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Achtsamkeit: Haltung, Begriff, Umsetzung

 

Achtsamsein heisst bewusst, wach, offen, verantwortlich und präsent im Augenblick, konzentriert und ganzheitlich wahrnehmend, sich liebevoll, respektvoll und nicht bewertend einem Wesen oder einer Sache zuwenden aus einem Gefühl der Kraft, der Freiheit und der angstfreien Gebe-Bereitschaft heraus. - Der Gegenpol: Masslose Egozentrik. Steigerung von Sustainability und Total Quality Management. Achtsamsein - Achtsam Tun - Achtsam Sein. Ein endloses Übungsfeld.


1. Was ist Achtsamkeit?

Achtsamkeit ist eine lern- und umsetzbare Grundhaltung allem gegenüber. Sie umfasst Angstfreiheit, Respekt, liebevolle Zuwendung zum Detail ohne das Ganze aus den Augen zu verlieren, Verantwortungsübernahme, Kompetenz, Offenheit und Lernbereitschaft. Sie strebt nach Ausbalancierung der vier Ebenen Körper-Seele-Geist-Spiritualität bei Einzelwesen und Gemeinschaften. Achtsamkeit ist bis zum kleinsten Alltagsentscheid hinunter wirksam.

1.1. Versuch einer Definition

Achtsam sein heisst bewusst, wach, offen, verantwortlich und präsent im Augenblick, konzentriert und ganzheitlich wahrnehmend, sich liebevoll, respektvoll und nicht bewertend einem Wesen oder einer Sache zuwenden aus einem Gefühl der Kraft, der Freiheit und der angstfreien Gebe-Bereitschaft heraus.

1.2. Die Elemente der Definition

Ich bin mir bewusst, dass es in dieser Definition Redundanzen hat, Begriffe, die sich teilweise, aber nie ganz überlappen. Dies aus zwei Gründen: Erstens will ich den Begriff so farbig darstellen wie möglich und auch 'Spurenelemente' aufnehmen. Zweitens assoziieren die einzelnen Elemente der Definition bei jedem Rezipienten etwas anders; was für den einen ein abgegriffener, ausgelaugter und damit inhaltsleerer Begriff ist, löst beim andern den erwünschten AHA-Effekt aus.

Bewusst
Bewusst etwas tun, bewusst da sein - wird immer wieder von uns gefordert, in diesem Buch wie in vielen Alltags-Situationen. Der Ausruf: "Sind Sie sich eigentlich bewusst, dass…" soll den so Angesprochenen daran erinnern, dass sein Tun oder irgendein zur Diskussion stehender Umstand ein Umfeld hat, sei es eine Basis, Nebeneinflüsse oder Konsequenzen. Auf jeden Fall will der Satz die Sicht weiten, von einer engen Fokussierung oder gar Fixierung auf das weitere, grössere Ganze. Diese Tendenz wird aufgenommen in 'konzentriert und doch ganzheitlich wahrnehmend'.

In 'bewusst' steckt das Verb 'wissen', das aber eine viel weitere Bedeutung hat als in unserem Alltagsgebrauch, wo es meist mit linkshemisphärischem, rationalem Wissen, mit dem messbaren Wissen der Naturwissenschaft gleichgesetzt wird. Das Wissen im Wort 'bewusst' ist ein ganzheitliches Wissen, das die rechte Hirnhemisphäre mit der Intuition genau so meint, ja die gesamte Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeit eines Wesens.

Bewusst tun, bewusst sein heisst primär 'sich seiner selbst als abgetrennter Entität bewusst sein', setzt aber auch eine gewisse Distanz zum eigenen Ich des Bewussten voraus. Bewusstwerdung ist Selbst-Reflexion, ist der Schritt in den Zeugenstand, in die Beobachterposition, ist das 'Sich-selbst-Gegenübertreten' im Sinne des Descartes'schen 'Cogito, ergo sum'. Es ist dieser letzte konsequente Schritt der Subjekt-Objekt-Spaltung, welche Grundbedingung des diesseitigen, polaren Seins in der Physis ist. Als erstes finden wir uns ja vor als von den andern, vom Rest der Welt abgetrennte Entitäten. Theologisch wird dies ins Bild des Sünden- (=Absonderungs-)falls gekleidet, des Sturzes aus dem Paradies hinunter auf die Erde. Psychologisch ist es die Abspaltung des Egos mit seinem Bewusstseinsausschnitt vom Selbst, das dem kosmischen Bewusstsein entspricht; damit entsteht der Schatten, der für den ganzen Rest des nicht vom Ego ausgewählten Bewusstseins steht. Philosophisch entsteht durch die Trennung von der Einheit, durch das Verlassen des Seins-Modus des 'In-der-Einheit-Seins' die Polarität, die sich auf der Ebene der Seins-Modi in den Gegenpolen 'Im-Diesseits-Sein' - 'Im-Jenseits-Sein' zeigt. Auf der Individual-Ebene entsteht mit der Polarität die Schuld (theologisch: die Sünde), da jedes polare Wesen der Ganzheit immer etwas schuldig bleibt, ihm immer etwas fehlt zum Ganzen, zum Heil, es also zwingend und unabhängig von seinem Verhalten fehlerhaft, schuldig, unheil ist.

Der Mensch bildet sich nun sehr viel ein auf die Selbstreflexion, also auf die Fähigkeit, die Spaltung auch in seinem Innern weiterzutreiben und über sich selbst zu reflektieren, sich selbst zu beobachten, sich seiner bewusst zu werden. Er glaubt, die einzige Entität auf diesem Planeten zu sein, die diese Fähigkeit besitzt. Ich bin da bestimmt nicht mehr ganz allein, wenn ich diese überhebliche Exklusivität bezweifle, aber lassen wir das die Zoologen und Biologen beweisen. Wichtig ist, dass durch diesen weiteren Spaltungsschritt der Rückweg zur Einheit, das Zusammensetzspiel, das all die Spaltungen wieder aufhebt, heile macht , heilt, dass dieser Vorgang um einen ganz grossen Schritt erschwert wird. Wir sehen es am ehesten beim Embryo und Säugling, der diese Spaltung noch nicht völlig vollzogen hat, in Symbiose, in unabgespaltener Einheit mit der Mutter lebt und fühlt. Es braucht einige Zeit, bis sich das Neugeborene als Individuum, als abgetrenntes Einzelwesen wahrnimmt. Und es dauert noch länger, bis es zu sich selbst auf Distanz gehen kann, sich seiner bewusst wird und von sich sprechen kann wie von einem andern, von einem abgetrennten Wesen.

In dieser Abspaltung des Bewusstwerdungsprozesses liegt allerdings auch eine riesige Chance. Wenn wir begreifen, dass wir diese Spaltung in uns zwischen dem Ich und dem über das Ich reflektierenden Beobachter ja selbst auslösten und dass sie der Spaltung zwischen dem Ich und der Welt ganz ähnlich ist, können wir erkennen, dass wir beide Spaltungen auch selbst wieder aufheben können. Wir können dann auch verstehen, dass beide Spaltungen, sowohl die zwischen Ich und Welt wie die innere zwischen Ich und Beobachter, nur der Erkenntnis dient, nur ein Hilfsmittel ist, ein Kunstgriff, der Erkenntnis überhaupt erst möglich macht und dass es in unserer Macht steht, wenn all die Analyse, Spaltung und Teilung zur Erkenntnis geführt hat, die gegenpolare Bewegung der Synthese, Zusammenfügung, Ganzwerdung zu machen.

Die grossartige Gabe der Bewusstheit unserer Individualität ist also mit einer ebenso grossartigen Aufgabe verbunden: der Aufgabe, sie wieder aufzugeben, nachdem wir die Spaltung als wertvolles Erkenntnis-Spiel, aber letztlich auch als Fiktion und Projektion durchschaut haben.

Ich würde meiner eigenen Philosophie untreu, würde ich Bewusstheit als absolute Grösse, als nur positiv, als unbedingt und zwingend und alleinseligmachend anpreisen. Auch Bewusstheit ist ein relativer Begriff, der mit seinem Gegenpol, der Unbewusstheit, ausgesöhnt, ausblanciert werden will. Unbewusstheit kann - wie beim symbiotisch lebenden Embryo und Neugeborenen gezeigt - die Grundlage für ein wundervolles Einheits-Erlebnis sein und damit höchstes Glück bedeuten. Damit ist auch der Versöhnungsweg der sich auf den ersten Blick ausschliessenden Begriffe angezeigt: erlöste Unbewusstheit ist sich nur der Spaltung, des Abgetrenntseins nicht bewusst, erkennt nur die Vernetztheit, die Verbundenheit mit allem, was ist, die Einheit. Erlöste Bewusstheit meint dasselbe, einfach über den Umweg der Abspaltung und des wieder Zusammenfügens des Getrennten. Dabei muss die Vorstellung der Spaltung als Illusion durchschaut, abgelegt, überwunden oder eben 'unbewusst' werden. Für die postulierte Glücksroute über die Achtsamkeit ist aber zuerst einmal Bewusstheit vonnöten, um den beschriebenen Weg gehen zu können.


Wach
Wach ist sehr nahe bei bewusst, betont aber die Aufmerksamkeit nach aussen, das Ausfahren der Antennen, die Stimmungen, Energien, Befindlichkeiten der andern wahrnehmen, die spüren und melden, was 'in der Luft liegt'. Auch hier ist der Gegenpol zu beachten: schlafend, abgeschottet, nicht in Verbindung mit dem Aussen. Dass dieser Pol genauso seine Berechtigung hat, beweisen wir täglich bzw. meistens nächtlich, wenn wir uns schlafen legen. Für den Weg der Achtsamkeit ist aber vorerst Wachheit wichtig.


Offen
Offenheit - in aller Leute Mund und in Wirklichkeit so schwer zu leben. Denn jeder von uns hat einen Panzer von Vorurteilen, vorgefassten Meinungen, Erwartungen, der wahre Offenheit beschränkt oder völlig verhindert. Wenn Offenheit die Bereitschaft ist, alles Neue hereinzulassen, erkennen wir schnell, dass es keine absolute Grösse ist. Wir könnten nichts beschliessen, zu nichts entschlossen sein, nirgends einen Schlussstrich ziehen und etwas abschliessen, wenn wir dem Gegenpol des Schliessens oder Geschlossenseins nicht auch gleiche Gültigkeit zumässen. Aber für die Grundhaltung der Achtsamkeit postuliere ich die Offenheit, die zuerst einmal hereinlässt, nicht von vornherein dicht macht und erst im zweiten Schritt das Hereingelassene, das offen Angehörte achtsam selektioniert.


