Zu den Denk-Aufgaben 1-1 bis 19-13

 

Denk-Aufgabe 20-01 vom 1.1.2020

 

Die Weltformel

Marpa-Weihnachtsgeschichte 2019

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Die Kinder sitzen im Kreis. Anja darf anfangen. "Ich weiss etwas, was du nicht weisst". Die andern Kinder raten. Anja darf nur mit Ja oder Nein antworten. Es war leicht. Anja dachte 'Znüni'. Dann geht es im Uhrzeigersinn weiter mit Kevin. Danach Lia. Dann unterbricht Fabienne das Spiel. Sie will es – von Anja aus gesehen – im Gegenuhrzeigersinn weiterlaufen lassen. Sie fragt die Kinder, ob es noch dasselbe Spiel sei. Leon sagt nein, dann sei es anders. Mia sagt ja, es sei dasselbe Spiel, nur ein bisschen anders. "Könnten wir auch immer ein Kind überspringen?", fragt Fabienne. "Klar!", ruft Ray und grinst seinen Nachbarn an.

"Man kann die Regeln eines Spiels also ändern?", hakt Fabienne nochmals nach. "Ja, das machen wir beim Fussballspielen auch. Wir machen das Tor kleiner als richtig!", wirft Ronaldo ein. "Wenn alle einverstanden sind, kann man also die Regeln ändern?", will Fabienne wissen. Nadja druckst herum und sagt schliesslich: "Bei Spielen hier schon. Aber bei Spielen auf dem Handy oder dem Tablet können wir nichts ändern." – "Aber die Erfinder des Spiels könnten es schon", meint Elias. "Auch ein guter Hacker könnte es", grinst Liu.
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"Wenn man ein Spiel spielt, müssen sich alle an die abgemachten Regeln halten, damit es funktioniert?", fragt Fabienne. "Ja, sonst ist es 'Bschiss'!", ruft Emma. "Wer betrügt, darf nicht mehr weiterspielen!", verkündet Hamid.

Fabienne fasst zusammen: "Also, ein Spiel ist etwas, was Regeln hat. Regeln, die man abändern kann. Aber nur wenn alle Mitspieler einverstanden sind. Oder wenn man der Erfinder des Spiels ist. Oder ein Hacker. Und während des Spiels muss man sich an die abgemachten Regeln halten. Ist das richtig so?" – Die Kids nicken.

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Nun gehen alle raus zum Fussballspielen. Das Spielfeld ist mit weissem Spray auf die Wiese gemalt. Fussballstar Ronaldo darf die Regeln festlegen. Er geniesst seine Rolle und erklärt: "Nur der Goalie darf den Ball in die Hand nehmen. Bei den andern gibt eine Handberührung sofort Freistoss für die Gegenmannschaft. Ausser bei Einwurf. Da kein Strafraum gesprayt ist, verzichten wir auf Penalty nach 'Hands'. Auch auf Off-Side. Das wäre zu kompliziert für die Schiedsrichterin!", meint er mit einem frechen Blick zu Fabienne. "Foulspiel, also grobe Rempelei, gibt auch Freistoss für die andern." Es geht los. Die Jungs gehen voll ran. Aber das erste Tor schiesst Emma! Dann schafft Ray mit einem tollen Kopfstoss den Ausgleich. Aber schon nach 20 Minuten pfeift Fabienne ab. Ronaldos Team gewinnt klar 3:1.

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Dann spielen sie in der Halle noch 20 Minuten Handball. Diesmal erklärt Lia die Regeln. Sie liebt Handball und spielt in einem Club. Kevin, der kurz nicht aufgepasst hat, fragt plötzlich: "Also alles, was vorher richtig war beim Fussball, ist jetzt falsch?" – Lia lacht ihn aus: "Nicht alles, aber einiges, du Schlafmütze. Wenn alles gleich wäre, wäre es ja kein neues Spiel. Und ich müsste keine Regeln festlegen!" Kevin schüttelt den Kopf. Er hätte lieber weiter Fussball gespielt. Einmal fliegt der Ball zu ihm. Er steht in Tornähe. Er nimmt den Ball direkt ab mit dem rechten Fuss und knallt ihn ins Lattenkreuz. Statt Jubel gibt es Platzverweis. Lia erklärt: "Das war falsch, Kevin. Ein absichtlicher Regelverstoss. 5 Minuten raus!" Er murrt: "Ein Traumtor. Vor einer halben Stunde wäre ich der Star des Tages gewesen."

