Zu den Denk-Aufgaben 101 - 1807

 

Denk-Aufgabe 1808 vom 11.12.2018

 

Verzicht auf Selbstbestimmung?

 

Inhalt
Ausgangslage
Die Aktualität des Problems
Wieso tun wir das?
Wo und wie tun wir es?
Gehört das Wahnhafte genuin zum Menschen?
Warum sollte uns die Wahnhaftigkeit Einzelner betreffen?
Schritt 1: Freiwillige Absolutsetzung durch ein Individuum
Schritt 2: Übertragung der absoluten Gültigkeit auf alle
Schritt 3: Suche nach der Einbettung im Kollektiv
Schritt 4: Durchsetzung des Absolutgesetzten mit allen Mitteln
Motivationsfaktoren und Antriebselemente?
Evolutionsbedingte Motive
Psychologische Motive
Angst
Gefühl des Ungenügens
Gier und Machtkalkül
Die zerstückelte Gottheit
Selbstaufgabe als Training der Ganzwerdung?
Liebe?
Bedingung der Freiwilligkeit
Metaphorische Verwendung des Liebesbegriffs
Politische Motive
Sind direkte Demokratie und Föderalismus Auslaufmodelle?
Lösungsansätze
Angstüberwindung und Selbstsicherheitstraining
Konfrontation mit der Relativität aller Wahrnehmungsinterpretationen
Erziehung
Ersatzreligion Wissenschaft
Postulieren eines 'Wertkerns' in allem Wahrnehmbaren
Theologischer Diskurs
Philosophischer Diskurs
Psychologischer Diskurs
Naturwissenschaftlicher Diskurs
Die Haltung hinter der Begriffsvielfalt
Verdrängen unliebsamer Themen
Sinnsuche?
'Schicksal als Chance'
Die Spiegel-Metapher
Methodische Hilfen
Erweiterung der Kommunikationsmodi
Alternativen und Ergänzungen zur Verbalsprache
Erweiterung der Verknüpfungsmodi
Vor- und Nachteile der Kausalität
Causa finalis
Analogie
Symptome und Indizien
Intuition
Synchronizität
Fazit

 

Ausgangslage

Die Aktualität des Problems

Freiwillige Aufgabe der Selbstbestimmung ist ein Dauerbrenner, seit es Menschen gibt. Nach der Abstimmung in der Schweiz über das Thema, die mit einer Zweidrittelsmehrheit gegen die Selbstbestimmung und für den 'Anschluss' (Österreich zur Zeit des Dritten Reiches lässt grüssen) ausfiel, tritt das Phänomen aber in eine unerwartete Aktualität. Denn es geschah nicht in irgendeinem Hort der Unfreiheit, irgendeiner seit ewigen Zeiten von Diktatoren und Schergen gebeutelten Bananenrepublik, sondern in einer Willensnation par excellence, die sich trotz Kulturen- und Sprachenmix, trotz geringer bebaubarer Fläche und wenig Bodenschätzen bereits beachtlich lange mehr oder minder unverändert, trutzig und selbstbestimmt im Umfeld grösserer, stärkerer Akteure behauptet. Um dies nachvollziehen zu können, müssen wir versuchen, der diesbezüglich relevanten Wesensstruktur des Menschen hinter diesem auf den ersten Blick absurd anmutenden Verhalten auf die Schliche zu kommen.

Wieso tun wir das?

Was sind die Antriebe hinter den vielfältigen Formen der Aufgabe der Selbstbestimmung, die immer wieder auf dasselbe Muster zurückgeführt werden können: Menschen geben sich freiwillig einem Kollektiv hin, verzichten auf die Selbstbestimmung, auf Denk-, Fühl- und Handlungsfreiheit zugunsten von vorgekauten, als 'absolut wahr' angepriesenen Gedanken, Konzepten, Ideologien, von vordemonstrierten 'richtigen' Empfindungen und von andern als alternativlos geforderten Handlungen? Und was ist der Grund für das Ausmass der Selbstaufgabe des Individuums zugunsten eines Kollektivs, das in der bislang erforschten Fauna nirgends in dem Mass angetroffen wurde wie beim Menschen. Es gibt in der Tierwelt selbstverständlich Kooperation und Herdenverhalten, aber immer aus nachvollziehbaren, 'handfesten' Gründen wie Überleben, Futtersuche, Aufteilung von Funktionen. Beim Menschen reicht aber in den überwiegenden Fällen von Selbstaufgabe das Motiv der Konformität, dazu zu gehören, nicht aufzufallen um nicht rauszufallen, so zu sein wie die andern, modisch, anerkannt zu sein, sogar wenn es mit klaren materiellen Verlusten als Individuum verbunden ist. Der Biologe und Verhaltensforscher Karsten Brensing fragt sich in seinem Buch 'Das Mysterium der Tiere' sogar, ob wir hier auf ein Alleinstellungsmerkmal der Spezies Mensch gestossen seien, nachdem sich die meisten andern in den letzten paar tausend Jahren zur Legitimation der Vorherrschaft des Menschen vorgebrachten Merkmale als nicht stichhaltig erwiesen haben. Wir finden in der Tierwelt Intelligenz, Abstraktionsvermögen, Selbstbewusstsein, hoch entwickelte Kommunikationsformen, Empathie, Kooperation, sogar die Fähigkeit, den Spiegel zu durchschauen, über nicht anwesende Andere zu kommunizieren, Werkzeuge zu schaffen, Gedächtnisleistungen über Jahrzehnte hinweg – und all dies nicht nur bei höher entwickelten Säugetieren und unabhängig von der Gehirngrösse, die damit als Suprematslegitimation ebenfalls abgedankt hat. Brensing vermutet als weiteres Alleinstellungsmerkmal die Lust am eigenen Schmerz, der freiwillig gesucht, ja für den sogar bezahlt wird, wie die wider jede Zivilisierung, Kultivierung und Entwicklung immer noch (oder, wie man angesichts des Erfolgs von Büchern wie 'Fifty shades of Grey' vermuten könnte, mehr denn je!) verbreitete Freude an BDSM-Praktiken zeigt. Ich erwähne dies nur, weil es ein ähnliches Phänomen ist wie die etwas abstraktere politische Selbstaufgabe. Vielleicht hat auch diese etwas mit 'Lust am Schmerz' zu tun, einfach nicht am körperlichen Schmerz, sondern am Schmerz der ex post erlebten Freiheitseinschränkung? Wenn gefesselt und geknebelt sein im physischen Sinne offenbar von vielen als lustfördernd erlebt wird, könnte ja auch das politische sich fesseln und knebeln lassen von entsprechend prädisponierten Menschen als Lustgewinn erlebt und deshalb sogar freiwillig gesucht werden?

 

Wo und wie tun wir es?

Die Formen ändern sich mit der Mode, dem Zeitgeist, den Machtverhältnissen, sie erfassen verschiedenste Zielpublika, von Hooligans über Konzertbesucher, Wissenschaftsgläubige, fundamentalistische Selbstmordattentäter bis zu den Etatisten jedweder Couleur. Menschen, die freiwillig, überzeugt, ja mit Leidenschaft sich einem ausserhalb ihrer selbst erzeugten, bestimmten, gesteuerten, gestalteten Konstrukt hingeben, das auch nur in einer Stimmung bestehen kann, z.B. dem Aggressionsrausch im Pulk gleichgekleideter Fans oder von irgendwelcher Musik Hingerissener, einem Konstrukt, das selbstverständlich auch ein ernst gemeintes, nüchtern geäussertes, bewusstes Bekenntnis zu einem nicht weiter hinterfragten Axiom, zu einer absolut gesetzten Wahrnehmungsinterpretation, zu einer Idee sein kann; einer Idee, die in dem Augenblick, wo sie nicht mehr hinterfragt wird bzw. das Hinterfragen als unzulässig hingestellt, mit Verbot und Strafe belegt wird, zur Ideologie mutiert, deren untrüglichstes Erkennungsmerkmal ihre Wahnhaftigkeit ist.

 

Gehört das Wahnhafte genuin zum Menschen?

Gibt es überhaupt wahnfreie Menschen, die sich diesem zwanghaft erscheinenden Schritt der freiwilligen Selbstaufgabe zugunsten irgendeines realen oder fiktionalen Kollektivs entziehen können? Oder könnte es sich bei dieser Wahnhaftigkeit um die lange gesuchte differentia specifica handeln, die den Menschen vom Rest des Universums unterscheidet, wie ich oben bereits vermutete? Denn die von naturfernen Glashausphilosöphlein auch heute noch als Begründung für das Primat des Menschen vorgebrachte Verbalsprache mit ihren Begriffen hat sich im Zuge der Erforschung der Intelligenz einzelner Zellen und den vielen hocheffizienten Kommunikationsmodi von Tieren und Pflanzen längst als höchst fragwürdiger und wenig plausibler Versuch der Selbsterhöhung erwiesen. Die menschliche Verbalsprache rangiert nur in einem Punkt ganz oben im Ranking der Kommunikationsmodi: in der Quantität und Qualität der Missverständnisse.

Konkurrenz zur These von der Wahnhaftigkeit als Alleinstellungsmerkmal des Menschen könnte allenfalls vom Zerstörungspotenzial und dem – oft mit der Missdeutung verbalsprachlicher Begriffe zusammenhängenden – Lächerlichkeit der Motive für das Ausagieren dieses Zerstörungspotenzials kommen. Beides lässt sich aber bei genauem Hinsehen wunderbar unter den Oberbegriff der Wahnhaftigkeit subsumieren.

 

Warum sollte uns die Wahnhaftigkeit Einzelner betreffen?

Bei der Entwicklung des 'Absolutheitswahns', wie wir ihn nennen könnten, zu mehr als einem psychiatrischen Phänomen, lassen sich mehrere, voneinander grundsätzlich unabhängige Schritte unterscheiden:

Schritt 1: Freiwillige Absolutsetzung durch ein Individuum

Im ersten Schritt übernimmt der Einzelne von irgendeiner als 'Autorität' betrachteten Person oder Instanz servierte Wahrnehmungsinterpretationen als für ihn bindend, richtig, gültig, als unbezweifelbar und unhinterfragbar wahr, und richtet sein Denken, Fühlen und Handeln danach aus. Dieser erste Schritt produziert nur mal etwas simple Einzelwesen, denen man ja aus dem Weg gehen kann, und wäre damit vergleichsweise harmlos, wenn er nicht schon den Schwung, den Impuls für die nachfolgenden Schritte enthielte.

Schritt 2: Übertragung der absoluten Gültigkeit auf alle

Im zweiten Schritt verlangt das vom Wahn absoluter Wahrheit besessene Individuum aus Schritt 1 von allen, die absolute Gültigkeit der als 'unhinterfragbare Wahrheit' übernommenen Erkenntnis zu akzeptieren. Das in seiner geistigen Bescheidenheit bislang nirgends in Fauna und Flora angetroffene Argument ist bei diesem Prozess: 'Was für mich absolut richtig und wahr ist, hat dies auch für alle andern Wesen zu sein'. Man stelle sich kurz vor, ob ein Affe je auf die hirnrissige Idee käme, die ihm von seinem Umfeld vermittelte Fähigkeit des Kletterns als allein richtige Bewegungsart den Mitbewohnern des Urwalds aufzudrängen. Ein einziger Blick auf Vögel und Fische zeigt ihm: jeder nach seinen Möglichkeiten. Bei keinem Tier konnte bislang beobachtet werden, dass irgendein Verhalten für 'absolut', zwingend und für alle gleichermassen gültig erklärt wurde. Nicht einmal der Gesang der Buchfinken ist vorgegeben. - Aber auch Schritt 2 könnten wir noch mit einem Schuss Spott und Humor betrachten nach dem Motto: Es gibt Schlimmeres in Gefängnissen und in der Psychiatrie als Typen, die irgendwas für absolut wahr und für die ganze Menschheit gültig erachten. So wie es in jeder Familie irgendeine übergeschnappte Tante gibt, könnten wir auch mit diesen paar Durchgeknallten leben.

Schritt 3: Suche nach der Einbettung im Kollektiv

Das Elend beginnt erst mit dem dritten Schritt: Unser wahngeprägtes Individuum aus Schritt 1 und 2, das ihm aufs Auge gedrückte 'Einsichten' als nicht nur für sich, sondern für die ganze Menschheit, nein das ganze Universum für alleinseligmachend und absolut wahr hält, sammelt Weggefährten mit ähnlichem Wahn – hier lässt sich die Geburt der 'Selbsthilfegruppen' verorten – , und gemeinsam beschliessen sie, die Akzeptanz ihrer bereits in Stein gemeisselten Erkenntnisse (Moses lässt grüssen) durchzusetzen mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln. Hier beginnt der Gedanke zu wachsen, dass Kollateralschäden in Kauf genommen werden müssen, nicht nur Freiheit des Denkens, Fühlens und Handelns, sondern – leiderleider, ach es geht nicht anders – natürlich auch die Freiheit des Lebens allfällig Widerstrebender. Auch dies wiederum ein Gedanke von einer derart unsäglichen, unüberbietbaren Kurzsichtigkeit und Dummheit, wie er bislang universumsweit nur bei den Menschen ausgemacht werden konnte.