Verantwortlich und präsent im Augenblick
Ich nehme diese beiden Elemente zusammen, weil sie sich auf den ersten Blick zu widersprechen scheinen. Wer im landläufigen Sinne verantwortlich handelt, zieht alle ihm zugänglichen eigenen und fremden Daten aus der Vergangenheit zu Rate, extrapoliert daraus möglich Zukunfts-Szenarien und tut dann das, was ihm das Vernünftigste, das alle Anforderungen am besten Austarierende und der vorgegebenen oder selbst gesetzten Werteprioritätenliste am besten Entsprechende zu sein scheint. - Wie kann er dabei gleichzeitig 'präsent im Augenblick' sein?

Ich meine einen leicht differierenden Verantwortungs-Begriff, der sich vom Antworten auf ein Angesprochensein her erschliesst. Alles, was wir vorfinden - eingeschlossen unser eigenes Ich - spricht uns an, ist physischer Ausdruck metaphysischen Inhalts. Unsere Antwort auf die Form ist zuerst das Deuten der Form, das Erkennen des dahinterliegenden Inhalts, der immer eine Botschaft, eine Aufforderung enthält und dann das Wahrnehmen der Verantwortung, also das Eingehen auf die Aufforderung und das Wieder-Einkleiden der Botschaft in eine neue, eigene Form. Diese Art von Verantwortung findet im JETZT, in der Gegenwart statt und erfordert geradezu Präsentsein im Augenblick. Ich meine also mit diesen beiden Definitions-Elementen gerade das Sich-Lösen von der Fixierung auf die permanent Vergangenheits-Daten verwurstende Ratio.

Die Gegenpole 'verantwortungslos und abwesend' sind so mit negativer Wertung belastet, dass es schwierig scheint, ihnen gleiche Gültigkeit zuzubilligen. Der Zugang könnte über das Freiheitsgefühl der lockeren Jugendzeit gelingen. Erinnern Sie sich an die herrliche Zeit - sofern Sie sie erlebten - als Sie noch keine grosse beruflichen, familiären, gesellschaftlichen Verpflichtungen hatten? Als Sie niemanden danach fragen mussten, was zu tun und zu lassen sei. Als Sie reisen - abwesend sein - konnten, wann und wohin Sie wollten? Als das Leben noch nicht in beengenden Schienen festgefahren war? Zumindest einige unter Ihnen haben diese Phase bestimmt erlebt, andere sich danach gesehnt. - Ein Grossteil dessen, was wir uns als Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten aufbürden, sind nichts anderes als Ego-Verwicklungen, die uns Wichtigkeit, Bedeutung, Profil geben sollen - und die es alle eines Tages wieder abzulegen gilt. Und das Abwesendsein, das Sich-Entziehen, Sich-Zurückziehen aus allen Ämtern und Beziehungsnetzen, kann ein wesentlicher Schritt sein, um die Fähigkeit zu erwerben, allein zu sein, autark, autonom zu werden. Aber hier zum Achtsamkeitsbegriff gehören die Pole 'verantwortlich und präsent im Augenblick'.


Konzentriert und ganzheitlich wahrnehmend
Wieder auf den ersten Blick widersprüchliche Elemente. Genauer: Nur wenn wir ausschliesslich mit der Ratio, mit dem analytischen, linkshemisphärischen Verstand ans Werk gehen. Denn unser ganzheitliches Wahrnehmungssystem, das in der rechten Hirnhemisphäre angesiedelt ist und uns als Intuition am ehesten vertraut ist, tut nichts anderes als das: Konzentriert und doch ganzheitlich wahrnehmen. Wir kennen es alle, wenn wir zum Beispiel in einen Raum kommen, in dem schon einige andere Wesen interagieren miteinander. Wir können uns gleichzeitig auf ein Wesen konzentrieren und die Stimmung, den Energielevel, das Potenzial aller Anwesenden erfassen. Frauen können dies in der Regel besser, da sie meist eine bessere Verbindung zur ganzheitlichen Wahrnehmung haben, die ihnen nicht nur erlaubt, mehrere Dinge gleichzeitig intensiv wahrzunehmen, sondern auch mehrere Dinge in erstaunlicher Qualität und Intensität gleichzeitig zu tun. Je stärker ein Mann hingegen von der linken Hirnhemisphäre dominiert ist mit Ratio, analytischem Verstand, logischer Aufschlüsselung der Welt in Kausalketten, desto grösser seine Mühe mit der Gleichzeitigkeit der Wahrnehmung und des Tuns. Achtsamkeit erfordert aber genau diese Qualität. Männer können sie entwickeln und fördern, wenn sie bereit sind, von den Frauen zu lernen.

Mit den Gegenpolen 'unkonzentriert und segmentiert wahrnehmend' können wir uns anfreunden, indem wir an die Sinuskurven Spannung-Entspannung-Spannung und Weit-Eng-Weit denken. Unkonzentriertsein entspricht der nötigen Entspannung nach einer Phase der Spannung. Konzentration ist anstrengend, erfordert eine hohe Spannung und kann nie Dauerzustand sein. Auch die Weite der ganzheitlichen Wahrnehmung ist ein Zustand, der höchste Anforderungen stellt und ausbalanciert werden muss durch Phasen der segmentierten Wahrnehmung. Damit ist auch klargelegt, dass die postulierte Haltung der Achtsamkeit zwar in allen Lebensbereichen relevant ist, aber kein Dauerzustand sein kann.


Sich liebevoll, respektvoll und nicht bewertend einem Wesen oder einer Sache zuwenden
Liebe sollte eigentlich immer mit Respekt, mit Rücksichtnahme verbunden sein, aber ich will damit klar machen, dass hier eine entwickelte Form von Liebe gemeint ist, weitgehend frei von Haftung, Besitzanspruch, Eifersucht und Verlustangst.

Die Wertungsfreiheit der achtsamen Haltung ist eines der Kernelemente der Definition, mit dem wir vielleicht am meisten Mühe bekunden beim Versuch, achtsam zu sein. Denn unsere Persönlichkeit, unser Charakter, das, was wir hier Ego-Profil nennen, definiert sich gerade durch Wertungen. Die Unterschiede in den Wertungen lassen uns die Grenzen ziehen zum Aussen, zu den Mitmenschen, erst sie geben uns ein inneres unverwechselbares Gesicht. Mit dieser Befindlichkeit als individuelles, unverwechselbares Wertungs-Konglomerat gehen wir üblicherweise auf das Aussen los und lassen alles, was uns begegnet, in beeindruckendem Tempo durch den Filter dieser Vorurteile und Wertungen sausen. Die bewussten Wertungen können wir mit viel Mühe zu unterdrücken versuchen, wenn wir versuchen, achtsam zu sein, aber ein sehr grosser Teil der Vorurteile ist unbewusst, übernommen von allen möglichen uns prägenden Instanzen. Stärksten Einfluss auf unsere unbewussten Wertungen hat das sogenannte Zeitparadigma, die Gesamtheit der zu einer bestimmten Zeit in einem bestimmten Kulturraum geltenden Vorurteile. Die Tatsache, dass sich dieses Zeitparadigma heute schneller wandelt als noch vor 50 Jahren bedeutet nicht, dass es eine geringere Wirkung hätte. Es bedeutet höchstens, dass es in seiner Relativität und Vorläufigkeit leichter durchschaubar sein sollte.

Die Zuwendung ist auch mehr als nur ein Fokussieren der Aufmerksamkeit, wie man es auch bei einer Gefahr, einem als Feind betrachteten Wesen macht. Der Ausdruck 'jemandem Zuwendung schenken' vermittelt bereits die liebevolle Grundhaltung, wie sie die Achtsamkeit erheischt. Dass es sowohl konkrete Wesen oder Dinge, als auch abstrakte Themen und Inhalte sein können, denen wir uns achtsam zuwenden, ist leicht nachvollziehbar. Handelt es sich doch bei der Achtsamkeit um eine Grundhaltung, die - einmal aufgeblüht - nicht mehr selektioniert je nach Umfeld oder Objekt.

Die gegenpolare Geste wäre 'sich lieb- und respektlos, alles Aussen bewertend von etwas abwenden bzw. sich auf sein gieriges Ego konzentrieren'. Eine Haltung, die wir bestimmt alle kennen. Wenn wir von irgendjemandem oder irgendetwas eine Überdosis hatten, sei es das aufgezwungene Zusammensein mit einem oder mehreren anderen Menschen, wie man es in der Familie, in der Schule, in der Kirche, am Arbeitsplatz, am Wohnort, im Militärdienst oder sonstwo erleben kann, sei es die unfreiwillige Beschäftigung mit einer Materie, einem Thema - es gibt Momente, wo man derart genug, die Nase so voll hat, dass man sich lieb- und respektlos abwendet, alles Aussen abqualifizierend in Bausch und Bogen verdammt und sich auf sein Ego fokussiert, wieder auf dessen Wünsche lauschend und egozentrisch seine Wunden leckend. Diese Abwendung ist beim entsprechenden Entwicklungsstand nötig, um wieder zu sich und in die Balance zu kommen.Auch hier also grundsätzlich gleiche Gültigkeit für die Gegensätze, aber Forderung des einen Pols, der liebevollen, respektvollen, nicht bewertenden Zuwendung, für die Achtsamkeit.


Aus einem Gefühl der Kraft, der Freiheit und der angstfreien Gebe-Bereitschaft heraus
Alle vier Begriffe sind vernetzt, interdependent und überlappen sich, ohne Synonyme zu sein. Aus einem Gefühl der Kraft heraus kann nur agieren, wer sich eine innere Freiheit erworben hat, die wiederum - wie die Gebe-Bereitschaft - auf Angstfreiheit basiert. Und offene Zuwendung schenken ist bereits ein Geben, ein Geschenk, das mit zunehmender Angstfreiheit an Kraft gewinnt. Es geht bei der Achtsamkeits-Haltung aber nicht um eine äusserlich-materielle Demonstration von Kraft, Freiheit und Gebe-Bereitschaft, sondern um ein Gefühl, eine innere Befindlichkeit, die die Haltung prägt und als Ausstrahlung nach aussen dringt.

Der Versuch einer gegenpolaren Formulierung könnte etwa Folgendes ergeben:
'Aus einem Gefühl der Schwäche, der Gebundenheit und des angstvollen Geizes heraus'. Auch diese Gegenbegriffe sind einleuchtenderweise interdependent. Angst schwächt, bindet und macht eng, also auch geizig. Wir alle kennen die Grunderfahrung der Angst und haben sie in allen möglichen Spielarten und Erscheinungsformen schon erlebt. Angst ist der Motor unserer Entwicklung in die Angstfreiheit und hat als solche ihre Bedeutung, ihren Platz, ihre Gültigkeit wie das Böse, wie alles, was wir als negativ bewerten.