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Dann ist endlich Znüni-Time. Die Kinder kauen. Fabienne versucht, das Erlebte auf den Punkt zu bringen: "Beim Spiel gibt es also richtig und falsch. Richtig ist, wenn man die Regeln einhält. Falsch, wenn man sie nicht einhält. Aber jedes Spiel hat andere Regeln. Deshalb ist etwas im einen Spiel richtig, im andern falsch. Das wirklich traumhafte Fussballtor von Kevin war im Handball falsch." Kevin beginnt wieder etwas zu leuchten und murmelt: "Ich will ja Fussballer werden, nicht Handballer! Die Regeln vom Handball interessieren mich nicht." – "Dann hättest du auch nicht mitspielen sollen", kontert Lia schnell.

Damit geben die beiden Fabienne einen Steilpass für den nächsten Schritt. "Die Regeln eines Spiels sind also immer nur für ein bestimmtes Spiel gültig? Nicht darüber hinaus. – Gibt es denn Regeln, die für alle überall und immer gelten?"

Einige schauen Fabienne verstört an. Hören sogar auf zu kauen. Da meldet sich Aladin: "Papa sagt, alles, was im Koran steht, gilt für alle." Oh lala, denkt Fabienne. Jetzt wird's brenzlig. Da sagt die sonst eher schüchterne Maria mit ihren langen Zöpfen: "Mama sagt, alles, was in der Bibel steht, gilt für alle." Da kann auch Elias nicht mehr an sich halten: "Die Wahrheit steht in der Tora und im Talmud."

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Fabienne kann ein Schmunzeln nicht unterdrücken. Der Nahe Osten ist jetzt wirklich ganz nah. Da im Klassenzimmer mitten in der heilen Schweiz. "Aber ist das nicht wie beim Fussball und Handball?", fragt sie. "Verschiedene Modelle oder Spiele. Jeder spielt sein Spiel mit seinen Regeln. Und lässt die andern ein anderes Spiel spielen?"

Das war wohl etwas zu schnell gegangen. Denn Aladins Gesichtsfarbe hat sich etwas in Richtung rot verändert. "Aber der Koran ist doch kein Spiel! Papa sagt, es ist die Wahrheit! Wir müssen so leben, wie es im Koran steht." – Maria senkt den Kopf, traut sich dann aber doch, leise anzufügen: "Das sagt Mama auch: Was in der Bibel steht, ist die Wahrheit. Das hat Gott geschrieben."

Fabienne vergewissert sich, dass Maria kein Kreuzritterschwert dabei hat, und dass Aladin keinen Sprengstoffgürtel trägt. Dann beendet sie den Znüni und alle setzen sich wieder in den Kreis.

"Das ist doch wunderbar. Aladins Papa hat seine Wahrheit und Marias Mutter hat ihre Wahrheit. Und beide sind glücklich damit. Genauso wie Kevin im Fussball und Lia im Handball glücklich sind. Oder wärst du glücklicher, Kevin, wenn Lia auch Fussball spielen und genau so Fan von Barça wäre wie du?" Kevin winkt ab: "Sicher nicht. Die soll doch ihr doofes Handball spielen!" Lia grinst. "Und du, Lia, wärst du glücklicher, wenn Kevin mit dir ins Handball käme und wie du Fan der Schweden wäre?" – Lia schüttelt sich: "Auf keinen Fall. Er ist auch viel zu klein für einen Handballer." – Kevin läuft rot an und schickt Lia einen wütenden Blick.

"Ihr seht also. Jeder ist glücklich mit seinem Spiel und will gar nicht, dass alle dasselbe toll finden. Aber Aladin hat gesagt, der Koran sei kein Spiel. Und da hat er bestimmt recht. – Was ist denn der Koran, Aladin?", wendet sich Fabienne an ihn. Er überlegt einen Augenblick. Dann sagt er: "Ein Buch. Ein schönes Buch." – "Gut. Und die Bibel ist auch ein Buch, nicht wahr Maria?" Diese nickt eifrig. "Ist es denn mit Büchern nicht ganz ähnlich wie mit Spielen? Jeder hat sein Lieblingsbuch und ist glücklich, wenn er darin liest? - Mia, was ist dein Lieblingsbuch? Mia muss nicht lange überlegen: "Die unendliche Geschichte!" Und plötzlich rufen die Kinder auch ohne gefragt zu werden die Titel ihrer Lieblingsbücher. Manche springen sogar auf, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. "Harry Potter!" – "Jim Knopf!" – "Räuber Hotzenplotz!" – "Die kleine Hexe!" – "Das Dschungelbuch!" – "Asterix und Obelix!" – "Die rote Zora!" – "Momo!"