Schritt 4: Durchsetzung des Absolutgesetzten mit allen Mitteln

Der vierte Schritt schliesslich besteht darin, die 'zu Gebote stehenden Mittel' ad libitum zu erweitern, zu stärken, so gross zu machen, dass endlich das grosse Ziel erreicht wird, dass alle, restlos ALLE eingeschworen werden auf das, was unser wahnhaftes Individuum aus Schritt 1 einst sich aufs Auge drücken liess oder aus den eigenen Fingern sog. Am Ziel ist die Macht über die 'Welt' so gross, das Durchsetzungsvermögen so lückenlos und seine Anwendung so gnadenlos, dass nichts anderes mehr sich auch nur bemerkbar machen kann, ohne sofort ausgelöscht, zunichte gemacht zu werden. Das wäre das erträumte Ziel aller, die von dieser Wahnhaftigkeit befallen sind, dass es absolute Wahrheit gebe und sie in deren Besitz seien. Dass es bislang noch nicht flächendeckend erreicht wurde, liegt nur daran, dass sich die absoluten Wahrheiten der verschiedenen mit Durchsetzungsmacht Ausgestatteten  - gottlob – nicht decken und die These recht plausibel scheint, dass sie es auch nie tun werden. Allein die kaum zu verdrängende Tatsache, dass da offenbar Myriaden sich widersprechender 'absoluter Wahrheiten' nebeneinander existieren und mit der ganzen Palette des Machtmissbrauchs versucht wird, sie möglichst weltweit durchzusetzen, sollte doch – so würde man zumindest annehmen – durch den Schleier der Wahnhaftigkeit durchdringen und die mit Feuer und Schwert für die Absolutheit ihrer eigenen Wahrheit Kämpfenden wenigstens einen klitzekleinen Augenblick blinzeln lassen und bei Schräghalten des Kopfes wenigstens ganz kurzfristig an der Absolutheit ihrer absoluten Wahrheit zweifeln lassen? Hand auf's Herz: Können Sie sich irgendein Tier, eine Pflanze, einen Einzeller vorstellen, der sich derart realitätsfern und selbstzerstörerisch verhält? Wenn ich es geschafft habe, dass die Krone der 'Krone der Schöpfung' in Ihrer Vorstellung etwas verrutscht ist, ist meiner - selbstverständlich von Niedertracht übelster Sorte gespiesenen - Schadenfreue bereits Genüge getan.

Nun darf man mich in die selbst bereitgestellte Falle zu locken versuchen und mir entgegenhalten, ob ich denn die Behauptung, dass es gar keine absolute Wahrheit gebe, für absolut wahr halte? – Natürlich nicht. ImGegenteil: ich freue mich darauf, dass irgendwann irgendwer irgendwo eine absolute Wahrheit entdeckt. Stand meines heutigen Irrtums ist allerdings die Vermutung, auf diese 'absoluten Wahrheiten' – wenn überhaupt – dann erst ausserhalb der 'condition humaine', jenseits der Schöpfungsparameter mit Zeit, Raum und konfligierenden Entitäten zu stossen.

 

Motivationsfaktoren und Antriebselemente?

Verkürzt lautet die Frage also: Was treibt Menschen in diesen Wahn, sich fremdbestimmen zu lassen – oder andere von ihrer 'absoluten Wahrheit' überzeugen zu wollen? Was treibt sie dazu, irgendeine von andern dargebotene Wahrnehmungsinterpretation unhinterfragt zu übernehmen oder sich selbst eine aus den Fingern zu saugen und für allgemeinverbindlich zu erklären? Woher diese im bislang erforschten Universum einmalige Lust, sich für etwas umzubringen, auf das alle andern Entitäten gar nicht kommen? Ist es dieser Wahn, der den Menschen erst zu dem macht, was er ist? Ist der Wahn gar der Motor, sich 'die Erde untertan' zu machen, wie es eine der folgenschwersten und – wie der umweltfreundliche Papst Franziskus behauptet – falsch übersetzten Bibelstellen statuiert? Ist es ganz banal Unsicherheit? Ist es die Angst vor vermeintlichen Autoritäten? Oder vor denen, die uns einkerkern, foltern, töten lassen können? Oder glauben die Wahnhaften tatsächlich denen, die sich als Autoritäten inszenieren? Wer je an die Unfehlbarkeit des vom Papst 'ex cathedra' Geäusserten glaubte, hat aktuell die Möglichkeit, anhand der Twitterei eines ähnlich mächtigen Mannes sich diesen lustigen Glauben verderben zu lassen. Ist es das Gefühl der Schwäche, der Einsamkeit, der Unvollständigkeit, des Ungenügens, der Inkompetenz, des mangelnden Wissens und Könnens des eigenen Egos? Oder ist es kühles Machtkalkül, Parteidenken, die Überzeugung und der Wunsch, im Kollektiv grössere Macht ausüben zu können eine These, die unter anderem Elias Canetti in seinem Buch 'Masse und Macht' analysiert? Worin liegt die Attraktion dieser überall bei Menschen zu beobachtenden Hin- und Aufgabe der Selbstbestimmung, der Abgabe der Verantwortung, der Delegation des ständigen Entscheidens? Ist esdie Erleichterung, diese schwere Last der Verantwortung loszuwerden? Ist es das erträumte Gefühl des Eingebettetseins? Eine Sehnsucht zurück ins warme Fruchtwasser im Mutterleib? Faulheit, Bequemlichkeit, Drückebergertum würde zum Zeitgeist der vom Wohlfahrtsstaat herangezüchteten Generation der konsumorientierten, verantwortungsscheuen, gegen die Entmündigung durch Etatismus und Regelflut wenigbis nichts unternehmenden Whistleblower und Sozialstaatsprofiteure passen, aber die Phänomene der wahnhaften Absolutsetzung und der freiwilligen Selbstaufgabe sind viel älter als diese bestimmt bald wieder abgelöste 'Generation Windelträger'.

 

Evolutionsbedingte Motive

Man kann den Menschen als reichlich missratenen Seitenast auf dem Weg der Evolution vom Einzeller hin zu einem ausbalancierten, komplexen Vielzeller betrachten. Im Vergleich zu vielen Tieren sind seine Seh-, Hör-, Riech-, Schmeck- und Tastfähigkeiten äusserst bescheiden.Zudem ist er nackt, bewegt sich langsam, kann nicht fliegen, nur unbeholfen schwimmen und verfügt über ein miserables Orientierungsvermögen. Die einzigen Möglichkeit, ihn trotz dieser Mängel nicht unverzüglich aussterben zu lassen, lag in der Entwicklung des Gehirns, das ihm ermöglichte, einen Teil seiner minderwertigen Ausstattung zu kompensieren. Er sieht nach wie vor ziemlich lächerlich aus, stinkt, lärmt und versaut die Mitwelt, wenn er fliegt, aber, das schleckt keine Geiss weg: er fliegt. Und er hat das 'Navi' erfunden, damit er sich nicht mehr ständig verirrt. Nur hat, wie wir alle wissen, die Entwicklung seiner psychischen Wesensmerkmale in keiner Weise Schritt gehalten mit der tatsächlich beeindruckenden Entwicklung seiner technischen Fähigkeiten. So hat er ein Zerstörungspotenzial entwickelt, das ausreicht, den Planeten innert weniger Stunden für Jahrtausende unbewohnbar zu machen – eine reife Leistung, die ihm keine andere uns bekannte Entität streitig macht, ausser man betrachte den Planeten ebenfalls als eine Entität, wie ich das tue. Die Erde könnte also – in meiner Vorstellung – durchaus beschliessen, sich selbst unbewohnbar zu machen, zumindest unbewohnbar für die Menschen. Für mich ist der Gedanke nicht abwegig, dass sie das irgendwann tun könnte. Aber ich akzeptiere selbstverständlich schmunzelnd, wenn männiglich dies nun zur Abwechslung für eine Wahnidee von mir hält.
 
Die psychische Entwicklung des Menschen ist meines Erachtens nicht einmal auf dem Level der Einzeller angelangt, was zum hübschen Resultat führt, dass unter diesem Gesichtspunkt die Summe – der Mensch –weniger ist als jedes seiner Einzelteile. Das Sozialverhalten der Tiere untereinander und die Menschenfreundlichkeit vieler Tiere etikettieren wir gerne als 'Instinktverhalten', als angeborenes, nicht auf bewussten Entscheidungen beruhendes Verhalten. Jeder, der je in seinem Leben mit höheren Säugetieren gearbeitet hat, weiss, wie lächerlich dieses inhaltslose Etikett 'Instinkt' ist, und wie leicht sich zeigen lässt, dass Tiere sehr wohl bewusste Entscheidungen treffen. Der Begriff 'Instinkt' gehört zu der Kategorie der Rätseletiketten wie der Donnergott, der in Zeiten vor den meteorologischen Erklärungen als Verursacher des Donners herhalten musste. Er wird auch von modernen Verhaltensforschern nicht mehr verwendet.

Aber für all die Menschen, die sich als 'Krone der Schöpfung' begreifen, die zu legitimieren versuchen, dass der Planet ein Selbstbedienungsladen für sie sei und sie als übergeordnete Spezies das Recht hätten, Tiere wahllos zu töten, aus Spass zu jagen, zu fressen, für Versuche zu benutzen, sie auszurotten, dass Eigennutz ausreiche, um die Pflanzenwelt, die Meere, das Klima aus der Balance zu hieven – für all diese Menschen ist die Aufrechterhaltung dieser vertikalen Hierarchie mit demMenschen an der Spitze unverzichtbar als Rechtfertigung für ihr Handeln. Und da sie dies als Einzelwesen nicht schaffen und tief im Innern ahnen, auf wie dünnem Eis sich das ganze Konstrukt vom Primat des Menschen, der 'Krone der Schöpfung' befindet, suchen sie Anschluss im Kollektiv und sind bereit, einiges an Selbstbestimmung aufzugeben, wenn sie dafür im Gegenzug vomKollektiv die Bestätigung erhalten, dass sie so weitermachen dürfen, dass sie ein Anrecht auf ihr Tun hätten. Es ist verständlich, dass diese Menschen den hier skizzierten Bereich nicht zu hinterfragen bereit sind, dass auch in der Wolle gefärbte Atheisten Debatten, die zum Einsturz dieser vertikalen Ordung mit dem Menschen als gottähnlichem Wesen ganz oben führen könnten, meiden wie der Teufel das Weihwasser. Es steht zu viel auf dem Spiel, als dass man an der Freiheit des Denkens und der damit verbundenen Hinterfragerei und der Enttabuisierung jeder Behauptung festhalten wollte. Ein witziger Ausdruck dieses verzweifelten Festhaltens an überkommenen Vorurteilen ist zum Beispiel, dass altgediente und lautstark 'Gott ist tot' krakeelende Existenzialisten sich nicht scheuen, die Bibel zu Hilfe zu nehmen und heuchlerisch auf Vers1, 28 aus der Genesis hinzuweisen, der da lautet: „Seid fruchtbar und mehret euch, füllt die Erde und unterwerft sie und waltet über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die auf der Erde kriechen!“, wenn es darum geht, die symbolische Vertikalität der Darwinschen Pyramide zu stützen. Böse Zungen behaupten, die Menschen hätten das jahrtausendelang falsch verstanden und gelesen: "Seid furchtbar…", sich dann aber in sklavischem Gehorsam an diesen Auftrag gehalten. Die Bibel kritisch als literarischen Text zu lesen, die Spreu vom Weizen zu trennen, weder alles auf den Mist zu werfen noch alles zu 'Gottes Wort' hochzustilisieren, scheint auch über 300 Jahre nach dem Beginn der Aufklärung immer noch ein Sakrileg zu sein.

 

Psychologische Motive

Angst

Angst ist wohl das bekannteste und plausibelste Motiv, das den Einzelnen den Handel eingehen lässt mit jedwedem Kollektiv, das ihm auch nur einen winzigen Teil seiner Angst zu nehmen verspricht. Angst führt ziemlich gradlinig in die freiwillige Aufgabe seiner Freiheit und Selbstbestimmung zugunsten des Kollektivs. Angst ist ein Urphänomen der Schöpfung und in ihrer kontrollierten Form als Vorsicht, Umsicht und Achtsamkeit eine wesentliche Hilfe für Leben und Überleben. In ihren unkontrollierten Formen wie Panik, Eifersucht und allen Facetten der Angst-Aggression ist sie das Gegenteil und befördert den Untergang der Entität, die ihr verfällt – und vieler Entitäten, von denen der Angst-Aggressive glaubt, dass sie sich ihm in den Weg stellen könnten. Aus meiner Sicht ist deshalb das Mass an Freiheit von unkontrollierten Ängsten, das Mass an Arbeit an der Angst mit dem Ziel, sie in die kontrollierten Formen überzuführen, eines der besten Kriterien, wenn es darum geht, uns und andere bezüglich des erreichten Entwicklungsstandes kritisch zu beurteilen. Jede Angst, deren unkontrollierte Form wir überwunden, in den Griff gekriegt haben, hilft uns, an neuen beziehungsweise den verbliebenen Ängsten zu arbeiten.