1.3. Gegenpol zur Achtsamkeit?

Aus der Gegenüberstellung der Definition von Achtsamkeit und den Gegenpolen zu den einzelnen Elementen sollte es möglich sein, den Gegensatz zur Achtsamkeit zu finden. Die oben herausgearbeiteten Gegenpole zu den einzelnen Definitionselementen der Achtsamkeit ergeben folgende Konterdefinition:
XY? heisst unbewusst, schlafend, verschlossen, respekt- und verantwortungslos und nicht wirklich präsent, unkonzentriert und segmentiert wahrnehmend, alles Aussen bewertend sich auf sein gieriges Ego konzentrierend aus einem Gefühl der Schwäche, der Gebundenheit und des angstvollen Geizes heraus.

Und die Auflösung der Gleichung XY = ? ergibt etwas wie 'Masslose Egozentrik'. Bevor Sie sich schütteln vor Abscheu und einseitiger Negativ-Wertung dieses belasteten Begriffs: Behalten Sie bitte im Hinterkopf, dass auch diese Haltung ihren Platz hat auf dem archetypischen Entwicklungsweg des Menschen, und dass sie partiell immer wieder aufblitzt auch in unserer eigenen Biographie. In Route 15 habe ich ein Beispiel dafür ausfabuliert.


1.4. Achtsamsein - Achtsames Tun - Achtsames Sein

Wortspielereien? - Es ist mehr. Wir wissen jetzt, was ich unter der Haltung Achtsamkeit verstehe, aber es geht darum, aus dieser Haltung des Achtsamseins heraus achtsam zu handeln und zum Ziel zu gelangen, zu achtsamem Sein.

Achtsamsein ist die Haltung. Wenn wir sie zutiefst verinnerlicht haben, verfügen wir über eine wesentliche Voraussetzung zu achtsamem Handeln. Handeln setzt aber zusätzlich Kompetenz voraus und - wo sie fehlt - Lernbereitschaft. Was nützt es, wenn der Achtsame, Tierliebende, aber leider Inkompetente den Fisch im Teich sieht und ihn aus dem Wasser zieht, um ihn vor dem Ertrinken zu retten? Die Haltung der Achtsamkeit allein reicht hier nicht, um auch achtsam zu handeln. Der Inkompetente muss Lernbereitschaft zeigen und sich die fehlende Kompetenz erwerben.

Das Ziel jeder spirituellen Entwicklung ist es, irgendwann über das Tun hinaus ins Sein zu gelangen, über die Emsigkeit und Betriebsamkeit hinaus zu wachsen in die höchste Seins-Intensität des Jetzt. Diesen Zielzustand des völligen Einverstandenseins mit sich und der Welt, mit der Aufhebung der Spaltung zwischen Ich und Welt nenne ich Achtsames Sein. Die Entwicklung beginnt mit dem Erwerb der Haltung des Achtsamseins, und sie endet mit der Ankunft im Achtsamen Sein.



2. Achtsamkeit in der Wirtschaft

Erzählen sie einem gestressten Manager etwas von Ethik - er wird höchstwahrscheinlich müde abwinken und auf bessere Zeiten verweisen: "Dann machen wir wieder mal so ein Seminar für das mittlere Kader… aber jetzt lassen Sie micht bitte, ich muss GELD VERDIENEN!" - Erzählen Sie aber demselben Manager, dass er mit achtsamer Unternehmensführung bereits mittelfristig, bestimmt aber langfristig mehr Geld verdient, nicht zuletzt, weil achtsam geführte Mitarbeiter motivierter sind und mehr leisten und weil er bei achtsamem Umgang mit sich selbst ausgeglichener, fiter, angenehmer, ja glücklicher ist, dann wird er Ihnen möglicherweise zuhören. Der entscheidende Punkt ist, dass Achtsamkeit nicht eine reine Image-Investition mit zweifelhaftem oder gar keinem Return ist, sondern eine auch ökonomisch höchst rentable Angelegenheit. Es ist auch nicht ein völlig neuer, wirtschaftsfremder Ansatz, sondern unter dem Aspekt des 'Taking Care' eine konsequente Weiterführung des Nachhaltigkeits-Denkens.


Achtsamkeit ist in der hier vermittelten Begriffshierarchie ein viel umfassenderer Begriff als Nachhaltigkeit, die das ökologisch verantwortungsbewusste Handeln eines Unternehmens erweitert um das sozial verantwortungsbewusste Handeln meint. Achtsamkeit implementiert aber noch einige Dimensionen mehr: Nach innen kommt der Bereich der Selbstverantwortung hinzu, der Verantwortung des Handelnden sich selbst gegenüber; nach aussen die Verantwortung gegenüber der gesamten Natur, nicht nur unter dem Aspekt ihrer Verfügbarkeit asl Lebensgrundlage für zukünftige Generationen von Menschen, sondern auch unter dem Aspekt ihres Eigenwertes, ihres Anspruches auf Leben als eigene Entität: So impliziert Achtsamkeit eine Verantwortung gegenüber der Erde, dem Kosmos als Lebewesen.

Achtsamkeit gehört wie Liebe (die spirituell-bedürfnislose, nicht die körperlich-bedürftige) zu den ganz seltenen Produkten, die sich durch Einsatz, Verwendung bzw. Absatz nicht verringern, sondern erneuern, ja oft sogar exponentiell vervielfachen. Allein schon diese Tatsache sollte jedes Unternehmerherz höher schlagen lassen. Das Bild trifft sogar sehr genau in die Mitte, ins Herz. Es braucht zum Verstand auch noch das Herz, um diese beiden Produkte und ihr Potenzial überhaupt zu entdecken. Wer dann noch erkennt, dass beide beliebig erneuerbar, in unendlichen Mengen vorhanden und von jedem Mitarbeiter bei sich selbst abrufbar sind, sollte auch als kaltrechnender Ökonom freudige Wärme spüren.

Ich wage zu behaupten, dass achtsame Unternehmensführung eines der wesentlichen Erfolgsrezepte der Zukunft sein wird, gerade weil die Achtsamkeit eigentlich eine alte Tradition hat, die nur in den letzten Jahrzehnten etwas in den Hintergrund geriet. Ich habe den Begriff der Achtsamkeit weder erfunden noch ihn spontan-intuitiv mit spiritueller Bedeutung vollgepfropft. Grössere Geister haben vor Jahrhunderten schon eine Kultur der Achtsamkeit gepredigt. Einzig die Begriffe wechseln. Was heute als Wellness-Welle unsere Lande überschwappt, ist nichts anderes als die durchaus sinnvolle Aufforderung, unserem Körper mit Achtsamkeit zu begegnen. Ist es da so abwegig, nebst dem Körper auch noch die meist weniger beachteten 'Innereien' wie Seele und Geist mit achtsamer Wellness zu überspülen?

Heute ist es vor allem der buddhistische Mönch Thich Nhat Hanh, der Schritte der Achtsamkeit macht und lehrt . Nur begegnen sie sich kaum, oder die Lücke bleibt zu gross zwischen dem Barfussprediger und dem CEO, als dass der Funken spränge. Viele klinken schon aus bei der Aufforderung, achtsam zu atmen, wo sie doch das Quartalsergebnis einfahren sollten, das angesichts der elenden Flaute so hoch angesetzt ist, dass der Atem verständlicherweise eher stockt als frei fliesst. Achtsam die seit Ewigkeiten dahindümpelnden Aktienkurse verfolgen, das schon. Und achtsam auf das Wackeln des eigenen Sessels achten, das auch. - Wobei in den letzten zwei Sätzen das Wort achtsam meines Erachtens fehl am Platz ist. Denn beides tut der gestresste Manager mit Angstperlen auf der Stirn. Er tut es vielleicht umsichtig, vorsichtig, akribisch - aber nicht achtsam. Der Unterschied liegt im Motiv, in der Befindlichkeit dessen, der vorsichtig oder eben achtsam ist. Vorsicht impliziert Angst, ist eine Gegenmassnahme gegen die Angst, Achtsamkeit impliziert den Gegenpol von Angst, also Liebe - und falls einem coolen Turnarounder dieses Wort zu kitschig oder privat ist, sagen wir halt Offenheit und Zuwendung. Auch das sind brauchbare Antipoden zur Angst, die ans lateinische angustus = eng gemahnt, abwehrend und sich (vom Angstauslöser) abkehrend assoziiert.

Ich möchte bei den Verantwortlichen in der Wirtschaft Lust auf Achtsamkeit wecken und zeigen, dass sie sich leicht und Erfolg versprechend in den Manager-Alltag einbauen lässt - auf die Dauer sogar höchst rentabel. Achtsamkeit hört nämlich nicht auf, wenn es um ganz konkrete, materielle Dinge geht wie Geld und Arbeitsplätze. Ich möchte zeigen, dass da ein Hinterbau ist, der eine Wirkung hat wie der berühmte Stein, den wir ins ruhige Wasser plumpsen lassen: Konzentrische Kreise wandern nach aussen, strahlen immer weiter - in der Mitte bleibt der achtsame Unternehmensführer.

Es geht aber - wie bei allen wirklich bedeutenden Dingen - nicht allein über die Sprache und die Ratio, die in der linken Gehirnhälfte beheimatet ist. Wir müssen schon das ganze Hirn, Körper und Seele dazunehmen, wenn wir Achtsamkeit ausloten wollen.

Erstes Ziel ist es, die ökonomisch relevanten Aspekte der Achtsamkeit als Produkt darzulegen und die Behauptung zu stützen, der Kundennutzen der Achtsamkeit entspreche einer exponentiellen Steigerung des Nachhaltigkeitsdenkens und des Total Quality Managements.

Der wirtschaftlich-politisch-gesellschaftliche Status-Quo in Stichworten:

Begriff und Haltung der Achtsamkeit (siehe 1.) sind der Versuch einer Antwort auf die skizzierte Status-Quo-Problematik. Achtsamkeit will und kann einen Lösungsansatz zeigen. Denn Achtsamkeit schliesst nicht zum vornherein etwas aus, weder das Gewinnstreben, noch die technische Forschung und auch nicht den Einsatz von physischer Macht. Sie gibt allem nur eine Leitplanke, eine Orientierung. Sie promoviert einen Wert, der eine weltweite hohe Akzeptanz erreichen kann und der eben gerade nicht in die Falle der Polarisierung tritt. Auf die Wirtschaft bezogen: Man kann und soll achtsam Gewinn erwirtschaften, daran ist überhaupt nichts falsch. Im Gegenteil: Wer achtsam ein Unternehmen führt, macht langfristig und nachhaltig mehr Gewinn, und nicht nur monetären Gewinn.