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Beim Stichwort 'Momo' hebt Fabienne ihre Hand. Die Kinder setzen sich wieder. Sie holt ihre Jack Russell-Terrier-Dame aus dem Nebenraum von ihrem Plätzchen und lässt sie auf ihren Schoss springen. "Wie ihr wisst, heisst diese kleine Hundedame ebenfalls 'Momo', weil das Buch über Momo zu meinen Lieblingsgeschichten zählt. Und es freut mich, dass es offenbar auch bei Finia ganz oben auf der Liste steht. Genauso freut es mich, wenn jemand von euch meine kleine Hunde-Momo ähnlich liebhat wie ich sie liebhabe.

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Aber wäre es nicht etwas merkwürdig, wenn ihr alle auch dasselbe Lieblingsbuch hättet wie Finia? Und dasselbe Lieblingstier hättet wie ich?" Fabienne lässt die Frage eine Weile im Raum stehen und schaut in die Gesichter der Kinder. Die meisten scheinen ihr zuzustimmen. Aber Maria und Aladin sieht man an, dass sie nicht einverstanden sind.

"Aladin, siehst du das anders?", ermutigt ihn Fabienne. Er druckst etwas herum und sagt dann: "Papa sagt, man könne nicht Allah auswählen oder einen anderen Gott. Allah sei der einzige Gott aller Menschen. Also ist das doch nicht so wie beim Lieblingstier?" – Fabienne blickt zu Maria, die unruhig auf ihrem Stuhl hin und her rutscht und dann leise meint: "Mama sagt, dass unser Gott der einzige sei, und dass nur wir Getauften in den Himmel kommen." – Da platzt Liu in die Stille hinein: "Und bei uns zuhause sind alle überzeugt, dass es gar keine Götter gibt. Und über etwas zu streiten, was es gar nicht gibt, lohnt sich ja kaum, oder?"

Fabienne lächelt: "Seht ihr, es scheint eben doch ähnlich zu sein wie mit den Spielen und den Lieblingstieren. Aber es hat alles Platz nebeneinander, oder nicht?" – "Aber nur, wenn man sich deswegen nicht streitet!", ruft Nadja heftig. Fabienne besänftigt: "Doch, doch, man darf schon ein bisschen darüber streiten, welches Weihnachtsgeschenk das Tollste, welches Buch das Spannendste, welches Tier das Liebste sei und ob es Götter gebe oder nicht – solange man mit Worten streitet und nicht mit Waffen."

Nadja war noch nicht einverstanden: "Aber das Streiten lohnt sich doch gar nicht, wenn keiner gewinnen kann!"

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Da kommt Anja Fabienne zuhilfe: "Manchmal ist Streiten mit meinem Bruder lustig und ich probiere dann ein Spiel aus, das ich vorher doof fand. Und er hat auch schon einmal ein Buch gelesen von mir, das er vorher als 'Weibergeschichte' verspottet hat." Fabienne nimmt den Faden dankbar auf: "Danke Anja! Wenn man sich einmal damit abgefunden hat, dass ganz Vieles nebeneinander Platz hat, wird es doch spannend, die Welt der andern zu besuchen." – Lia grinst zu Kevin: "Genau: man kann ja dann nach dem missglückten Ausflug ins Handball blitzschnell zum geliebten Fussball zurückkehren!" Kevin ignoriert die Stichelei und erzählt: "Ja, mein Cousin lebt in den USA und spielt American Football. Er hat mir das ein bisschen gezeigt und es ist voll cool!"

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Nun riskiert Fabienne alles und sagt: "Genau so mache ich es auch mit den Religionen. Ich finde bei allen etwas Tolles und versuche es in mein Leben einzubauen. Vom Judentum die unzerstörbare Zuversicht, vom Islam die grossartige Gastfreundschaft, vom Christentum die Idee des Verzeihens, vom Buddhismus die Toleranz, vom Hinduismus die Idee, das ganze Universum sei nur eine Illusion und wir müssten nur den Schleier der Göttin Maya lüften, um dies zu entdecken. – All dies und noch viel mehr hat bei mir Platz und bereichert mich. Es ist für mich richtig, aber ich erwarte von niemandem, dass er das auch so erlebt." – Einen Augenblick lang herrscht völlige Stille. Fabienne sieht, dass Aladin und Maria verstört zu Boden blicken. "Aladin, du darfst völlig anderer Ansicht sein und darfst dies auch zum Ausdruck bringen. Ich habe die Wahrheit nicht gepachtet. Ich gebe euch nur einen Einblick in meine Welt und hoffe, dass ich auch ein wenig in eure reinschauen darf."