Wer wie das Kaninchen vor der Schlange ein Leben lang die eigenen panischen Ängste anstarrt und nichts zu ihrer Überwindung unternimmt, wer sie nur verdrängt oder beim Kollektiv um Schutz vor allem nachsucht, was die Myriaden indivdueller Ängste auslöst, bleibt meines Erachtens unreif, embryonal, Windelträger. Scharf formuliert: Leben heisst Ängste überwinden. Etwas differenzierter: Ein gelingendes Leben besteht darin, jedwede Panik in Achtsamkeit zu verwandeln. Bei all den eingangs aufgeführten Befindlichkeiten wie dem Gefühl der Schwäche, der Einsamkeit, der Unvollständigkeit, des Ungenügens, der Inkompetenz, des mangelnden Wissens und Könnens des eigenen Egos handelt es sich natürlich ebenfalls um Ängste. Im Folgenden möchte ich mich einigen Ausformungen des Grundphänomens Angst etwas genauer zuwenden.

Gefühl des Ungenügens

Eigentlich ist die kritische Beurteilung der eigenen Kompetenzen und das Erkennen aller Mängel bei sich selbst ein sympathischer Zug. Aber wir sollten versuchen, auch die selbstkritische Betrachtung eigenen Ungenügens achtsam zu betreiben, den Umgangs mit unseren Stärken und Schwächen nicht ins Pathologische der Panik, der Verzweiflung, der Depression und der Suizidgedanken abgleiten zu lassen und zur Vermeidung all diesen Übels uns in die Arme igendwelcher Heilung und Sicherheit versprechender Kollektive zu werfen. Die Philosophie desExistenzialismus mit ihrer tristen Befindlichkeit des 'Hineingeworfenseins in eine unwirtliche Welt' trug natürlich auch nicht dazu bei, das Gefühl des horizontalen Verbundenseins mit andern Menschen, Fauna und Flora und allem Wahrgenommenen zu verstärken. Naturferne Autoren wie der französische Philosoph und Romancier Jean-Paul Sartre behaupteten gar, der Mensch sei das einzige Wesen, das Nein sagen und lügen könne, was mit grosser Wahrscheinlichkeit darauf schliessen lässt, dass er nie eine Katze oder einen Jack Russell besass und auch nie mit einem Pferd an einem Schweinestall vorbeiritt. Und wenn ich an Hunde denke, die herumliegendes Essen schneifen und anschliessend heuchlerisch und schwanzwedelnd im Körbchen liegen können, dann bin ich mir auch beim Lügen, zumindest beim Heucheln nicht so sicher wie der tierfern-triste Monsieur Sartre.

Die Vermutung bleibt, dass eines der stärksten Motive, sich einem Kollektiv an den Hals zu schmeissen, das Gefühl des eigenen Ungenügens ist, das beim Schwachen die Gier nach grösserer Sicherheit, beim Stärkeren die Gier nach grösserer Macht auslöst. Ich halte dem entgegen, dass dieser Trick nie langfristig und nachhaltig funktioniert, dass das Kollektiv nie Ersatz für die Arbeit an sich selbst, an seinen Ängsten und Mängeln, an der anstrengenden Erweiterung seiner Kompetenzen bieten kann. Ein gutes Kriterium, um unsere eigene Motivation für das Mitmachen in einem Kollektiv zu testen, ist die Frage, ob unsere Mitgliedschaft 'nice to have' oder bereits aufgrund unserer psychischen Verfasstheit, unserer Mangelhaftigkeit unverzichtbar und auch nicht austauschbar sei. 'Nice to have' ist wunderbar, dagegen ist nichts einzuwenden, wenn Sie dem Reitverein beitreten, weil der über eine Infrastruktur verfügt, die Sie sich selbst nicht leisten können oder wollen – und um Ihrem Hobby im Kreise von Freunden nachzugehen. 'Unverzichtbar' ist hochverdächtig, 'nicht austauschbar' genauer zu untersuchen. So kann es bei der Staatszugehörigkeit je nach Weltlage nicht möglich sein, sie locker als 'nice-to-have' zu bezeichnen und gegebenenfalls auf sie zu verzichten. Aber wir können sie notfalls austauschen, wie dies viele Deutsche während des Hitler-Regimes taten, um ihre Selbstbestimmung nicht völlig zu verlieren.

Gier und Machtkalkül

Unter 'Gier' subsumiere ich das trieb- und gefühlsgesteuerte, unter 'Machtkalkül' das kühl rational fundierte Streben nach qualitativer und quantitativer Erweiterung der Selbstverwirklichungsmöglichkeiten. Das prima vista Widersprüchliche, dass man Selbstbestimmung aufgibt, um mehr davon zu erlangen, löst sich bei genauerem Hinsehen rasch auf. Sowohl der Gierige wie der aus Machtkalkül Handelnde geben bestimmte, ausgewählte Teile ihrer Freiheit, ihrer Selbstbestimmung auf, um dafür in anderen Bereichen umso grössere Selbstverwirklichungs-Möglichkeiten zu erhalten. Wer aus Gier oder Machtkalkül danach strebt, anderen Wesen Schaden zuzufügen, sie zu quälen, zu foltern oder gar Herrschaft über Leben und Tod anderer Wesen zu erlangen, tritt in ein Kollektiv ein, zum Beispiel eine Jugend-Gang, eine Schlägertruppe, eine Armee, einen Geheimdienst, akzeptiert damit die in diesem Kollektiv geltenden Regeln, die seine Selbstbestimmung in jedem Fall einschränken, gewinnt aber auf diesem Weg die Möglichkeit, seine Gier nach Macht, seine Lust am Quälen und Töten auf eine Weise auszuleben, die ihm als völlig isoliert agierendes Individuum nicht – oder zumindest nicht gleichermassen – offenstünde. Etwas weniger martialisch, aber von der Motivationslage her nicht wesentlich verschieden, ist das Streben nach Weisungsmacht, sei es aus Gier oder Machtkalkül oder – am häufigsten – aus einer Mischung beider Antriebe. Bereits die kleinste Führungsfunktion im Kaninchenzüchterverein hebt den Funktionsträger aus der Masse der gewöhnlichen Mitglieder heraus, gibt ihm eine winzige Macht, die er ohne diese Funktion nicht hätte. Er nimmt die vergleichsweise harmlosen Einschränkungen seiner Selbstbestimmung in Kauf, die vielleicht darin bestehen, dass er gewisse Dinge tun muss, an gewissen Veranstaltungen teilnehmen muss, nicht plötzlich zu den Gegnern der Kaninchenzucht wechseln kann usw. Der Unterschied zum Leiter eines multinationalen Konzerns istnur graduell. Es ist die – vielleicht auf sexueller Ebene mangelnde –Potenz, die Macht, das viele Geld, die Anerkennung, die vermeintliche Bedeutung, die den Herrscher über Tausende von Untergebenen, die heute selbstverständlich euphemistisch 'Mitarbeiter' heissen, die Einschränkung seiner Selbstbestimmung leichten Herzens in Kauf nehmen lassen.

Für viele Machtgierige ist die Bereitschaft, zugunsten eines öffentlichen Amtes auf Teile der Selbstbestimmung zu verzichten, noch viel grösser als bei den Möglichkeiten im privatrechtlichen Bereich der Vereine, Verbände und Unternehmen. Die meisten verbinden ein vom öffentlichen Grosskollektiv übertragenes Amt mit Würde, mit echter Bedeutung. Es gibt ihnen die herrliche Illusion, Eingang in die Geschichtsbücher – und seien es nur die lokalen – zu finden und unvergessen zu bleiben. Letztlich entspringt auch Machtgier der Angst, hier der Angst, vergessen zu werden, keine sichtbaren Spuren hinterlassen zu haben. Für den, dem es an physischer oder geistiger Kompetenz oder an den charakterlichen Eigenschaften mangelt, um sich qua Leistung eine gewisse Macht zu erwerben – zum Beispiel indem er so lange lernt, bis er einer Sprache mächtig ist, eine Technik beherrscht und sich so aus der Masse herausheben kann, ist das Streben nach öffentlichen Ämtern mit ihrer geliehenen Macht oft der einzige Ausweg. Denn hier reicht oft die Bereitschaft, das schiere Sich-zur-Verfügung-Stellen aus um es auch zu kriegen. Das öffentliche Amt ist im Regelfall jedoch nur zu haben, wenn man von einer Partei oder wenigstens von einer Interessengruppe gestützt, vorgeschlagen und gewählt wird. Und mit dem Korsett der Partei, der Interessengruppe, der Wählerschaft ist der Verkauf beträchtlicher Teile der Selbstbestimmung unentrinnbar verknüpft. Manch ein Politiker merkt erst zu spät, wie enge Fesseln er sich angelegt hat mit der Parteizugehörigkeit, die an ihm – wie im Fall der NSDAP – noch weit über den Untergang der Partei hinaus als missliebiges Menetekel klebt. Es gibt kaum einen Bereich, in dem sich die Sinuskurve, das Yin-und-Yang-Phänomen, die Polaritätsthese deutlicher zeigt als beim menschlichen Streben nach Macht, Geld und Ruhm, das meist auf der Illusion grösserer Freiheit beruht. Kaum ist es auch nur schon partiell erreicht, zeigt sich die Kehrseite der Medaille: niemand ist unfreier als der Diktator, der Präsident, der CEO, der Milliardär: sein Tag ist bis zum Toilettengang getaktet, be- und überwacht, von andern gesteuert, seine Verlustangst wächst direkt proportional mit der Quantität und der Qualität dessen, was er hat. Natürlich erlebt das jeder Mensch, denn alle haben zumindest einmal Leben, Jugend und gewisse physische, emotionale und geistige Fähigkeiten – und jedem wird früher oder später klar, dass er alles verlieren wird, alles hergeben muss. Aber die Panik hält sich eher in Grenzen als bei denen, die ganze Weltreiche zu verlieren haben – und mit der Panik auch das Mass der Selbstaufgabe ans Kollektiv.

Die zerstückelte Gottheit

Schliessen wir mit dem anspruchvollsten, aus meiner Sicht jedoch plausibelsten, wenn auch meist unbewussten Motiv: die oft intuitiv, (para-)religiös oder 'spirituell' (was immer das auch heissen mag) inspirierte Vorstellung, dass hinter der vorgefundenen Vielheit eine Einheit liegen könnte, liegen müsste oder doch zumindest vorstellbar sei. Diese Vorstellung von einer irgendwie gearteten und georteten 'Ganzheit' erfordert als Voraussetzung die gegenpolare Vorstellung von 'Nichtganzheit', Zerstückelung, Vielheit. Und wenn wir uns den Wechsel von Ganzheit zu Vielheit, wie sie in den meisten Schöpfungslegenden beschrieben wird, als reversiblen Prozess vorstellen, uns also auch etwas wie eine Ent-Schöpfung denken, einen Rückweg ins 'Paradies' derUnunterschiedenheit. Nüchterner formuliert: um etwas zu integrieren, muss es zuerst getrennt, desintegriert sein. Oder mit einer alltäglich wertenden Metapher: etwas muss zuerst kaputt, auseinander sein, damit es geflickt, zusammengefügt werden kann; Heilung erfordert eine vorgängige Verletzung, ein 'aus der Ordnung gefallen Sein'. Wenn 'Gesundheit' nur ein anderes Etikett für 'In-Ordnung-Sein' oder eben für 'Ganzheit' ist, wird die Frage, die kluge Ärzte früher den Patienten stellten (und die Parzival seinem Onkel, König Artus, lange Zeit zu stellen versäumte): "Was fehlt dir?" – und nicht wie heute gefragt wird: "Was haben Sie?" – Was fehlt dir zur Ganzheit, zum 'In-Ordnung-Sein', zum 'Einssein'?

Ist es dieses seit Tausenden von Jahren immer wieder auftauchende sogenannte 'Zerstückelungsmotiv', das zu verschiedensten Schöpfungsmythen führte, die im Kern dasselbe Motiv haben? 'Gott', die 'Einheit', das 'Ganze' zerstückelt sich selbst oder wird zerstückelt, lässt sich in Myriaden von abgetrennten Entitäten zerfallen, schafft damit Zeit, Raum, Objekte und Verknüpfungen zwischen den Objekten, die alle zumindest im Un- oder Unterbewussten das Wissen in sich tragen, dass sie Teile dieses zerstückelten Ganzen, dieses 'Gottes' sind und deshalb eine Sehnsucht nach Wiedervereinigung verspüren, die sich in verschiedensten religiösen und spirituellen Jenseits-Mythen von 'Himmel', 'Nirwana', 'Tao' etc. wiederfinden.