Achtsamkeit ist ein ausgezeichnetes Konzept für jede Art von Umgang mit Wesen und Dingen, angefangen beim Umgang mit sich selbst. Sie vereint die Qualitäten des 'Profis' wie Wissen, Kennen, Können, Umsicht, Bewusstheit, Verantwortung mit den Qualitäten des Amateurs wie ganzheitliches Engagement, Lernbereitschaft, offene Zuwendung, Liebe. Achtsamkeit beruht auf einem Wertgefüge, einem Ethos, in dem Immaterielles über Materiellem steht; was keine Negierung der Bedeutung des Materiellen impliziert. Aber das Streben nach Profit, die Nutzung natürlicher und personeller Ressourcen findet in der Achtsamkeit eine Leitplanke, die einen höheren Wert darstellt.

Kundennutzen
In der Folge fokussieren wir primär den wirtschaftlichen Bereich. Die Implementierung von Achtsamkeit im Unternehmen bewirkt:

1. Erweiterung des Nachhaltigkeitsdenkens (Sustainability) und des Total Quality Managements um die nicht materiellen, aber höchst erfolgsrelevanten Bereiche des psychischen und geistigen Wohlbefindens von Mitarbeitern (MA) und Kunden
2. Qualitätssprung bei allen internen und externen Entscheidfindungsprozessen
3. Verbesserung des proaktiven, zukunftsgerichteten Risk-Managements
4. langfristig markante Erhöhung des Vertrauens der Kunden ins Unternehmen, wenn sie sich auf 'achtsames Handeln' des Unternehmens und aller seiner MA verlassen können
5. Verbesserung des individuellen Wohlbefindens aller MA inklusive Management und Kader auf physischer, psychischer und geistiger Ebene (Achtsamkeit verhindert Herzinfarkte und Burnout-Syndrome)
6. darauf fussend Verbesserung von Motivation, Teamgeist und Sozialkompetenz von Kader und MA
7. Minimierung krankheits- und unfallbedingter Absenzen (der Zusammenhang zwischen psychisch-geistigem Wohlbefinden und MA-Absenz kann anhand von SUVA-Statistiken nachgewiesen werden); generelle Senkung der Gesundheitskosten
8. Verbesserung der Werte-Orientierung aller MA, da Achtsamkeitshaltung eine extrem hohe Akzeptanz hat, ausserhalb von religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnissen steht und niemanden zum vornherein ausgrenzt aufgrund seiner Herkunft, seiner Rasse, Ethnie oder seiner Religion. Wertekonflikte können sich ergeben bei fundamentalistischen Anhängern, die z.B. nicht bereit sind, Menschen ausserhalb ihres Bekenntnisses mit Achtsamkeit entgegen zu treten. Aber sogar bei diesen doch eher die Ausnahme bildenden MA kann die im Unternehmen gelebte Haltung der Achtsamkeit zu einer Erhöhung der Toleranz und zu einem langsamen Umdenken führen
9. leichtere Führbarkeit der MA, die sich alle am selben gemeinsamen Wert der Achtsamkeit orientieren
10. Verbesserung der unité de doctrine des gesamten Kaders, die ja alle auch diesem Wert der Achtsamkeit verpflichtet sind
11. langfristige Optimierung des Unternehmens-Images nach innen und aussen
12. Erhöhung von Solidarität und freiwilliger Bindung von Kunden und MA an das Unternehmen
13. langfristige Erhöhung der personellen Konstanz
14. geringere Schwankungen im Unternehmens-Stil bei Führungswechseln
15. trotzdem Erhalt grösstmöglicher strategischer und operativer Flexibilität des Managaments intern und extern, da die Achtsamkeit als Grundhaltung eine übergeordnete Leitplanke darstellt, nicht vergleichbar irgendeiner ökonomischen 'Glaubensrichtung' oder einer vorübergehenden Mode-Erscheinung in den Bereichen Führung und Motivation
16. Verbesserung des Controllings in allen Bereichen, da die Leitplanken der Achtsamkeit bereichs- und stufenübergreifend als Kontroll-Kriterium dienen


3. Allerweltsheilmittel Achtsamkeit?


Die Haltung der Achtsamkeit, die in achtsames Handeln mündet, hat ein gewaltiges Potenzial, nicht nur, aber auch in der Unternehmenswelt. Die Frage ist nur, ob wir damit nicht in die Weltverbesserungsfalle tappen und jetzt einen individuellen, nach INNEN gerichteten Weg plötzlich als Allerweltsheilmittel für das AUSSEN verkaufen wollen. Hier ist - wie bei allen Hilfsmitteln auf unseren Glückswegen - Vorsicht am Platz. Letztlich ist es nicht wichtig, ob das Mittel Agape-Liebe, Einverstandensein, Jetzt-Intimität, Öffnen der Ego-Grenzen, Angst-Freiheit oder Achtsamkeit heisst. Wichtig ist, wie wir damit umspringen. Sobald wir missionarisch auftreten, andern unsern Weg aufschwatzen oder gar aufzwingen wollen, kippt die Heilskraft und aus der gut gemeinten Glücks-Botschaft wird lästige Bevormundung. Diesen Vorgang können wir tausendfach beobachten in der Geschichte der Religionen mit ihren Kreuzzügen, die bis heute andauern, aber auch bei den mit sektiererischem Eifer und unzimperlichem Nachdruck verbreiteten Staatsformen wie Erbherrschaften, die heute nur unter anderem Deckmäntelchen als zu aristokratischen Zeiten daherkommen, ebenso wie bei der blindwütig als Allerheilmittel auch auf völlig archaische Stammeskulturen aufgepfropften Demokratie. Wir finden den missionarischen Eifer genauso bei der Verbreitung und Implementierung von Wirtschafts-Systemen wie Kommunismus und Kapitalismus, aber auch bei nicht weiter hinterfragten Gesellschafts-Systemen wie dem Sozialstaat, der aus gut gemeintem Helfertrieb die Bürger in die Unmündigkeit und Verantwortungslosigkeit schubst.

Um nicht in diese Falle des sektiererischen Eiferers zu treten, habe ich bereits bei der Erläuterung der Definitionselemente des Begriffes der Achtsamkeit immer die Gegenpole und deren gleiche Gültigkeit herangezogen. Auch Achtsamkeit ist ein relativer Begriff und der Weg der Achtsamkeit kein absoluter. Wer den Gegenpol, die masslose Egozentrik, nie kennengelernt hat, ist nicht reif für die Achtsamkeit und wird den Weg nicht echt und mit tiefem Verständnis gehen können. Deshalb mache ich mir auch keine weltverbesserischen Illusionen über die Breitenwirkung der Achtsamkeit in der Wirtschaft. Es wird immer Unternehmer und Unternehmen geben, die in der archetypisch ersten Phase der masslosen Egozentrik stecken und dies auch deutlich zeigen und leben. Und sie dürfen es im Rahmen der Legalität, ja sie müssen es, um den Nährboden zu schaffen für eine zweite, ausbalancierende Phase der Achtsamkeit. Aber wir können für uns persönlich entscheiden, wo wir in unserer eigenen Entwicklung stehen. Und je nachdem, wo wir unseren Entwicklungsstand orten, werden wir uns nochmals mit Wonne, Abenteuerbereitschaft und dem Wissen um den Preis in die masslose Egozentrik stürzen - da ist kein 'leider', kein 'Oh, wie schade' dabei - oder wir erachten uns als reif für die Achtsamkeit. Und erst dann können die obigen Ausführungen überhaupt Relevanz bekommen.


Übungen zur Achtsamkeit

Es gibt überhaupt nichts, das sich nicht eignete für eine Achtsamkeitsübung. Sogar ihren Gegenpol, die masslose Egozentrik in all ihren Erscheinungsformen, können wir mit grosser Achtsamkeit anschauen und durchleuchten. Dadurch, dass wir sie nicht bewerten und uns nicht dafür verurteilen, dass sie ihren Platz bei uns beansprucht, haben wir den ersten grossen Schritt zur Aussöhnung der Gegensätze getan!

Das Feld geeigneter Themen und Übungen ist unendlich gross. Wir können nur schon alle Übungen dieses Buches unter dem ganz speziellen Aspekt der Achtsamkeit durchführen und vergrössern so den Gewinn daraus. Und zur Art, wie Sie sich mit den einzelnen Themen auseinandersetzen sollen und wollen, möchte nicht mehr viel anfügen, da Sie bestimmt schon die Ihnen gemässe Form gefunden haben, sei es, dass Sie eher nüchtern zu Werke gehen mit Stift und Papier und sich Ihre Gedanken notieren zu den einzelnen Themen, sei es, dass Sie dazu meditieren, malen, musizieren, sei es, dass Sie bei anderen Aktivitäten, bei der Bewegung im Freien oder eben gerade bei der Musse, dem Ablegen aller äusseren Aktivität die innere Ruhe finden für die Beschäftigung mit der Achtsamkeit. Aber ich möchte Ihnen als Anregung ein paar Achtsamkeits-Themen geben, die sich für mich als besonders förderlich auf dem Glücksweg erwiesen haben. Ich gebe jeweils ein paar Stichworte und Assoziationen zu möglichen Schwerpunkten oder Richtungen, in die man sich bewegen könnte innerlich und äusserlich. Ich habe auch gute Erfahrungen gemacht damit, mir einfach für einen Tag (z.B. Achtsam auf Menschen zugehen) oder auch nur für eine Stunde (Achtsam bewegen) oder für wenige Minuten (Achtsam atmen) ein bestimmtes Thema vorzunehmen, dem ich mich in Achtsamkeit widmen wollte. So blieb die Aufgabe für mich überblickbar und bewältigbar. Meine Themenauswahl ist als Anstoss und Anregung gedacht. Ergänzen Sie die Liste mit Themen, die Ihnen wichtig sind aufgrund Ihrer Persönlichkeit, Ihres familiären oder gesellschaftlichen Umfelds, Ihrer beruflichen Tätigkeit, Ihrer Freizeitbeschäftigungen, aufgrund Ihres Wissens und Könnens, aber auch im Hinblick auf das, was Ihnen noch fehlt zur Ganzheit.