Aladin antwortet leise und mit gesenktem Kopf. "Ich darf nicht so denken wie du. Einfach so das herausnehmen, was mir gerade passt. Und in meinem Heimatland wird jeder bestraft, der solche Dinge sagt." – Fabienne lächelt ihn liebevoll an: "Ich verstehe deine Sorge. Aber hier dürfen wir beide ganz verschieden denken und reden und leben – und können trotzdem Freunde sein." – Aladin schüttelt traurig den Kopf "Nein, ich darf es nicht. Mein Vater sagt, dass der Islam siegen wird und es irgendwann keine Ungläubigen mehr geben wird."

Nun kommt Elias Fabienne zu Hilfe: "Dann sind also alle, die etwas anderes glauben als ihr, Ungläubige? Und die müssen alle weg?" – Aladin fühlt sich immer mehr in die Enge getrieben, schaut wütend auf und sagt: "Das sage nicht ich, das sagt mein Vater, und das sagt meine Religion, basta!" – Liu grinst: "Auch ein Vater kann sich mal irren. Meiner gibt es sogar zu, wenn ich mal etwas besser weiss als er." – "Aber Allah irrt sich nie!", zischt Aladin. – "Sagt wer?", will Liu wissen. – "Der Koran!", knurrt Aladin. "Und wer hat den geschrieben?", stichelt Liu weiter. "Allah hat ihn Mohammed diktiert!", kommt es blitzschnell zurück. – Jetzt meldet sich Leon, der bisher nur still zugehört hat: "Mohammed konnte weder lesen noch schreiben." – "Allah hat Mohammed den Koran ins Herz hinein geschrieben und der Engel Gabriel befahl ihm dann, dies zu verkünden", sagt Aladin und es klingt etwas auswendig gelernt. "Na gut, aber dass da kein Irrtum vorkommen soll, wenn man so ein dickes Buch auswendig hersagen soll, ist für mich nicht sehr überzeugend", sagt Liu kopfschüttelnd, "Irgendjemand sagt von sich selbst, dass er nie irrt. – Dann könnte ich das ja auch von mir behaupten?" – "Allah ist nicht irgendjemand!" gibt Aladin beleidigt zurück. "Da sind wir uns endlich einig. Für mich ist er auch nicht jemand, sondern niemand. Es hat ihn nämlich noch nie jemand gesehen", schliesst Liu.

Jetzt fasst Hamid den Mut, seinem Glaubensbruder zu Hilfe zu eilen. Er ist fast einen Kopf grösser als der kleine, chinesisch-stämmige Liu und sagt mit sanfter, aber eindringlicher Stimme: "Wenn es für dich nur das gibt, was du siehst, dann tust du mir leid. Dann gäbe es für Blinde gar keine Welt." – Fabienne ist begeistert: "Danke, Hamid, ein wunderbarer Einwand", und zu Liu gewandt "Liu, denk mal drüber nach. Hast du schon mal Liebe gesehen, oder Freundschaft, oder Begeisterung, oder Musik? Du siehst nur Wesen, die davon erfüllt sind. Nun akzeptier doch bitte, dass Menschen wie Aladin, Hamid oder Maria von ihrem Gott erfüllt sind, von etwas, was dich in deinem Leben bisher nicht berührt hat."

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Ray, der aus einer Musikerfamilie kommt, fügt schnell an: "Wenn du taubstumm bist oder völlig unmusikalisch, so heisst das auch nicht, dass es keine Musik gibt und keine Menschen, die sie glücklich macht!" – Liu gibt noch nicht auf: "Sehr glücklich sieht Aladin aber nicht aus mit seinem..." – Hamid fällt ihm ins Wort: ...weil du ihn nicht in Ruhe lässt!"

Fabienne hebt die Hand. "Liu, bitte respektiere, dass Aladin es anders sieht und fühlt. Man muss nicht alles, was man fühlt, begründen können. Ich kann dir auch nicht begründen, warum ich Momo so lieb habe. Aber ich akzeptiere, wenn andere meine Gefühle nicht teilen." – Liu ist immer noch im Kampfmodus. "Und wenn jetzt ein Chinese kommt, der gerne Hundefleisch hat und deine Momo essen will?" – "Guter Steilpass, lieber Liu, jetzt kommen wir zum entscheidenden Punkt: Bei uns dürfen wir unsere Gedanken und Gefühle frei äussern. Aber wir dürfen sie nicht andern aufzwingen. Deshalb darf mir der Chinese meine Momo nicht wegnehmen und essen." – "Und deshalb darf uns Aladins Vater zwar als Ungläubige bezeichnen, aber nicht umbringen", schliesst Emma. "Und Liu muss Aladin, Hamid und Maria ihren Glauben lassen, genau wie Kevin mir meine Freude am Handball lässt, oder nicht, Kevin?", lacht Lia und lockert damit die Stimmung wieder etwas.