Platon liess in seinem Dialog 'Das Gastmahl' Aristophanes das Gleichnis von den Kugelmenschen erzählen und beschrieb dabei diese Ursehnsucht nach der Wiedervereinigung auf der mikrokosmischen Ebene. Ursprünglich waren wir Kugelmenschen mit einem rein männlichen, einem rein weiblichen und einem androgynen dritten Teil. Diese Ganzheit wurde von den olympischen Göttern zerstückelt, als die schnellen und hochkompetenten Kugelmenschen ihnen gefährlich zu werden drohten. Sie zertrennten sie in drei Teile: die homoerotischen Männer, die homoerotischen Frauen und die androgynen heteroerotischen Männer und Frauen. Seither suchen sich die Kugelteile ruhelos, um wieder ganz, rund, zur Kugel, einem klassischen Bild des Ganzseins, zu werden. Mit diesem humorvoll präsentierten Mythos versuchte Platon, den damals noch in hohen Ehren stehenden und noch nicht von #me-too-Wellen überspülten Gott Eros zu erklären. Das Gleichnis schliesst mit der Vorstellung, dass die Menschen geheilt und wieder ganz würden, wenn nur jeder seine ihm fehlenden, von ihm abgetrennten Gegenstücke gefunden und sich mit ihnen wiedervereinigt hätte. Dass Platon dabei mit grösster Selbstverständlichkeit die homoerotischen Paare in sein Gleichnis einbezog und locker einen flotten Dreier als Ziel der Wiedervereinigung skizzierte, sollte die Vorstellung einer gewaltigen zivilisatorischen Entwicklung in den vergangenen 2500 Jahren auch bei der Kirche der Fortschrittsgläubigen zumindest ein klitzeklein wenig anknabbern.

Selbstaufgabe als Training der Ganzwerdung?

Der Drang nach Aufgabe der Selbstbestimmung im Kollektiv könnte vor diesem Hintergrund als Vorübung, als Training oder als Anfang dieser sich erst im 'Jenseits' vollständig ereignenden Wiedervereinigung gedeutet werden – oder, mit etwas mehr Skepsis, als Verwechslung des Diesseits mit dem Jenseits, als Verdrängung der körperlichen Abgetrenntheit als inkarniertes Wesen, was die ersehnte Verschmelzung 'mit allem, was ist' weitgehend auf den geistig-seelischen Bereich – und für die meisten Menschen auf eine sehr kleine Zahl von potenziellen Vereinigungskandidaten und eine sehr geringe Intensität der Verschmelzung beschränkt.

Liebe?

Ist das, was ich soeben als 'Training der Verschmelzung' skizzierte, dasselbe, was wir unter den Allerweltsbegriff 'Liebe' subsumieren. Ist es die Erfahrung der Liebe zwischen Einzelwesen in allen ihren Facetten und Stufen, die uns das Aufgeben der Selbstbestimmung so attraktiv scheinen lässt? Sowohl der Orgasmus als kurzfristiges körperliches Verschmelzen als auch geistig-seelische Liebes-Erlebnisse können süchtig und die partielle Selbstaufgabe derart attraktiv machen, dass Menschen bei der Abwägung der Vor-und Nachteile den Freiheitsverlust bewusst hinnehmen zugunsten der Befriedigung dieser Sehnsucht nach Verschmelzung.

Bedingung der Freiwilligkeit

Dagegen ist nichts einzuwenden, solange jede Art von Verschmelzung, an Hingabe einer Entität ans Kollektiv, bestehe es nur aus zwei Entitäten oder aus Millionen, auf völliger Freiwilligkeit beruht. In dem Augenblick, in dem die Selbstaufgabe auch nur für kürzeste Zeit erzwungen wird, geht ihr Zauber in der Regel verloren für die Gezwungen. Ausnahmen sind denkbar und führen zur Frage, ob die geäusserte, einverständliche Lust des Masochisten am gewaltsam zu etwas 'Gezwungenwerden' pathologisch sei oder nicht doch auch die Bedingung der Freiwilligkeit erfülle? Wenn man an den Erfolg eines Schmökers wie 'Fifty shades of grey' denkt, der ein vorsintflutliches Frauenbild vermittelt, muss man fast annehmen, dass die Lust am Rollenspiel des 'zu etwas Gezwungenwerdens' weit verbreitet ist und den Tatbestand der 'freiwilligen Selbstschädigung' erfüllt. Lust und Schmerz sind bekanntlich eng verwandt und so kann Lust am Schmerz, Lust am Zwang ein weiteres Motiv wäre, seine Selbstbestimmung - zumindest partiell und vorübergehend - freiwillig aufzugeben. Diese Überlegungen weichen allerdings den so beliebten und gern vorgebrachten Tatbestand der Vergewaltigung etwas auf, wie sich auch in den #me-too-Debatten zeigte: ist ein gestöhntes 'Nein' mit lustvollem 'Ja-Blick' und lustvoller 'Ja-Körpersprache' noch ein 'Nein'? So einfach scheint sich die Freiwilligkeit letztlich nicht immer definitiv bestimmen zu lassen. Trotzdem möchte ich meine These retten, dass alles, was die Bedingung der (klar geäusserten) Freiwilligkeit missachtet, den Tatbestand der Vergewaltigung erfüllt, wobei die körperliche Variante unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit nicht einmal die schlimmste sein muss. Wer zu einer Ideologie, zu einer Religion, zu einer politischen Haltung, zu einer Weltsicht oder auch nur zu einem Mode-Hype wie der 'richtigen' Ernährung, der 'richtigen' Einstellung zum anderen Geschlecht, zur 'richtigen' Sprache, zur 'richtigen' Einstellung zu 'Was-weiss-ich' gezwungen wird, erfährt m.E. Vergewaltigung und hat das Recht auf Notwehr, auf Zurückweisung des oder der Vergewaltiger, notfalls auch unter Einsatz physischer Gewalt.

Metaphorische Verwendung des Liebesbegriffs

Kann man auch von Liebe zwischen Einzelwesen und Kollektiven oder sogar zwischen Kollektiven sprechen? Oder strapazieren Begriffe wie 'Heimatliebe' die von Emotionalität und Rationalitätsferne geprägte Art der Zuwendung, als die 'Liebe' gern beschrieben wird? Zumindest spricht man bei Zuwendung zwischen Kollektiven meist etwas bescheidener von Freundschaft – und kritische Geister setzen auch diesen Begriff in Anführungszeichen, da bei Kooperation und Solidaritätsversprechen von Kollektiven meist eine gute Portion Kalkül dabei ist. Aber grundsätzlich spricht nichts dagegen, dass bewusster Verzicht auf Selbstbestimmung auch bei Kollektiven durchaus auf einer emotional grundierten Art von Zuwendung beruhen kann. Meist sind aber durchaus rationale Interessen im Spiel, auch und gerade wenn Heiraten zwischen Herrscherhäusern arrangiert wurden, um zumindest die Selbstbestimmung der Kollektive bezüglich Kriegserklärungen und Eroberungsgelüste etwas einzugrenzen. Von diesen Aktionen stammt das augenzwinkernde Dictum: "Tu felix Austria, nube!", weil sich Österreich immer wieder als besonders geschickt erwies in der  strategischen Verheiratung hübscher Prinzessinnen mit Prinzen aus potenziell bedrohlichen Nationen. Heute sind es meist handfeste Wirtschaftsinteressen, die hinter der politischen Akrobatik stecken, die man ja immer auch als freiwillige Einschränkung der Selbstbestimmung eines Akteurs interpretieren kann. Auch beim gerade aktuellen Ringen der Schweiz um den ihr gemässen Platz ausserhalb der krisengeschüttelten EU geht es ganz zentral um das Abwägen von langfristiger Freiheit und Selbstbestimmung auf der einen, kurzfristigen Wirtschaftsvorteilen auf der andern Seite. Aber auch hier wird die emotionale Seite durchaus in die Debatte eingebracht mit dem Hochwertwörtern wie 'Weltoffenheit' und 'Bekenntnis zu den Menschenrechten' im gegensatz zu der negativ bewerteten 'Abschottung' und dem Rückfall ins Mittelalter bei einer 'Absage an die Menschenrechte'. Argumente, die einer genaueren Prüfung nicht standhalten, die aber auf der emotionalen Ebene bestimmt ein grosses Zielpublikumssegment erreichten, das sich nicht mehr die Mühe machte, die verwendeten Begriffe rational und nüchtern zu decodieren und die harten Fakten zu analysieren und sich erst dann eine Meinung zu bilden. So gesehen kann man, wenn nicht von 'Liebe', so durchaus von einer bedeutsamen, oft sogar matchentscheidenen emotionalen Ebene sprechen, die als Motiv für die freiwillige Aufgabe von Freiheit und Selbstbestimmung von Kollektiven zugunsten anderer Kollektive eine wichtige Rolle spielt.

 

Politische Motive

 

Sind direkte Demokratie und Föderalismus Auslaufmodelle?

Auch überzeugte Direktdemokraten und Föderalisten müssen zugestehen, dass es gesellschaftliche und politische Notlagen gibt, in denen der zeitraubende direktdemokratische Entscheidfindungsprozess nicht zielführend ist. Klassisches Beispiel dafür ist der Feuerwehreinsatz, die Not-OP, der Polizeieinsatz und natürlich Krieg. Auch wir Schweizer überlassen im Kriegsfall einem General grosse Machtbefugnisse und verzichten darauf, seine strategischen Entscheidungen während des Krieges demokratischer Kontrolle zu unterwerfen. Wir tun dies aber als ultima ratio und auch dann immer noch skeptisch und knurrend – und keinen Tag länger, als die Notlage dies erfordert. Und nach dem Krieg fordern wir auch von einem General Rechenschaft. Nun kann man den Begriff der Notlage aber fast beliebig ausweiten, um auch in schlummrigsten Friedenszeiten die Demokratie auszuhebeln. Das beste Beispiel dafür ist die Marktwirtschaft. Die in der Wirtschaft omnipräsente Kriegsterminologie zeigt deutlich, dass viele Akteure sie als 'Krieg mit anderen Mitteln' verstehen und damit autoritäre Machtstrukturen legitimieren. Natürlich gibt es viele pseudodemokratische Mäntelchen, die Aktionären, Mitarbeiterorganisationen, Gewerkschaften oder sogar den zu 'Genossenschaftern' gemachten Kunden die Illusion von Mitbestimmung vermitteln sollen, aber meines Wissens gibt es kaum Unternehmen, die wirklich direktdemokratisch organisiert sind. In einem Land wie der Schweiz, wo die Wirtschaftselite stark mit derPolit-Elite überlappt, geraten direktdemokratische Modelle immer mehr auf die Ersatzbank. Wie die FIFA beispielhaft demonstrierte, ist es tatsächlich bedeutend einfacher und effizienter, wenn ein möglichst allmächtiger Unternehmensleiter mit einem möglichst allmächtigen Diktator zusammenarbeiten kann. Zwei Männer machen innert Kürze einen Deal, der funktioniert, ohne dass noch irgendwer um seine Meinung gefragt werden müsste. Die These, dass die mit der direkten Demokratie verbundene Freiheit auf dem Altar der wirtschaftlichen Effizienz geopfert wird, zeigt sich auch am Wandel der schweizerischen FDP, die von einer ehemals radikal Selbstbestimmung und individuelle Freiheit fördernden Partei mehr und mehr zu einer reinen Wirtschaftspartei mutiert, die zugunsten dicker Deals ohne Hemmung die Selbstbestimmung opfert.
Auch der für die Schweiz so typische Föderalismusgedanke, dass Entscheidungskompetenz nur bei zwingenden Gründen und auf Zeit von der untersten Stufe des Individuums an die nächsthöhere übergeben werden, was viele Kompetenzen in der Familie, in der Sippe, in Vereinen, Verbänden, Korporationen, Weilern und Gemeinden hielt und den Kantonen grösstmögliche Selbstbestimmung sicherte, scheint von vielen als Auslaufmodell betrachtet zu werden. Das Argument ist hier meistwie in der Wirtschaft die Effizienz und der behauptete 'Kundennutzen'. Natürlich ist es einfacher, vom Wallis in den Thurgau zu ziehen, wenn die Schule im französischen Stil völlig autoritär und zentral gelenkt wird und die Kids am Montag in der neuen Klasse in Rorschach im genau gleichen Schulbuch auf der genau gleichen Seite an der genau gleichen Stelle weiterfahren, mit dem sie am Freitag vor dem Umzug in Brig aufgehört haben. Was bei dieser Zentralisierung an Farbe, Lokalbezug, an Selbstbestimmung, Motivation und 'Heimat' verlorengeht, scheint nur wenige zu kümmern. Niemand hat je behauptet, direkte Demokratie und Föderalismus seien ökonomisch effizient und 'leicht gemacht'. Der Wert liegt in der Freude an der Selbstbestimmung. Und wenn die nicht mehr da ist oder hinter 'Effizienz' und 'Kundennutzen' zurückstehen muss, wird der von mir als 'wahnhaft'apostrophierte Prozess zumindest etwas leichter nachvollziehbar.
Die Politik nutzt aber auch die gesteigerte Sicherheitshysterie, die die Insassen des Wohlfahrtsstaates nach immer mehr Schutz in allen möglichen Bereichen schreien lässt. Leben wird zur Dauer-Notlage, die eine Zurückstufung von Freiheit, Selbstbestimmung, direkter Demokratie und Föderalismus legitimiert. Je mehr Ängste die Politik bedienen muss, desto unverschämter kann sie die Freiheit einschränken. Plakativstes Beispiel ist die Reaktion auf 9/11 in den USA. Und damit wären wir bei dem gern als 'Verschwörungstheorie' diskreditierten Gedanken, dass man mit dem Ziel der möglichst effizienten Machtkonzentration, die logischerweise mit dem Streben nach Minimierung demokratischer Kontrolle und Zentralisierung der Kompetenzen verbunden ist, auch auf die Idee kommen kann, nicht nur bestehende Ängste zu bedienen, sondern sie zu verstärken oder gar neue zu erzeugen. Auf wirtschaftlicher Ebene wurde uns das doch brillant vorgespielt durch die Pharmakonzerne mit ihren umsatzfördernden Tierseuchen. In einer globalisierten Welt, in der weltweit gereist und gehandelt wird und weder die Meere noch der Luftraum noch das Klima von einzelnen staatlichen Akteuren überwacht und geschützt werden können, ist der Ruf nach weltweiter Kooperation zwar verständlich, aber wie bislang alle Versuche zeigen, weitgehend wirkungslos. Das einzige effektive Instrument bei der Bearbeitung globaler Probleme war bislang der Konsumverzicht bzw. die Anpassung des Konsumverhaltens – und auch dies lässt sich nur auf dem beschwerlichen, langsamen Weg der Motivation des Individuums, der Selbstbestimmung direktdemokratischer und föderalistisch organisierter Kleinkollektiv bis hin zu Nationen, die die eigenen Regeln auch durchsetzen können. Aber weltweites Geschrei, auch wenn es von gut gemeinten Organisationen wie der UNO, der WHO geäussert wird oder in wunderschönen völkerrechtlichen Wunschverträgen eingepackt ist, hat bislang wenig bis nichts bewirkt. Im Gegenteil, so meine ich: je weiter entfernt der Einzelne die Handlungskompetenz von sich selbst entfernt wähnt, desto weniger motiviert ist er, bei sich und in seinem engsten Umfeld anzusetzen mit der Lösung der angstauslösenden Probleme.