Achtsamsein mit sich selbst -
Achtsamer Umgang mit dem Körper

Achtsamer Umgang mit den fünf Sinnen: Gleiche Gültigkeit für alle Sinne. Weg von der Dominanz des Sehens, hin zur Ausbalancierung aller Sinne. Wiederentdecken des Reichtums von Hören, Fühlen, Riechen, Schmecken.

Achtsamer Umgang mit Körperenergien: Aggression achtsam benutzen als Kraft für das Anpacken schwieriger, ungeliebter, verdrängter Dinge. Abstimmen der Körperenergien auf die Energien der Jahreszeiten. Achtsamer Umgang mit inneren und äusseren Stimulantien unserer Körperenergien wie Atem, Musik, Sport, Sexualität, Gemeinschaftserlebnisse, aber auch Nahrungs- und Genussmittel.

Achtsam Atmen: Einstieg in die wundervoll reiche Welt des Atmens. Falls Ihnen das ganze Thema noch fremd ist: Lesen Sie , fragen Sie Erfahrene, erwerben Sie sich die fehlende Kompetenz, es lohnt sich.

Achtsam kochen, essen, sich ernähren: Dazu gibt es eine unüberschaubare Fülle von Literatur und auch viele Menschen, die sich grosse Kompetenz in diesen Themen erworben haben.

Achtsam sich bewegen, tanzen: Es beginnt beim Bewusstmachen der kleinsten Bewegungen, wie sie z.B. in der Feldenkrais-Therapie gelehrt wird, bis zu allen spirituellen Formen des Tanzens .

Achtsam Sport treiben: Auch hier wurde von vielen erkannt, dass der Wert des Sportes viel grösser ist als nur Krieg um Weltbestleistungen, Medaillen und Ruhm. Sport kann im Kleinen das Leben mit seinen Hindernissen, Anforderungen und Zusammenhängen darstellen, kann uns lehren, dass Macht über sich selbst die nachhaltigste, befriedigendste Form von Macht ist, dass achtsamer Umgang mit dem Körper ihn nachhaltig funktionsfähig erhält. Sport kann unser Selbstvertrauen stärken und uns zeigen, wie sehr wir unseres eigenen Glückes, aber auch unseres eigenen Unglückes Schmied sind.

Achtsam sich pflegen: Die Balance finden zwischen Vernachlässigung des Körperfahrzeugs und Überidentifikation mit ihm.

Achtsam sich kleiden und schmücken: Die Wechselwirkung erleben zwischen aussen und innen. Die Möglichkeit, durch Kleidung und Schmuck die innere Befindlichkeit zu unterstreichen und stärker wirken zu lassen, aber auch die Unmöglichkeit, innere Glanzlosigkeit, mangelnde Brillanz des Herzens und des Geistes durch äusseren Glanz, äussere Brillanten zu übertünchen.

 

Achtsam sein mit der Seele

Achtsam mit Gefühlen umgehen: Gefühle von der einseitigen Bewertung befreien.

Achtsam lieben (Eros, Amicitia, Agape): Bewusst die Liebesformen unterscheiden und geniessen.

Achtsamer Umgang mit Trauer: Die Chance der Trauer nutzen, zu sich selbst und zum wahren Selbst zu finden, die Verbindung zu spüren mit allem, was ist.

Achtsamer Umgang mit Schmerz: Die Identifikation mit dem Schmerz aufgeben, indem wir ihn dankend als Signal annehmen und umarmen wie einen Freund .

Aggression: siehe oben: Achtsamer Umgang mit Körperenergien und dortige Verweise.

Achtsamer Umgang mit Animus und Anima: Den gegengeschlechtlichen Anteil im Innern entdecken, ihn ausloten, liebgewinnen, ihm gleiche Gültigkeit zubilligen.

Achtsamsein mit dem inneren Kind: Kontakt aufnehmen mit ihm, in Dialog treten, nach seinem Befinden, seinen Wünschen fragen, sich aussöhnen mit ihm.

 

Achtsam sein mit dem Geist

Achtsam mit Information umgehen: Selektionieren, bewusst Formen decodieren und die erkannten Inhalte In-Formare, also in neue Formen kleiden .

Achtsam denken: Sich der Einflussfaktoren bewusst werden wie Zeitparadigma, eigene Vorurteile, überholte Muster, Ängste, Unsicherheiten, Denk-Moden usw.

Achtsam rationale Kontrolle einsetzen: Benutzen Sie Ihren analytischen Verstand als Werkzeug, genau so wie Sie eine Säge oder einen Zwiebelhacker benutzen: Genau für die Aufgaben und so lange, wie er sich eignet, um ein bestimmtes Resultat zu erreichen. Identifizieren Sie sich nicht mit Ihrem Verstand, wie es seit den Zeiten der Aufklärung bis heute soviele sogenannte 'Rationalisten' tun, aber verteufeln Sie die Ratio auch nicht. Die Absurdität beider Haltungen wird am deutlichsten, wenn Sie sich jemanden vorstellen, der aus der Tatsache, dass er einen Zwiebelhacker bedienen kann, schliesst: "Ich hacke Zwiebeln, also bin ich. Und was bin ich demzufolge: ein Zwiebelhacker!" - Und sein Bettnachbar in der Psychiatrie, der sich verletzte beim Zwiebelhacken, sagt im Gegenzug: "Löse dich von allem Bösen! Und das Böseste ist - na, was wohl: der Zwiebelhacker!" Ich bin überzeugt, dass sich spätere Generationen einmal schieflachen werden über unseren Glaubenskrieg um den Zwiebelhacker Ratio.

Achtsamer Umgang mit der Spiritualität
Spirituelle Kräfte entdecken und nutzen : So ganz vorsichtig beginnt auch die Naturwissenschaft spirituelle Kräfte zu entdecken. Dass sie diese Kräfte, von denen man seit Tausenden von Jahren nicht nur weiss, sondern die man in anderen Kulturen - eigentlich in allen ausser der sog. westlich-aufgeklärten seit der industriellen Revolution - auch immer genutzt hat - anders benennt und physikalisch, chemisch, biologisch und neurophysiologisch nachweist, stört mich nicht im geringsten. Im Gegenteil, es ist immer schön, wenn sich Geistes- und Naturwissenschaften nach langem Auseinanderklaffen jeweils wieder in den grossen Geistern wie Einstein, Planck, Capra, Sheldrake und wie sie alle heissen treffen. So entdeckt zur Zeit auch die westliche Labor-Medizin die menschlichen Selbstheilungskräfte. Die Grenzen zwischen Schulmedizin und alternativen Ansätzen sind zumindest ins Fliessen geraten. Ein Beispiel dafür ist der US-amerikanische Arzt Dean Ornish, der seit 25 Jahren Menschen mit fortgeschrittenen Erkrankungen der Herzkranzgefässe und anderen Symptomen ohne Medikamente und Operationen, dafür mit strenger Diät, Bewegungstraining und Meditation heilt und jetzt auch die Heilkraft der Liebe entdeckt hat. Der japanische Wasserforscher Emoto zeigt auf eindrückliche Weise die Wirkung von Worten auf das immer gleiche Wasser, die sich je nach 'Besprechung' in völlig anderen Schneekristallen niederschlägt. Dass Wort nicht wirkungslos sind, erzählt das Alte Testament im ersten Satz - und wir alle kennen es aus dem Alltag: Ein falsches Wort - und der Abend kann im Eimer sein! Wieso sollte es umgekehrt nicht auch funktionieren? - Vielleicht verleitet das auch die Mediziner zu mehr Achtsamkeit, die ihren Patienten oft mit absoluten Worten Diagnosen samt Restlebenszeit an den Kopf werfen? - Entdecken Sie Ihre Selbstheilungskräfte, geben Sie Ihrer Intuition mehr Raum. Hören Sie vermehrt auf Ihr 'Bauchgefühl'. Vertrauen Sie mit wachsender Übung vermehrt auf Ihre innere Stimme, wenn Sie einmal gelernt haben, sie vom 'schlechten Gewissen' und von der gierigen 'Ego-Stimme' zu unterscheiden.

Loten Sie achtsam die vier Elemente Feuer, Luft, Wasser, Erde in sich aus: Sie können sich sowohl von Ihren intuitiven Assoziationen und Bildern den Elementen nähern, wie auch von der reichen Literatur, die es dazu gibt.

Achtsamer Umgang mit Archetypen und Astrologie: Es gilt dasselbe wie bei der Ratio. Es sind Hilfsmittel, die man benutzen kann, über die ein Glaubenskrieg aber so wenig lohnt wie über einen Schraubenzieher. Sowohl die Archetypenlehre wie die damit arbeitende Astrologie sind Modelle, Einteilungs-Systeme, die Erkenntnisse transportieren können, Orientierungshilfen, Wegweiser. Für den einen hilfreich, für den zweiten unverständlich, für den dritten unnötig.


Achtsamer Umgang mit sich selbst: übergreifende Themen

Achtsam umgehen mit Gesundheit und Krankheit: verstehen, deuten, umsetzen

Achtsam altern: Das Älterwerden als Chance nutzen wie alle Lebensphasen und ihre Übergänge.

Achtsamer Umgang mit Übergängen, Verlusten, Loslassen, Schicksal : Alle Wendepunkte, auch Ereignisse, die wir zuerst als Katastrophen empfinden, können sich mit genügender Distanz als wertvolle, ja entscheidende Entwicklungs-Auslöser entpuppen. Mit zunehmender Erfahrung kann es gelingen, gar nicht mehr in die Falle der starken Negativwertung zu treten und mit wachsender Gelassenheit die Wechselfälle des Lebens anzunehmen.

Achtsamer Umgang mit Genuss und Genuss-Auslösern: Nur wer geniessen kann, ist geniessbar. Aber auch hier geht es um die Balance, um die Wahrung der Autonomie. Spüren Sie Ihrer Genussfähigkeit, aber auch Ihrem Umgang mit Genuss-Auslösern nach.

Achtsam Umgehen mit Musse, Freizeit, Ferien: Nützen Sie die Mussezeit nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ zur Ausbalancierung Ihrer Arbeitszeit.

 

Achtsam sein mit andern Entitäten


Achtsame Schwangerschaft:
Nehmen Sie Kontakt auf mit Ihrem Kind während der Schwangerschaft. Es versteht auf feinstofflicher Ebene so ziemlich alles.