"Danke Lia!", wirft Fabienne ein, "dann wollen wir schauen, wie weit wir gekommen sind mit dem heiklen Thema. Ihr dürft dann anschliessend protestieren, wenn ihr nicht einverstanden seid mit meiner Zusammenfassung. – Es gibt Gedanken, Gefühle, Meinungen, Überzeugungen, die sind für eine einzelne Person unumstösslich wahr und richtig und gut. Aber diese Person weiss, dass es nur für sie so ist und freut sich natürlich, wenn sie jemanden trifft, der ähnlich denkt, fühlt, ähnliche Meinungen und Überzeugungen hat. Dann gibt es Spiele mit Regeln, an die man sich halten muss, damit man überhaupt spielen kann. Wer beim Jassen plötzlich "Schach!" ruft, ist genauso im falschen Spiel wie Kevin mit seinem Traumfussballtor im Handball. Dann gibt es Modelle, die für ganze Gruppen oder sogar Nationen gelten. Bei uns fährt man auf der rechten Strassenseite, in vielen Ländern herrscht aber Linksverkehr. Das ist nicht falsch, nur anders. Und man lebt länger, wenn man sich informiert, bevor man in Kenia ins Auto sitzt. Dort fährt man nämlich – wer weiss es?" –Anja hebt die Hand: "Links! Mein Vater war dort und hat es erst gemerkt, als ihm jemand auf der falschen Seite entgegenkam. Also, er meinte zuerst, der andere fahre falsch, dabei war er selbst auf der falschen Seite." – Elias lacht: "Man muss auch wissen, wie schnell man in welchem Land fahren darf. Mein Onkel sauste mit seinem Benz nachts mit 200 durch Deutschland und hat es vor lauter Musikhören und Telefonieren zu spät gerafft, dass er irgendwann auf einer Schweizer Autobahn unterwegs war. Er ging dann drei Monate zu Fuss." – Sogar Aladin lacht. Fabienne nutzt den Moment und sagt: "Man muss auch wissen, dass man beim Besuch einer Kirche keinen Hund mitnehmen darf und vor dem Betreten einer Moschee die Schuhe ausziehen muss." – "Und dass man sich in der Pfadi die linke Hand gibt!", verrät Mia.

"Es hilft also, wenn man die Spielregeln kennt, wenn man weiss, was für Gesetze in einem Land gelten und was zur Kultur, zum Brauchtum gehört. Man muss sich auch immer wieder selbst prüfen, wie weit man sich anpassen kann und will. Ich würde jetzt nie mit meiner Momo in eine Gegend reisen, wo man Hunde isst." – "Aber ihr esst Kälber und Lämmer, das sind doch auch liebenswerte Tiere!", meldet sich Nadja, die aus einer streng veganen Familie kommt, vorwurfsvoll. – "Ja, das stimmt, es ist inkonsequent", gibt Fabienne zu, "es ist wieder etwas, das ich nicht begründen kann. Ich vermute, es liegt daran, dass ich mit Hunden aufgewachsen bin. Aber es ist nur meine ganz persönliche Wahrheit, die für niemand anderen gilt. Ich respektiere die Inder, denen die Kuh heilig ist."

"Aber es gibt doch wissenschaftliche Dinge, die für alle wahr sind?", wendet Finia ein, "Naturgesetze und so?" – "Dann sag mir eines!", kontert Leon, "mein Papa sagt, dass alles, was die Wissenschaft je herausgefunden hat, irgendwann korrigiert werden musste, und dass das wahrscheinlich auch weiterhin so laufe." Finia, deren Mama Mathematik und Physik unterrichtet an der Kantonsschule, gibt nicht so schnell auf "Die Lichtgeschwindigkeit ist absolut!", sagt meine Mama. Leon ist ein wenig ratlos, da greift Fabienne wieder ein: "Jetzt heben wir etwas ab, aber es ist spannend. Nur damit wir alle auf demselben Stand sind. Wisst ihr alle, was 'absolut' meint?"

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Finia streckt sofort auf: "Meine Mama hat mir das vor kurzem erklärt. Es heisst wörtlich 'losgelöst' und meint 'losgelöst vom Betrachter und den Umständen'. Also ein Naturgesetz wie die Gravitation, die überall auf der Erde wirkt. Ein Stein fällt nie hinauf, sondern immer hinunter, Wasser fliesst immer abwärts, unabhängig davon, ob jemand zuschaut." – Leon schüttelt den Kopf: "Quatsch. Im luftleeren Raum funktioniert sie nicht. Und auf dem kleinen Mond kannst du sechsmal höher hüpfen, weil die Gravitation viel geringer ist." – Liu hakt ein: "Mein Papa ist IT-Experte und arbeitet an einem Quantencomputer. Er hat mir gesagt, dass die Theorie der Gravitation und die Quantenphysik nicht zusammengehen. Also ist das kein Beispiel für etwas Absolutes!"