 

Lösungsansätze

 

Angstüberwindung und Selbstsicherheitstraining

Eine Möglichkeit, die psychologischen Motive für die Aufgabe der Selbstbestimmung einzugrenzen, sehe ich imTraining des Umgangs mit all den genannten Auslösern wie Unsicherheit, Angst, Schwäche, Einsamkeit, Gefühl des Ungenügens, der Unvollständigkeit, ohne sie zu pathologisieren. Es sind alles nachvollziehbare, völlig 'normale' Phänomene – an deren Überwindung wir alle eine Leben lang zu arbeiten haben. Aber dieses Training bedeutet eben gerade nicht Dauerschutz, überfürsorgliche Bemutterung durch das Kollektiv, sondern imGegenteil: immer wieder neue Initiationsriten, situations- und entwicklungsadäquate Aufgaben, die allein und ohne Hilfe gelöst werden müssen. So gesehen ist die arbeitsteilige Gesellschaft verbunden mit dem sozialen Wohlfahrtsstaat mit all seinen Möglichkeiten, alles, was einem nicht gerade in den Kram passt, was zu anstrengend, zu schwierig, zu hart scheint, zu delegieren, weder für sich selbst noch für irgendetwas anderes Verantwortung übernehmen zu müssen, ein miserables Trainingsumfeld.


Sicherheit entsteht nicht im sicheren Umfeld, sondern im unsicheren.


Idealerweise werden wir durch ein Mass von Unsicherheit so gefordert, dass wir unter Aufbietung aller Kräfte und Kompetenzen unsere Grenzen bei jeder gestellten Aufgabe erweitern – und damit unsere Selbstsicherheit stärken können. Wenn wir uns nie auf die Hinterbeine stellen müssen, um an die Nahrung zu kommen, bleiben wir kriechende Windelträger. Genau das scheint aber das Ziel des auf maximale Sicherheit ausgerichteten Wohlfahrtsstaates zu sein. Es ist nicht verwunderlich, dass wir auf diese Weise den Insassen dieser staatlichen 'Heime' gar keine Chance geben, sich zu selbstsicheren, starken freiheitsbewussten und eigenverantwortlichen Menschen zu entwickeln.

 

Konfrontation mit der Relativität aller Wahrnehmungsinterpretationen

In jeder Lebensphase und -situation sollten wir uns und unser Umfeld immer wieder mit der Relativität aller Urteile, aller Entscheidungen, aller Zuordnungen und Bewertungen unserer Wahrnehmungen und Erkenntnisse konfrontieren.

Erziehung

Das fängt beim Kleinkind an, das möglichst frühzeitig entdecken soll, dass niemand in seinemUmfeld über die absolute Wahrheit, über unanfechtbare Urteile verfügt, dass es zwar in allen Lebensbereichen Spielregeln gibt, dass diese aber samt und sonders hinterfragbar und veränderbar sind. Das Kleinkind ist allerdings noch viel empfänglicher für diese Botschaft als der mehr und mehr erstarrende Erwachsene. Der Heranwachsende ist sich vielleicht noch der Relativität, ja oft sogar Zufälligkeit seiner Entscheidung für einen Sport, ein Musikinstrument, ein Hobby, eine Ideologie, eine Religion, eine Ausbildung, einen Beruf oder Job, für die Zuwendung zu einer Partnerin, zu einem Partner bewusst, aber je länger er in diesen Entscheidungen beziehungsweise ihren Folgen lebt, desto mehr verblasst die Erinnerung an ihre Entstehung, desto mehr tendieren die Positionsbezüge zur Erstarrung und desto häufiger bedienen sich die Protagonisten der Behauptung absoluter Richtigkeit und Wahrheit zu ihrer Begründung, sofern sie sich überhaupt auf Debatten einlassen.

Ersatzreligion Wissenschaft

Auch und gerade Wissenschaftler sind nicht vor diesen Erstarrungsprozessen gefeit. Selbst ein Genie wie Einstein liess den Angriff der Quantenphysik auf das kausal geschlossene Universum nicht zu und knurrte angesichts von Phänomenen wie der Kontingenz oder der Synchronizität im Verhalten verschränkter Elektronen: "Gott würfelt nicht!" Wenn wir also Vorurteile entdecken, an denen wir ungemein stark hängen und die wir zuerst einmal gegen jeden Angreifer, jeden Hinterfrager vehement verteidigen, sollten wir nicht zu streng mit uns ins Gericht gehen. Es ist verständlich, dass sich niemand ohne Gegenwehr den Boden unter den Füssen wegziehen, das Fundament seines Weltbildes in Frage stellen lässt. Nichtsdestotrotz sollten wir uns früher oder später überwinden und uns mit dem Gedanken anfreunden, dass unser Fundament nur UNSER Fundament ist, und nicht das Fundament aller; dass es aber deswegen nicht an Tragkraft für UNS verliert und dass es nicht nötig ist, mit all denen zu brechen oder sie gar zu bekämpfen, die nicht auf demselben Fundament stehen.

 

Postulieren eines 'Wertkerns' in allem Wahrnehmbaren

Das klingt geschraubter als es ist. Wir lockern als erstes einmal die Schrauben der Darwinschen Pyramide so weit, dass sie kippt und sich all die verschiedenen Wesen ohne vertikale Ordnung nebeneinander vorfinden. Und um diesem vorerst einmal wertfreien Nebeneinander Substanz zu geben, gehen wir davon aus, dass in allem, was wir wahrnehmen, ein Wertkern steckt, der nicht an organisches Leben gebunden ist. So kann die Profigeigerin problemlos einen 'Wertkern' in ihrer Stradivari finden, mit der sie wahrscheinlich mehr Zeit verbringt und eine intensivere Beziehung pflegt als mit den meisten Menschen in ihrem Umfeld. Etwas problematisch ist die positive Wertung, die wir mit dem Begriff 'Wert' fast automatisch beifügen. Davon sollten wir uns zuerst einmal lösen. es mag helfen, wenn wir uns klar werden darüber, dass auch ein negativer Kontostand einem bestimmten Wert entspricht, dass mithin auch etwas, was wir prima vista als böse, schlecht, übel, als zu vermeiden oder wegzuhaben anschauen wie eine Krankheit, ein Schicksalsschlag, ein Bösewicht etc., einen Wertgehalt hat, eine Existenzberechtigung, und sei es nur um uns den Gegensatz, die Gesundheit, das Glück, den Wohltäter überhaupt erkennen und schätzen zu lehren. Diesen von einer vorschnellen Bewertung auf der 'Gut-Böse-Skala befreiten 'Wertkern' können wir in den verschiedenen Diskursen auch verschieden bezeichnen. Es geht auch hier nicht um die Begriffsetikette, sondern um das Verständnis der dahinter steckenden Idee.

Theologischer Diskurs

Theologisch können wir diesen 'Wertkern' als Teil des 'Göttlichen' bezeichnen – und schon haben wir einen hierarchiefreien Polytheismus, der nicht Halt macht bei einer Unzahl von Göttern und Halbgöttern, sondern schlicht alles und jedes als 'Epiphanie Gottes' anschaut. Auf den ersten Blick ein Trick, auf den zweiten ändert diese Sichtweise unser Denken, Fühlen und Handeln in den Grundfesten. Aber für alle, die Mühe mit religiösen Begriffen haben, weil sie den religiösen Diskurs zu stark mit den Vertretern einzelner Religionen verknüpfen, können wir auch mit Begriffen aus anderen Diskursen operieren.

Philosophischer Diskurs

Philosophisch können wir alles Wahrgenommene als Teil des 'Kosmos' betrachten und dabei an die ursprüngliche Bedeutung des griechischen Begriffs denken: Schmuck, Ordnung. Wenn aber alles Teil des Schmucks, Teil der Ordnung ist, können wir die Gesamtheit des von uns Wahrgenommenen nicht mehr so leicht hierarchisch ordnen in Kraut und Unkraut, wertes und unwertes Leben, zu Verdammendes und heilig zu Sprechendes, zu Vernichtendes und zu Erzeugendes. Wenn die Aufgabe gar nicht darin besteht, das Richtige zu denken, zu fühlen, zu tun und das Falsche zu meiden, sondern alles Wahrgenommene solange zu betrachten, zu decodieren, zu interpretieren und auch intuitiv und emotional zu verstehen, bis wir die Existenzberechtigung erkannt, den Sinn gefunden, die Botschaft entlockt haben.

Psychologischer Diskurs

Psychologisch können wir den Wertkern jeder einzelnen Entität als Teil der 'Welt-Seele' oder in der Jungschen Begrifflichkeit als Teil des umfassenden 'Selbst', in der Freudschen als Teil des kollektiven Unbewussten und in der Vorstellungswelt Rudolf Steiners als Zugang und Teilhaberschaft an der Akashachronik verstehen. Auf der individuellen Ebene wäre es die Antwort auf die Frage: "Wie bin ich gemeint?" oder "Wie ist das Wahrgenommene gemeint?" Ich bin mir bewusst, dass diese Frage völlig querläuft zum Paradigma der gerade aktuellen Psychologie, die – honny soit, qui mal y pense – den der Wissenschaft den Namen gebenden Begriff der Psyche, altgriechisch für 'Lebensodem, Hauch, Seele', aus dem Diskurs ausgeklammert hat, ihn nicht mehr braucht, nicht mehr darüber debattiert, ihn schlicht als non-valeur gestrichen hat. Trotzdem möchte ich an dieser Grundfrage festhalten, die sich jedes bewusste Wesen einmal stellt, bevor es sie vielleicht wieder verdrängt. Die Frage, wie wir gemeint seien, wird das aktuelle, der Messbarkeit der Naturwissenschaft hinterher hechelnde Verständnis der Psychologie bestimmt überleben und man braucht kein Prophet zu sein um vorauszusagen, dass der Tag kommen wird, wo die Psychologie als Fach sich selbst genau diese Frage stellt: "Wie bin ich gemeint? Was ist meine Aufgabe?"

Naturwissenschaftlicher Diskurs

Neurowissenschaftlich könnten wir den 'Wertkern in allem' als 'Anteil an gespeicherten kollektiven Bewusstseinsinhalten', biologisch vielleicht als 'Vernetzung alles Lebendigen' bezeichnen, wobei wir in beiden Fächern nicht über das hinauskommen, was wir heute als 'organisches Leben' bezeichnen.