Achtsame Erziehung: Ziehen Sie Ihr inneres Kind zu Rate bei schwierigen Erziehungsentscheiden. Balance zwischen zuviel und zuwenig Zuwendung: Fragen Sie Ihr Kind! Sie erhalten sogar Antwort, wenn es noch nicht sprechen kann - falls Sie nicht nur mit den Ohren, sondern mit allen Sinnen und mit dem Herzen 'hören'

Achtsamer Umgang mit der Welt des Kindes: Wir sind Gäste in der Welt unserer Kinder . Nicht unsere 'Realität' für absolut und die des Kindes für fiktional anschauen, sondern die Fähigkeit behalten, zu staunen, sich zu begeistern, sich hineinziehenlassen in die Welt des Kindes. Auch Respekt zeigen für die anderen Werte, die anderen Prioritäten des Kindes.

Achtsam Grenzen ziehen: Die Relativität und Subjektivität der Grenzziehung zeigen. Respekt vor den Grenzen anderer Entitäten vorleben. Verständnis wecken für die Schranken des eigenen Autonomie- und Freiheitsbedürfnisses am selben Anspruch anderer.

Achtsam präsent sein: Erwachsene mögen sich manchmal täuschen lassen, Kinder hingegen merken immer, ob wir nur physisch oder auch seelisch präsent sind

Achtsame Geborgenheit: Dem Kind die unerschütterliche Gewissheit geben, dass wir es unabhängig von Aussehen, Intelligenz, Geschicklichkeit, Leistung, Erfolg lieben, einfach dafür, dass es da ist, ein Kind ist.

Achtsame Freundschaft mit dem Kind: Wenn es uns gelingt, unsere Vormachtstellung sukzessive in eine Gleich-zu-gleich-Freundschaft übergehen zu lassen, so ist dies der schönste Beweis, dass wir uns nicht mit der Eltern-, Lehrer- oder Trainer-Rolle überidentifizierten.

Achtsame Fürsorge: So viel mehr als Nahrung, Kleidung, Wohnung. Spüren, wie es dem Kind geht und es innerlich gerade auch dann begleiten, wenn es sich - archetypisch völlig richtig - von uns abwendet.

Achtsame Nähe: Jedes Kind ist anders. Versuchen, ihm die Nähe auf der Ebene und in dem Masse zu geben, wo und wie es sie braucht, sei es körperliche, emotionale, geistige oder spirituelle Nähe. Die Ebene und das Mass nicht nach unseren Bedürfnissen bestimmen.

Achtsame Anerkennung: Nicht nur der körperlichen, geistigen, technischen, handwerklichen, schulischen, sportlichen Leistung, sondern genauso für Sozialkompetenz im Umgang mit Geschwistern, anderen Kindern, Erwachsenen, alten Menschen, aber auch für Phantasie, Kreativität, Verspieltheit

Achtsam Vorbild sein: z.B. in Liebesfähigkeit, Freundschaft, Offenheit, aber auch in Energie-Fokussierung, Konzentration, Zielgerichtetheit und Abgrenzung; umgekehrt auch zu eigenen Grenzen, Ängsten, Schwächen und Unvermögen stehen.

Achtsamkeit beim Erwachen der Erotik: Kann ein guter Übergang vom Autoritätsgefälle zur Freundschaft sein.

Achtsamkeit im Spannungsfeld Schule: Balance zwischen Solidarität mit dem Kind und Unterstützung der pädagogischen Bemühungen der Schule individuell suchen, der Persönlichkeit und der Reife des Kindes anpassen.

Achtsamkeit gegenüber Freundschaften des Kindes: Wenn uns ein Freund unseres Kindes nicht passt, können wir herauszufinden versuchen, was für verdrängte eigene Ängste in dieser Ablehnung zum Ausdruck kommen, sie bewusst machen und bearbeiten. Es können auch Projektionen auf unser Kind zum Vorschein kommen, wie es unseres Erachtens zu sein hätte: Korrekturen eines verzerrten Bildes werden möglich.

Achtsamer Umgang mit dem erwachsenen Kind: Da in unserer Kultur Initiationsrituale für den Übergang vom Kind zum Erwachsenen fehlen, müssen wir entweder selbst solche stiften oder in Gesprächen und mit äusseren Massnahmen den Übergang für beide Seiten deutlich und nicht rückgängig machbar vollziehen. Häufiger als das völlige Zerreissen der Eltern-Kind-Bande ist das Verhaftetbleiben der einen oder der andern Seite in der alten Rolle. Mütter, die mit 80 ihre 50-jährigen 'Kinder' tadeln und längst erwachsene 'Kinder', die bei 'Papa' Geld holen.

Achtsam lernen und sich helfen lassen vom Kind: Es braucht Reife und Grösse, nicht nur die Autoritätsposition aufzugeben zugunsten einer Gleich-zugleich-Relation, sondern sogar in die Position des Schülers oder des Hilfsbedürftigen zu wechseln. Wenn die charakterliche Grösse fehlt, hilft meist das Alter und die Gebrechlichkeit nach, um diesen Prozess in Gang zu setzen.


Achtsam auf Menschen zugehen: Je nach Abgrenzungsbedürfnis, Unsicherheit und Ängstlichkeit eines Gegenübers kann Offenheit, Herzlichkeit erschrecken und die damit Überschütteten in ihre Schneckenhäuser zurücktreiben.

Achtsam verliebt sein: Die rationale Dauerkontrolle einmal aufgeben ist wunderschön, solange die intuitive Kontrolle noch funktioniert und wir Verliebtheit nicht als Ego-Trip, sondern als Interaktion, als Austausch und als Verbindung erleben.

Achtsam in eine Beziehung hineinwachsen: Verbindlichkeit schenken, nie fordern.

Achtsam Freunde werden: Vertrauen darauf, dass die Liebe nicht nur das 'Sonntagsgesicht' fokussiert.

Achtsam zusammen wachsen: Nicht zusammenwachsen im Sinne untrennbaren Verklebtseins, sondern zusammen, also miteinander und in gegenseitiger Unterstützung wachsen, sich spirituell entwickeln und mit dem wachsenden Vertrauen Angst- und Ego-Grenzen abbauen.

Achtsam innehalten: Achtsam streiten: Konfliktkultur. Achtsam sein mit Schmerz, Verletzung, Leid, Enttäuschung. Leid teilen. Versöhnen und verzeihen. Geduld: aufeinander warten, wenn nicht beide im gleichen (Entwicklungs-) Tempo gehen.

Achtsam nach innen wachsen: Blick langsam von aussen nach innen wenden. Fokus vermehrt von der eigenen Form (Körper) zum eigenen Inhalt (Seele). Achtsam umgehen mit dem Nachlassen äusserer Schönheit und äusserer Leistungsfähigkeit. Dem Partner seine eigene Art, älter werden, zugestehen.

Achtsam über eine Beziehung hinauswachsen: Im Partner den Gegenpol (animus, anima) entdecken; im Partner das DU an sich entdecken; im Partner sich selbst entdecken (in den Partner hineinwachsen bzw. ihn in sich aufnehmen). Körper und Seele als unterschiedliche Entitäten wahrnehmen, als nicht identisch. Bei sich, beim Partner, bei andern Wesen die Grundsubstanz, das Göttliche entdecken. Inhalte hinter allen formalen Dingen entdecken; hinter der Form WELT den Inhalt GOTT entdecken. Wert, Wichtigkeit und Relativität der Form erkennen als Stufe auf dem Weg. Liebe vergrössern und Freiheit schenken: Gemeinsam den Weg von Eros über Philia/Amicitia zu AGAPE gehen, von der bedürftigen, haftenden Liebe zur bedingunslosen Liebe. Abschied von alten Bindungs-Mustern; Loslassen ohne zu verstossen. Das Alleinsein ins All-Einssein wandeln: Gleichgewicht mit und ohne Partner finden. Entdeckung der All-Partnerschaft auf der spirituellen Ebene. Lächeln und liebevolle Zuwendung sich selbst gegenüber (toleranter Umgang mit Rückfällen, Bindungen, Abhängigkeiten). Distanz zu sich und zum Partner im aussen - und grösstmögliche Nähe im Innen. Ins JETZT kommen. Einverstanden sein mit sich und der Welt.


Achtsamkeit in der Familie: Familien-Muster, -Positionen, -Rollenverteilungen immer wieder bewusst machen, auf ihre Aktualität und Zweckmässigkeit prüfen

Achtsamkeit in Gemeinschaften (Arbeitsplatz, Schulklasse, Club): Die richtige Nähe, die richtige Distanz finden auf allen Ebenen. Die Gemeinschaft nicht als 'Blitzableiter' für eigene unkontrollierte Emotionen benutzen.

Achtsam mit Jugendlichen umgehen: Ihre Impulsivität, Inkonstanz, Wechselhaftigkeit und Unbalanciertheit aus liebevoller Distanz begleiten und sich ab und zu nicht nur geistig, sondern auch gefühlsmässig in die eigene Gärungszeit zurückversetzen. Aus dem Muster 'Actio = Reactio' aussteigen und zu gelassen-herzlicher Beobachterposition finden. Offenbleiben auf allen Ebenen für kreative, dynamische, farbige, anregende Impulse.

Achtsam mit alten Menschen umgehen: Ihre Unbeweglichkeit, Sturheit, Langsamkeit und ihr Festsitzen in der Vergangenheit aus liebevoller Distanz begleiten. Offenbleiben auf allen Ebenen für ihre Lebenserfahrung, ihre Weisheit, ihre Ruhe, Dankbarkeit und Gelassenheit.


Achtsamer Umgang mit Missverständnis, Kritik, Ablehnung, Feindschaft: Das Missverständnis ist die Regel und nimmt erst parallel mit dem Abbau der Ego-Grenzen ab. Der Kritisierende, Ablehnende, feindlich Gesinnte lebt in seiner eigenen Welt und zeigt mit seinem Verhalten seinen Entwicklungsstand - aber es gilt: Jeder Entwicklungsstand ist in Ordnung! Konzentrieren Sie sich darauf, achtsam zu sein in der aktiven Rolle, also wenn Sie etwas nicht verstehen, Kritik üben, etwas oder jemanden ablehnen, verurteilen oder jemandem feindlich gesinnt sind. Erstens ist es viel spannender und zweitens können Sie dort etwas bewirken und ändern. Die Kritiker oder 'Feinde' ändern zu wollen ist Energieverschwendung.

Achtsame Kommunikation: Bedenken, dass jeder aus seiner eigenen Welt heraus kommuniziert und Verständnis bestenfalls entsteht, wenn es dem Rezipienten gelingt, den Standpunkt des Botschaftssender kurz einzunehmen. Sich immer als achtsamer Decodierer, als Übersetzer verstehen in der Kommunikation.