Fabienne staunt einmal mehr, was ihre Schüler so alles auf dem Kasten haben, und fasst zusammen: "Dann sagen wir es in der Möglichkeitsform: Etwas Absolutes wäre ein Naturgesetz oder eine Erkenntnis, die unabhängig vom Erkennenden immer und überall gültig ist. Und Finia behauptet, die Lichtgeschwindigkeit sei so etwas, also die Ausbreitungsgeschwindigkeit von Licht im Vakuum, im luftleeren Raum. Man könnte stundenlang darüber reden und wir machen das eines Tages, aber jetzt geht es nur darum, dass sie in der Physik eine gewisse Zeitlang als absolute, unveränderliche, ewig gültige und vor allem nicht überschreitbare Naturkonstante galt. Da sind aber in den letzten Jahrzehnten massive Zweifel aufgetaucht, was alle Fans von Science-fiction und Zeitreisen natürlich freut. In der Quantenphysik gibt es sogar Beispiele von Ereignissen, die nicht nur schneller, sondern gleichzeitig ablaufen. Schön daran finde ich, dass auch die Physiker ihre verschiedenen Theorien noch nicht unter einen Hut bringen, wie uns Liu ja gerade bestätigt hat, und dass die berühmte Weltformel, die das schafft, noch nicht gefunden ist. Es ist der alte Traum der Physik: das Universum in eine Formel gepackt. Ich wäre schon zufrieden, wenn wir eine einzige Formel hätten für das Zusammenleben der Menschen. Es gibt also noch etwas zu entdecken für euch!"

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Elias schaut sie völlig fasziniert an: "Weltformel klingt gut. Nach der werde ich forschen!" Emma lacht und sagt: "Zu spät, Elias, ich hab' sie schon gefunden!" – Nun ist auch Fabienne erstaunt und Elias wendet sich misstrauisch Emma zu: "Na dann raus mit der Sprache!" Emma verwirft theatralisch die Hände und deklamiert: "Wir haben sie doch heute gefunden! Die vorläufige Weltformel besteht darin, dass es keine gibt." – "Fauler Witz", knurrt Elias, "wenn sie nur vorläufig gilt, ist sie nicht absolut und damit auch keine Weltformel!" – "Aber die beste, die wir zur Zeit haben!", kontert Emma rasch. "Könnten wir nicht noch etwas vorsichtiger formulieren und sagen, dass bislang einfach kein Mensch sie gefunden hat? Dann könnte es offen bleiben, ob Elias oder sonst ein neuer Einstein sie doch noch eines Tages entdeckt", wirft Fabienne lächelnd ein. "Ob Weltformel oder nur gute Lebensregel ist nicht so wichtig", ergänzt Lia und streift dabei Maria und Aladin mit einem nachdenklichen Blick, "aber wenn wir alle nach dieser Regel leben würden, dass niemand die absolute Wahrheit für sich gepachtet hat, wäre es bedeutend lustiger und friedlicher auf unserem Planeten." – "Wir würden zwar weiterhin streiten, welches das tollste Spiel ist, aber ohne uns deswegen tot zu prügeln", sinniert Leon. "Wir würden uns einfach besuchen – und ab und zu etwas von andern übernehmen, wie du von deinem Ami-Cousin, Kevin!", meint Nadja. "Aber das tun wir doch längst! Wer klaut nicht mal Klamotten aus dem Schrank der Schwester!", grinst Mia, "das ist ein Blitzbesuch mit Übernahme von etwas Fremdem!" – "Solange das auf Gegenseitigkeit beruht und nicht in eine Schlägerei ausartet...", kichert Anja.

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Und dann geschieht etwas, was sogar die grössten Plaudertaschen kurzzeitig zum Verstummen bringt. Maria steht auf und sagt zu Aladin: "Ich weiss, dass ihr Weihnachten nicht feiert wie wir. Aber ich möchte dich zu uns einladen. Und vielleicht darf ich dich ja auch mal besuchen und du zeigst mir etwas." Aladin schaut sie zuerst fassungslos an. Doch dann sieht er Maria an, dass sie es ernst meint. Er nickt, murmelt etwas wie "ich werde meine Eltern fragen", dann etwas lauter "aber danke für die Einladung!", und da beginnen alle andern zu klatschen. Der Applaus schwillt an, den beiden ist es etwas peinlich, aber sie beginnen zu strahlen und werden dann von der Schulhausglocke erlöst.

