strafrechtsordnungen verschiedener Nationen - so sie denn überhaupt über ein Gesetzeswerk verfügen, das diesen Namen verdient - sehr deutlich in den Anforderungen, die sie an die Qualität von Beweisen stellt, die eine behauptete Faktizität oder eben 'Wahrheit' so belegen, dass die angedrohten Rechtsfolgen auch eintreten können. Auch die Wertungen, auf die sich Rechtsordnungen stützen, sind relativ und zudem in ständiger Bewegung. So ist Mord nicht einfach gleich Mord. Je nach Umfeld ist vielfacher Mord sogar höchst positiv bewertet und mit Ehrenmedaillen und einem Platz in der nationalen Geschichte belohnt, z.B. dann, wenn es sich bei den Ermordeten um Soldaten des 'Feindes' handelt; oder die Abschlachtung riesiger Bestände gesunder Nutztiere wird als Heldentat zum Schutze der Menschheit gefeiert, wenn es sich um Tiere handelt, von denen behauptet wird, sie würden sich oder gar den Menschen mit einer gefährlichen Krankheit anstecken. 'Wahr' und 'richtig' sind also nicht einmal innerhalb von menschengemachten Systemen stringent, von 'Absolutheit' ganz zu schweigen.

Welt als Widerstand
Man würde glauben, solch tollpatschige Denkfehler könnten in einer sich so aufgeklärt wähnenden Zeit leicht behoben werden? - Weit gefehlt. Als Haupthinderungsgrund diagnostiziere ich die nur von den allerwenigsten Menschen überwindbare conditio humana Nummer 1: die als 'absolut wahr' erlebte Subjekt-Objekt-Spaltung, das Erleben der Welt als das völlig Andere, das vom Wahrnehmenden Abgetrennte, das uns Gefährliche. Welt kann primär als Bedrohung wahrgenommen werden, gegen die man Widerstand leisten muss. Welt ist für solcherart Wahrnehmende das Gegenüberliegende, das Gegnerische, das Widerständige, das uns widersteht und dem wir Widerstand entgegen zu bringen haben. Natürlich kommen beim Menschen die Vorstellung, dass es absolute Wahrheit überhaupt gebe, die zugunsten der Rationalität zurückgebildete Intuition und die Überbewertung der Materie als Hindernis-Verstärker dazu, aber die Grundbefindlichkeit des sich in einem vom Rest der 'Welt' getrennten Körper Vorfindens, das im Existenzialismus so zelebrierte sinn-, ziel- und zwecklose Hineingeworfensein als Einzelner in eine ebenso sinn-, ziel- und zwecklose Welt, der Eindruck, als Subjekt völlig abgekapselt und unverbunden einer Vielfalt von bedrohlichen Objekten gegenüber zu stehen - all dies ist für den Grossteil der Menschheit ein unüberwindbares Hindernis. Die meisten erleben diese Subjekt-Objekt-Spaltung so unmittelbar körperlich und intensiv, dass die locker-gelassene Ebene der Einsicht in ein paar Denkfehlerchen nicht einmal zu kratzen vermag an dieser Zwangsjacke.

Umso erstaunlicher und erfreulicher ist ein Phänomen wie der Buddhismus zu erwähnen, der sich nicht in diese Wirrungen der absoluten Wahrheitsansprüche und des Konkurrenzdenkens begibt. Das in Aussicht gestellte harmonische Nebeneinander religiöser Mythen wäre also doch möglich auch für grössere Kollektive. Dass daneben die sogenannte 'christliche' Welt in tiefster Fehde mit der islamischen Welt liegt - dies zur Abwechslung, nachdem während fast zweitausend Jahren vor allem die Juden Opfer christilichen Absolutheitsanspruchs und Rachegedankens waren - kann nicht erstaunen. Wer für seine eigene Geschichte, seinen eigenen Mythos, sein eigenes Märchen in so aggressiver und machtgieriger Weise Absolutheits- und Ausschliesslichkeitsansprüche stellt wie die Christenheit, schreit geradezu nach der Resonanz, der Antwort eines Kollektivs, dessen extreme Vertreter sich ähnlich borniert benehmen. Das Lächerliche an der religiösen Intoleranz ist ja, dass sie im Binnenverhältnis an Intensität zunimmt. Nichts Intoleranteres als Untergruppierungen und Sekten untereinander innerhalb ein und derselben Religion.