Achtsame Religionsausübung: Religionsausübung ist m.E. das intimste Freiheitsrecht jedes Einzelnen und findet seine Schranke in der Beeinträchtigung anderer Wesen. Achten wir darauf, anderen weder unsere Art der Religionsausübung aufzuzwingen noch sie darin unnötig einzuschränken. Höchste Achtsamkeit ist nötig zur Vermeidung von Machtmissbrauch, wenn Religionsausübung institutionaliert ist in rechtlich, politisch und wirtschaftlich operierenden Gemeinschaften wie Kirchen oder gar an der Staatsmacht partizipiert.

Achtsam politisieren: Den politischen Gegner respektieren, seine Interessen und Vernetzungen transparent machen, das Fähnlein nicht nach dem Wind drehen - das wären schon drei wunderschöne Hinweise auf eine achtsame Grundhaltung, die auch vor diesem vielgeschmähten Bereich nicht Halt zu machen braucht.

Achtsam lehren und lernen: Die Prioritätensetzung bei den Lerninhalten immer wieder neu hinterfragen und messen an den grossen Zielen spiritueller Entwicklung. Und plötzlich wird das menschliche WIE des Lehrens wichtiger als das fachliche WAS. Als Lernender achtsam echtes Engagement der Lehrenden spüren und spiegeln unabhängig vom aktuellen Interesse für den Lerninhalt.

Achtsam führen, mit Überlegenheit und Macht umgehen: Führen dürfen ist immer mit erhöhter Verantwortung verbunden, weil unsere Entscheide über uns hinaus wirksam werden. Doch dies beginnt nicht erst, wenn wir mit äusserer Führungsmacht betraut werden, sondern bereits mit mentalem und verstecktem Beeinflussen anderer Wesen, die sich uns freiwillig oder unfreiwillig unterordnen. Delikat ist dies insbesondere dort, wo die Geführten bzw. Beeinflussten uns nicht frei als Führungsperson oder Autorität wählen konnten wie in der Familie, in den meisten Fällen auch in der Schule und am Arbeitsplatz.

Achtsam motivieren: Ob in Autoritätsverhältnissen oder nicht, Motivation ist einer der stärksten Motoren für das Wachsen des Selbstvertrauens und der Lebensfreude. Motivation ist Vertrauen und Anerkennung auf Vorschuss, in der echten Form ist Motivation Liebe. Als strategisches Mittel zur Leistungserhöhung eingesetzt kann Motivation aber auch leicht kontraproduktiv werden und zu Überforderung und Dysstress führen.

Achtsamer Umgang mit Mobbing: Hinter Mobbing stecken immer schwache, unsichere, feige, verängstigte Menschen. Diplomatische Einzelgespräche, in denen man den Mobbing Betreibenden klar macht, dass man ihre Charakterschwäche durchschaut hat, sie aber nicht blossstellt, sondern bereit ist, sie bei der Überwindung ihrer Angst zu unterstützen, können helfen.

Achtsam umgehen mit Geben und Nehmen: Wir haben alle tief in uns einen Gerechtigkeitssinn, der wie das physische Gleichgewichtsorgan reagiert, wenn Geben und Nehmen nicht mehr im Einklang sind. Das gerade herrschende Zeitparadigma kann diesen Gerechtigkeitssinn zurückdrängen, aber nie völlig auslöschen. Auch der abgebrühteste Dieb oder Räuber ist nicht davor gefeit. Spannend ist auch, sich selbst auf die Schliche zu kommen, wo wir Geben und Nehmen ausserhalb des Handels final verknüpfen, sei es in der plumperen Variante: do, ut des = Ich gebe, damit du gibst; oder in der raffinierteren: Ich gebe, um dich an mich zu binden, dich zu verpflichten, abhängig zu machen. Wer sich selbst diesbezüglich durchschaut, wird auch in seinem Gebe- und Schenkverhalten achtsamer.

Achtsame Unternehmensführung/Corporate Governance: Falls Sie Unternehmensführer oder Unternehmensberater sind, denken Sie das oben (unter 3. Achtsamkeit in der Wirtschaft) Gesagte durch und probieren Sie es aus!

Achtsames Banking: Das ist kein Widerspruch in sich selbst. Auch das Bankgeschäft kann mit einem weiteren Blickwinkel als nur dem der Rendite betrieben werden.

Achtsam mit Wissenschaft und Technik umgehen: Auch hier gilt es vor allem den Blick zu weiten, das Ganze nicht aus den Augen zu verlieren, nicht im Fachidiotentum steckenzubleiben. Nur schon das achtsame, fakultätsübergreifende Gespräch insbesondere auch über die hohe künstliche Mauer zwischen Natur- und Geisteswissenschaften hinaus kann Wunder wirken.

Achtsamer Umgang mit Humor: Humor kann wunderbar entspannend als Katalysator wirken, aber nur dort, wo eine minimale Selbstreflexion, eine Distanz zum eigenen Ich erarbeitet ist. Wer sich mit seinem Ego, seinen Rollen, seinen Funktionen, Ansichten und vor allem mit seinen Ängsten überidentifiziert, ist nicht zugänglich über Humor und kann mit unkontrollierter Wut und Hass reagieren. Achtsamer Humor nimmt auf den Entwicklungsstand des Rezipienten Rücksicht.

Achtsam mit Ideen, Erfindungen, Visionen, Erkenntnissen umgehen: Wenn wir es sind, die Ideen haben, müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass andere durch unsere Ideen, die ja immer etwas Neues beinhalten, verunsichert fühlen. Ängste können in der Regel nur langsam, Schritt um Schritt abgebaut werden, also ist Achtsamkeit und Geduld angesagt beim Vorstellen unserer Ideen. Wenn wir die Rezipienten der Ideen anderer sind, ist vor allem das Achtsamkeitselement der Offenheit sowie der liebe- und respektvollen Zuwendung gefragt. Wir können an unserer Reaktion auf Ideen, Erfindungen, Visionen anderer unsere Angstfreiheit, Offenheit und unseren Entwicklungsstand ablesen. Wer auf Neues grundsätzlich mit Ablehnung, Missbilligung und Skepsis reagiert, steckt noch irgendwo tief in der Angst, sei es nun in der Eifersucht, dass er nicht selbst draufkam, sei es in der Angst vor Wandel oder Verlust von Gewohntem.

Achtsam umgehen mit Kunst: Man kann mit Musik einen Hintergrund-Geräuschteppich legen oder man kann achtsam Musik hören. Versuchen, die Botschaft des Komponisten, des Interpreten, des Malers, Bildhauers, Autors, Regisseurs, des Choreographen oder Performers zu decodieren und im eigenen Herzen wieder in eine neue Form zu kleiden. Man kann für die Rezeption unnötige, ablenkende Sinne vorübergehend ausschalten oder zurückstellen, zum Hören und Fühlen (Skulpturen!), Riechen (Holz!), Schmecken (Koch-Kunst!) die Augen schliessen, zum achtsam Schauen alle Geräuschquellen eliminieren.

Achtsam tanzen, musizieren, malen, gestalten, bauen, schreiben - kreativ künstlerisch oder handwerklich tätig sein: Eine der schönsten Möglichkeiten, mit Kräften Kontakt aufzunehmen ausserhalb der engen Ego-Grenzen. Denn gerade beim kreativen Tun erleben wir die Vernetztheit mit anderen Energien, können Dinge tun, haben Einfälle, die wir nicht mehr nur als Kombination von Erlerntem einordnen können. Wir lernen unberechenbare Hilfe von aussen und innen, in abstrakter und konkreter Form kennen, nennen sie je nach Intensität und Dauer 'luziden Moment', Talent oder gar Genie. Die Begriffe sind sekundär, wichtig ist das Erlebnis, dass uns im richtigen Zeitpunkt das Richtige einfällt, zufällt, wenn wir bereit und offen sind dafür. Mit der Zeit wächst das Vertrauen in die kreativen Prozesse und - je nach unserem Entwicklungsstand - schreiben wir die Kreativität unserem Ego zu oder dem grösseren Selbst. Es gibt vor allem bei Musikern sehr beeindruckende Beispiele für diese Selbst-Hilfe. Ein befreundeter ausgezeichneter Pianist sagt, dass ab und zu in seinen Konzerten 'ein anderer' spiele, der noch eine Klasse besser sei als er selbst und dass er nur die Finger, den Körper zur Verfügung stelle. Der deutlichste Beweis dafür sei, dass 'der andere' nicht dieselben Fingerssätze benutze wie er.

Achtsamsein mit Tieren: Der erste Schritt ist die Relativierung unserer Einteilung in wertes und unwertes Leben, in schützenswertes und weniger schützenswertes Leben. Leben tritt einfach in verschiedenen Formen auf, aber das Substrat, die Idee,der Inhalt 'Leben' bleibt immer der gleiche. Wenn wir uns intensiv auf Tiere einlassen, erkennen wir, wie nahe die Verwandtschaft ist, wo sie uns sogar überlegen sind, sowohl in der sinnlichen Wahrnehmung, wie bei hochkomplexen Fähigkeiten wie Orientierung im Raum, Zugang zum gesamten Wissen der eigenen Gattung oder Art, was wir so einfach mit dem Etikett Instinkt versehen. Meines Erachtens basiert dieser sogenannte Instinkt auf der gesammelten Erfahrung aller andern Entitäten. Im engeren Sinne und vordergründig den Erfahrungen der gleichen Art, im weitesten Sinne aber der Erfahrung aller Entitäten, die es je gab und heute gibt. Und diesen direkten 'Draht noch oben' nennen wir bei uns Menschen Intuition, und Bilder oder Begriffe für das Erfahrungs-Archiv sind 'das kosmische Bewusstsein' oder 'die Akasha-Chronik'. Die menschliche Fähigkeit der Selbstreflexion verstellt uns aber oft diesen Zugang, verstopft den Intuitions-Kanal, da wir die Subjekt-Objekt-Spaltung einen Schritt weiterführen als die Tiere und auch die Spaltung in Ich und Aussenwelt stärker ist als bei den Tieren, die - so behaupte ich - über ein viel stärkeres Gruppenbewusstsein verfügen als wir. Damit wird aber auch die vom Menschen zu überwindende Trennung grösser. Der Graben um sein Ego ist viel tiefer als bei allen Tieren und damit das Misstrauen in das in jedem von uns irgendwo in der Tiefe vorhandene Wissen um die Verbundenheit mit allem, was ist, viel stärker. Das ist der Preis für die grössere Bewusstheit und die differenzierteren Erkenntnis-Fähigkeiten des Menschen. Der Weg, um dieses Rückstand den Tieren gegenüber wieder wettzumachen, heisst - so meine These - Freischaufeln der Intuition, des Instinkts, ganzheitliche Wahrnehmung, Vertrauen schaffen in die Verbundenheit mit allem, in das Getragensein von allem, in die Abrufbarkeit alles Notwendigen aus dem unendlich grossen Wissensschatz des kosmischen Bewusstseins.
Hochinteressante Erfahrungen können wir mit unserern Haustieren machen, die ja, ständig dem Energie-Austausch mit uns ausgesetzt, viele von unseren Fähigkeiten, aber auch von unseren Defiziten, übernehmen und spiegeln. Das macht den Beruf des Tierarztes so anspruchsvoll: Er sollte gleichzeitig mit dem körperlichen Symptom Seele und Geist des Tierbesitzers therapieren. Als Tierbesitzer haben wir eine ausgezeichnete zusätzliche Projektionsfläche für unsere Eigenschaften, unsere Stärken und Schwächen, und vor allem für unsere verdrängten, unbewussten Anteile, den Schatten, den wir achtsam durchleuchten können dank den Hinweisen, die wir von unseren Katzen, Hunden, Pferden, Vögeln, Hamstern etc. erhalten.