 

Die Haltung hinter der Begriffsvielfalt

Dabei handelt es sich aber immer nur um Begriffsetiketten, über die zu streiten letztlich nicht lohnt. Wichtig ist die Haltung dahinter: Wir gestehen allem, was wir wahrnehmen, auch uns selbst, Ereignissen, Gedanken, Ideen, einen unzerstörbaren Wertkern und damit Existenzberechtigung, Sinngehalt und eine Botschaft zu, die es für uns als Wahrnehmende zu decodieren gilt. Diese Haltung entlastet uns von der Mühsal des Kampfs um die Position auf der Leiter, um das ersehnte 'Oben' und das gefürchtete 'Unten' – aus dem schlichten Grund, weil es keine uns vorgegebene oder gar absolute Hierarchie mehr gibt, weil wir diese erst wieder freiwillig und in völliger Eigenverantwortung und nur für uns gültig dort wieder herstellen, wo es uns wichtig scheint, indem wir zum Beispiel Butter höher platzieren als Margarine – oder umgekehrt. Es entlastet uns auch von all den fruchtlosen Vergleichen von nicht Vergleichbarem wie der Frage, ob jetzt der Affe ein höheres Wesen sei als der Delfin, weil er auf hohe Bäume klettern könne oder umgekehrt, weil der Affe kaum schwimmen könne. Diese horizontale Haltung promoviert eine völlig andere Sicht auf die Forschungsgegenstände. Es ist nicht mehr der oben thronende Mensch, der alles, was da kreucht und fleucht und wächst und fliesst und bläst und scheint von oben herab auf sein Potenzial zur Erhöhung seines Eigennutzes untersucht und diese Verwertbarkeit für sich als einziges Kriterium seines Denkens und Handelns gelten lässt. Konkretes Beispiel: täglich werden Hunderttausende von männlichen Küken vergast oder geschreddert, weil sie nicht brauchbar sind für den Menschen: sie legen keine Eier und es lohnt sich nicht, sie zu mästen und so zu verwerten. Allen vorgeschobenen Tierschutzgesetzen zum Trotz nicken alle Politiker und Verantwortlichen diese Praxis ab. Daneben wird ein grosses Theater gemacht um den Schutz von Tieren, die als 'brauchbar' qualifiziert werden. Da reicht schon ein Stall, der um einen Zentimeter zu wenig breit oder hoch ist, um ein Tierhalteverbot auszusprechen – zumSchutz des armen Tieres. Diese Haltung ist in sich völlig konsistent, nur das ethische Geschwurbel ist geheuchelt. Es geht einzig und allein um den Nutzen. Nur schon der Begriff 'Umweltschutz' zeigt unverblümt dieselbe Haltung der ganzen Natur gegenüber. Es geht nicht darum, den Planeten um seiner selbst willen zu schützen, sondern nur darum, die Umwelt, als die Welt um den allein wichtigen Menschen herum, als Selbstbedienungsladen, als Ressource für künftige Generationen zu erhalten.
Die hier skizzierte und als Lösungsansatz für die Angstüberwindung und Minderung der freiwilligen Selbstaufgabe promovierte Haltung sieht auf den ersten Blick vielleicht wie das Gegenteil aus, wenn man sich engagierte 'Grüne' anhört, die ja meist extrem etatistisch am liebsten jeden Atemzug weltweit gesetzlich regeln würden. Der Fehler liegt m.E. in der Methode. der Schrei nach totaler Regulierung entspringt ja wieder der Angst und ist kontraproduktiv. Die von mir promovierte Haltung, allem Wahrgenommenen einen vom Menschen zuerst einmal unabhängigen Wertkern, eine von uns unabhängige Existenzberechtigung, einen eigenen Daseins-Sinn und eine eigene Botschaft zuzugestehen, erhöht den Respekt des Wahrnehmenden und die Bereitschaft, das Wahrgenommene eben  gerade nicht aus der überheblichen Position des 'Weltkonsumenten' als Konsumgut, als Ressource zu betrachten, sondern als Mit-Entität mit eigener Berechtigung. Wenn wir uns auf die Kommunikation mit dem Wahrgenommenen einlassen und versuchen, Sinn und Botschaft von allem, was wir wahrnehmen, zu erfassen, erleben wir nicht nur faszinierende Abenteuer, wir erhalten uns durch die immer wieder an von uns Wahrgenommenes gerichtete Frage: "Wie bist du gemeint?" auch Antworten für unsere zentrale Frage an uns selbst: "Wie bin ich gemeint?" Je mehr Puzzleteile wir für dieses unser Antwortbild haben, desto selbstsicherer, stärker, angstfreier werden wir, Aug in Auge mit allem, was wir wahrnehmen und frei von der vertikalen Einteilung, frei von dem angstbesetzten Kampf gegen alles, was nicht sein dürfte, für alles, was mehr sein müsste. Wir erarbeiten uns die Chance, gelassen zu werden, einverstanden zu sein mit allem, was ist, weil alles eine Botschaft enhält, manche leichter, manche schwieriger, manche für uns vielleicht gar nicht zu knacken, was noch lange nicht bedeutet, dass es keine gibt.

Verdrängen unliebsamer Themen

Natürlich darf man bei dieser skizzierten Haltung, bei Begriffen wie 'Wertkern', 'Polytheismus', 'Sinnsuche', 'Botschaft' aufschreien, die Idee als esoterisch, pseudospirituell, archaisch, unaufgeklärt oder mit tausend weiteren zu Gebote stehenden Begriffsetiketten denunzieren und sie gleich wieder verdrängen, aber damit würde man herrlichstens in das von mir bereit gestellte Fettnäpfchen treten. Auf dem Näpfchen steht DENKEN und rundherum auf den Näpfchenrand ist eingeritzt: "Denken heisst, alles zu hinterfragen wagen." Lustigstes Beispiel für die Verdrängung missliebiger Denk-Bereiche waren Teile der Geschichtsstudentenschaft in den legendären 68-er Jahren in Zürich, die gegen die Ernennung eines brillanten Historikers zum Professor für Militär- und Kriegsgeschichte demonstrierten. Ihr geradezu rührendes Argument war, sie wollten gar nichts über Krieg hören, das sei was Unschönes, Unfeines, Unedles, das es eigentlich gar nicht geben dürfe. Ich wartete damals vergeblich auf die Demonstration der Medizinstudenten mit dem Ruf, sie wollten nichts über Geschlechtskrankheiten hören. Ganz so naiv waren die Mediziner auch 1968 nicht.

Sinnsuche?

Hier gilt dasselbe wie oben beim Abschieben des 'Polytheismus': Diesmal heisst das Fettnäpfchen: Verwechslung mit religiös verbrämter Schuldsuche. Es ist heute nicht nur bei Post-Existenzialisten und Atheisten, sondern durchaus auch bei Naturwissenschaftlern gang und gäbe, alles, was sich nicht simpel kausal erschliesst, als 'Zufall' zu bezeichnen. Man spricht in gehobenen Kreisen dann lieber von 'Kontingenz', das klingt etwas gescheiter. Faszinierend ist das Phänomen, dass es bei vielen nicht beim hilflosen Schulterzucken bleibt im Sinne von 'Sorry, dumm gelaufen, wir haben vorläufig keine Erklärung, muss wohl Zufall sein', sondern dass auch kluge Wesen wie die US-amerikanische Autorin Susan Sontag sich vehement und leidenschaftlich gegen jegliches Suchen nach Zusammenhängen, Botschaften und Sinngehalt wehrte, sobald sie etwas mit letzter Gewissheit als Zufall erkannt zu haben glaubte, wie z.B. ihre Krebskrankheit, wie man in ihrem berühmt gewordenen Essay 'Against Interpretation' nachlesen kann. Die Frage drängt sich natürlich auf, wer denn über die Deutungshoheit verfügen soll, die Spreu vom Weizen mit absoluter Gültigkeit zu trennen zwischen dem, was interpretiert werden darf und soll – und dem, was gefälligst von allen als Zufall betrachtet werden muss und sich damit jeder Deutung oder Interpretation entzieht. Ich trete also nun selbst in ein grosses Fettnäpfchen mit meiner Empfehlung, diese Trennung nicht zu beachten und alles, was uns betrifft, was uns aufwühlt, interessiert, entsetzt oder begeistert, auf Sinn abzuklopfen, dem Untersuchungsobjekt eine an uns gerichtete, persönliche Botschaft abzutrotzen, völlig egal, was es sei, und völlig unabhängig von jedem religiösen Modell.

'Schicksal als Chance?'

Die Idee, 'Schicksal als Chance' und 'Krankheit als Weg' zu betrachten, lief derart quer zum Zeitgeist der 70er- und 80er –Jahre des letzten Jahrhunderts, dass sich die Tempel der Wissenschaft verächtlich und mit 'stiff upper lip' darum foutierten und das dahintersteckende Welterklärungsmodell gar nicht ernsthaft diskutierten. Unter den Aspekten von Macht und Geld ist diese Reaktion durchaus nachvollziehbar. Wenn sich auch nur ein Teil der Angst der Massen vor dem unvorhersehbar, unberechenbar und völlig zufällig zuschlagenden Schicksal verlöre, weil alle munter am Decodieren der Botschaften wären und sich in vielen Fällen aufgrund des Verständnisses der Botschaften, des Entdeckens des Sinns sogar Einverständnis mit dem Wirken des Schicksals verbreitete, wäre dies mit Milliardenverlusten in allen Branchen rund um Angst und Sicherheit verbunden. Auch die Attraktion des Kollektivs und seiner heilsversprechenden Führerfiguren würde verblassen.

Das angstfreie, selbstbestimmte Individuum ist das Schreckgespenst für alle, deren Hauptziel Macht und Geld ist. Denn dieses selbstbestimmte Individuum ist auch frei von der Angst, nicht dazu zu gehören ohne die Segnungen des Kollektive verbindenden Konsums. Es gibt zu jeder Zeit Auffangbecken für Konzepte, die dem aktuellen Zeitparadigma und seinen die Deutungshoheit reklamierenden Vertretern widersprechen. Als die Kirche die Deutungshoheit beanspruchte und über die Inquisition durchsetzte, war alles ausserhalb ihres eigenen Dogmas Ketzerei. In den Aufräum-Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg war alles, was nicht passte 'fascho'. In unserer wissenschaftshörigen Zeit ist alles, was nicht dem Mainstream der Schulwissenschaft entspricht, Quacksalberei oder Esoterik oder beides. Zumindest in nichtislamistischen Regionen ist es heute allerdings nicht mehr mit Bann und Scheiterhaufen verbunden, wenn man nicht Genehmes äussert. Man wird nur noch belächelt und ignoriert –bis sich das Zeitparadigma wandelt. Solange möchte ich aber nicht warten und da ich keine Berührungsängste gegenüber interessanten Denkabenteuern habe, möchte ich das Konzept hinter diesem Kürzel etwas genauer anschauen und auf allfällige Tauglichkeit als Remedium gegen die Aufgabe der Selbstbestimmung prüfen.

Wenn wir uns weder der Angst hingeben, noch der Verdrängung von allem Unliebsamen frönen, noch beim strafenden Gott oder der oberlehrerhaften Karmalehre steckenbleiben, könnten wir uns frei und unbeschwert dem Abenteuer der Sinn- und Botschaftssuche widmen, die bei uns selbst beginnt: Wie bin ich gemeint? Was ist meine Aufgabe? Wo und wie kann ich Sinn stiften, Sinn entdecken? Wenn in allem etwas 'Göttliches' oder theologiefrei ausgedrückt 'Sinnhaltiges' steckt, das es zu entschlüsseln gilt, besteht kein Anlass mehr für die Aufgabe unserer Selbstbestimmung. Im Gegenteil: wir bestimmen selbst, was wir für wesentlich und decodierenswert halten von all dem, was permanent in unsere Wahrnehmung gerät. Wenn wir etwas für uns Wichtiges wiederholt wegschieben, taucht es hartnäckig immer wieder auf, bis wir uns die Mühe nehmen, die Botschaft zu lesen, den Sinn zu entdecken.

Wir haben keinen Grund, uns irgendeinem Kollektiv an den Hals zu schmeissen, da es ja um den Sinn unseres Lebens geht, um die individuell uns betreffenden Botschaften. Erst wenn wir uns auf die Suche nach Botschaften für unsere Familie machen, für unser Unternehmen, für irgendeines der Kollektive, in denen wir uns engagieren oder zu denen wir uns gehörig fühlen, erhält das Kollektiv eine supraindividuelle Bedeutung und lassen sich Botschaften in Relation setzen zu denjenigen, die nur uns als Individuen betreffen. Widersprüche und Konflikte zwischen individuellen und supraindividuellen Botschaften können uns helfen, bewusst und gezielt über das Mass freiwilliger Einschränkung unserer Selbstbestimmung nachzudenken und zu entscheiden, immer mit dem Vorbehalt, auf diesen Kompromiss zurück zu kommen, ihn situationsadäquat jederzeit neu auszuhandeln.

Die Spiegel-Metapher

Der Spiegel, den wir 'Aussenwelt' nennen, schafft eine minimale Beobachtungsdistanz. So können wir besser erkennen. Nicht alle Entitäten durchschauen den mechanischen Spiegel und erkennen, dass er sie selbst zeigt. Und auch solche, die ihn durchschauen, ärgern sich oft über das, was er ihnen zeigt. Noch viel weniger Entitäten durchschauen den psychologischen Spiegel 'Aussenwelt'. Spiegel zeigen uns insbesondere die Dinge überdeutlich, die wir an und in uns nicht sehen können oder wollen. Der Spiegel 'Aussenwelt' agiert aber auch – und damit wird die Metapher 'Spiegel' etwas überstrapaziert. Er verschafft uns spürbare Erlebnisse, beschert uns Glücksmomente und Schicksalsschläge. Diese nach aussen gestülpte Innenwelt ermöglicht uns damit die handfeste Auseinandersetzung mit denjenigen unserer Innenanteile, die wir trotz Spiegelung nicht anschauen wollen, deren Botschaft wir nicht, noch nicht verstanden haben. C.G. Jung verwendet für die verdrängten Selbstanteile von Individuen und Kollektiven das Bild des 'Schattens', bei dem es auch einen Bewusstseinsakt braucht, um das Licht, dessen Auftreffen auf einer lichtundurchlässigen Form und dem dieser ähnlichen, aber in der Regel farblosen, zweidimensionalen und oft verzerrten Bild, eben diesem Schattenwurf zu verknüpfen. Ähnlich kann es uns ergehen bei der nach aussen gestülpten Innenwelt. Wir nehmen sie oft verzerrt, farblich verändert oder völlig farblos, mit weniger oder mehr Dimensionen wahr, was die Verknüpfung mit unserem Innern erschwert. Aber wer hat denn gesagt, Abenteuer sollten 'leicht' sein?