Fabienne ist begeistert: "Ihr seid einfach Hammer, ich hab euch alle entsetzlich lieb – fast so lieb wie meine Momo! Ich wünsche euch schöne Weihnachten – oder was ihr auch immer feiert und anstellt über die Ferientage. Und nutzt die Gelegenheit für Besuche in anderen Welten." – "Und vergesst die Weltformel nicht!", tönt's von Emma, die damit wieder einmal das letzte Wort hat.
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Auf euer Feedback freut sich: info@marpa.ch; Christoph A. Meier-Marpa,
Sennhof 1, CH-8594 Güttingen, +41 79 430 57 67

 

 

Denk-Aufgaben von Christoph Meier-Marpa

 

Denk-Aufgaben 2020

20-01 Die Weltformel

 

Denk-Aufgaben 2019

19-13 Diskriminierungs-JägerInnen

19-12 Friendship with Nature

19-11 Abschied von der Generation Opfer

19-10A Trutztipps

19-10 An die Putin- & Greta-Bewunderer

19-09 KO-Tropfen für die Meinungsäusserungsfreiheit

19-08 Binarität

19-07 Rassismus

19-06 Angst macht dumm

19-05 Tod eines Gedenkenden

19-04 Tipps für Kühlschränke, Frauen und Restmänner

19-03 Mein Coming out

19-02 Bist du kultursensibel?

19-01 Rassist, Fundi oder beides?

 

Denk-Aufgaben 2018

18-12 Zeus und Gaialina

18-11 Gesellschaftsutopien

18-10 Kooperation

18-09 Aber es sind doch nur Menschen!

18-08 Selbstbestimmung

18-07 Kantonstierarzt Ulk

18-06 Opfer-Taeter

18-05 Der Marpa-IQ-Test

1-804 Untergang

18-03 Der Radfahrer

18-02 Joggerin und Wildsau

18-01 Katastrophitis

 

Denk-Aufgaben 2017

17-13 Feliz Navidad

17-12 Samichlaus

17-11 Bist du auch traumatisiert?

17-10 Taking Risk vs Taking Care

17-09 Gretchenfragen

17-08 Dein Kampf

17-07 ...und führe uns nicht in Versuchung...

17-06 13 Tipps für Männer

17-05 Thesen-Anschlag

17-04 Helvetien - eine Gesellschaft von Softies?

17-03 marpa-philosophy

17-02 Software

17-01 Eigentherapie

 

Denk-Aufgaben 2016

16-06 Transition

16-05 Globalisierung

16-04 Opti und Pessi

16-03 Endlich Opfer!

16-02 Echt?

16-01 Angst und Vorsicht

 

Denk-Aufgaben 2015

15-06 Glaube nichts

15-05 Erfinde Dein Kollektiv

15-04 Selbstvergewisserung

15-03 Housi Moser: "Zum Wohl"

15-02 Religiöse Gefühle

15-01 Murmur

 

Denk-Aufgaben 2014

14-05 Linkes Denken - ein Grundlagenirrtum

14-04 Die Verwechslung von 'Wahrheit' und 'Aufrichtigkeit'

14-03 Die 11 Marpa-Gebote

14-02 Gleichheit

14-01 Geschlossene, offene oder semipermeable Beziehungen?

 

Denk-Aufgaben 2013

13-08 Die Hausmaus Mauro

13-07 Unterscheidbarkeit und Sinuskurve

13-06 Die Crux mit dem Primat der Naturwissenschaften

13-05 Unterdrückung des Denkens

13-04 Machtmissbrauch

13-03 Identität

13-02 Beamtenträume

13-01 Der Osterhasen-Sprung

 

Denk-Aufgaben 2012

12-07 Olympische Tricks

12-06 Whistleblowing

12-05 Staat und Wissenschaft - die Götter der Neuzeit

12-04 Ehrenamtlichkeit

12-03 Heiterkeit

12-02 Promethea

12-01 Erleuchtung zum Schnaeppchenpreis

 

Denk-Aufgaben 2011

11-04 Wenn Glück weh tut

11-03 Therapiespiel: Meine Lieblings-A-Loecher

11-02 Demokratie und Mündigkeit

11-01 Exclusive Adventure

 

Denk-Aufgaben 2010

10-12 Merlins Freundin

10-11 Der Spaziergang

10-10 Roswitha das Wiesel

10-09 Endlösung

10-08 Liebe, Lust und Ehe

10-07 Freude an der Gewalt

10-06 Dialog

10-05 Dekadenz als Chance

10-04 Erziehung - ein fundamentalistisches Konzept?