Letztlich ist aus meiner Sicht die Unfähigkeit zum harmonischen Miteinander, ja sogar zum Nebeneinander, zum Geltenlassen anderer Mythen ein Schwächezeichen. Es gibt aus psychologischer Sicht keine schwächeren Persönlichkeiten als Diktatoren, ob sie nun in der Politik, in der Wirtschaft, in der Wissenschaft oder im religiösen Meinungsmarkt ihr Unwesen treiben. Sie alle verbindet die Panik vor Andersdenkenden, was zeigt, wie wenig sicher sie sich ihres eigenen Denkens sind. Der Gelassene hingegen kann andere Sichten leicht gelten lassen, gerade weil er weiss, dass es kein absolut gesichertes Wissen gibt. Dies macht ihn offen und neugierig auf die Geschichten anderer. Und mit dieser Haltung findet er immer wieder neue Aspekte auch in religiösen Mythen - sowohl in den eigenen wie in denen anderer Kulturen. Wer mit einem Faktizitätsanspruch an die Schöpfungsgeschichte herangeht, macht sich genau so lächerlich wie derjenige, der glaubt, die Urknall-Theorie sei der letzte und für alle Zeiten endgültige Erklärungsversuch für die Entstehung des Universums. Es sind beides mögliche Geschichten und es ist leicht vorstellbar, dass man in tausend Jahren vom 'Mythos des Urknalls' spricht wie wir heute vom Mythos des biblischen Schöpfungsberichts. Wer aber auf die Inhalte aus ist, wird in jedem Mythos fündig, beginnt Parallelen zu sehen - z.B. zwischen der aristotelischen These von Gott als dem ersten Beweger und der Urknall-Theorie - findet Muster wie die Sinuskurve oder das Zerstückelungsmotiv, die sich in allen möglichen Einkleidungen in verschiedensten Kulturen und Religionen entdecken lassen.

Welt als projiziertes Selbst
Wer diese gelassen-interessierte Haltung einnimmt, kann mit der Überwindung der Subjekt-Objekt-Spaltung beginnen. Eine hilfreiche Vorstellung ist dabei, sich die wahrgenommene Welt als projiziertes Selbst zu denken ('Selbst' im Sinne von C.G. Jung, also als Allumfassende, das, was die christliche Religion 'Gott', die hermetische Philosophie 'Einheit', der chinesische Taoismus 'Tao' nennt). Das Ich des Wahrnehmenden ist dabei der Teil des Selbst, den er bereits integriert hat, den er als 'zu sich gehörig' erkannt und akzeptiert hat. Der Adept weiss aber immer auf seinem Weg der Integration des Projizierten, dass er verbunden ist mit dem Selbst, das alles umfasst - und dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis er alles Projizierte wieder hereingeholt, verinnerlicht, sich zu eigen gemacht hat - oder, als umgekehrtes Bild, bis er den Mut findet, sämtliche Abtrennungen seines Ichs aufzugeben und sich, sein Ich im Selbst aufzulösen. Und da er auch über die Relativität der Zeit im Bild ist, weiss er auch, dass die Zeitachse mit ihrem linearen Fortschreiten auch nur eine Sichtweise, ein Modell ist und dass er auch in der Synchronizität, im Jetzt, in der völligen Präsenz in der Gegenwart ins Selbst eintauchen kann. Auf diesem Weg gilt ein spielerischer Umgang mit Gegensätzen, Widersprüchen, mit Entweder-Oder und Tertium-non-datur-Ansprüchen. Er weiss, dass es sich um Hilfs-Krücken handelt, weiss, dass sich hinter jedem vermeintlichen Gegensatz eine Anziehungskraft, eine Zusammengehörigkeit, ein Aufeinander-Zustreben verbirgt, das es nur geistig auszulösen gilt, damit die coniunctio oppositorum stattfindet. Bei diesem Vorgang ist aber jegliches Pathos, jegliches sich als Märtyrer und Opfer Zelebrieren fehl am Platz, das sich bei den Verrenkungen christlicher Adepten getreu ihrem am Kreuze leidenden Vorbild so schnell einstellt. Natürlich fällt es leichter, die aufgehende Sonne als projiziertes Selbst zu integrieren und sich mit ihr eins zu fühlen, als wenn wir uns mit Figuren wie Hitler, Mao, Stalin oder anderen tollen Grossverbrechern der Weltgeschichte konfrontiert sehen. Aber wenn man von Anfang an weiss, dass man sowieso mit allem verbunden ist, was man wahrnimmt und dass der Vorgang der Integration sowieso stattfindet, einfach etwas schneller oder etwas langsamer, so nimmt man sich immer mal wieder so einen dieser weniger anmächeligen Happen vor. Man kann sich ja dann, wenns geglückt ist, wieder mit etwas Schönem, Attraktivem belohnen, wie z.B. mit Mahatma Gandhi, der den wundervollen Satz gesagt hat: "Be the change you wish to see in the world".

Ich halte den skizzierten Ansatz, dem die Vorstellung der Welt als projiziertes Selbst zugrunde liegt, jedenfalls für höchst reizvoll. Aber es gibt weder ein Entweder-Oder noch eine Tertium-non-datur-Klausel und schon gar nicht einen Anspruch auf absolute Wahrheit oder Richtigkeit dazu. Es ist eine von vielen Möglichkeiten, die zu dem Zustand führen können, den die einen Mythen 'Paradies', die andern 'Erleuchtung' nennen. Nur: den Weg zu kennen reicht nicht.Man muss ihn gehen.

Die Denk-Aufgabe liegt auf der Hand: Es ist die Gretchenfrage aus Goethes Faust: "Nun sag, wie hast du's mit der Religion?" - Aber auch: "Wie hast du's mit der Liebe?" - Und ganz grundsätzlich: "Wie hat du's mit der Welt? Widerstand? projiziertes Selbst? oder ein Tertium, das hier ausdrücklich gegeben ist"?Von den Resultaten Ihrer denkerischen Anstrengungen zu hören, freut sich info@marpa.ch