Achtsamsein mit Pflanzen: Was ist das Geheimnis des berühmten 'Grünen Daumens'? Ich behaupte (nicht als einziger): Liebe, Zuwendung, Achtsamkeit. Probieren Sie's aus mit Ihren Zimmerpflanzen, es funktioniert prächtig. Ich habe ein Freundin, die führt sozusagen ein Reha-Zentrum für serbelnde Topf-Pflanzen. Schon nach wenigen Tagen und mit letzter Garantie nach ein paar Wochen beginnt da alles wieder zu spriessen und zu blühen. Da ist kein geheimnisvoller Dünger im Spiel, jedenfalls kein chemischer, denn die Dame arbeitet nur mit Liebe. Sie nimmt die Pflanzen als vollwertige Lebewesen ernst, spricht mit ihnen, fragt sie nach ihrem Bedarf, sagt ihnen täglich, wie schön sie seien, wie sie sich freue, dass sie wieder Leben zeigten - und die Pflanzen verstehen es, ohne über äussere Hörorgane zu verfügen. Daraus lässt sich doch einiges ableiten für den Umgang, die Kommunikation mit Menschen, z.B. mit Ungeborenen, mit Abwesenden, denen wir aufbauende oder zerstörende Botschaften senden können im Wissen: sie kommen an.

Achtsamsein mit Bäumen: Das Spezielle an Bäumen ist äusserlich ihre Stärke und Grösse, wir können sie umarmen; innerlich ist es das 'Bäumige', das Starke, Unverrückbare und beim Altern oft auch die Abnahme der Flexibilität. Ein Baum kann uns von seinem Stand-punkt viel erzählen, vielleicht über einen Zeitraum von mehreren hundert Jahren, aber er kann nie den Standpunkt eines andern einnehmen. Aber auch die Biegbarkeit den Winden und Stürmen gegenüber nimmt mit Grösse und Alter ab. - All diese Baum-Eigenschaften können wir auch in uns entdecken und auszubalancieren versuchen.


Achtsamer Umgang mit Wasser: Sowohl das Wasser, das wir trinken, aus dem wir zu 70% bestehen, wie auch das Wasser in Form von Flüssen, Seen und dem Meer sind es wert, mit Achtsamkeit auf Botschaften befragt zu werden. Manch einer wird darauf aufmerksam durch Ängste, die er selbst oder ein Nahestehender mit dem Wasser verbindet. Das archetypisch urweibliche Element Wasser hat Botschaften für uns bereit wie die Hingabefähigkeit, das Vertrauen in das Getragenwerden, aber auch das Eintauchen unter die Oberfläche, in die Tiefe des Unbewussten.

Achtsamer Umgang mit Landschaft: Treten Sie in Dialog mit Ihrer Landschaft. Wodurch fühlen Sie sich angesprochen, was löst Ihre eigene Landschaft, wo Sie heute leben, aber auch die Landschaft Ihrer Kindheit in Ihnen aus? Dann gehen Sie über zu Ferienlandschaften, aber auch Landschaften, die Sie nur von Fotos oder Erzählungen kennen. Es wird Ihnen immer leichter fallen, die Inhalte, Themen, Botschaften hinter den landschaftlichen Formen zu entdecken, zu deuten und neu einzukleiden, sinnvoll zu nutzen für sich und vielleicht auch für andere.

Achtsamer Umgang mit Steinen: Vom gewöhnlichen Kiesel über den rundgeschliffenen Flussstein, den Halbedelstein bis zu den hochkarätigen Edelsteinen haben alle Steine eine eigene Botschaft, die wir entdecken können. Auch da gibt es Steine, die uns intuitiv ansprechen, andere, die Ablehnung oder gar Angst auslösen. Lassen Sie es zu, schauen Sie hin, meditieren Sie darüber, nehmen Sie das Gespräch mit dem Stein auf.

Achtsamer Umgang mit Mutter Erde: Ich suggeriere bereits eine Botschaft, wenn ich 'Mutter' sage. Wir können auch von der Göttin Gaia sprechen. Der wichtigste Schritt ist meines Erachtens, die Erde als Lebewesen anzusehen, das uns nährt, uns erduldet auf seiner 'Haut', manchmal wie lästige Fliegen oder Steckmücken, seltener wie Pfleger, kleine Freunde. Das kann uns wieder in die Nähe des Respekts führen, den die Urbevölkerung Amerikas der Erde gegenüber hatte. Starkes Beispiel dafür waren die Aussagen der Astronauten in den 60er Jahren, die als erste die Erde aus einer grösseren Distanz betrachten konnten und mit Respekt von der Schönheit und filigranen Zartheit des blauen Planeten sprachen. Hier sehen wir den grossen archetypischen Kreisbogen des menschlichen Weges: Die auf der Subjekt-Objekt-Spaltung beruhende Erkenntnisfähigkeit des Menschen führt ihn weg von der Verbindung mit allem, was ist in die Polarität, in den Konflikt, ins Alleinsein. Die Potenzierung der Erkenntnisfähigkeiten - hier symbolisiert an seiner Kompetenz, ins All zu fliegen - bringt ihn wieder zurück, wieder in die Nähe des Ursprungs, wo er verbunden war mit allem.
Die Erde als Lebewesen anzuschauen kann aber auch das Vertrauen stärken, dass sie sich schon schüttelt, wenn es ihr zu bunt wird, das Treiben auf ihrer Haut zu lästig wird. Ab und zu tut sie das ja, bebt und spuckt oder dehnt sich ein wenig, dass die Kontinentalplatten krachen. Und sie kann bestimmt noch viel mehr, wenn sie will. Damit will ich keinesfalls die Bemühungen der 'Grünen' als unnötig hinstellen. Es ist wunderbar, wenn sie zur Achtsamkeit der Erde gegenüber beitragen und auffordern. Vielleicht dürfen wir etwas länger bleiben, wenn wir uns achtsamer verhalten. Einzig die Weltuntergangs-Beschwörungen teile ich nicht. Ich vertraue generell darauf, dass es höhere Intelligenzen gibt als diejenige der aktuell 'am Drücker' sitzenden menschlichen Bevölkerung. Und speziell vertraue ich auf die Selbsterhaltungsfähigkeiten von Mutter Erde. Die Erde als Lebewesen zu erleben, gibt aber auch vielen unserer Tätigkeiten einen anderen Sinn. Auf diesem Weg könnten sie sich dereinst wieder verstehen lernen: Der tibetische Hochlandbauer, der Mantram singend hinter seinem von Ochsen gezogenen Pflug einherschreitet, im Bewusstsein, dass er Mutter Erde aufreisst, Samen sät und Frucht erntet, der also ein für ihn heiliges Ritual ausführt, und der westliche Agronom, der ihm einen Grosstraktor mit Vierscharenpflug zur Verfügung stellen will und als einziges Argument 'die grössere Effizienz' anführt.

Achtsamsein mit dem erlebbaren Universum: Die Grösse des Universums kann uns bewusst machen, wie winzig klein wir sind - eine wunderbare Lektion für aufgeplusterte Egos. Sie kann es uns aber auch erleichtern, uns als Dazugehörende zu empfinden, als Teil dieses wundervollen, klingenden Kosmos. Ein schönes Wort übrigens: Kosmos ist griechisch und heisst sowohl Ordnung wie Schmuck. Und je intensiver man sich über die linke Hirnhemisphäre, die Ratio mit dem Kosmos und seinen Gesetzen auseinandersetzt, desto besser erkennt man die grossartige Ordnung, je stärker man sich mit der rechten Hirnhemisphäre, mit der ganzheitlichen Wahrnehmungsfähigkeit, auf den Kosmos einlässt, desto deutlicher wird der Schmuck-Aspekt, die unendliche Schönheit. Und plötzlich wird der vielen so muffig-veraltet 'kirchlich' anmutende Ausspruch, Sinn der Schöpfung sei nichts anderes als das Lob Gottes, einleuchtend. Wir können alles, was wir tun, im Einklang mit dem Kosmos, mit seinen Gesetzen und zur Vergrösserung seiner Schönheit, zu seinem Lobe tun. Der Lohn für diese Einordnung unseres egohaften Tuns in diesen grösseren kosmischen Zusammenhang ist unendlich gross. Jede Lebensminute erhält Sinn. Wenn wir zum Lobe der Schöpfung leben wird nicht nur unser Musizieren geheiligt, auch viel profanere Tätigkeiten wie Atmen, Essen, Trinken werden Verbindungsaufnahme und Austausch mit der Schöpfung, das Waschen mit Wasser wird zum symbolischen Reinigungs-Ritual, Arbeit erhält einen tieferen Sinn als nur Rendite, nämlich Arbeit am und für den Schmuck, die Ordnung des Kosmos. Alles, was wir tun, um unsere Einseitigkeiten auszubalancieren, dient in diesem grösseren Zusammenhang der Einordnung in die grosse Ordnung des Kosmos. Unser Horoskop ist nichts anderes, als der Zustand, das Mass unserer 'Unordnung' im Zeitpunkt der Geburt. Unsere Aufgabe besteht darin, möglichst viele Schritte Richtung Ordnung zu tun, einer kosmischen Ordnung, die eben gleichzeitig Schmuck, paradiesische Schönheit ist.



Publikationen,Texte und Vorträge zum Thema Achtsamkeit:

- Achtsam managen
- Achtsamkeit in der Kommunikation
- Achtsamkeit in Führung und Motivation
- Achtsam streiten - Konfliktkultur

 

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