 

Methodische Hilfen

Erweiterung der Kommunikationsmodi

Wenn wir mal auf der empfohlenen Schiene dieses behaupteten 'Wertkerns' in allem Wahrgenommenen und der Abschaffung einer absoluten Hierarchie bleiben und uns auf das Abenteuer der Botschafts- und Sinnsuche einlassen, ändert sich unser Kommunikationsbedarf beträchtlich. Es wäre ja unter diesen Voraussetzungen erkenntnisreich, mit allem Wahrgenommenen in Kontakt zu treten, anstatt es nur zu benutzen und zu entsorgen. Also gilt es, nach einem kurzen kritischen Blick auf die menschliche Verbalsprache zusätzlich andere Kommunikationsmodi zu evaluieren.

Alternativen und Ergänzungen zur Verbalsprache

Verbalsprache erzielt zwar durchaus einen hohen Grad an Differenzierung, ist aber gleichzeitig der Modus mit der höchsten Missverständnisquote, was nicht nur an den unzähligen Sprachen und Dialekten liegt, sondern auch am Gerangel um die Deutungshoheit, also um die Machtposition, festzulegen, was welcher Begriff für welche Benutzer für einen Inhalt und Umfang haben soll. Der Streit um Begriffe und ihre Deutung hat in der derzeit überblickbaren Menschheitsgeschichte bereits zu Millionen von Konflikten und Toten geführt. Auch diesbezüglich liegt die Verbalsprache mit Abstand an der Spitze. Beim Versuch, mit nichtmenschlichen Entitäten in Kontakt zu treten, spielt die Verbalsprache nur noch eine marginale Rolle bei höheren Säugetieren. Doch auch bei ihnen sind paraverbale Faktoren wie die Prosodie, also Stimmklang, Stimmlage, Stimmstärke und Satzmelodie bereits wichtiger als die verwendeten Begriffe. Es gilt, die nonverbalen Modi aktiv und passiv zu erlernen und zu trainieren: das riesige Feld körpersprachlicher und taktil-haptischer Kommunikation, Botschaftsaustausch mithilfe optischer und akustischer Signale, Einsatz und Rezeption riech- und schmeckbarer Botenstoffe, aber auch die hochwirksamen energetischen Kommunikationsformen der Präsenz, die wir als Auftritt, Ausstrahlung, Charisma erfahren, und der Telepathie, dem energetischen Austausch ohne physische Nähe über geistige Verbindungen, sei es die intensive Auseinandersetzung mit Texten, Musik, Kunst, Ideen, die sich durchaus zu dialogartiger Kommunikation entwickeln kann oder die intensive Verbindungssuche zu abwesenden Menschen oder Tieren, die wir unter diesem Etikett 'Telepathie' zusammenfassen können. Hier helfen Offenheit, Lern- und Experimentierbereitschaft und die Fähigkeit, Vorurteile locker über Bord zu werfen.

Erweiterung der Verknüpfungsmodi

Obwohl die Physik seit über hundert Jahren fröhlich an der lange Zeit als alleinseligmachenden Verknüpfung der Kausalität geknabbert hat, obwohl verschiedenste philosophische Strömungen in den letzten zweieinhalbtausend Jahren die Vorteile anderer Verknüpfungsmodi wie der Analogie und der für die Naturwissenschaft bis heute völlig rätselhaft gebliebenen Liebe hervorhob und beschrieb, obwohl in praktischen Wissenschaften wie der Medizin und der Rechtswissenschaft auch Indizien und Symptome als Verknüpfungsindikatoren beachtet werden, obwohl auch die schillernde, so schlecht messbare und in Zahlen fassbare Intuition sogar im männerdominierten Wirtschaftsumfeld einigermassen salonfähig geworden ist, gilt die Kausalität nach wie vor als heilige Kuh. Was soll nun eine Erweiterung der Verknüpfungsmöglichkeiten beitragen zur Überwindung oder wenigstens Minderung der aufgeführten Motive zur Selbstaufgabe? – Mehr Erkenntnis, mehr Verständnis für bedeutsame, kausal nicht oder nur höchst mangelhaft erklärbare Phänomene wie Liebe, Angst, Schmerz, Leidenschaft. Und Verständnis kann den Umgang mit schwierigen Phänomenen erleichtern, verbessern. Jedes Quäntchen weniger Angst – in all ihren Facetten – stärkt die Selbstsicherheit, das Autonomiegefühl, die Lust und Freude an Freiheit und Selbstbestimmung, mindert das Bedürfnis, sich ins Kollektiv zu verkriechen.

Vor- und Nachteile der Kausalität

Solange es um das Rumschubsen von grobmateriellen Dingen geht, ist die Kausalität in ihrer simpelsten Form der causa efficiens, der Wirkursache, bei der die Causa zeitlich immer schön der Wirkung vorgelagert ist, eine wunderbare Sache. Sobald innere Prozesse, rationale und emotionale dazukommen, reicht sie zur Erklärung von Verknüpfungen nicht mehr aus und es empfiehlt sich, ergänzend oder alternativ andere Verknüpfungsmodi zu prüfen:

Causa finalis

Aristoteles unterschied vier verschiedene Kausalverknüpfungen, neben der causa efficiens die causa formalis, die causa materialis und die causa finalis. Vor allem Letztere ist interessant für das Thema der Selbstbestimmung, da wir sie ständig im Alltag als Begründung verwenden, sie aber wissenschaftlich als stringenter Schlussmechanismus nicht zugelassen wird. Der Witz der causa finalis ist, dass die betonierte Abfolge der causa efficiens, bei der dieUrsache zwingend zeitlich VOR der Wirkung liegen muss, umgedreht wird. Es ist das, was wir mit jedem 'um-zu'-Satz, mit jeder 'finalen Verknüpfung' ausdrücken: 'Um den Zug noch zu erreichen, gehe ich jetzt.' Oder mit der Kausalverknüpfung 'weil' formuliert: 'Ich tue jetzt X (Wirkung, z.B. die Tafel verlassen), weil in naher Zukunft Y (Ursache, z.B. Zugsabfahrt).' Auf das Thema der Selbstbestimmung übertragen bedeutet es das, was das Schweizer Stimmvolk in den letzten 150 Jahren immer wieder erstaunlich gut machte: 'Wir verzichten jetzt auf kurzfristige Vorteile, um uns und unseren Nachfahren langfristige Vorteile zu sichern.' Konkret auf die Abstimmung gemünzt: 'Wir nehmen jetzt gewisse Einschränkungen auf dem globalisierten Markt in Kauf (Wirkung), weil uns die künftige, langfristige Autonomie und Autarkie wichtiger ist, weil die EU in naher Zukunft noch mehr auseinanderfallen wird (Ursachen).'

Analogie

Die älteste und umfassendste analoge Formulierung findet sich auf der erstmals im 6. Jahrhundert imAnhang eines arabischen Manuskripts Tabula Smaragdina, die Hermes Trismegistos zugeschrieben wird, einer mythologischen Engführung des ägyptischen Gottes Thot und des griechischen Gottes Hermes. Dem ganzen Text liegt die Vorstellung eines analogen Bezugs zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos zugrunde. In Kurzform lautet die zweite Aussage der Smaragdtafel: 'Wie oben, so unten'. Diese Urformulierung des Konzepts der Analogie wurde natürlich von ihren Vertretern flugs zum 'Gesetz der Entsprechung' erhoben. Es bleibt aber, wie alles, was wir Menschen festlegen, eine Setzung, eine Behauptung, eine Annahme, ein Axiom, eine These – aber, so meine ich, eine faszinierende These. Aus dem makrokosmisch-vertikalen 'Wie oben, so unten' wurde das mikrokosmisch-horizontale 'Wie innen, so aussen' abgeleitet, – die analoge Verknüpfung, die wir bei der Spiegelmetapher und der Vorstellung, dass Aussenwelt nach aussen gestülpte Innenwelt sei, benutzt haben. Und 'Wie oben, so unten' passt zur polytheistischen Vorstellung des 'Göttlichen in allem Wahrnehmbaren', des 'Wertkerns in allem, was ist'.

Hauptvorteil des analogen Schliessens ist, dass wir frei werden vom engen Korsett der Zeitachse, die die Kausalität oft so hölzern, plump und unbeweglich macht. Eine weitere Befreiung liegt in der beidseitigen Wirkung, die der Kausalität abgeht: Denn 'Weil X, deshalb Y' lässt sich nicht umkehren. Bei einer Analogie geht das hingegen wunderbar: X ist wie Y, Y ist wie X. Dieser Mangel der Kausalität, die immer nur in eine Richtung funktioniert, führte dazu, dass man in der modernen Logik die kausale durch die konditionale Verknüpfung ersetzte, die ebenfalls in beide Richtungen, eben 'bikonditional' funktionieren kann: 'Immer wenn X, dann Y; immer wenn Y, dann X.'

Analoge Verknüpfungen erhellen uns auch dort Zusammenhänge, wo die Kausalität völlig ratlos ist und fast schon zuverlässige Fehlschlüsse liefert wie bei der Liebe. Denn je mehr kausale Begründungen wir für Liebe vorbringen können, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich gar nicht um Liebe handelt. Analoge Formulierungen können hingegen durchaus helfen, das Phänomen der Liebe etwas besser zu verstehen: 'Ihre Liebe wärmte alle, die in ihr Umfeld gerieten, wie die Sonne alle Wesen erwärmt, unabhängig von ihren Verdiensten'. Oder mit Goethe: 'Wär nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt es nie erblicken. Wär nicht in uns der Gottes eigne Kraft, wie könnt uns Göttliches entzücken?' Mit diesem Zitat haben wir nicht nur die Analogie bebildert, sondern gleichzeitig unsere These vom 'Göttlichen in allem', vom Wertkern in allem Wahrgenommenen, gestützt und die Kritiker, die uns vielleicht gern in die Schmuddelecke von Esoterik und Sektierertum schubsen würden, vor die ungemütliche Entscheidung gestellt, dass sie selbigen Falls den grossen, guten, alten Dichterfürst Goethe gleich mit dorthin spedieren müssten.

Last but not least verdanken wir der Analogie in Form origineller und überzeichneter Vergleiche und Metaphern ein gut Teil dessen, worüber wir täglich lachen.

Symptome und Indizien

Symptome und Indizien sind Signale, Hinweise – meist im Plural – auf ein Geschehen, das durchaus zu einer gesuchten kausalen Verknüpfung führen kann, z.B. zwischen einem geschwächten Herzen und einem Infarkt oder einem Schuss und einer Leiche. Aber die Symptome,Indizien, Signale und Hinweise selbst sind nicht direkt kausal verknüpft, weder mit dem vermuteten Auslöser noch mit dem Resultat, sie dienen nur – je nach Qualität, Quantität und Stringenz – der Verstärkung oder Schwächung einer vermuteten kausalen Verknüpfung. Wenn es sich um ein zukünftiges Geschehen handelt, wenn es z.B. in der Medizin oder in der Justiz um Prävention geht oder bei all den Warnlämpchen technischer Geräte, kommt zu den erwähnten Begriffsetiketten noch das 'Anzeichen' hinzu, das uns auf ein möglicherweise eintretendes, vielleicht multikausal induziertes Geschehen hinweist. Wichtig bei diesem Verknüpfungsmodus ist, dass wir dabei das Deuten trainieren. Wir versuchen, den Symptomen, Indizien, Signalen, Zeichen und Hinweisen Sinn abzutrotzen, eine Botschaft zu entlocken, tun also auf der konkret-physischen Ebene genau das, was ich oben für die Deutung von allem Wahrnehmbaren, insbesondere aber für das, was wir als 'Schicksals' bezeichnen können, empfahl. Wir haben auch vergleichbare Handlungsoptionen. Wenn das Öllämpchen im Auto rot aufleuchtet, können wir es natürlich entfernen und weiterfahren, allerdings nicht mehr allzulange. Auf dieser simplen Ebene leuchtet es jedermann ein. Wenn aber das Schicksal mit dem Zaunpfahl winkt und uns statt des blinkenden Warnlichts einen Herzinfarkt als Signal schickt, reagieren viele so wie der Schläuling, der das Warnlämpchen zum Erlöschen bringt, indem er die entsprechende Sicherung entfernt.

Intuition

Der Begriff wird unterschiedlich gefärbt in verschiedenen Wissenschaftsdiskursen. Für die hier relevante Funktion als alternative Verknüpfungsmethode reicht es, Intuition als hocheffiziente, je nach Dringlichkeit auch völlig zeitaufwandslos mögliche Interpretation komplexer Daten zu bezeichnen, die – wenn überhaupt – erst ex post rational analysiert und auch dann nicht zwingend in eine lückenlose Kausalkette verwandelt werden kann. Bei den meisten Menschen wechselt der Modus der Wahrnehmungsinterpretation in Notsituationen automatisch auf Intuition, wenn die Zeit schlicht nicht reicht für eine geruhsame rationale Abwägung der Handlungsoptionen. Entwickelte Menschen können aber auch ohne den Zeitdruck der Notsituation jederzeit zwischen rationalem und intuitivem Modus hin und her hüpfen und die oft widersprüchlichen Resultate der beiden Modi gegeneinander abwägen oder sie miteinander verbinden. Auch hier gilt: eine situationsadäquate Palette verschiedener Verknüpfungsmodi verhilft zu rascherer und besserer Erkenntnis, mindert Angst und damit auch das angstinduzierte Bedürfnis, seine Freiheit zugunsten von mehr – sich regelmässig als Illusion entpuppender – Sicherheit zu verkaufen, indem man sich einem Kollektiv an den Hals schmeisst.