10-03 Betrugsberater

10-02 Prostitution

10-01 Glauben oder Wissen?

1000 Projekte

 

Denk-Aufgaben 2009

9-12 Vom Christentum und anderen Mythen

9-11 Sarah

9-10 Anerkennung

9-09 Sicherheit und Freiheit

9-08 Achtsamkeit

9-07 Der ewige Wandel im Jetzt

9-06 E-V-E

9-05 Mogelpackung

9-04 Wohlfahrtsstaat

9-03 Ungehorsam

9-02 Soihundswaetter

9/01 Bastelnachmittag

 

Denk-Aufgaben 2008

8-15 Housi Moser: Jage

8-14 Und sie bewegt sich doch...

8-13 Dümmste Sätze II

8-12 Weglassen

8-11 Die Legende vom wilden Baum

8-10 Reisen

8-09 Der Trauma-Trend

8-08 Lob der Dummheit

8-07 Was denkt ein Bär?

8-06 Sicherheit - um welchen Preis?

8-05 Schöpfung - Ent-Schöpfung

8-04 Freundestreue

8-03 Fundament A List

8-02 Weltenretter Rilf

8-01 Marpa-Aphorismen

 

Denk-Aufgaben 2007

7-13 Flynn und Emma

7-12 "Mach etwas aus deinem Hass!"

7-11 Schule als Spiegel der Gemeinschaft

7-10 Housi Moser: Teiche

7-09 Versöhnungsversuch Schöpfung/Entschöpfung

7-08 Freund oder Feind?

7-07 Housi Moser: Liebi

7-06 Dilemmakompetenz

7-05 Frau und Macht

7-04 Fallender Schnee

7-03 Der Trick mit dem Einverstandensein

7-02 Die Welt als Selbst-Bedienungsladen

7-01 Housi Moser: Talänt

 

Denk-Aufgaben 2006

6-12 Das Perpetuum Mobile

6-11 Wie hast Du's mit dem Glück?

6-10 Absolutheitsansprüche

6-09 Housi Moser: "Im Anfang war das Wort"

6-08 Gesucht: die folgenschwersten Sätze des Abendlandes

6-07 Housi Moser: Abschied

6-06 Religionen - Angst-Narkotikum oder Angst-Überwindungsmodelle?

6-05 Weiter Denken

6-04 Wenn Liebe trennt

6-03 Demenz

6-02 Ambivalenz von Wissen und Können

6-01 Housi Moser: Boue

 

Denk-Aufgaben 2005

5-12 Das Weihnachtslagerfeuer

5-11 Rotkäppchens Coming-out

5-10 Housi Moser: Froue

5-09 Geburt

5-08 Sprache und Selbstreflexion - for humans only?

5-07 Quelle statt Causa

5-06 Lieben heisst, die Welt durch die Augen des andern zu sehen

5-05 Kunst und Jetzt

5-04 Schönheit?

5-03 Lust auf ein Umstürzchen?

5-02 Wahrheit auf Berndeutsch

5-01 Elefantenblau

 

Denk-Aufgaben 2004:

4-12 Alternative Wahrheitsmodelle

4-11 Das Zuwendungspronomen MEIN

4-10 Gibt es ein Leben nach der Geburt?

4-09 Gefahr und Klarheit

4-08 Gibt es Gott?

4-07 Kausalität und Wirklichkeit

4-06 WEIL

4-05 Lust auf Intimität?

4-04 Modell-Theorie

4-03 Objektivität

4-02 Humor

4-01 Gwunderfitzli

 

Denk-Aufgaben 2003:

3-13 Staunen

3-12 Weltverbesserungsfalle

3-11 Arbeit

3-10 Housi Moser: Für e Momänt

3-09 Autonomie

3-08 Ich befürchte, dass...

3-07 Das Königskuchenmodell

3-06 Die neue Triathlon-Formel: Körper-Seele-Geist

3-05 Richtig leben mit Wunibald

3-04 Jenseits von Gier und Schmerz

3-03 Der Trick mit dem Glück

3-02 Achtsam managen

3-01 Religio

Denk-Aufgaben 2002

2-06 Form und Inhalt

2-05 Konfliktkultur

2-04 Ganzheitliche Bildung

2-03 "Das Beste im Leben sind die Katastrophen"

2-02 Herzöffner zum Du

2-01 "...denn der Mensch ist nur ein Märchen"

 

Denk-Aufgaben 2001

1-04 Die Weisheit des Ostens

1-03 Angst und Liebe

1-02 Nichts ist nur richtig - nichts nur falsch

1-01 "Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis"

 

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