Synchronizität

Die nach wie vor stark kausal-hörige Naturwissenschaft misstraut der sich ihren Messmethoden vorläufig noch entziehenden Intuition und der unerklärlichen Zeitverzugslosigkeit, mit der komplexe Datenberge und Zusammenhänge oft erstaunlich gut decodiert werden. Sie nimmt zwar knurrend die Evidenz der Resultate zur Kenntnis, aber Naturwissenschafter ärgern sich über das Phänomen in ähnlicher Weise wie die Mediziner sich über die Evidenz der Akupunktur ärgern, weil sich diese offensichtlich existierenden Meridiane und Triggerpunkte weder sehen noch mit dem Skalpell freilegen lassen.

Nun hat sich aber im Herzen der Naturwissenschaften eine Nestbeschmutzerin breitgemacht, die lange neben der Mathematik als heiligste der messbaren und immer kausal verknüpfenden Wissenschaften galt: die Physik. Wie wenn es nicht schon genug gewesen wäre, dass das Licht, das sich je nach Versuchsanlage sowohl als Welle wie als Teilchen zeigte, was Aristoteles Satz der Identität und des 'Tertium non datur' sprengte, wurde mit Einsteins gekrümmter Raumzeit an den zwei grundlegendsten, allein stehenden Säulen des alten Weltbildes gerüttelt. Völlig ins Wanken brachte dann aber die Quantenmechanik die wohlgeordnete Vorstellung eines 'kausal geschlossenen Universums' aus materiellen Bausteinen. Moderne Quantenphysiker wie der Österreicher Anton Zeilinger vermuten, dass nicht Materie, sondern Information der Grundbaustein des Universums sei. Damit könnten lange totgeglaubte und belächelte Konzepte wie Platons Ideenlehre und die alttestamentliche Behauptung 'Im Anfang war das Wort…', die schon Faust nicht passte, wieder aktuell werden. Eine der Alternativen, die die Quantenphysik zur Kausalität anbietet, ist die Synchronizität, gezeigt an verschränkten Elektronen, die sich auch auf grosse Distanz absolut synchron verhalten bezüglich ihres Spins. Aber für unser Anliegen der Suche nach Lösungsansätzen zum Bremsen des Herdentriebs und der Selbstaufgabe reicht es, ganz alltägliche Formen der Synchronizität anzuschauen, die nicht zur Verwirrung, sondern im Gegenteil zur Vertrauensbildung und zur Angstüberwindung dienen. Das klassische Beispiel, das zumindest die meisten weiblichen Wesen schon erlebt haben, ist das Phänomen, dass genau in dem Augenblick, in dem Lady X die Nummer ihrer Freundin Y anwählen will, selbige anruft. Die beiden haben ohne Absprache synchron dasselbe gewollt und auch getan. Die beiden Verknüpfungsmodi Intuition und Synchronizität sind oft verquickt: wir, erkennen etwas intuitiv, zeitverzugslos, 'wissen' im Augenblick der Wahrnehmung, also synchron mit ihrem Auftauchen, wir wir sie zuordnen, bewerten und allenfalls entscheiden müssen. Begegnungen mit anderen Menschen, die legendäre 'Liebe auf den ersten Blick', aber auch die blitzartige Erkenntnis, dass es gleich zu einem Konflikt kommen wird, das Wahrnehmen einer Stimmung in einem Raum und vieles mehr, was uns selbstverständlich ist, solange wir es nicht rational erklären müssen.

 

Fazit

Die anzustrebende Entwicklungsrichtung scheint mir klar: vom angstinduzierten Herdenverhalten mit freiwilliger Selbstaufgabe hin zu grösstmöglicher individueller Freiheit und Selbstbestimmung. Ebenso klar scheint die aktuelle Tendenz eher in die Gegenrichtung zu gehen. Starke etatistische Strömungen, weniger mit Gewalt als mit Nudging und allen Techniken moderner Massengängelung verlocken sicherheitsverwöhnte Konsumenten staatlicher Fürsorge zu vermehrter Selbstaufgabe. Die Talsohle dieser Sinuskurve könnte aber bald erreicht sein. Der Hauptlösungsansatz liegt meines Erachtens im Training der Angstüberwindung durch Stärkung der mentalen, emotionalen und physischen Problemlösungskompetenzen. Selbstsicherheitstraining durch Dekonstruktion der Illusion, irgendein Kollektiv garantiere absoluten Schutz, verfüge über 'gesichertes Wissen' oder gar absolute Wahrheiten. Wenn es darüber hinaus gelingt, den Schritt von der 'UMWELT' zur 'MITWELT' zu vollziehen, das Thema Umweltschutz aus der vertikalen Nutzperspektive der Erhaltung des Selbstbedienungslagens für den Menschen mithilfe möglichst vieler Gesetze sukzessive zu einem neuen, abenteuerträchtigen, freiwilligen Engagement zu wandeln für alles Wahrnehmbare im Universum, das uns seinen Wertkern, seinen Daseins-Sinn, seine Botschaft entschlüsselt, wenn wir allem Wahrgenommenen weder frenetisch zujubelnd noch verzweifelt dagegen ankämpfend, sondern angstfrei, achtsam und auf Augenhöhe begegnen, dann wäre das aus meiner bescheidenen heutigen Sicht das Sahnehäubchen, das Freiheit und Selbstbestimmung wieder leckerer, attraktiver machen wird als das angstvolle Schutzsuchen im Grosskollektiv.

Aufgabe der Selbstbestimmung? - Nein. Selbstbestimmung ist die Aufgabe!

Auf Feedback freut sich  info@marpa.ch.

 

 

Denk-Aufgaben 2018

1807 Kantonstierarzt Ulk

1806 Gesellschaftsutopien

1805 Der Marpa-IQ-Test

1804 Untergang

1803 Der Radfahrer

1802 Joggerin und Wildsau

1801 Katastrophitis

 

Denk-Aufgaben 2017

1713 Feliz Navidad

1712 Samichlaus

1711 Bist du auch traumatisiert?

1710 Taking Risk vs Taking Care

1709 Gretchenfragen

1708 Dein Kampf

1707 ...und führe uns nicht in Versuchung...

1706 13 Tipps für Männer

1705 Thesen-Anschlag

1704 Helvetien - eine Gesellschaft von Softies?

1703 marpa-philosophy

1702 Software

1701 Eigentherapie

 

Denk-Aufgaben 2016

1605 Globalisierung

1604 Opti und Pessi

1603 Endlich Opfer!

1602 Echt?

1601 Angst und Vorsicht

 

Denk-Aufgaben 2015

1506 Glaube nichts

1505 Erfinde Dein Kollektiv

1504 Selbstvergewisserung

1503 Housi Moser: "Zum Wohl"

1502 Religiöse Gefühle

1501 Murmur

 

Denk-Aufgaben 2014

1405 Linkes Denken - ein Grundlagenirrtum

1404 Die Verwechslung von 'Wahrheit' und 'Aufrichtigkeit'

1403 Die 11 Marpa-Gebote

1402 Gleichheit

1401 Geschlossene, offene oder semipermeable Beziehungen?

 

Denk-Aufgaben 2013

1308 Die Hausmaus Mauro

1307 Unterscheidbarkeit und Sinuskurve

1306 Die Crux mit dem Primat der Naturwissenschaften

1305 Unterdrückung des Denkens

1304 Machtmissbrauch

1303 Identität

1302 Beamtenträume

1301 Der Osterhasen-Sprung

 

Denk-Aufgaben 2012

1207 Olympische Tricks

1206 Whistleblowing

1205 Staat und Wissenschaft - die Götter der Neuzeit

1204 Ehrenamtlichkeit

1203 Heiterkeit

1202 Promethea

1201 Erleuchtung zum Schnaeppchenpreis

 

Denk-Aufgaben 2011

1104 Wenn Glück weh tut

11/03 Therapiespiel: Meine Lieblings-A-Loecher

11/02 Demokratie und Mündigkeit

11/01 Exclusive Adventure

 

Denk-Aufgaben 2010

10/12 Merlins Freundin

10/11 Der Spaziergang

10/10 Roswitha das Wiesel

10/09 Endlösung

10/08 Liebe, Lust und Ehe

1007 Freude an der Gewalt

10/06 Dialog

10/05 Dekadenz als Chance

10/04 Erziehung - ein fundamentalistisches Konzept?

10/03 Betrugsberater

10/02 Prostitution

10/01 Glauben oder Wissen?

10/00 Projekte

 

Denk-Aufgaben 2009

9/12 Vom Christentum und anderen Mythen

9/11 Sarah

9/10 Anerkennung

9/09 Sicherheit und Freiheit

9/08 Achtsamkeit

9/07 Der ewige Wandel im Jetzt

9/06 E-V-E

9/05 Mogelpackung

9/04 Wohlfahrtsstaat

9/03 Ungehorsam

9/02 Soihundswaetter

9/01 Bastelnachmittag

 

Denk-Aufgaben 2008

8/15 Housi Moser: Jage

8/14 Und sie bewegt sich doch...

8/13 Dümmste Sätze II

8/12 Weglassen

8/11 Die Legende vom wilden Baum

8/10 Reisen

8/09 Der Trauma-Trend

8/08 Lob der Dummheit

8/07 Was denkt ein Bär?

8/06 Sicherheit - um welchen Preis?

8/05 Schöpfung - Ent-Schöpfung

8/04 Freundestreue

8/03 Fundament A List

8/02 Weltenretter Rilf

8/01 Marpa-Aphorismen

 

Denk-Aufgaben 2007

7/13 Flynn und Emma

7/12 "Mach etwas aus deinem Hass!"

7/11 Schule als Spiegel der Gemeinschaft

7/10 Housi Moser: Teiche

7/09 Versöhnungsversuch Schöpfung/Entschöpfung

7/08 Freund oder Feind?

7/07 Housi Moser: Liebi

7/06 Dilemmakompetenz

7/05 Frau und Macht

7/04 Fallender Schnee

7/03 Der Trick mit dem Einverstandensein

7/02 Die Welt als Selbst-Bedienungsladen

7/01 Housi Moser: Talänt

 

Denk-Aufgaben 2006

6/12 Das Perpetuum Mobile

6/11 Wie hast Du's mit dem Glück?

6/10 Absolutheitsansprüche

6/09 Housi Moser: "Im Anfang war das Wort"

6/08 Gesucht: die folgenschwersten Sätze des Abendlandes

6/07 Housi Moser: Abschied

6/06 Religionen - Angst-Narkotikum oder Angst-Überwindungsmodelle?

6/05 Weiter Denken

604 Wenn Liebe trennt

6/03 Demenz

6/02 Ambivalenz von Wissen und Können

6/01 Housi Moser: Boue

 

Denk-Aufgaben 2005

5/12 Das Weihnachtslagerfeuer

5/11 Rotkäppchens Coming-out

5/10 Housi Moser: Froue

5/09 Geburt

5/08 Sprache und Selbstreflexion - for humans only?

5/07 Quelle statt Causa

5/06 Lieben heisst, die Welt durch die Augen des andern zu sehen

5/05 Kunst und Jetzt

5/04 Schönheit?

5/03 Lust auf ein Umstürzchen?

5/02 Wahrheit auf Berndeutsch

5/01 Elefantenblau

 

Denk-Aufgaben 2004:

4/12 Alternative Wahrheitsmodelle

4/11 Das Zuwendungspronomen MEIN

4/10 Gibt es ein Leben nach der Geburt?

4/09 Gefahr und Klarheit

4/08 Gibt es Gott?

4/07 Kausalität und Wirklichkeit

4/06 WEIL

4/05 Lust auf Intimität?

4/04 Modell-Theorie

4/03 Objektivität

4/02 Humor

4/01 Gwunderfitzli

 

Denk-Aufgaben 2003:

3/13 Staunen

3/12 Weltverbesserungsfalle

3/11 Arbeit

3/10 Housi Moser: Für e Momänt

3/09 Autonomie

3/08 Ich befürchte, dass...

3/07 Das Königskuchenmodell

3/06 Die neue Triathlon-Formel: Körper-Seele-Geist

3/05 Richtig leben mit Wunibald

3/04 Jenseits von Gier und Schmerz

3/03 Der Trick mit dem Glück

3/02 Achtsam managen

3/01 Religio

Denk-Aufgaben 2002

2/06 Form und Inhalt

2/05 Konfliktkultur

2/04 Ganzheitliche Bildung

2/03 "Das Beste im Leben sind die Katastrophen"

2/02 Herzöffner zum Du

2/01 "...denn der Mensch ist nur ein Märchen"

 

Denk-Aufgaben 2001

1/04 Die Weisheit des Ostens

1/03 Angst und Liebe

1/02 Nichts ist nur richtig - nichts nur falsch

1/01 "Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis"

 

Archiv